18.02.2008

AUSTRALIENGute Worte statt Geld

Es war ein bewegender historischer Moment, als Premierminister Kevin Rudd, Chef der Labor-Regierung, vergangenen Mittwoch endlich offiziell das Bedauern der Nation für alles Unrecht aussprach, das den Aborigines, den Ureinwohnern, im Verlauf von zwei Jahrhunderten widerfahren ist. Ergriffene Bürger verfolgten die Ansprache in den sommerheißen Metropolen auf Freiluft-Videowänden; im Parlament von Canberra spendeten die Anwesenden stehend Applaus; manche tupften sich Tränen ab. Rudds Akt war überfällig. Wie wilde Tiere sind die Aborigines lange Zeit behandelt worden. Man erschoss sie, man vergiftete sie, man nahm ihr Land. Ihre Kinder, insgesamt an die 100 000, wurden den Familien entrissen und von Weißen erzogen, was den Begriff "Gestohlene Generation" prägte. Nicht zuletzt wurden die Uraustralier aus den rohstoffreichen Gebieten im Outback verdrängt, denn der Uran- und Eisenerzabbau hatte stets Vorrang vor ihren Belangen. Die bis November 2007 regierenden Konservativen unter John Howard verweigerten hartnäckig eine förmliche Entschuldigung, aus Angst vor Schadensersatzforderungen. Rudd ging nun zwar das magische Wort "sorry" gleich mehrfach über die Lippen, aber an Kompensationszahlungen denkt er ebenso ungern wie sein Vorgänger. In Einzelfällen könnten ja weiterhin die Gerichte entscheiden.
Kritiker glauben, dass Labor vor allem der Nation die Schuldgefühle nehmen will, am besten zum Nulltarif. Womöglich werde der Kurs von John Howard, der wenig Rücksicht auf die indigene Bevölkerung nahm, sogar beibehalten. Die große Mehrheit der rund 460 000 Aborigines vegetiert auf Dritte-Welt-Niveau. Ihre Lebenserwartung liegt 17 Jahre unter der von weißen Australiern; Alkoholismus und Arbeitslosigkeit grassieren. Entschädigungen oder bessere medizinische Versorgung bleiben deshalb auf ihrer Agenda.

DER SPIEGEL 8/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUSTRALIEN:
Gute Worte statt Geld

  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"
  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger