18.02.2008

KUBADas letzte Gefecht

Am Sonntag entscheidet sich das Schicksal Fidel Castros: Der schwerkranke Comandante steht im 50. Jahr der Revolution noch einmal zur Wahl als Staatschef. Das Volk probt derweil, öffentlichen Treueschwüren zum Trotz, schon fürs Leben ohne den Langzeitherrscher. Von Walter Mayr
Der Mann, der Kuba in die Zukunft führen soll, hat seinen Grabstein schon beschriften lassen. Auf einem tonnenschweren, mannshohen Findling unter den Gipfeln der Sierra Cristal prangt goldbronzen der Name "Raúl".
Rosen- und Bougainvillea-Sträucher säumen den Weg zur letzten Ruhestätte auf dem Heldenfriedhof im Dorf Segundo Frente. Roter Teppich ist ausgerollt, vom Band läuft Trauermusik in Endlosschleife.
Vereinzelt nähern sich Besucher und mustern ungläubig die vier Generalssterne, die bereits am Grabmal angeschraubt sind, sowie den Orden für den "Kommandanten der Revolution".
Was noch fehlt, ist das Sterbedatum unter dem Namen und die Klärung einer Kleinigkeit: "Im Inneren des Steins", sagt die freundliche Dame von der Friedhofsverwaltung, sei neben der Urne der unlängst verschiedenen Gattin "Platz freigehalten für Raúls Asche. Aber ob Einäscherung oder nicht, das bleibt natürlich ihm überlassen".
Raúl Castro, der Mann, der da für alle Fälle hat vorsorgen lassen, ist amtierender Staatschef Kubas.
Seit gut anderthalb Jahren vertritt er, inzwischen selbst schon 76, den erkrankten, fünf Jahre älteren Bruder Fidel an der Spitze der Sozialistischen Republik. Am Sonntag soll die neugewählte Nationalversammlung beschließen, wie es mit den beiden weitergeht. Ob die Amtsgeschäfte offiziell an Raúl übertragen werden oder ob, auch im 50. Jahr seit der Revolution, Fidel das Heft in der Hand behält.
Raúls Grabstein am Fuß der Sierra Cristal, dort, wo er 1958 die Zweite Front befehligte im siegreichen Kampf gegen die Truppen des Diktators Fulgencio Batista, ist eines der kurioseren Ausstellungsstücke im Freilichtmuseum der kubanischen Revolution. Landauf, landab wird das Andenken an die Guerillakrieger aus den fünfziger Jahren beschworen. Dabei leben die meisten Feldherren von damals noch. Sie kämpfen, inzwischen von der Staatsspitze aus, ihr letztes Gefecht - neugierig verfolgt von Touristen.
"Sie sehen hier die Wiege der Revolution", sagt der Historiker Antonio López im Dorf Birán und zeigt dabei auf ein Gestell aus cremefarben lackiertem Eisen, 70 Zentimeter lang, 45 Zentimeter breit. Das Babybett von Fidel Castro zählt zu den Sehenswürdigkeiten der unter Johannisbrotbäumen geduckten Finca Las Mañacas, wo das Geburtshaus des Revolutionsführers steht und seit einigen Jahren besichtigt werden darf.
Auch ein Bett, in dem Fidel und sein Bruder Raúl gemeinsam genächtigt haben sollen, ist unter den Reliquien. Besuchern, die sich in Jeeps über Staubpisten zum Geburtsort der Castros karren lassen, wird das neuerdings so erklärt: "Fidel und Raúl sind historische Persönlichkeiten."
Die zentrale Rolle des öffentlichkeitsscheuen Verteidigungsministers Raúl ist durch seinen Vormarsch an die Staatsspitze nur sichtbarer geworden. Als sein Bruder nach der Revolution noch von einem kubanischen Sonderweg träumte, knüpfte Raúl bereits Kontakte nach Moskau. Als in den Neunzigern aus Moskau keine Hilfe
mehr kam und Kuba Hungerrevolten drohten, setzte Raúl die Wiederzulassung von Bauernmärkten durch. Bis heute garantieren die seiner Armee angegliederten Tourismusbetriebe lebenswichtige Deviseneinnahmen.
Der charismatische, dabei nicht selten irrlichternde Visionär Fidel und der kühle Pragmatiker Raúl ergänzen sich. Wie Raumschiff und Bodenstation.
Noch bezweifeln viele, die hinter vorgehaltener Hand Raúls sanfte Reformen loben, dass der von schweren Operationen geschwächte Fidel bereits am Sonntag freiwillig das Feld räumt. Vor allem Kubas politische Führungsreserve bleibt sicherheitshalber in Deckung: "Ich kann schon jetzt sagen, dass ich Fidel wählen werde", sprach der Favorit für die Nach-Castro-Ära, Vizepräsident Carlos Lage. "Ich werde für Fidel stimmen, jeden Tag, mit beiden Händen", schwor Ricardo Alarcón, Präsident der Nationalversammlung.
Seit dem Rückzug des Staats- und Parteichefs von der politischen Bühne am 31. Juli 2006 ist Kubas Staatswesen quasi ins künstliche Koma versetzt: Alle lebenswichtigen Organe funktionieren, schmerzhafte Eingriffe aber unterbleiben bis auf weiteres. Weil die Krankheitsursache nicht behoben werden konnte.
Fidel ist noch da.
Mit mäandernden Essays zur Weltlage, Audienzen für befreundete Staatschefs und Attacken auf George W. Bush zeigte er zuletzt wieder Flagge im Amt. 48 Jahre amerikanischen Handelsembargos hat er überlebt und - den Noch-Amtsinhaber eingerechnet - zehn US-Präsidenten, dazu den Zusammenbruch der Schutzmacht Sowjetunion und an die 30 Attentatsversuche. Das Volk, zwangsverpflichtet zur Teilnahme an Fidels karibischem Laborversuch, schwankt zwischen anhaltender Bewunderung und stiller Verzweiflung.
Die staunenswerte Gelassenheit, mit der die Kubaner den Zumutungen trotzen, die ihnen ihr Führer im Dienst höherer Wahrheit verordnet, zeigt sich auch in den Gassen El Cobres. Die Gemeinde westlich von Santiago de Cuba erlebt am Morgen des 20. Januar 2008 die wohl letzte Bewerbung des Kandidaten Fidel Castro Ruz um ein Mandat in der Volksvertretung.
El Cobre ist ein mythischer Ort für den Máximo Líder: Die Wallfahrtskirche, deren Türme den Ort überragen wie Ausrufezeichen, birgt das Nationalheiligtum Kubas - eine Statue der Barmherzigen Jungfrau von Cobre. Im Speisesaal des Priesterseminars hat Castro 1958 die letzten Schritte zum Sieg über den Diktator Batista geplant. Im Kirchenvorraum hing unter Votivtafeln die Fürbitte seiner Mutter, ihr Sohn möge heil aus dem Guerillakampf in den Bergen heimkehren.
Noch auf der Triumphfahrt Richtung Havanna, ein M2-Gewehr über der Schulter, trug Fidel um den Hals das Abbild der Jungfrau Maria. Eine traurige Erinnerung, sagt die Ordensschwester, die jetzt unter dem Torbogen vor dem Priesterseminar sitzt und einst eigenhändig Muttergottesmedaillons an die Front gebracht hat. Im Kampf gegen die Armut habe sie sich den Rebellen verbunden geglaubt. Zum Dank dürfe sie nun in einem Land der Entmündigten leben: "Die Kubaner haben ihren Stolz verloren."
El Cobre ist, nach fast 50 Jahren Castro-Herrschaft, ein verschlafenes Nest mit schummrigen, fliegendurchschwirrten Bodegas, in denen Verkäuferinnen aus Blechscheffeln die staatlich garantierten Mengen an Reis, Bohnen und Erbsen in die Einkaufstüten der Bürger kippen. Und wo Veteranen des Guerillakriegs bei sinkender Sonne sich und ihre Proviantflaschen mit gepanschtem Rum abfüllen, den sie "Zugfunken" nennen.
Am Wahltag stehen sie schon morgens um sieben geduldig Schlange, um zu den Klängen der Nationalhymne ihre Stimme abzugeben. Es soll dabei, so viel ist sichtbar, feierlich zugehen, wiewohl der kranke Kandidat Castro sich nicht sehen lässt. "Votó" - "hat gewählt" -, rufen nach jedem abgegebenen Stimmzettel Mädchen in Pionieruniform und salutieren dazu. Als es Abend wird in El Cobre, hat Fidel 98,3 Prozent Jastimmen geerntet.
Eine davon kommt von der Sängerin Yalena García Angulo. Sie hat Tollkirschenaugen, Haut wie schwarzbraune Seide und das Leben noch vor sich. Als sie zur Welt
kam, war Fidel schon seit mehr als drei Jahrzehnten an der Macht. Sie kennt und sie will keinen anderen an der Spitze des Staats, sagt Yalena: "Ich werde ihn wählen, solange er lebt."
Mit Minirock und breitkrempigem Hut, als Femme fatale unter sieben Männern, steht sie samstags nachts in der Bar Casa de las Tradiciónes von Santiago de Cuba hinterm Mikro der Band Bisset Son. Sie singt, lässt die Hüften kreisen und hofft darauf, entdeckt zu werden - aus Santiago ist Yalena nie herausgekommen. Sie spricht von Italien, lebt vom Geld ihrer Mutter und sagt, dass, bei allem Respekt vor Fidel, das Volk die Geduld zu verlieren drohe: "Die meisten aus meiner Generation würden ausreisen, wenn man sie ließe."
Santiago de Cuba ist das Herz des rebellischen Ostens der Insel. Hier hat Fidel am 1. Januar 1959 den Sieg der Aufständischen mit den Worten verkündet: "Hart und lang war der Weg, aber wir sind hier. Dieses Mal wird die Revolution nicht scheitern." Für viele aber, die heute in Santiago leben, klingen die Versprechen von damals wie Hohn. 16 Euro beträgt der Durchschnittslohn im Monat, Vergünstigungen durch Bezugsscheine und kostenlose Sozialleistungen nicht eingerechnet.
Hundert Gramm Reis und ein Brötchen pro Tag stehen jedem Kubaner verbilligt zu, je zehn Gramm Fisch und Bohnen, acht Gramm Sojahack. Ein Pfund Huhn und 0,5 Liter Speiseöl gibt es pro Monat. Was für kubanische Pesos nicht vorrätig ist, haben Händler für konvertible Pesos - im Wert dem Dollar entsprechend - auf Lager. Wer also von geflüchteten Verwandten in Florida unterstützt wird oder als Kellner Devisen-Trinkgelder einstreicht, lebt besser als ein Chirurg im staatlichen Sold.
Dass an Kubas Krise nicht nur das vielbeklagte US-Embargo schuld ist, hat in seltener Offenheit schon Raúl Castro angemerkt - und laut beklagt, dass auf den Feldern vor allem Unkraut gedeihe, weil Bauern vom Staat nicht pünktlich bezahlt würden, dass Milch sinnlos durch die Gegend transportiert und Energie verschwendet werde. Unerwähnt blieb, dass die Zuckerrohrinsel Kuba inzwischen sogar Zucker importiert, weil auf Fidels Wunsch die Hälfte der Raffinerien geschlossen wurden - der dramatisch gesunkenen Erträge auf dem Weltmarkt wegen.
Raúl habe Hoffnung auf Wandel geweckt, nun müssten Ergebnisse folgen, sagt Maria Antonia Pujol auf der schattigen Terrasse ihrer Kolonialstil-Finca El Alcázar. Die resolute Lady ist die einzige offiziell geduldete Großkapitalistin des Landes. Eingerahmt von gut 600 Hektar Grund und ein paar Dutzend Arbeitern, die ihr bei der Zucht weißer Zeburinder und landesweit gerühmter Rassehengste zur Hand gehen, erklärt sie Besuchern auf Wunsch die kubanische Welt.
Selbst Regierungsmitglieder suchen bei ihr bisweilen Rat, denn Maria Antonia kennt die Castros seit Kindheitstagen. In den Fünfzigern, so wird erzählt, hat sie beim Untergrundkampf der Rebellen Fäden gezogen - ihr, und nur ihr, hat Fidel danach sämtliche Ländereien belassen.
Dass sie weiter als Orakel von El Alcázar und Kubas letzte Großgrundbesitzerin am Fuß der Sierra Maestra sitzen kann, verdankt sie einem wesentlichen Charakterzug von Kubas Comandante en Jefe: Fidel, sagt Maria Antonia, sei dem Wesen nach "Zauderer", Raúl hingegen ein Mann klarer Entschlüsse. Letzteres könne das Land dringend gebrauchen.
Raúl Castros Visitenkarte seit fast 50 Jahren sind die Revolutionären Streitkräfte. Zur Militärparade angetreten an diesem Morgen sind Offiziere und Rekruten sämtlicher Waffengattungen auf dem Revolutionsplatz von Camagüey. Ein karges Sortiment aus Mi-17-Hubschraubern, Panzern und Artilleriegeschützen im Rücken, mühen sie sich erkennbar um Haltung.
"Es lebe die KP Kubas", brüllt der Einpeitscher von der Tribüne: "Sie lebe", brüllen die Truppen.
"Viva Fidel." - "Viva."
"Viva Raúl." - "Viva."
"Wir werden siegen." - "Wir werden siegen."
Wie schwaches, fernes Donnern klingen die Sprechchöre vom Appellplatz herüber ins Herz der Altstadt. Hinter den geöffneten Fenstern des Erzbischöflichen Palais aber ist es still. Im Salon liegt die neueste Ausgabe der Parteizeitung "Granma", und der Erzbischof empfängt mit einem schlichten silbernen Brustkreuz als einzigem Ausweis der Amtswürde.
Camagüey, sechs Autostunden östlich Havannas, ist die Stadt der Kirchen. Die katholischste, die "weißeste" Stadt Kubas wird sie genannt. Großgrundbesitzer und Bourgeoisie gaben hier früher den Ton an, Bürgerstolz und Volksglaube in Camagüey wurzeln tief. Beim Kampf gegen die spanischen Kolonialherren stand man hier an vorderster Front, wie später verbreitet auch gegen Castro. Freiheit wollten sie in Camagüey. Nicht Kommunismus.
"An eine atheistische Revolution hatte ja damals keiner gedacht", sagt Juan García Rodriguez, der Erzbischof. Als Vorsitzender der Bischofskonferenz ist er die Stimme von etwa vier Millionen katholischen Kubanern unter sozialistischer Aufsicht. Seine Worte wählt er mit der Sorgfalt eines Glasermeisters, der bei der Arbeit mögliche Scherben schon mitdenkt.
Rodriguez war verantwortlich für den Hirtenbrief aus dem August 2006. "Wir Bischöfe von Kuba", hieß es da, "bitten alle unsere Gemeinden zu beten, dass Gott den Präsidenten Fidel Castro in seiner schweren Krankheit begleitet." Geholfen hat das "Signal zur Versöhnung" wenig. "Wir bekommen keine Erlaubnis, neue Kirchen zu bauen, haben kaum Zugang zu Massenmedien und nur äußerst beschränkt zu Häftlingen", sagt der Erzbischof.
Seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Camagüey 1998 ist die zwischenzeitlich ums Zehnfache gestiegene Zahl an Täuflingen und Erstkommunikanten wieder dramatisch gesunken. Am 20. Februar wird der vatikanische Chefdiplomat Kardinal Tarcisio Bertone in Havanna erwartet - er will der Abstimmung über die Zukunft Fidels beiwohnen. Die Erwartungen von Kubas Kirche begrenzt Erzbischof
Rodriguez: "Wir hoffen, dass die Zukunft nicht der Gegenwart gleicht."
Wer will, kann auch in den Gassen von Camagüey Aufbruchstimmung finden und Lob für Raúl dieser Tage; die meisten aber sprechen von Stillstand als Erbe Fidels: Menschen wie der Alt-Guerillero aus guter Familie, der nicht Kommunist werden wollte, dafür in den Knast kam und heute selbstgestopfte Kopfkissen verkauft; oder wie der Maler, der mit stillem Stolz in seiner unscheinbaren Galerie am Rand der Altstadt sitzt und auf Touristen wartet - bevor Neo Rauch Weltstar wurde, haben sie gemeinsam in Ost-Berlin ausgestellt.
Es sind Gesichter aus der kubanischen Provinz, die davon erzählen, wie mürbe das Volk ist und wie stark der Wunsch nach Wandel. Bei vielen aber, Älteren vor allem, sitzt ebenso tief die Furcht vor den Folgen einer Rückkehr zum Kapitalismus - als karibischer Stützpunkt der US-Amerikaner für Casinos, Bordelle und Plantagenland diente Kuba bereits bis 1958.
Die Nachrichten, die derzeit über die Bucht von Miami nach Havanna schallen, verheißen nichts Gutes: Im "tropischen Gulag" Kuba, so nennt das US-Präsident George W. Bush, müsse sich so gut wie alles ändern. Mit dem Wechsel von Fidel zu Raúl hätten die Kubaner nur "einen Diktator gegen den anderen ausgetauscht".
Selten war der Ton zwischen den Regierungen unversöhnlicher als in den vergangenen sieben Jahren. Die Sanktionen gegen Unternehmen und Banken im Kuba-Geschäft, aber auch gegen US-Touristen, die über Drittländer auf die Insel reisen, wurden verschärft. "Wäre Bush den umgekehrten Weg gegangen, das Castro-Regime könnte längst Geschichte sein", sagen Beobachter in Havanna. Weil es kein tödlicheres Gegengift zum Sozialismus gebe als freien Zustrom von Waren, Devisen und Touristen.
Derzeit liegt die EU vorn beim Handel mit Kuba. Venezuela liefert Öl im Wert von einer Milliarde Dollar pro Jahr. Die Chinesen importieren Nickel, Brasiliens Staatskonzern hat Öl-Probebohrungen vor Kubas Küste angekündigt, und die Golf-Emirate wollen eine Viertelmilliarde Dollar für einen neuen Container-Terminal aufwenden. Investoren für Yacht-Marinas, Hotels und Golfplätze werden weiter gesucht.
Bonanza also vor der Südküste Floridas, ohne die USA? Eile sei unnütz, heißt es in einer Studie des US-Geheimdienstkoordinators von Anfang Februar, die in bewährter Tonart bereits weit über den Tag hinaus weist: "Zumindest in den ersten Monaten nach Fidel Castros Tod", weissagt das nordamerikanische Kundschafterkonzil, werde die Situation stabil und Kubas Elite treu zu Raúl Castro bleiben.
"Fidel könnte noch einen letzten goldenen Pinselstrich wagen und mit seiner Unterschrift das Ende von 50 Jahren Ein-Parteien-Herrschaft besiegeln", sagt vor der glitzernden Lichterkette der Altstadt Havannas Eloy Gutiérrez Menoyo. Er ist der unerschrockenste Kritiker Fidels und der wunderlichste Dissident Kubas.
Wiewohl halb blind nach Misshandlung in Haft, wirkt Menoyo geistig und körperlich ungebrochen. Geboren 1934 in Madrid und später nach Kuba ausgewandert, war er Kommandeur der Nationalen Front im Guerillakrieg - der Truppen, die unabhängig von Fidel, Raúl und Che Guevara für ein anderes Kuba kämpften, die als Erste in Havanna einmarschierten, am Neujahrstag 1959, und für kurze Zeit Herren der Hauptstadt waren.
Bis Che kam, der seinen Befehlsstand auf der Festung La Cabaña errichten ließ, und die Massenerschießungen von Offizieren des gestürzten Regimes begannen. Bis Raúl und Fidel kamen, die Menoyo einen Platz in ihrer Revolutionsregierung anboten. Doch da der bereits ahnte, wohin die Reise im Castro-Kuba gehen sollte, floh er übers Meer nach Florida.
Was folgte, klingt wie der Amoklauf eines Gesinnungstäters: heimliche Rückkehr nach Kuba 1964 mit dem Plan, Castros Sozialisten-Regime zu stürzen; Verhaftung, persönlicher Besuch Fidels in der Zelle, Prozess; Todesstrafe, verkürzt zu 30 Jahren Haft; Entlassung nach 22 Jahren Gefängnis und Ausreise aus Kuba.
1995 erhält Menoyo eine Einladung nach Havanna, für ein Gespräch mit Fidel. Drei Stunden lang reden die alten Waffenbrüder unter vier Augen. Nicht um Vergangenes, um Haft und nächtliche Erschießungen vor den Zellentrakten gehe es ihm, lässt Menoyo gleich zu Beginn den Máximo Líder wissen: "Ich will mit dir über das Kuba der Zukunft sprechen. Unser Ziel war es damals nicht, eine Diktatur vorzubereiten."
Fidel lauscht und macht danach unbeirrt weiter. Menoyo aber beschließt, noch einmal neu anzufangen. Seit fünf Jahren lebt er wieder in Havanna, in einer Wohnung am Stadtrand mit Fidel-Porträt im Hausflur. Ein totgeschwiegener Held des Guerillakriegs, der manchmal, wenn ihn der Teufel reitet, zurück auf die Festung geht, wo er vis-à-vis von Ches Kommandantur einsaß, oder in die Altstadt, wo jetzt die Bettler sind, die in Fidels Sicht auf das sozialistische Kuba nicht vorkommen.
Hier, unter frisch restaurierten oder von Salpeter zerfressenen Kolonialstil-Fassaden im Herzen Havannas, hat das marode Regime eine Art sozialistische Sonderwirtschaftszone errichtet. Auf engstem Raum zusammengedrängt, treffen Kubas Vergangenheit und Zukunft aufeinander.
Zwischen Ruinen und aufgeputzten Bürgerpalästen steht das Volk in Gassen und halbdunklen Hauseingängen noch immer Kulisse für großes Theater: frühreife Mulattinnen auf ihren Laufstegen aus Kopfsteinpflaster, magere Greisinnen, schemenhaft hinter vergitterten Fenstern, und unter ihren Augen die Pioniere des Kleingewerbes - Verkäufer von Speckhälften, Wildhonig in Tüten, Salsa in Raubkopie.
Daneben, und auch dazwischen, gibt es Touristen. Sie werden mit Shrimps vom Grill und Meterbier am Alten Platz bewirtet, tanzen nach einem Teller Garnelen Wiener Walzer im Dachrestaurant des Hotels Sevilla oder lassen sich im Hostal Los Frailes von Angestellten umsorgen, die ihren Dienst in lehmfarbenen Franziskanerkutten verrichten. Über das ganze farbenfrohe Spektakel gebietet der Stadthistoriker von Havanna, der mit den erwirtschafteten Geldern die Rettung der Altbausubstanz und Sozialprojekte zu finanzieren versucht. Es ist der mutige, rührende, höchstwahrscheinlich aber vergebliche Versuch, das wankende sozialistische Gerüst mit finanzieller Hilfe des Klassenfeinds im Lot zu halten.
Havannas Jugendliche verfolgen das Touristentreiben aus sicherer Distanz. Sie treffen sich zum Trinken, Trommeln und Küssen dort, wo es billiger ist: am Malecón, dem Sehnsuchtsort der Rastlosen. Das Gesicht der Uferpromenade, den Rücken Miami und dem Meer zugewandt, lässig und doch wie auf dem Sprung, belagern sie bis spätnachts die Kaimauer.
Eine kilometerlange Menschenkette, an der Außengrenze von Fidels Reich.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 8/2008
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