18.02.2008

LAUTPOESIEWer spricht die Ursonate?

Die Dadaisten waren auf ihre kühne und unbekümmerte Art in fast allen Künsten aktiv: als Dichter, als Maler, mit ihrer Lautpoesie gewissermaßen auch als Musiker. Die Bilder und Collagen von Kurt Schwitters (1887 bis 1948) hängen heute in internationalen Museen, und seine lautmalerische Ursonate, die er zwischen 1922 und 1932 schrieb, gilt längst als Prototyp aller von Sinn und Inhalt befreiten "konkreten Poesie", ob sie nun von den Autoren der Wiener Gruppe oder von Ernst Jandl ("schtzgrmm") stammt. Gemeinsam ist all diesen entfesselten lyrischen Sprachexperimenten, dass sie besser gehört als gelesen werden: Die gedruckten Texte sind wie Partituren, die erst im mündlichen Vortrag ganz zur Geltung kommen.
Nur folgerichtig ist es also, wenn ein Hörbuch die zeitgenössischen und späteren Tondokumente zusammenträgt, die Gedichte und Texte von Schwitters zu Gehör bringt: gesprochen, geschrien und geflüstert vom Autor selbst, von dessen Sohn Ernst oder Interpreten wie Gerhard Rühm, Jaap Blonk und der Gruppe Die Schwindlinge.
Die CD "Urwerk" (im MP3-Format bei Zweitausendeins, Herausgeber: Robert Galitz, Kurt Kreiler und Klaus Gabbert) bietet 73 zum Teil erstaunliche Hörbeispiele, Laufzeit insgesamt mehr als vier Stunden. Erstmals ist es auch gelungen, eine zerbrochene alte Schallplatte technisch so aufzuarbeiten, dass nun die früheste bekannte Aufnahme einer Vorstufe der Ursonate aus dem Jahr 1925 zu hören ist: neben einer kurzen Radiofassung der "Sonate mit Urlauten" (1932) die einzige gesicherte Originallesung des Autors. Denn seit Jahren gibt es Zweifel daran, ob eine 1993 bei Wergo publizierte Gesamteinspielung der Ursonate tatsächlich, wie behauptet, von Kurt Schwitters stammt.
Diese Zweifel wurden jetzt bestärkt. Ein bei der Universität Trier in Auftrag gegebenes Gutachten hält es für sehr wahrscheinlich, dass diese Aufnahme in Wahrheit vom Sohn Ernst Schwitters (1918 bis 1996) stammt, der das Lautgedicht seines Vaters 1958 vollständig aufgenommen und publiziert hat. Mehr noch: die 1993 publizierte Einspielung scheint eine technisch verfremdete Fassung dieser Aufnahme zu sein. Warum der Sohn 1992 behauptete, hier sei eindeutig die Stimme seines Vaters zu hören, bleibt ein Rätsel. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, schrieb er über seinen Vater: "Er ,lebt' weiter - in mir." Ob er die eigene Aufnahme nach mehreren Jahren nicht mehr wiedererkannte oder einfach an die Echtheit glauben wollte, wird sich nicht mehr klären lassen. Aber die Firma Wergo steht nun vor der Frage, ob sie ihre 40-minütige CD weiterhin als "Performance by Kurt Schwitters" verkaufen will. Vorerst zögert man die Entscheidung hinaus. "Selbstverständlich haben wir die Information, es handele sich hier möglicherweise nicht um die Stimme von Kurt Schwitters, ernst genommen", heißt es gegenüber dem SPIEGEL. Man prüfe die Situation "mit der gebotenen Sorgfalt".

DER SPIEGEL 8/2008
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