25.02.2008

GROSSBRITANNIENWühltisch der Verdächtigungen

Als Ergebnis eines Mordkomplotts wollte Kaufhauskönig Mohammed Al-Fayed den Tod von Diana entlarven. Vor Gericht erlebt er nun ein Debakel.
Normalerweise trägt Mohammed Al-Fayed bei seinen großen Auftritten gern abscheuliche Hemden in grellen Farben. Menschen, die sich darüber wundern, pflegt der ägyptische Multimillionär dann stets mit der Antwort zu erheitern: "Gibt's bei Harrods. Wenn du eins brauchst, gebe ich dir 50 Prozent Rabatt."
Von Geschenken und Sonderangeboten war keine Rede mehr, als Al-Fayed vergangene Woche vor dem Londoner High Court erschien. Der Zeitpunkt der Abrechnung war da. Über zehn Jahre - seit jenem 31. August 1997, an dem sein Sohn Dodi zusammen mit Diana, der Princess of Wales, im Tunnel unter der Place d'Alma in Paris ums Leben kam - hatte Al-Fayed auf diesen Tag gewartet. "Das ist mein Moment", sagte er, und seine Augen blitzten vor Ergriffenheit. Dann legte er die Hand aufs Herz - wie ein Hütchenspieler, der beteuert, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Und als er drin war im Gericht, sagte er: "Es war eine Schlachtung, kein Mord."
An dem Verschwörungsgemälde, das Al-Fayed in den darauffolgenden fünf Stunden dem High Court präsentierte, hat er seit jener tragischen Nacht im Sommer 1997 gearbeitet.
Er hat mehrere Millionen Pfund in Detektive und Nachforschungen investiert, er hat in Frankreich, England und Amerika prozessiert. Niederlagen, wie jene vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vergangenes Jahr, so scheint es, haben seinen Zorn nur noch steigern können. Dort hatte man seine Klage gegen die französische Justiz zurückgewiesen mit einer Begründung, die an Eindeutigkeit kaum zu überbieten war. "Nichts", so hieß es, lasse den Schluss zu, "dass die Ermittlungen nicht sorgfältig genug geführt worden sind".
Nun also der letzte Akt im Drama eines Unbelehrbaren. Dass er überhaupt zur Aufführung kommt, im Londoner High Court, Saal 73, hat mit der Besonderheit der britischen Justiz zu tun. Jeder Inselbewohner, der auf unnatürliche Weise ums Leben kommt, hat das Recht auf eine Untersuchung der Todesumstände - oder besser gesagt: seine Hinterbliebenen. Normalerweise ist die Angelegenheit in ein paar Tagen erledigt. Da aber im Fall Diana inzwischen allein die Protokolle der vorangegangenen Untersuchungen fast 8000 Seiten umfassen und die Zahl der gehörten Zeugen im mittleren dreistelligen Bereich liegt, hat das Gericht sechs Monate veranschlagt. Bisherige Kosten für den britischen Steuerzahler: 2,5 Millionen Pfund.
Dumm nur für Al-Fayed, dass sich auf dieser großen Bühne ausgerechnet jene zwei Männer als Totalausfälle präsentierten, die er für die wichtigsten Stützen in seinem Verschwörungsmärchen hielt.
John Macnamara, der den stolzen Titel "Sicherheitschef von Harrods" führte, musste zugeben, nach dem Unfall in Paris erst einmal gelogen zu haben. Er verschwieg eine Rechnung aus dem Ritz, wonach Henry Paul - der Chauffeur des Unglücksfahrzeugs - vor Antritt der Fahrt zwei Anisschnäpse trank. Macnamara aber hatte immer wieder erzählt, der Chauffeur habe lediglich Ananassaft intus gehabt.
Auch seinen damals "festen Glauben", Diana sei von Dodi schwanger gewesen und die beiden hätten geplant zu heiraten, nahm Macnamara vor dem High Court zurück. Kleinlaut gab er zu, keine Beweise dafür zu haben.
Ebenso kläglich wirkte der frühere Scotland-Yard-Mann, als ihn Richter Scott Baker fragte, ob er sich inzwischen bei Dianas Bodyguard Trevor Rees-Jones entschuldigt habe. Der war beim Unfall im Tunnel schwer verletzt worden; Macnamara aber hatte ihn bezichtigt, ein Komplize gewesen zu sein. Mit dürren Worten erwiderte der Sicherheitschef, Rees-Jones seither nicht mehr gesehen zu haben.
Die Blamage der Al-Fayedschen Verschwörungsspezialisten vervollständigte Richard Tomlinson - jener Mann, von dem der Kaufhauskönig vor ein paar Jahren behauptet hatte: "Gott hat ihn gesandt."
Tomlinson, ein ehemaliger MI6-Agent, der nach seiner unehrenhaften Entlassung sechs Monate im Hochsicherheitsgefängnis von Belmarsh einsaß, hatte Al-Fayed nach
dem Unfall von Paris überhaupt erst auf die Idee mit dem Mordkomplott gebracht. Er schrieb ihm einen Brief, in dem von einem Plan die Rede war, der dem Pariser Tunnelcrash ähnelte. Aufgeschnappt hatte er ihn angeblich beim Auslandsgeheimdienst MI6. Der habe, behauptete er, Anfang der neunziger Jahre nach Wegen gesucht, um den damaligen serbischen Diktator Milosevic zu liquidieren: mit Hilfe eines Blitzlichts, in einem Tunnel und mit einem Chauffeur, der daraufhin die Orientierung verliert.
Als ihm nun vorgehalten wurde, es habe niemals einen solchen Plan im Zusammenhang mit Diana gegeben - vielmehr sei er selbst wohl nur sauer gewesen wegen seines Rausschmisses beim MI6, beschränkte sich der Gehilfe Al-Fayeds auf ein lakonisches Grunzen. Weitere Nachfragen brachten nichts, da Tomlinson sich plötzlich nicht mehr erinnern konnte.
Es lag wohl auch am Versagen seiner Vorderleute, dass Al-Fayed selbst im Zeugenstand die Contenance verlor. Er rasselte ein Potpourri wilder Behauptungen herunter - konsistent nur darin, streng jenseits der Vernunftgrenze beheimatet zu sein. Der Kaufhauskönig beließ es nicht dabei, Prinz Philip als Anführer des Mordkomplotts von Paris zu bezichtigen. Er beschimpfte ihn auch als "Nazi" und "Rassisten" aus dem Hause "Frankenstein". Als der Richter darauf hinwies, dies sei falsch - der Gemahl der Königin stamme aus dem Geschlecht derer von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg -, war Al-Fayed dies nur ein Schulterzucken wert: "Klingt doch wie Frankenstein."
Die Wirklichkeit, so scheint es, ist im Kopfe Al-Fayeds längst ein störendes Element. Zu den Teilnehmern des Mordkomplotts zählt er nicht nur die "Oberhandlanger" Tony Blair und dessen einstigen Außenminister Robin Cook, sondern gleich vier Geheimdienste, die französischen Krankenwagenfahrer, die Pathologen, Dianas Anwälte und sogar deren Schwester: ein Wühltisch der Verdächtigungen.
Lange vor der Tragödie von Paris hatte Mohammed Al-Fayed einmal auf die Frage geantwortet, warum er das Kaufhaus Harrods erworben habe: "Damit ich oben sitzen und auf sie pissen kann, wenn sie unten vorbeilaufen." Er meinte damit vor allem das britische Establishment, das dem Multimillionär stets das Privileg vorenthielt, dazuzugehören. Eine Heirat Dianas mit seinem Sohn Dodi hätte all dies geändert. Hätte. Bis heute hat ihm das Land noch nicht einmal die britische Staatsbürgerschaft gewährt.
Es ist auch diese Schmach, für die er die Briten heute bezahlen lässt - mit ihren Steuergeldern, ihrer Zeit und einem Gerichtsverfahren, von dem spätestens seit seinem kabarettreifen Auftritt viele Inselbewohner sagen, dass es ein "Zirkus" sei. Einer, den man abbrechen sollte - lieber heute als morgen. THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 9/2008
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