25.02.2008

FILMEWas vom Töten übrig blieb

In ihrer großartigen Adaption des Romans „No Country for Old Men“ von Cormac McCarthy entwerfen die Brüder Joel und Ethan Coen ein düsteres Leinwandfresko der Gewalt.
Reglos sitzt der Killer im Sessel und sieht die junge Frau an, die um ihr Leben bangt. Soll er sie töten? Er wirft eine Münze, betrachtet sie kurz auf seinem Handrücken und blickt dann wieder zu der Frau. Im nächsten Bild tritt er aus dem Haus auf die Veranda und schaut sich um. Hat er sie nun getötet oder am Leben gelassen? Da lehnt er sich an einen Pfosten und überprüft die Sohlen seiner Stiefel. Er kann es nicht ausstehen, wenn Blut an ihnen kleben bleibt. Der Mann heißt Anton Chigurh und legt bei jedem Blutbad, das er anrichtet, größten Wert auf Reinlichkeit.
Als er einen Mann erschießt, der unter der Dusche steht, zieht er vorher den Vorhang zu. Als er selbst getroffen wird und sich die Kugel herausoperiert, kleidet er sein Hotelzimmer mit einer Plane aus. Und als sich eine Blutlache langsam seinen Stiefelspitzen nähert, legt er einfach die Füße hoch. Ein Saubermann, in dem sich eine Naturgewalt des Bösen verbirgt.
Chigurh ist einer der furchterregendsten Mörder, die zuletzt auf der Leinwand zu sehen waren, und der wahre Held von "No Country for Old Men", dem vielfach gefeierten und für acht Oscars nominierten Meisterwerk der Brüder Joel und Ethan Coen. Chigurh, gespielt von dem Spanier Javier Bardem, ist die treibende destruktive Kraft in einem grandios düsteren Epos über die Weiten des amerikanischen Südwestens und die Abgründe der menschlichen Seele.
Der Film spielt im Texas des Jahres 1980. Der Vietnam-Veteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) stößt mitten in der Wüste auf ein Schlachtfeld: Männerleichen, von Maschinenpistolen durchsiebte Autos, paketeweise Heroin und ein Koffer mit zwei Millionen Dollar. Moss nimmt ihn an sich und wird bald darauf von dem Killer Chigurh verfolgt, der das Geld für die Männer, denen es gehört, wieder auftreiben soll. Sheriff Ed Bell (Tommy Lee Jones) fühlt sich in seinem kleinen, ruhigen County bald wie in einem Kriegsgebiet.
"No Country for Old Men" beruht auf dem gleichnamigen, vor drei Jahren erschienenen Roman von Cormac McCarthy. Mehrfach haben sich die Coen-Brüder im Verlauf ihrer Karriere an den Werken von Schriftstellern orientiert, von Dashiell Hammetts "Rote Ernte" bei "Miller's Crossing" (1990) bis zu Homers "Odyssee" bei "O Brother, Where Art Thou?" (2000). Doch nun haben sie zum ersten Mal ein Stück Literatur getreu adaptiert.
In McCarthy fanden die Coens, die ihre Drehbücher bisher immer selbst schrieben, den perfekten Autor. Der 1933 in Rhode Island geborene Schriftsteller, der in seinem ganzen Leben nur drei Interviews gegeben haben soll, war in den siebziger Jahren nach El Paso gezogen, um die amerikanisch-mexikanische Grenze in mehreren Romanen als "Breitengrad des Blutes" zu beschreiben, als eine Gegend, in der sich Gewalt mit archaischer Wucht austobt.
In "No Country for Old Men" erzählt McCarthy davon, wie eine neue Form der Kriminalität über das Grenzland hereinbricht, wie sich Anfang der achtziger Jahre Drogenhändler auf den Straßen texanischer Kleinstädte mit Maschinenpistolen massakrieren. Wenn wir sie alle zur Strecke bringen, lässt McCarthy im Roman einmal seinen Sheriff sagen, dann braucht die Hölle einen Anbau.
In der fast grotesken Nüchternheit, mit der McCarthy die Gemetzel beschreibt, und mit seinem schwarzen Humor fanden die Coens ihren eigenen Stil wieder. "Wenn ich nicht zurückkomme, sag Mutter, dass ich sie liebe", trägt McCarthys trauriger Held Moss seiner Frau auf, bevor er nachts in die Wüste geht. "Deine Mutter ist tot", erwidert die Frau. "Dann grüß ich sie selbst", gibt er zurück.
Dieser aberwitzige Dialog wirkt wie ein fernes Echo aus dem Debütfilm der Coens, "Blood Simple" (1984). "Wenn ich ihn treffe, werde ich's ihm sagen", stößt da ein im Sterben liegender Detektiv mit letzter Kraft hervor, als eine Frau ihm eine Nachricht für einen Toten anvertraut. Schon in "Blood Simple" hatten die Coens Texas als eine gesetzlose und gefährliche moderne Wildnis beschrieben; nun kehren sie mit McCarthy dorthin zurück.
Wie "Blood Simple" beginnt auch "No Country for Old Men" mit Landschaftsaufnahmen, während ein Mann aus dem Off spricht. Diesmal ist es Tommy Lee Jones, und wenn Texas sprechen könnte, dann spräche es wie er. Er sei Sheriff, sagt Jones, wie schon sein Großvater. Vor Jahren habe er mal einen Mörder in die Todeszelle gebracht, der hatte die eigene Freundin ermordet. Nicht aus Leidenschaft. Nein, er habe nur einfach seit langem davon geträumt, jemanden zu töten.
Es dauert etwa 20 Minuten, bis dieser Sheriff zum ersten Mal zu sehen ist, und bis dahin gibt es schon ein Dutzend Tote. Nein, vom Gesetz ist in diesem Film keine Hilfe zu erwarten, nicht mal dann, wenn es von Tommy Lee Jones verkörpert wird. Mit wachsender Resignation fährt, reitet und stapft Bell von Tatort zu Tatort, stets kann er nur Leichen zählen und Geschosse auflesen. Er kann die Gewalt nicht verhindern, sondern nur reflektieren.
In einer Szene betritt Bell einen Wohnwagen, den Chigurh kurz zuvor verlassen hat. Die Flasche Milch, die der Killer aus dem Kühlschrank nahm und auf den Tisch stellte, ist noch beschlagen. Bell setzt sich auf das Sofa, trinkt aus der Flasche und sieht sein Spiegelbild verzerrt in der Mattscheibe eines Fernsehers. "Ich sehe, was er gesehen hat", sagt er. Und doch wird er diesen Mann niemals begreifen.
Denn Chigurh erscheint wie ein brutaler Erlöser, halb menschlich, halb göttlich, ganz und gar tödlich. "Er legte seine Hand auf den Kopf des Mannes wie ein Wunderheiler", schreibt McCarthy und lässt Chigurh seinem Opfer gleich im nächsten Satz mit einem Bolzenschussgerät ein Loch in die Stirn jagen. Die Coens und ihr beklemmend minimalistischer Darsteller Bardem stilisieren Chigurh zur Inkarnation grund- und grenzenloser Gewalt.
So laden sie die Szenen mit einer Spannung auf, die stets zu explodieren droht. Als Chigurh in einem Tankstellenshop mit dem Besitzer redet und aus einer Tüte Cashewkerne isst, inszenieren die Coens diesen Wortwechsel so einfach wie möglich: Schuss, Gegenschuss. Doch sie meinen es wörtlich: Jeder Schuss kann tödlich sein. Dann legt Chigurh die leere Tüte auf den Tresen, und als sich das Zellophan knisternd entfaltet, glaubt man, noch nie ein bedrohlicheres Geräusch gehört zu haben.
"No Country for Old Men" ist ein Film über die Stille vor dem Schuss und über die Jagd. Als Moss im Film zum ersten Mal zu sehen ist, legt er mit einem Gewehr auf Antilopen an. Doch mit dieser Einstellung locken die Coens den Zuschauer gleich zu Beginn auf eine falsche Fährte. Denn Moss ist in dieser Geschichte nicht der Jäger, sondern die Beute. Er wird von Chigurh gehetzt, flüchtet, versteckt sich, wird aufgespürt, angeschossen, schleppt sich waidwund durch die Gegend.
Moss ist eines jener schlichten Gemüter, denen die Coens in ihren Filmen schon immer gern beim Scheitern zusahen. Wie der Detektiv in "Blood Simple", der den Safe seines Auftraggebers ausräumt, der Gebrauchtwagenhändler in "Fargo" (1996), der seine Frau entführen lässt, oder der Friseur in "The Man Who Wasn't There" (2001), der einen Kaufhausbesitzer erpressen will, träumen sie vom schnellen, großen Geld und fallen am Ende doch nur ihrer eigenen Gier zum Opfer.
In "No Country for Old Men" kann der Zuschauer mitverfolgen, wie Bauernschläue nach und nach zersetzt wird und der anfangs pfiffige Moss immer unsinniger handelt. Während er sich für den Koffer mit dem Geld zunächst höchst raffinierte Verstecke ausdenkt, wirft er ihn irgendwann in schierer Panik von einer Brücke ins Ufergestrüpp des Rio Grande. Angst essen Ratio auf.
Es gibt keinen Ort der Sicherheit in diesem Film. In einer der stärksten Sequenzen will sich Moss vor einem monströsen Kampfhund in die Fluten des Rio Grande retten. Doch der Hund tut nicht, was Hunde in vielen anderen Filmen stets getan haben, er bleibt nicht am Ufer stehen und bellt. Sondern er springt in die Fluten, schwimmt hinter Moss her und holt rasend schnell Meter um Meter auf.
Am Ende ist genug Blut geflossen, um das Wasser des Rio Grande rot zu färben. Und doch ist die Erinnerung an den ersten Toten des Films noch sehr lebendig, an einen Hilfssheriff, der von Chigurh erdrosselt wurde. Das verzweifelte Strampeln des Opfers mit seinen Stiefeln hat auf dem hellen Boden zahllose schwarze Kratzspuren hinterlassen: ein unvergessliches Inbild für das, was vom Töten übrig blieb.
LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 9/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILME:
Was vom Töten übrig blieb

  • Greta Thunberg trifft Barack Obama: "Fist Bumping" mit dem Ex-Präsidenten
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock
  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"