25.02.2008

Süß und gefällig

Nahaufnahme: Der spanische Regisseur Rafael Alvero stellt in Madrid eine singende und tanzende Anne Frank auf die Musicalbühne.
Bomben explodieren, Maschinengewehrsalven rattern aus allen Lautsprechern. Das Publikum duckt sich in die kuscheligen roten Plüschsessel des Jugendstiltheaters "Calderón", das jetzt zu Ehren des Sponsors "Teätro Häagen-Dazs" heißt. Graue Schatten wabern auf den übereinandergetürmten Videobildschirmen am Bühnenrand. Da redet eine martialische Stimme Kauderwelsch, das mit "Heil Hitler" endet.
Und schon geht der transparente Vorhang hoch. Ein Mann mit einem Buch im karierten Einband tritt in das aufgeschnittene Puppenhaus, wo sich eine Familie um einen Geburtstagskuchen versammelt hat. Davor drängelt sich allerhand Volk, Frauen in bunten Kleidern der dreißiger Jahre, einige mit auffallenden Hüten, viele mit imposanten blonden Perücken. Sie fassen sich an den Händen, tanzen Ringelreihen und singen "Happy Birthday" auf Spanisch. Ein hochaufgeschossenes Mädchen mit hellen Korkenzieherlocken bekommt das Buch überreicht.
Alsbald gleitet eine Frau im knallroten, tief ausgeschnittenen Abendkleid aus der Kulisse. Sie ist die Kitty, Anne Franks imaginäre Freundin, an die das Tagebuch gerichtet ist. Gleich fangen sie an zu tanzen.
So klamaukig, mit viel musikalischem Schmalz aus Violinen, Akkordeon und Klarinette untermalt, startet jetzt in Madrid eines der heikelsten Unternehmen, die sich eine Bühne vornehmen kann: "El diario de Ana Frank", das Tagebuch der Anne Frank als Musical, inszeniert mit dem Untertitel "Ein Gesang an das Leben". Eine Weltpremiere, 22 Songs in zwei Akten und auf 27 Szenen verteilt.
Über 30 Millionen Menschen haben die in 60 Sprachen übersetzten Aufzeichnungen gelesen, die Annelies Marie Frank, geboren in Frankfurt am Main, zwischen Juli 1942 und August 1944 niederschrieb. Mit seinen Eltern, seiner Schwester und vier Bekannten musste sich das jüdische Mädchen in einem Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 263 vor den Nazis versteckt halten. Drei Tage nach dem letzten Eintrag wurden die acht entdeckt und deportiert. Seit Vater Otto Frank, einziger Überlebender, das von holländischen Helfern gerettete Tagebuch 1947 veröffentlichte, haben Generationen von Lesern, gerade auch Jugendliche, sich in den bangen Alltag der Untergetauchten eingefühlt.
Diese Wirkung will jedoch der spanische Produzent und Regisseur Rafael Alvero noch überbieten: "Für mich ist die Musik das Mittel, das am besten Gefühle ausdrückt." Nur so könne man heute noch die Jugend in aller Welt für die Vergangenheit interessieren. Und Anne Franks Geschichte schien ihm der Stoff, aus dem "tragische Opern" gemacht sind.
Seit Alvero mit seinem Sohn vor mehr als zehn Jahren die engen Kammern des Amsterdamer Hinterhauses besichtigt hat, fühlt er sich, wie er beteuert, "so solidarisch, so bewegt". Den Mut des Mädchens, "seine Fröhlichkeit in widriger Umgebung", bewundere er. Da habe er seinen Beitrag leisten müssen. Er gab keine Ruhe, bis er sein Holocaust-Musicalspektakel auf die Madrider Bühne gebracht hatte.
In Basel bemühte sich der Spanier beim Anne-Frank-Fonds um die Rechte. Der einzige lebende Angehörige, Buddy Elias, 82, lehnte ab: "Ich finde es grauenhaft, was da aus dem Schicksal meiner Cousine und ihrer Familie gemacht wird." Mit einem unterhaltsamen Gesangsabend werde man Anne Frank nicht gerecht. "Ich habe größte Angst vor Kitsch." Doch verbieten konnte Elias das Musical nicht. Denn das Libretto kommt ohne wörtliche Zitate aus.
Die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam dagegen konnte Regisseur Alvero mit der Verheißung zum Mittun bewegen, ein spanisches Musical werde das Drama des jüdischen Mädchens aus Holland bis zu den Kindern Lateinamerikas tragen. Für die Rolle der Anne hat er per Internet die gebürtige Kubanerin Isabella Castillo gecastet.
Bei der Generalprobe in Madrid am vergangenen Donnerstag bestätigten sich die Befürchtungen des in der Schweiz lebenden Vetters. Noch nie ist Nazi-Grauen so süßlich präsentiert worden, mit Blüten und Schleifen, Schäferhunden, blutroten Hakenkreuzbannern und der untergetauchten Jüdin Auguste van Pels als vollbusigem, blondlockigem Vamp.
Isabella Castillo, 13, singt naiv, "warum sind Menschen so grausam zu Menschen". Sie trällert im rot-lila Scheinwerferlicht verklärt über "mein liebes Radio der Hoffnung". Beim Duett mit ihrem Schwarm Peter, gespielt von einer blonden Belcanto-Hoffnung namens Paris, werden die Zuschauer mit einer zuckerigen Kuss-Szene gerührt.
Die Hauptdarstellerin steht zum ersten Mal auf der Bühne. "Das Tagebuch der Ana Frank bedeutet praktisch alles für mich", bekennt Isabella Castillo. Sie habe Gemeinsamkeiten entdeckt, denn ihre Mutter, die Sängerin Delia Díaz de Villegas, nutzte vor Jahren ein Gastspiel in Belize, um mit ihrer Tochter aus Fidel Castros Diktatur nach Miami zu entschlüpfen. Da habe man sich auch verstecken müssen. Für die Interpretation der Anne Frank habe sie "diese Erfahrung" genutzt.
Die Banalisierung des erschütternden Schicksals der weltberühmten Tagebuchschreiberin hat beim spanischen Publikum vergangene Woche weder Betroffenheit noch Rührung ausgelöst. Nach den gefühligsten Nummern, etwa bei Annes Vermächtnis "Wenn Gott mir das Leben schenkt, werde ich es weit bringen", gab es Ovationen für die Sänger.
Geweint hat niemand, einige lachten Tränen, so manche blieben nach der Pause lieber beim Eis im Foyer. HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 9/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Süß und gefällig

Video 02:25

Reaktion auf Trumps Angriffe "Er will gar nicht mehr Präsident sein"

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Reaktion auf Trumps Angriffe: Er will gar nicht mehr Präsident sein" Video 02:25
    Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"