03.03.2008

„Die DDR-Prägung hält an“

Der Theologe Richard Schröder über die Kindsmord-Thesen Wolfgang Böhmers, das materialistische Menschenbild im Sozialismus und Abtreibungen im Idealstaat des Philosophen Platon
Schröder, 64, lehrt Theologie und Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Er war SPD-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer der DDR und später Abgeordneter des Deutschen Bundestags.
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SPIEGEL: Herr Schröder, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat vergangene Woche für Entsetzen gesorgt, als er die Serie von Kindstötungen in Ostdeutschland mit einer DDR-Mentalität erklärte: Da in der DDR seit 1972 eine Abtreibung in den ersten drei Monaten ohne weitere Angabe von Gründen möglich war, hätte sich dort eine "leichtfertigere Einstellung zu werdendem Leben" entwickelt, die bis heute nachwirke. Sie sind einer der wenigen, die Böhmer verteidigen. Warum?
Schröder: Ich habe mit ihm über dieses Thema vor einiger Zeit gesprochen. Seine Erfahrungen als Gynäkologe in der DDR bedrücken ihn nach wie vor sehr. Er hat mir damals von dem Fall einer Mutter erzählt, die ihm gesagt habe: "Ich habe einen Ferienplatz bekommen, deshalb kann ich diese Schwangerschaft jetzt nicht gebrauchen."
Ein Ferienplatz! Da wird doch jeder zustimmen, dass sich darin mangelnder Respekt vor dem ungeborenen Leben ausdrückt.
SPIEGEL: Sicherlich hätte man in der Bundesrepublik eine Frau mit ähnlicher Auffassung finden können.
Schröder: Als Einzelfall vielleicht. Aber in der DDR hatte das System. Sie müssen bedenken, dass 1972 in der DDR die Erleichterung des Schwangerschaftsabbruchs ohne jede öffentliche Diskussion beschlossen worden ist. Und die hohen Abtreibungszahlen wurden zwar penibel erfasst, aber nicht veröffentlicht. Der Staat hatte kein Interesse an dieser Diskussion.
SPIEGEL: Weshalb nicht?
Schröder: Weil er Menschen als Material und Abtreibung als ein Instrument betrachtet hat. Als ein Mittel für die höhere Verfügbarkeit von Arbeitskräften - oder auch von Spitzensportlerinnen. Man wollte Arbeits- oder Leistungsausfall vermeiden. Und so wurde Schwangeren bei Bedarf gesagt: "Sie müssen doch an die gesellschaftlichen Interessen denken. Stellen Sie nicht Ihre privaten Interessen an einem Kind in den Vordergrund."
SPIEGEL: Lässt sich daraus wirklich eine kollektive DDR-Mentalität ableiten?
Schröder: Der Staat hat die Abtreibung als Instrument vorgegeben. Privat haben viele das dann nachgemacht: Wenn es nicht passte, wurde es eben weggemacht. Und weil darüber nicht geredet wurde, hält diese Prägung bis heute an. Mit dieser Feststellung hat Herr Böhmer sicher recht.
SPIEGEL: Es scheint aber doch äußerst fragwürdig, von einer liberalen Abtreibungsregelung auf eine höhere Bereitschaft zur Kindstötung zu schließen.
Schröder: Dass Abtreibungen in der DDR leichtfertiger durchgeführt wurden, damit hat Böhmer recht. Dass diese Leichtfertigkeit bis heute nachwirkt, könnte auch stimmen. Dass aber Kindstötung ein Mittel
zur Familienplanung gewesen sei, ist schlicht falsch. Auf Abtreibungen mag das zutreffen. Auf Kindstötung nicht. Davon rückt ja auch Herr Böhmer inzwischen ab.
SPIEGEL: Auch in anderen Gesellschaftsformen sind Kinder instrumentell betrachtet worden: als Stammhalter in feudalen Gesellschaften, Erben in bürgerlichen Gesellschaften oder als Soldaten. Die Instrumentalisierung des Menschen für den Staat ist ja nichts spezifisch Sozialistisches.
Schröder: Dass Funktionäre sich ins generative Verhalten direkt einmischen, ist in der westlichen Tradition nicht üblich. In der Antike war man da unbekümmert. Bei Platon und Aristoteles steht: Wenn Bevölkerungsmangel herrscht, soll man die Abtreibung verbieten; wächst das Volk zu stark, soll man sie erlauben. In Sachen Abtreibung sind die alten Griechen sehr flexibel gewesen.
SPIEGEL: Der Schwangerschaftsabbruch war ein Instrument in Platons Idealstaat?
Schröder: Bei Aristoteles steht es genauso. Neben der Abtreibung im Bedarfsfall gab es bei den Griechen auch das Recht zur Aussetzung. Das heißt, der Vater musste nach der Geburt noch einmal entscheiden, ob das Kind überhaupt weiterleben sollte. Die Aussetzung Neugeborener - aus welchen Gründen auch immer, vielleicht weil ein Orakel es bestimmt hat - war etwas sehr Typisches für die Antike. Erst der Einfluss von Christen auf die Gesetzgebung, nach der Herrschaft Konstantins, hat zum Verbot der Kindesaussetzung geführt.
SPIEGEL: Das bedeutet, der Respekt für Un- und Neugeborene ist historisch erst langsam gewachsen?
Schröder: Ja. Sie können sogar bei Aristoteles eine gewissermaßen patriarchalische Version von "Mein Bauch gehört mir" lesen: Das Kind sei ein Teil des Vaters,
schreibt Aristoteles. Der pflegliche Umgang mit dem Kind wird lediglich damit begründet, dass ja niemand sich selbst gern schadet. Schließlich braucht man die Kinder ja noch - für den Fortbestand des Namens oder als Arbeitskraft. Vor allem, weil es in der Antike keine Rente gab.
SPIEGEL: Wann kam es zu der Emotionalisierung des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind, wie wir sie heute kennen?
Schröder: Dass jedes Kind einen Eigenwert darstellt, entstammt der christlichen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Gottesverhältnis hat und insofern die Kinder als Geschenk zu betrachten sind. Das begrenzt die Verfügungsgewalt der Eltern.
SPIEGEL: Unser heutiges Verhältnis zu Kindern verdanken wir dem Christentum?
Schröder: Na ja. Die Entdeckung der Kindheit gehört in die Romantik. Aber die antike Kirche hat das Verbot des Aussetzens von Kindern betrieben und Heime für Findelkinder eingerichtet. Auch die Abtreibung ist schon in sehr frühen christlichen Texten als Sünde verstanden worden.
SPIEGEL: Finden Sie als Theologe die Abtreibung generell inakzeptabel?
Schröder: Ich bin ja evangelischer Theologe. Ich finde jede Abtreibung bedauerlich. Es gibt jedoch Konfliktsituationen, in denen ich eine Abtreibung für vertretbar halte. Denn wir wissen aus anderen Ländern, dass ein Abtreibungsverbot zu Abtreibungstourismus führt und der wiederum zur Kurpfuscherei. Oder dazu, dass ein Kind ein Leben lang gesagt bekommt: Ich habe dich eigentlich gar nicht gewollt.
SPIEGEL: Viele Frauen hielten das Abtreibungsrecht der DDR für modern.
Schröder: Unter der Voraussetzung, dass keine Frau leichtfertig abtreibt, ist das natürlich eine schöne Regelung. Aber sie ist auch weltfremd.
SPIEGEL: Wie kam es, dass ein restriktiver Staat wie die DDR ein so freizügiges Abtreibungsrecht hatte?
Schröder: Der Ursprung ist sicher der Gedanke an die traditionelle Proletarierfamilie. Für die stellt es ein soziales Problem dar, wenn die Proletarierfrau von einer Kinderzahl überwältigt wird, die sie nicht mehr ernähren kann. Das war aber 1972 bereits anachronistisch. Es gab ja die Pille. Neben diesem geschichtlichen Argument ging es der DDR-Führung um die freie Disponibilität ihrer Bürger. Sie sollten verfügbar sein und nicht durch ein Kind von dem abgehalten werden, was sie möglicherweise für den Sozialismus tun können.
SPIEGEL: Die jungen Mütter von heute waren zur Zeit der Wende Kleinkinder. Können die vom DDR-Staat überhaupt noch so geprägt sein, wie Sie das unterstellen?
Schröder: Mit grundlegenden ethischen Orientierungen ist es doch wie mit der Sprache. Die übernehmen Sie aus Ihrer Umgebung. Es ist ein Scheinargument zu behaupten, aus der DDR stammende Haltungen würden keine Rolle mehr spielen. Wenn diese Haltungen von der Generation der Eltern verinnerlicht worden sind, setzen sie sich über Erziehung bei deren Kindern fort.
SPIEGEL: Was für Haltungen zum Beispiel?
Schröder: Zum Beispiel die weiter anhaltende Verbreitung der Jugendweihe in Ostdeutschland. Die ist ja ohne den dazugehörigen DDR-Staat unerklärlich. Doch weil sie als Familienfest akzeptiert ist, setzt sie sich fort. Im Osten repariert man sich auch immer noch zu Tode, egal was es kostet - auch so ein Relikt aus der DDR, wo man aufs Selberreparieren angewiesen war. So ist es auch mit der Abtreibung. Es ist kein Zufall, dass die Abtreibungsrate 1996 in den neuen Bundesländern immer noch doppelt so hoch war wie im Westen. 1989 war sie fast viermal so hoch.
SPIEGEL: Das ist ja insofern widersprüchlich, als andererseits in der DDR die Möglichkeiten der Kinderbetreuung besser waren als in der Bundesrepublik.
Schröder: In der Tat hat die DDR das Kinderkriegen aus demografischen Gründen
auch gefördert. Aber eine bessere Betreuung für Kinder und gleichzeitig die freie Disponibilität, wenn das Kind dem Staat oder dem Individuum nicht in den Kram passt, sind kein Widerspruch.
SPIEGEL: Eine stärkere Rolle des Staates macht aber Kindstötungen unwahrscheinlicher.
Schröder: Die Zahl der Kindstötungen in der DDR war sicherlich niedriger als heute. Die soziale Kontrolle war ja viel stärker: Beengtere Wohnverhältnisse, man konnte sich nicht verkriechen, hat aufeinander geguckt. Alle hatten Arbeit, und die Arbeitskollektive boten Freizeitmöglichkeiten an.
SPIEGEL: Warum gibt es dann heute in den neuen Bundesländern so viel mehr Kindstötungen als in den alten?
Schröder: Ich nehme an, das hat damit zu tun, dass die hohe Sozialkontrolle, die die Menschen aus der DDR kannten, plötzlich wegfiel. Das ist so ähnlich, als würde jemand aus dem Gefängnis entlassen. Einige finden sich in der Freiheit nicht zurecht, weil sie es gewohnt sind, außengesteuert zu sein.
SPIEGEL: Kindstötungen sind also kein Unterschichtenphänomen?
Schröder: Niemand in den neuen Bundesländern ist aus Not oder Angst vor Schande veranlasst, sein Neugeborenes zu töten. Die Zahl der unehelichen Geburten ist im Osten viel höher als im Westen, und eine uneheliche Geburt gilt nicht als diskriminierend.
SPIEGEL: Wie unterscheidet sich das sozialistische Familienbild von dem einer kapitalistischen Gesellschaft?
Schröder: Dazu gibt es eine Untersuchung des Soziologen Gerhard Schmidtchen von 1994, die zu dem Ergebnis kommt, dass das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern in der DDR durchschnittlich besser war als im Westen. Die Freizeit sei intensiver gemeinsam genutzt worden, die Familie angesichts einer unheimlichen Staatlichkeit in größerem Maße ein Rückzugsgebiet. Das sehen Sie zum Beispiel an der intensiven Datschen-Kultur. Dass die Familie zu DDR-Zeiten ramponiert wurde, ist sicher falsch.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass es andere langfristige psychosoziale Schäden gibt, die die DDR hinterlassen hat?
Schröder: Nein. Es gibt bestimmte Haltungen, aber die sind korrigierbar. Verhaltensweisen setzen sich doch immer nur dann fort, wenn sie nicht reflektiert werden. Der einzige langfristige Schaden, der von der DDR-Prägung übrig geblieben ist: Wer stark außengeleitet gelebt hat, kommt vielleicht ins Torkeln, wenn die außengeleiteten Vorgaben wegfallen. Außerdem gibt es eine verlorene Generation - jene Menschen, die 1990/91 den Neustart nicht geschafft haben und in Frührente gegangen sind. Trotzdem gibt es keine substantielle DDR-Einstellung, die vielleicht gar über Gene vererbt würde.
SPIEGEL: Herr Schröder, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Philipp Oehmke und Dietmar Pieper.
* Links: für die Anklage gegen eine Mutter aus Brandenburg, die des Totschlags an acht ihrer Kinder beschuldigt wird; rechts: beim Besuch einer Klinik in Sachsen-Anhalt am 27. April 2007.
Von Philipp Oehmke und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 10/2008
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