22.03.2008

SCHRIFTSTELLERAmazone im Internet

Auf dem Sprung in den Welterfolg: „Vergebung“, der dritte und letzte Roman des Schweden Stieg Larsson. Ausgerechnet ein Thriller-Autor schafft den großen Gesellschaftsroman dieser Tage.
Pippi Langstrumpf wird niemals erwachsen, so wenig wie Peter Pan, das weiß jedes Kind. Doch was wäre, wenn ...?
Der schwedische Autor Stieg Larsson hat sich ausgemalt, was wäre, wenn der moderne Sozialstaat einen hochbegabten, hyperaktiven kleinen Wildfang in den Griff zu bekommen versuchte: erst ein Fürsorge-Katastrophenfall, dann eine Rebellin gegen diesen Sozialstaat mit kamikazehaftem Eigensinn und Rachedurst. Aus Pippi, der unübertrefflichen "Sachensucherin", ist im Zeitalter des Web 2.0 eine ingeniöse Hackerin geworden, vor deren Angriff sich kein Computer der Welt sicher fühlen kann.
Stieg Larssons Heldin heißt Lisbeth Salander: eine junge Frau mit dem Körper einer schmächtigen Göre, die früh und schmerzhaft Erfahrung gesammelt hat mit diktatorischer Kinderdressur und mit Männern, die Frauen hassen; ein Punk-Girl mit schwarzgefärbtem Stoppelhaar, mit etlichen Piercings im Gesicht und einem kleinen Wespen-Tattoo am Hals; eine trotzig verschlossene Einzelgängerin, die mal mit Jungs, mal mit Mädchen schläft, ohne sich je festhalten zu lassen; eine streunende Raubkatze; eine Amazone; nach Meinung mancher Gutachter eine aggressive, für sich selbst wie für die Gesellschaft gefährliche Psychopathin, die hinter Gitter gehört; nach Meinung wohlwollender Förderer aber eine leicht autistische, doch mathematisch-linguistisch hochtalentierte Querdenkerin, die jeden Beistand verdient.
Als Zwölfjährige hat Lisbeth ihren Vater, weil er die Mutter immer wieder krankenhausreif prügelte, umzubringen versucht, indem sie ihm eine Art Molotow-Cocktail ins Auto warf. Deshalb kam sie für zwei Jahre in psychiatrischen Gewahrsam und steht auch zehn Jahre später noch unter Vormundschaft. Ihr Betreuer hat dieser so ungeselligen wie faszinierenden Chaotin ohne Hauptschulabschluss einen Büroboten-Job in der Stockholmer Sicherheitsfirma Milton Security verschafft, und dort ist sie nach ein paar Jahren dank ihrer Kombinationsfähigkeit und ihrer phänomenalen Computer-Begabung zu einer Art Detektivin für spezielle Fälle aufgestiegen - gelegentlich auf einer leichten Kawasaki auf Recherche, aber öfter am Laptop als Hackerin in den halblegalen Grauzonen des Internet unterwegs.
Sie gilt, aber das ahnt auch ihr Chef nicht, in der verschworenen internationalen Web-Community, die sich "Hacker Republic" nennt, unter dem Codenamen "Wasp" als eine der Gerissensten und Besten. Ihr Fitnessstudio ist Paolo Robertos Boxclub, wo auch doppelt so schwere Burschen ihre rabiate Angriffslust fürchten. Lisbeth ist - selbst ein Mann, der sich wirklich um sie bemüht und ihr viel verdankt, muss das zugeben - "der unsozialste Mensch, den er jemals getroffen" hat; die extreme Kombination aus Defekten und Talenten, so meint er, sei vielleicht eine Spielart des Asperger-Syndroms.
In ihrem Job ist Lisbeth spitze, doch mit den Repräsentanten des Staats hat sie wegen ihrer traumatischen Kindheit noch ein paar größere Rechnungen offen, und als ihre Stunde kommt, wird sie zu einer Rächerin, die auf dem weiten Feld des modernen Thrillers nicht ihresgleichen hat. Wer will, mag sie in ihrem Furor mit der Kinoheldin von Tarantinos "Kill Bill" vergleichen.
Die Welt wird in diesem Jahr noch viel von Lisbeth Salander hören, denn die Rechte an Stieg Larssons drei Romanen, die von ihr unter dem Gesamttitel "Millennium" erzählen, wurden in etwa 30 Länder verkauft, und Ende Februar hat in Schweden
die mehrteilige Verfilmung des gesamten Werks begonnen.
In Frankreich drängeln sich seit Wochen alle drei Bände auf den vordersten Plätzen der Bestsellerlisten; auf Deutsch haben sich die bisher veröffentlichten zwei Bände ohne besonderen Werbeaufwand zusammen etwa 350 000-mal verkauft, der dritte, gerade erschienen, steht diese Woche schon auf Platz 7 der SPIEGEL-Bestsellerliste.
"Männer, die Frauen hassen" heißt wörtlich der Originaltitel des ersten "Millennium"-Bandes, und dies könnte sehr wohl der Gesamt-Titel sein, denn Larssons Werk porträtiert - auch wenn man es dem Genre Polit-Thriller zuordnen mag - eine von Gewalt gegen Frauen geprägte, korrumpierte, vergiftete Gesellschaft. Der Münchner Heyne Verlag, der Ende 2004 die Larsson-Rechte erwarb, fand weder den Titel "Männer, die Frauen hassen" noch das Gesamt-Etikett "Millennium" der Eigenart und dem Format der Sache angemessen. So hat man in München in einem kreativen Kraftakt eine Titel-Trilogie geprägt, die Larssons Anspruch mit einer gewissen Schroffheit und Monumentalität unterstreicht: "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung"*. Etwas Untergangsstimmung und Todesnähe sind dabei nicht fehl am Platz.
Stieg Larsson, der Mann, der Lisbeth Salander in die Welt gesetzt hat - er scheint ein dickköpfiger Workaholic der Sonderklasse gewesen zu sein -, lebt nicht mehr. Nur wenige Vertraute wussten von seiner spät erwachten schriftstellerischen Ambition. Er hat hintereinanderweg diese drei dicken Romane geschrieben, über 2000 Seiten insgesamt, bevor er "Millennium" einem großen Stockholmer Verlag anbot. Ein Vertrag wurde geschlossen; es sollten zehn Bände werden. Doch ein paar Monate später, eines Novembermittags im Jahr 2004, kam Larsson vom Lunch in sein Büro zurück, fühlte sich schwindlig, kippte um und wurde wenig später für tot erklärt. Das Nikotin, das Cholesterin, der Blutdruck, das Herz. Er war 50 Jahre alt, und sein Nachlass, das sind diese drei Bände "Millennium".
Larsson stammte aus ländlich-ärmlichen Verhältnissen, wuchs bei den Großeltern auf und war sein Leben lang Journalist: im Hauptberuf die meiste Zeit als Grafiker bei einer großen Nachrichtenagentur, daneben aber mit Leidenschaft Herausgeber, Autor und zeitweise Chefredakteur eines unabhängigen Magazins namens "Expo", das er mit Freunden gegründet hatte, einer auf Enthüllungen spezialisierten kleinen Polit-Postille mit gelegentlich großer Wirkung.
Larsson verstand es, als zäher, besessener Rechercheur und Reporter durch eine Reihe von brisanten Geschichten über die schwedischen Neonazis und ihre kriminellen Skinhead-Verbindungen die Öffentlichkeit zu alarmieren; das hat ihm einerseits Angriffe, Morddrohungen und Prozesse, andererseits internationale Anerkennung als Experte für Rechtsradikalismus eingebracht.
Wie es in der notorisch unterfinanzierten "Expo"-Redaktion zuging, lässt sich vielleicht vorstellen beim Blick in Larssons randvollen, figurenreichen Stockholmer Romankosmos. Denn dessen eines Zentrum ist die furiose Einzelgängerin Lisbeth Salander, das andere aber die verschworene kleine Redaktionscrew des unbequemen und immer umstrittenen Magazins "Millennium" (Auflage gut 20 000 Stück) mit dem Reporter Mikael Blomkvist als Hauptfigur.
Dieser Mikael Blomkvist (sein ungeliebter Spitzname, unvermeidlich, ist "Kalle", nach Astrid Lindgrens kleinem Meisterdetektiv) hat naturgemäß viel von Stieg Larsson selbst, doch nicht als geschöntes, eher als radikalisiertes Porträt: ein von den Kollegen geschätzter,
aber schwieriger und ungeselliger Sturkopf.
Die "Millennium"-Geschichte, die Larsson im ersten Band "Verblendung" erzählt, beginnt mit Blomkvists bitterster Blamage, die das Magazin moralisch und materiell beinahe ruiniert: Der sonst beinharte Rechercheur ist auf einen Informanten hereingefallen, dessen angebliche Riesen-Enthüllung über einen Finanzjongleur namens Wennerström sich vor Gericht als Lügenstory erweist. Blomkvist muss als Herausgeber demissionieren und, um wieder auf die Beine zu kommen, ein obskures Jobangebot fern von Stockholm annehmen.
Er soll, von einem alten Wirtschaftspatriarchen namens Vanger angeheuert, eine Chronik dieser Industriellendynastie verfassen, und er soll zugleich (auf besonderen Wunsch des Alten) versuchen, ein 40 Jahre altes Familienrätsel zu lösen: das spurlose Verschwinden eines 16-jährigen Mädchens während eines Fests auf einer kleinen Insel, die zur fraglichen Zeit niemand betreten oder verlassen konnte - alle Vermutungen sprechen für Mord, doch es gibt weder eine Leiche noch einen Verdächtigen.
Der vorsichtige alte Vanger hatte sich kundig gemacht, bevor er Blomkvist engagierte: Er hatte bei der Firma Milton Security ein Dossier über den in Verruf geratenen Journalisten bestellt. So kam Lisbeth Salander ins Spiel. Als Blomkvist ihr zum ersten Mal begegnet, hat sie längst seine Festplatten durchforscht und weiß mehr über ihn als er selbst - was ihn geradezu kopfscheu macht. Doch als Rechercheurin wird sie ihm unentbehrlich, denn das Vanger-Archiv weitet sich zur Gruft, und als durchtrainierte Nahkämpferin rettet sie ihm das Leben - der Fluch des Hauses Vanger drohte ihn zu verschlingen.
Der Vernunft- und Tatmensch Blomkvist ist die Person, an deren Seite der Leser in Larssons figuren- und intrigenreiche Welt einsteigt: Blomkvist ist seriös, er hat den Überblick, man kann sich auf ihn verlassen - doch dann betritt die genialische Lisbeth Salander die Szene und stiehlt ihm die Show.
Lisbeth überwältigt mit ihrer Unwiderstehlichkeit. Sie gewinnt die Liebe des Lesers im Sturm. Pippi Langstrumpf und Kalle Blomquist, Lisbeth und Mikael: Sie können weder miteinander noch ohneeinander; sie sind, beide, zu eigenbrötlerisch, zu abweisend aus Scheu vor Nähe, zu stolz auf ihre Unabhängigkeit, um je ein Paar zu werden - doch die vibrierende Spannung zwischen ihnen gibt Larssons Romanwelt den vitalen Puls.
Als leidenschaftlicher Leser angelsächsischer Krimis war er seinen Freunden bekannt, und als Autor entwickelt er auf Anhieb eine verblüffende Souveränität in der Konstruktion und Verschachtelung des hochkomplizierten Plots: Larsson verliert
den Anfangsverdacht nicht aus den Augen, dass der dubiose Wennerström selbst ein Komplott gegen das "Millennium"-Magazin angezettelt haben könnte, während Blomkvist sich einen Sommer lang durch das Archiv der düsteren Vanger-Familie ackert (in der drei von fünf Brüdern als stramme Nazis aktiv waren) und die Spuren eines nie entdeckten Serienmörders durch die Nachkriegszeit verfolgt.
Nicht nur der Fall des vor 40 Jahren verschwundenen Mädchens, von dem Blomkvist anfangs fand, die "klassische Situation eines geschlossenen Raumes" sehe doch aus wie von Dorothy Sayers konstruiert, findet zuletzt eine verblüffende Lösung.
Um diesen geradezu altmodischen Krimi-Kern herum hat Larsson eine zeitgenössisch harte, rasante Verbrecherjagd arrangiert und in einem dritten Handlungsstrang, dessen Hauptschauplatz das Internet ist, einen veritablen Wirtschaftskrimi darübergelegt: So bekommt Blomkvist Material in die Hand, das ihn moralisch rehabilitiert und ihm einen vernichtenden Schlag gegen den Investment-Betrüger Wennerström ermöglicht.
Männer, die Frauen hassen: Eine Dreierkonstellation bildet den Kern des ersten "Millennium"-Romans "Verblendung" - ein mörderisches Vater-Ungeheuer, sein mörderischer Sohn und die zum Opfer prädestinierte Tochter, die aufbegehrt und entkommt.
Diese Konstellation wiederholt sich auf abgründige Weise im zweiten Roman "Verdammnis", aber diesmal ist Lisbeth Salander selbst die Tochter, der es ans Leben geht. Diesmal hat die "Millennium"-Redaktion ein Dossier über Frauenhandel aus dem Ostblock und mafiose Verbindungen zum schwedischen Geheimdienst in Arbeit, als in einer Nacht die beiden entscheidenden Informanten erschossen werden - mit einer Waffe, auf der sich zweifelsfrei Lisbeth Salanders Fingerabdrücke befinden.
Lisbeth aber ist untergetaucht, und an der Suche nach der vermeintlichen Mörderin sind etliche rivalisierende Parteien beteiligt - die Polizei, der Geheimdienst, die immer hysterischere Boulevardpresse, Kollegen von Milton Security, natürlich Mikael Blomkvist, die "Millennium"-Mitarbeiter sowie der Ex-Boxer Paolo Roberto, und andererseits die Frauenhändler-Gang mit altem KGB-Hintergrund samt ihrem Spezialkiller.
Die erzählerische Virtuosität, mit der Larsson (vom zweiten Band "Verdammnis" hinübergreifend in den dritten "Vergebung") diese riesige Treibjagd an all ihren Fronten inszeniert und voranhetzt, bis selbst der Innenminister und der Premier involviert sind, lässt seine Trilogie weit über das Genre des Polit-Thrillers hinauswachsen: Sie ist ein großer Gesellschaftsroman.
Lisbeth schlägt um sich, sie schießt, und sie würde, wenn es sein muss, kaltblütig töten. Doch das Bild der Frau, die sich von den Männern nicht kleinkriegen lässt, das Larsson am meisten liebt, ist das Bild einer mythischen Kriegerin. Für ihn ist Lisbeth die triumphierende Amazone auf den Feldern des Internet. "Vergebung" sollte nicht das Ende sein.
Eine Reihe ungelöster Rätsel bleibt zu klären, etwa das große, leuchtende Drachentattoo auf Lisbeths Rücken, und vor allem die Frage nach ihrer schönen Zwillingsschwester Camilla, die mit 19 Jahren spurlos verschwand. Offen bleibt auch, was Lisbeth, erwachsen geworden, mit ihrem Reichtum machen soll, den das Schicksal ihr zuspielt: "Sie hat eine Truhe mit Goldstücken, so wie Pippi Langstrumpf." URS JENNY
* Stieg Larsson: "Verblendung". 688 Seiten; 21,95 Euro. "Verdammnis". 752 Seiten; 22,95 Euro. "Vergebung". 848 Seiten; 22,95 Euro. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Heyne Verlag, München.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 13/2008
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