31.03.2008

Vom Wunderkind zum Pop-Idol

Nahaufnahme: Wie der Geiger David Garrett, nach einer schweren Krise wieder auf Tournee, in Berlin sein Publikum fesselt
Er hat genug erlebt, um zu wissen, wie sich Niederlagen anfühlen. David Garrett ist 27 und ein Star - schon zum zweiten Mal. Einst, schon mit zehn Jahren, war er ein weltberühmtes Wunderkind. Heute ist er ein Pop-Idol. Damals hatte er dunkles Haar und spielte Mozart, Bach und Beethoven, heute ist er blond und macht in Crossover.
Seine Konzerte sind fast immer ausverkauft. David Garrett ist heute ein Geiger für all jene, die Klassik zu schwer und Schlager zu blöd finden. Derzeit tourt er durch die Welt, in Deutschland bespielt er Allzweckarenen wie den Admiralspalast oder das Tempodrom in Berlin, die Kampnagelhallen in Hamburg oder das Zenith in München.
In seinen Konzerten gibt er sich als Salon-Rocker: Jeans mit hängendem Hosenboden, Kapuzenshirt und das lange Haar mit einem Gummiband zusammengehalten. Im Programmheft steht: "David Garrett wird ausgestattet von Baldessarini."
Sein Publikum, eine paritätische Mischung aus Enkeln, Eltern und Großeltern, wird von ihm zwei Stunden lang mit allem Gängigen versorgt, was für die Geige geschrieben oder bearbeitet wurde: Sararsates "Zigeunerweisen", "Ungarischer Tanz Nr. 5" von Brahms, der "Sommer" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Alles bekannt, alles glatt und auf eine gefährlich routinierte Weise ausgeführt. Es ist eine einzige Reihung von Zugabenstücken. Aber: Zugaben zu was?
David Garrett sagt jedes Stück an, und als im Berliner Admiralspalast der Marsch aus Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" dran ist, ein Hit der Musikliteratur seit 86 Jahren, fühlt sich der Künstler genötigt, sein Publikum zu warnen. Für einige könne sich das jetzt "schräg" anhören, und im Übrigen heiße die Oper "wirklich so". Der Ausflug in die gemäßigte Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts geht erstaunlich gut vonstatten. Die Menschen applaudieren.
Mit vier Jahren bekam David Garrett ersten Geigenunterricht. Mit zehn Jahren hat er debütiert. Sein Vater, ein Deutscher, ist Anwalt in Aachen, seine Mutter, eine Amerikanerin, eine Ex-Ballerina. Garrett wurde von ihnen auf Erfolg getrimmt. Mit 14 hatte er einen Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Er war einer der jüngsten Exklusivkünstler. Er spielte Recitals ein und Konzerte, Claudio Abbado war sein Dirigent.
Aus jener Zeit stammen Zitate von bedeutenden Geigern, mit denen Garrett heute noch beworben wird: "Davids Spiel ist einfach wunderbar", das ist von Yehudi Menuhin. "Er ist einer der talentiertesten 14-Jährigen, die ich je gehört habe", sagte Isaac Stern.
Doch es nützte nichts. Garretts Kinderkarriere verlief traurig. Seine Eltern verlangten zu viel von ihm. Der Sohn wagte den Bruch. Statt, wie von ihnen gewünscht, einfach weiterzumachen, meldete er sich bei der renommierten Musikakademie Juilliard School in New York an. Er fühlte sich, so sagt er heute, damals "nicht wirklich ausgebildet".
Kurz vor seiner Abreise, er hatte gerade das Abitur gemacht, beichtet der Sohn den Eltern, dass er nun weggehe - er hatte ein Stipendium bekommen. Garrett muss zusätzlich jobben und lernt zum ersten Mal "das wahre Leben" kennen. In New York fühlt er "sich sicher". Vor den Eltern. Sie "leiden unter Flugangst".
2002 erscheint die letzte Platte bei der Deutschen Grammophon. Es ist eine Zusammenstellung alter Aufnahmen. Garretts Karriere scheint am Ende zu sein. Wieder so eine Hoffnung, die sich selbst zu Grabe getragen hat.
Konzertveranstalter wollen von dem alternden Wunderkind nichts mehr wissen. So wie er spielen viele. 2006 überredet er die Firma Decca in London, ein Crossover-Album aufzunehmen. Es kommt nicht auf den deutschen Markt. Jedenfalls nicht bei der Decca.
Garrett spielt in Asien und hat auf einmal wieder Erfolg. Die Deag, die Deutsche Entertainment AG, wird auf ihn aufmerksam. Sie hat sich auf Klassikkünstler spezialisiert, die die große Geste beherrschen; auf Sänger oder Instrumentalisten, die auch auf Freilichtbühnen auftreten wollen, die sich vermarkten lassen wie ein Markenartikel: nach dem Muster von Anna Netrebko oder Lang Lang.
Die Deag baut Garrett auf und bringt das alte Decca-Material in Lizenz heraus. Der Violinist spielt nun das Repertoire der Platte im Konzert. Das ist ein notwendiger Synergieeffekt.
Nun ist Garrett plötzlich ein Showstar. Seine Geige wird elektronisch verstärkt, statt der Berliner Philharmoniker begleiten ihn jetzt drei Herren auf Schlagzeug, Gitarre und Keyboard. Gefühle sind nun nicht mehr in der Musik zu suchen, sondern eine Frage der ganzheitlichen Mischkalkulation. Schnell, langsam, schnell, Kitsch, gemäßigte Klassik, todsicherer Hit. Atemlos, flott, banal. Aber so erfolgreich wie die Auftritte von Helmut Lotti oder André Rieu.
Ganz am Ende, als er zwei Zugaben absolviert hat, setzt sich Garrett im Admiralspalast noch einmal auf den Barhocker. Er ist allein auf der Bühne. Er spielt das Andante aus der zweiten Sonate für Violine solo von Bach. Da klingt sein Spiel mit einem Mal ernsthaft, reif und richtig.
Und es kommt eine Ahnung auf - von dem, was die Klassik vielleicht an ihm verloren hat. JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 14/2008
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