07.04.2008

„Ethisches Bermudadreieck“

Der frühere Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Michael Maier, 50, über die Stasi-Tätigkeit seines damaligen Reportagechefs Thomas Leinkauf
Es war im Frühsommer 1996, um die Mittagszeit. Ich hörte das schüchterne Klopfen an meiner Bürotür und blickte kurz auf. Ich wusste, es musste ein Vertrauter sein. Kein normaler Ossi hätte es gewagt, ohne Voranmeldung beim Chef aufzukreuzen.
Thomas Leinkauf, der damalige Chef der Reportergruppe, hatte sich mein Vertrauen in den ersten Wochen meiner Zeit als Chefredakteur der "Berliner Zeitung" durch häufige unangemeldete Besuche erworben. Meist war er nachts gekommen. Er hatte schütteres Haar, einen sorgfältig gepflegten Dreitagebart und trug stets einen schlampigen Anzug mit schwarzem, offenem Hemd.
Er war immer öfter gekommen, weil es bei mir guten Whisky, Davidoff-Zigarillos und keine Sperrstunde gab. Fast immer wollte er über Texte reden und darüber, wie man aus der früheren SED-Zeitung eine "Washington Post" machen könnte.
Meist endeten die Sessions am frühen Morgen mit sanften Verhören, in die er die Gespräche fast unmerklich verwandelte: Warum machen Sie das? Wie denken Sie darüber? Er war neugierig, gebildet, kreativ und ein Spieler. Ich mochte ihn.
Leinkauf wusste, dass ich jedem misstraute. Eine SED-Bezirkszeitung war ein politisches Kampfblatt, in der nur Leute gearbeitet hatten, die sich irgendwo im ethischen Bermudadreieck von Konspiration, Verrat und Opportunismus tummelten. Keiner hatte eine weiße Weste. Anders als mein Vorgänger Erich Böhme hatte ich kein Verständnis für radikale Altkommunisten. Die große Flut, die die Akten wegspülen sollte, wünschte ich nicht. Eher eine Sintflut, in der sich die Spreu vom Weizen trennen sollte.
Der Verlag Gruner + Jahr hatte auf Initiative des Personalleiters Johannes Weberling eine wissenschaftliche Studie gefördert, die auch Mitarbeiter auf ihre Stasi-Tätigkeit durchleuchtete. Ich entfernte darüber hinaus auch jene Leute von verantwortlichen Posten, die einst das Massaker am Tiananmen-Platz bejubelt oder die Gauck-Behörde mit der Gestapo verglichen hatten.
Es gab eine harte Regel: Jeder, von dem eine Akte gefunden wurde, musste gehen. Es traf fast immer eher kleine Lichter, die dann mit Geld abgefunden wurden. Rechtliche Handhabe gab es schon damals keine. Aber jedem war klar: Der Fund einer Akte bedeutete das berufliche Todesurteil, auch wenn wir der Öffentlichkeit nie mitteilten, warum einer gehen musste.
Die Enttarnten leisteten keinen Widerstand. Als hätten sie eine finale Schulung erlebt: Alle beklagten just für die fragliche Zeit ihrer Stasi-Tätigkeit einen kompletten Gedächtnisverlust. Ich war froh, dass es nie einen wirklichen Leistungsträger traf.
Thomas Leinkauf war ein Leistungsträger. Sein Name war mir erstmals von Ernst Fischer, dem späteren stellvertretenden Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", genannt worden. In einem kleinen spießigen Café am Ku'damm hatte mir Fischer eine Liste überreicht, auf der die Beurteilung der Ressortleiter stand. Die meisten waren Wessis. Leinkaufs Name war doppelt unterstrichen. Er war als Chef der Reportergruppe auch der Coach von Alexander Osang, dem Star der "Berliner Zeitung". Der sei der "beste Schreiber in der Stadt" und "unbedingt zu halten". Über Leinkauf könne man sicherstellen, dass ihn das Projekt weiter fesseln würde.
Leinkauf stachelte seine Reporter immer zu Höchstleistungen an. Dabei war es ihm egal, wessen Text auf die Werkbank kam. Auch renommierte West-Redakteure achteten sein Urteil. Er wollte immer das Außergewöhnliche erreichen und unterschied sich darin grundlegend von jenen Durchschnittsjournalisten, die man, mit oder ohne Akte, jederzeit ersetzen kann. Er feilschte immer um das letzte Quäntchen Qualität, auch mit mir.
Als Leinkauf an jenem ominösen Mittag die Bürotür leise hinter sich schloss, nahm ich an, dass wieder eine solche Verhandlung über einen Text anstand. Umso überraschter war ich, als sich Leinkauf in das schwarze Ledersofa fallen ließ und sagte: "Ick muss mit Ihnen über etwas reden." Dann eröffnete er mir, die Augen auf den Boden geheftet, dass er als Student gespitzelt habe. Nicht lange habe es gedauert, es sei 20 Jahre her und er sei jung gewesen. Aber es sei nun mal eine Schweinerei gewesen. Es sei jetzt an mir, zu entscheiden. Ich sagte: "Sie wissen, dass Sie dran sind, wenn es eine Akte gibt?" Er nickte, und ich merkte, dass seine Hände zitterten. "Und?", fragte ich. "Det war Scheiße", sagte Leinkauf.
Nach dem Gespräch fragte ich unseren Personalleiter, ob eine Akte Leinkauf gefunden worden war. Als der verneinte, atmete ich auf. Wir haben bei der "Berliner Zeitung" sieben Jahre nach der Wende Dutzende Mitarbeiter ausgewechselt. Wir haben im Gegenzug Bürgerrechtler als Redakteure angestellt und den damaligen Pressesprecher der Gauck-Behörde. Ich sah Leinkauf in diesem Ensemble aus Tätern und Opfern als besonderen Leistungsträger: Als Einziger war er zu mir gekommen und hatte freiwillig ein schon lange zurückliegendes Unrecht bekannt. Ich habe in seiner spröden Reaktion Reue erkannt.
Später sollte Götz Aly, Chef der Meinungsseite und selbst geläuterter Apo-Steinewerfer, sagen, dass in der Transformation von Systemen die Eliten niemals komplett ausgetauscht werden könnten, weil sonst alles zusammenbrechen würde. Die nun aufgetauchte Akte über meinen ehemaligen Reportagechef interessiert mich nicht. Leinkauf hat sie, nach 30 Jahren, überlebt.
Von Michael Maier

DER SPIEGEL 15/2008
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