07.04.2008

PRESSE„Kein Tag ohne Flammen“

Die deutsche Ausgabe der türkischen „Hürriyet“ schlingert zwischen nationalistischer Empörung und Völkerverständigung - aus Angst vor Auflagenschwund. Das selbsternannte Sprachrohr der Türken hierzulande leidet ausgerechnet unter der erfolgreichen Integration junger Landsleute.
Ozan Sessiz ist ratlos. Er versteht Deutsch, er versteht Türkisch. Doch wenn der 31-jährige Türke in diesen Tagen durch die deutsche Ausgabe der "Hürriyet" blättert, versteht er nichts mehr. Manchmal, sagt Sessiz, stehe da, Deutschland sei "voller Neonazis", die absichtlich Türken anzündeten. Dann wieder gehe nichts über die türkisch-deutsche Freundschaft. Was er nun glauben soll, weiß er nicht. Sessiz, der als Verkäufer im Zeitungskiosk in der U-Bahn-Station am Hamburger Rathaus arbeitet, schüttelt nur noch mit dem Kopf. Seit 14 Jahren ist er schon hier. "Hürriyet" - die Stimme der Türken in Deutschland? "Gott bewahre", sagt er, "meine nicht."
Seit der Brandkatastrophe in einem Wohnhaus in Ludwigshafen, bei der neun Türken starben, ist das wichtigste türkischsprachige Medium des Landes wie elektrisiert. Neun Wochen ist das Unglück her, die Ursache ist noch immer nicht geklärt. Auf einen fremdenfeindlichen Anschlag deutet wenig hin, aber ganz ausgeschlossen ist er auch nicht. In der "Hürriyet" aber brennt es seither fast jeden Tag, manchmal auch nur ein bisschen oder fast.
So wie in Bielefeld-Brackwede. Dort lag ein Streichholzbrief in den Briefkästen türkischer Familien, daneben ein Flugblatt gegen den Bau eines Minaretts an der lokalen Moschee. Die angebliche Panik der muslimischen Gemeinde brachte es auf den Titel der Deutschlandausgabe. "17 Brände in 23 Tagen" hat "Hürriyet" gezählt. "Das ist die Realität", sagt Ertugrul Özkök, Chefredakteur des Mutterblatts in Istanbul, "und die Türken in Deutschland wollen von uns eine Antwort darauf."
Die hat auch "Hürriyet" nicht. Stattdessen darf an einem Tag ein Gastkolumnist schreiben, "die Deutschen assimilieren die Türken; wo sie das nicht können, verbrennen sie sie". An einem anderen berichtet die wöchentliche deutschsprachige Beilage "Young Hürriyet", dass in "Aylins und Daniels Liebe kein Platz für Vorurteile" sei und preist das deutsch-tür-kische Paar als Beispiel für "gelungene Integration".
Seit Wochen schon übt sich die "Hürriyet" im Wechselspiel zwischen nationalistischer Empörung und Völkerverständigung, geistiger Brandstiftung und versöhnlichem Löschkommando. Dass die Auflage davon profitiert habe, streitet das Blatt ab - als Nutznießer der Katastrophe mag man nicht dastehen. Offizielle Zahlen gibt es noch nicht, aber eines ist gewiss: Die "Hürriyet" brüllt sich ins kollektive Bewusstsein der Türken. Nicht ohne Grund, das Blatt kämpft gegen den schleichenden Bedeutungsverlust, seit Jahren schmilzt die Auflage.
Um gehört zu werden, muss die selbsternannte Stimme der Türken in Deutschland heute lauter schreien.
Noch immer aber ist "Hürriyet" das Leitmedium. 1965, nur wenige Jahre nachdem die ersten Türken bei Ford und Daimler-Benz anheuerten, hielten die Gastarbeiter die erste Ausgabe des deutschen Ablegers in der Hand. In einem Land, in dem Schweinebraten statt Lammspieße auf den Tellern landeten und die Sprache fremd und kehlig klang, war "Hürriyet" die wichtigste Verbindung, die Nabelschnur in die Heimat. Und Anwalt der türkischen Diaspora: Wer sich mit den 2,7 Millionen Türken und Türkischstämmigen im Land gutstellen will, pilgert seither in die Redaktion des konservativen Boulevardblatts - wie einst Kanzler Gerhard Schröder, seine Nachfolgerin Angela Merkel oder auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Das Blatt ist eine Macht im Lande. Wenn "Hürriyet" zündelt, schlagen die Flammen hoch.
Gemacht wird die Deutschlandausgabe beim Dogan-Verlag in Mörfelden-Walldorf. Das Gewerbegebiet bei Frankfurt ist die Fleet Street der türkischen Presse im Land. Dort erscheint nicht nur die linksliberale Schwesterzeitung "Milliyet", dort werden auch die Konkurrenzblätter "Sabah", "Türkiye" und die islamisch-konservative "Zaman" produziert. Doch Auflage und Gewicht der "Hürriyet" hat bisher keiner der Rivalen erreicht, an ihrer Deutungshoheit ändern auch die Auflagenprobleme nichts.
Für die Redaktion arbeiten 25 festangestellte Schreiber und rund hundert Freie. Sechs Lokalredaktionen fangen die Befindlichkeit der Türken im Lande ein, um elf Uhr morgens werden in der Konferenz die Themen besprochen. Der größte Teil kommt zwar noch immer aus Istanbul, doch die vier bis fünf Seiten im Innenteil bestreiten die "Hürriyet"-Redakteure in Europa. "Fair, unabhängig und objektiv" will das Blatt sein. Übersetzt heißt "Hürriyet" Freiheit.
In den Schlagzeilen blieb vom hehren Anspruch indes nicht immer viel übrig. Stattdessen verstand sich das Blatt über Jahre auch als Instrument, um die Exil-
türken auf Linie zu bringen. Laizistisch-liberal im Sinne des Republikgründers Atatürk, der seinem Volk 1923 die strikte Trennung von Religion und Staat verordnete, sah sich "Hürriyet" immer auch als staatstragendes Element. Wer den türkischen Staat aus der Ferne kritisierte, wurde gern mal als Landesverräter diffamiert.
Zu spüren bekam das etwa der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir. Weil Özdemir Kriegsdienstverweigerer in Ankara oder die alevitische Minderheit unterstützte, überzog ihn die "Hürriyet" mit einer Hetzkampagne. Mal, erzählt Özdemir, sei er schwul gewesen, dann habe er eine griechische Freundin gehabt.
Das Blatt forderte ihn auf, sich zu entscheiden: Entweder sei er Türke und dann Patriot oder eben Deutscher. Um schließlich das Urteil selbst zu sprechen: "Özdemir ist nur noch dem Namen nach einer von uns."
Inzwischen hat "Hürriyet" ihre aggressiven Attacken gegen die abtrünnigen Landsleute weitgehend eingestellt. "Ich werde in Ruhe gelassen", sagt Özdemir. Nicht nur, weil der Chefredakteur der Europaausgabe ausgetauscht wurde; den Meinungsmachern in Mörfelden und Istanbul dämmert, dass der Versuch einer Zwangsvereinnahmung der Türken für die heimische Sache kaum mehr gelingt: "Die türkische Gesellschaft ist fragmentierter geworden, in der Türkei und in Deutschland", sagt "Hürriyet"-Chef Özkök.
Das "Wir-Türken-gegen-die-Deutschen-Gefühl" lässt sich auch deshalb kaum mehr herbeischreiben, weil viele junge Türken "Hürriyet" gar nicht erst lesen. Fernsehen und Internet machen ihr, wie allen Zeitungen, die jugendlichen Leser abspenstig, zudem leidet das Blatt unter den Folgen der Integration: Viele junge Türken sprechen nur noch schlecht oder gar kein Türkisch. Der Komiker Kaya Yanar ist einer von denen, die der "Hürriyet" verlorengegangen sind. Der 34-Jährige, der mit der TV-Sendung "Was guckst Du?!" erfolgreich wurde, hat die Sprache seiner Vorfahren nie gelernt: "Mein Türkisch ist so schlecht, dass es für alle Türken eine Beleidigung wäre zu behaupten, ich spräche die Sprache."
Deshalb muss "Hürriyet" immer öfter auch integrative Töne anschlagen. Sevda Boduroglu, Geschäftsführerin der Dogan-Media-Gruppe in Deutschland, kann sich sogar vorstellen, "dass die 'Hürriyet' vielleicht irgendwann einmal zweisprachig erscheint". Bis es so weit ist, behilft sich das Boulevardblatt mit der deutschsprachigen Jugendbeilage "Young Hürriyet". Auch das Kochmagazin "Türk Mutfagi", übersetzt: Türkische Küche, erscheint seit Januar zweisprachig mit Rezepten und Bildchen. Viele Artikel sind serviceorientiert: Wie kann ich eine Scheidung in der Türkei anerkennen lassen? Wie schwierig sind die Deutschtests für nachziehende Ehepartner? "Wir wollen möglichst viel zur Integration beitragen", sagt Chefredakteur Halit Çelikbudak.
Doch am Ende zählt trotz allem die Auflage. Die "Hürriyet" wird fast ausschließlich am Kiosk und damit über Schlagzeilen verkauft. Bei Großereignissen wie dem Brand in Ludwigshafen ist die Versuchung daher groß, über Krawallzeilen das türkische Gemüt und die Auflage anzuheizen. "Wenn es eine Katastrophe gibt, liegt es in der Natur einer Boulevardzeitung, Sensationslust und nationale Befindlichkeiten zu nutzen", sagt Rainer Geißler, Medienexperte und Professor für Soziologie an der Universität Siegen. "Da geht es dann nicht mehr um Integration."
Seit dem Brand in Ludwigshafen greift "Hürriyet" denn auch wieder tief in die Trickkiste des Boulevards, fischt nach Klischees und Vorurteilen und spielt mit Emotionen: "Nazi-Nest Ludwigshafen", "Kein Tag vergeht ohne Flammen", "Wir haben Angst", "Mysteriöser Angriff".
Den Vorwurf einseitiger Hetze lassen die "Hürriyet"-Macher schon deshalb nicht gelten, weil auch deutsche Medien nicht an Vorurteilen sparten. Tatsächlich hatte vor allem die "Bild"-Zeitung wochenlang ihre Seiten mit Geschichten über ausländische kriminelle Jugendliche gefüllt, nachdem vor Weihnachten ein Rentner in der Münchner U-Bahn von zwei jungen Männern verprügelt worden war - einer von ihnen ein Türke.
Laut kritisieren würden sich die beiden Boulevardblätter dennoch nicht. Mit "Bild" teilt "Hürriyet" nicht nur die Liebe für große Überschriften und intellektuelle Verknappung: "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann sitzt im Beirat der "Hürriyet". Die beiden Blätter sind, wie Grünen-Politiker Özdemir sagt, "Brüder im Geiste". Und weil beide so genau wissen, wie Krawalljournalismus tickt, darf auch scharf gegeneinander geschossen werden, wenn es der Auflage nützt. "Wir sind Journalisten und reden uns nicht herein", sagt "Hürriyet"-Chef Özkök. Bevor die Emotionen allzu sehr hochkochen, veröffentlichen beide Chefredakteure einen gemeinsamen Kommentar, auf Deutsch und Türkisch, und rufen zum friedlichen Miteinander auf. Um danach ins Kriegsgebrüll zurückzufallen.
Kioskverkäufer Ozan Sessiz hält von den "Bild"-Schlagzeilen genauso wenig wie von denen der "Hürriyet": "Ich glaube den nationalistischen Blödsinn bei beiden nicht." KATRIN ELGER, ISABELL HÜLSEN
* Mit Ehefrau und Töchtern im Herbst 2006 bei einem Besuch der "Hürriyet" in Mörfelden-Walldorf.
Von Katrin Elger und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 15/2008
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