07.04.2008

MEDIZINNotfall im Ohrensessel

Die Qualität von Erste-Hilfe-Kursen ist so schlecht, dass kaum ein Laie Leben retten kann. Ein Großteil von ihnen probiert es gar nicht erst.
Hansjörg Lob sind Statistiken egal. Er hat seine eigene Rechnung: 66 Menschen verdanken dem gelernten Metzger ihr zweites Leben. Alle lagen sie leblos in ihrem Wohnzimmer, Garten oder auf der Straße. Und alle wurden von Lobs Schülern erfolgreich wiederbelebt.
Der 64-Jährige ist Ausbilder für Erste Hilfe beim Roten Kreuz in Freiburg. Tagtäglich fesselt er Menschen mit seinen Geschichten, Rettungstricks und -übungen. Lob spricht, wie er arbeitet: schnell und hektisch. Vor allem geht es ihm dabei um diesen einen Satz: "Leute, ihr müsst anfangen, wenn da einer am Boden liegt! Bitte macht was!"
Lob sind Statistiken egal. Doch die Statistik sagt: Im Ernstfall helfen die wenigsten. Eine noch unveröffentlichte Studie der Berliner Charité untersuchte die Laienhilfe bei Kreislaufstillständen: Zwar erkannten immerhin 66 Prozent der Umstehenden, wenn ein Herz- oder Atemstillstand vorlag. Doch gerade mal 12,5 Prozent leiteten eine sinnvolle Herz-Lungen-Wiederbelebung ein.
Ähnliche Studien aus München oder Ulm bestätigen den Befund: Nachdem Laien einen Notruf abgesetzt haben, vergraben sie nur zu oft die Hände in ihren Hosentaschen. Doch tatsächlich könnten sie Menschenleben retten.
Denn der Stand der Forschung ist eindeutig: Flimmert der Herzmuskel, ohne dabei Blut auszustoßen, sinkt mit jeder Minute die Wiederbelebungswahrscheinlichkeit um zehn Prozent. "Wenn wir eine längere Anfahrt haben und Ersthelfer nicht reanimieren, hat der Patient keine Chance", sagt Burkhard Dirks, Notfallmediziner an der Universität Ulm. Auch Rettungslehrer Lob versucht seinen Schülern zu vermitteln, dass es bei einem Notfall um alles oder nichts geht: "Viele kapieren einfach nicht, dass das Gehirn nach vier Minuten anfängt abzusterben", sagt er und hämmert auf seine Armbanduhr. "Liegt ein Mensch tot am Boden, und man macht nichts aus Angst vor Fehlern, ist das totaler Unsinn. Mehr tot geht nicht." Nur ein Fehler sei wirklich verhängnisvoll: nichts tun.
Doch nicht die Menschen sind die entscheidende Schwäche im System, sondern die Lehrgänge. Sie sind zu lang, zu theoretisch, zu realitätsfern - kurz gesagt: zu schlecht. Zwar besuchen jedes Jahr etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland einen Ersthelferkurs, doch die meisten sitzen nur aus einem Grund in den Seminarräumen: weil sie müssen.
"Gesetzliche Auflagen motivieren nicht. In einem Führerscheinkurs wollen die Leute ihren Schein haben. Nichts anderes", sagt der Autor der Charité-Studie, Jan Breckwoldt. Gelangweilt sehnen die Teilnehmer das Ende der Lehrgänge herbei; die wenigsten kommen wieder. Wissenschaftler fordern deshalb seit langem knappere Kurse. Immerhin reagierte jetzt das DRK und bietet ab Mai 90-minütige Kompaktkurse an.
Rettungsmediziner Dirks spricht aus, was seine Kollegen sich vor allem wünschen: "Erste Hilfe gehört in Schullehrpläne. Sie ist eine staatsbürgerliche Pflicht!" Doch auch das ändert nichts an einem Grunddilemma: Zwar haben, dem DRK zufolge, rund 80 Prozent aller Deutschen einen Ersthelferkurs besucht - doch im Schnitt ist das 15 Jahre her. Senioren, die am wahrscheinlichsten mit einem Notfall in Berührung kommen, sitzen äußerst selten in den Lehrgängen.
Ausbilder Lob setzt noch auf eine andere Art der Motivation: "Den Menschen muss klar sein, dass Notfälle fast immer die eigene Mutter, Freundin oder den Bruder betreffen." Die Charité-Studie gibt Lob recht: In 64 Prozent der untersuchten Fälle betraf der plötzliche Herztod den Lebenspartner, Angehörige oder enge Freunde der Umstehenden.
Aber auch wer von der Notwendigkeit der lebensrettenden Handgriffe überzeugt ist, lernt sie längst nicht in jedem Kurs. Um Ersthelfer ausbilden zu dürfen, muss man lediglich mit einem Konzept unterm Arm zur Genehmigungsbehörde marschieren, die Umsetzung wird später so gut wie nicht überwacht. So tummeln sich jede Menge zweifelhafte Anbieter auf dem Markt. Doch auch bei den seriösen Organisationen gibt es Mängel: Der Stand der Wissenschaft fließt nur sehr verzögert in die Lehrunterlagen ein. Auch wird ausführlich über den Aufbau eines Warndreiecks diskutiert oder eine dramatische Blutung am Unterschenkel gedanklich gestillt. Das echte Leben präsentiert den Notfall aber meist im Ohrensessel: Es geht um Luftnot, Herzprobleme, Schlaganfälle. "Nur jeder zehnte Notfalleinsatz ist durch einen Unfall bedingt. Die Gewichtung im Kurs ist Schwachsinn", sagt Notarzt Dirks.
Viele Ausbilder sind nicht nur didaktisch, sondern auch fachlich nicht in der Lage, Laien die Grundregeln fürs Lebenretten zu vermitteln. So mancher Kursleiter hält potentielle Ersthelfer sogar vom Helfen ab: "Sie konfrontieren den Teilnehmer mit Problemen, über die er sich vorher gar keine Gedanken gemacht hat", sagt Dirks. Vor allem rechtliche Probleme werden aufgebauscht. Dabei schützt der Gesetzgeber Ersthelfer explizit. Auch Mythen werden hartnäckig weitergetratscht: Helme bei bewusstlosen Motorradfahrern nicht anzutasten, hochgelegte Beine als Allheilmittel anzusehen oder bei einem Schlaganfall einfach mal abzuwarten - all das war noch nie richtig.
Solcher Blödsinn kommt bei Hansjörg Lob nicht auf den Overheadprojektor. Er meißelt Notrufnummern in die Köpfe der Teilnehmer; er will, dass sie Menschenleben retten. Gerade wurde ihm Patient 67 gemeldet - erfolgreich wiederbelebt.
MARTIN U. MÜLLER
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 15/2008
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