07.04.2008

Das Buch meines Lebens

In seinem letzten Roman kreist Theodor Fontane (1819 bis 1898) um die Figur des melancholischen Gutsbesitzers Dubslav von Stechlin, der weltfremd lebt, aber weltweise fühlt.
Mit 20 las ich zum ersten Mal Fontanes letzten Roman, doch seine Weitschweifigkeit machte mich ungeduldig, und ich erinnerte mich nur an den bewegten Anfang: an die Schilderung des Sees Stechlin, der mit Strudeln und Fontänen auf Unruhen in der Welt reagiert, und an Woldemar, den einzigen Sohn des alten Stechlin, der mit seinen Freunden Rex und Czako von Cremmen über Wutz, durch die angestammte Fontane-Gegend, zum Alten nach Hause reitet. Mit 30 entdeckte ich den Roman von Neuem, kannte inzwischen schon einige Werke Fontanes, verliebte mich, wie Dubslav, in Melusine Barby, die Schwester von Woldemars Verlobter Armgard, und fand noch keinen Zugang zu dem alten Grafen, der sich hinter politisch doppeldeutigen Sätzen verschanzte. Mit 40 (etwa) las ich mit wachsendem Vergnügen, wie Dubslav seine Halbschwester Adelheid, Domina des Damenstifts von Wutz, besucht, wie dabei unverrückbare Ansichten zu verrückten mutieren und Ironie die Fontanesche Erzählung aufhellt. Mit 50 schaffte ich den "Stechlin" von Anfang bis Ende, schlich mich in die Gespräche rund um Dubslav, genoss die Wortwechsel zwischen ihm und Pastor Lorenzen, litt, als er sich entschloss, sich für die Konservativen zur Wahl zu stellen, und atmete auf, als dieser Kelch an ihm vorüberging, denn "mein" Stechlin passte nicht in den politischen Alltag; ihn, der Verlogenheit und Unwissen verachtete, zeichneten großzügige Neugier und standfeste Freundlichkeit aus.
Jetzt, mit 74, wage ich es, lese ich von seinem Sterben, wiederholt Tränen zu vergießen, ihm mit der kleinen Agnes, der Enkelin der von den Dorfbewohnern gemiedenen Kräuterhexe, zum Abschied einen Strauß Schneeglöckchen zu bringen und mir als Nachruf den Satz zu wünschen, mit dem der Pastor die Grabrede schließt: "Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind."
Härtling, 74, ist Schriftsteller. 2007 publizierte er "Das ausgestellte Kind. Mit Familie Mozart unterwegs".
Von Peter Härtling

DER SPIEGEL 15/2008
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