21.04.2008

GesellschaftHitlers Auge

Ortstermin: Im ehemaligen olympischen Dorf von Berlin holt die chinesische Gegenwart die deutsche Geschichte ein.
In einer verwitterten Turnhalle im märkischen Wald stehen drei Männer vor den olympischen Ringen und bestimmen die Regeln. Sie wollen etwas erzählen über den vergessenen Ort, über dem die fünf Ringe vor langer Zeit schwebten. "Aber zitieren", sagt einer der Männer, "können Sie nur, was Herr Honerla sagt."
Schwer zu sagen, ob sie sich die Strategie bei Wen Jiabao oder Jacques Rogge abgeguckt haben.
Die Männer in der Turnhalle wollen nichts verheimlichen. Im Gegenteil: Sie wollen alles offenlegen, den Ort und seine Architektur, seine Vergangenheit und die Pläne für seine Zukunft. Sie wollen zeigen, was aus dem olympischen Dorf von 1936 geworden ist und wie sie es retten wollen. Aber die Männer sind vorsichtig. Sie wissen, dass ein falsch verstandenes, im märkischen Wald gesprochenes Wort bis nach China wehen und zu empörten Anrufen im Kanzleramt führen kann. Die olympische Welt ist sehr kompliziert geworden, das haben sie von Wen Jiabao, dem Premierminister Chinas, und Jacques Rogge, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, gelernt.
Martin Honerla, der Mann, den man zitieren darf, ist Vorstand der DKB-Stiftung für gesellschaftliches Engagement. DKB steht für Deutsche Kreditbank, das macht die Sache nicht einfacher in einer Zeit, in der viele Banken damit beschäftigt sind, Kredite und Vorstände abzuschreiben. Herr Honerla ist aber nicht als Banker gekommen, sondern als Bewahrer, als jemand, der ein abgeschriebenes Dorf aus der Geschichte in die Gegenwart holen will.
Die olympischen Ringe gehören eigentlich auf das Dach des Speisehauses der Nationen, so heißt das Gebäude, in dem die Athleten damals aßen und tranken. Doch die Ringe sind nicht sturmfest, sie würden im Wind zerbrechen. Deshalb stehen sie dort, wo Wen Jiabao und Jacques Rogge im Moment stehen, in einer dunklen Ecke.
Herr Honerla spannt seinen Schirm auf und geht durch den endlosen märkischen Regen. Seine Begleiter laufen ihm hinterher. Die drei Männer sind eine Art olympisches Dorfkomitee. Herr Kischel ist der Verwalter, er kümmert sich um lecke Regenrinnen und hält den Mantel von Herrn Honerla, wenn der ihn für ein Foto auszieht. Herr Becker kümmert sich um die Presse, deshalb darf man ihn nicht zitieren.
Honerla ist der Vorführer, er fährt in einem dunkelblauen Anzug mit einem dunkelblauen BMW durch das Dorf, geht mit großen Schritten und wachen Augen durch bröckelnde Häuser, steht auf dem Sprungbrett über dem leeren Schwimmbecken und ruft nach Herrn Kischel, wenn er eine undichte Stelle im Dach entdeckt. Er läuft der Zeit hinterher. Das Dorf liegt da wie die olympische Idee. Es zerfällt.
Als Hitlers Helfer das Dorf bauten, gab es zwei Pläne. Der erste sah vor, für die Athleten Unterkünfte und Trainingsplätze zu schaffen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Die Nazis waren sehr gut in Dingen, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Sie bauten das Speisehaus der Nationen in der Form eines Auges und eine Aschenbahn mit dem exakt gleichen Kurvenradius wie im Olympiastadion. Sie installierten Telefonzellen in jedem Haus und ließen die Athleten von Stewards des Norddeutschen Lloyd in kurzen Hosen und weißen Kniestrümpfen bedienen. Sie nannten es "Dorf des Friedens".
Sie erledigten noch ein paar Dinge nebenher. Sie verhafteten Andersdenkende, zensierten die Presse und ließen die Post für die Athleten im olympischen Dorf von der Gestapo lesen. Dem Volk brüllten sie ins Ohr: "Die Berliner müssen beherrscht sein und ihre Gäste mit freundlichen Gesichtern empfangen." Sie wollten sich der Welt als völkerliebende Nation vorstellen.
Der zweite Plan sah vor, aus dem "Dorf des Friedens" nach den Spielen "die schönste Kaserne der Welt" zu machen. Nach den Athleten kam das 1. Bataillon des Infanterie-Lehrregiments. Die Soldaten konnten auf der Aschenbahn sehr schön im Gleichschritt marschieren.
Honerla will das Dorf in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen und dessen Geschichte erzählen lassen. Er bezahlt Forscher dafür, und wenn er von der Schwierigkeit berichtet, die Fakten von den Vermutungen zu trennen, klingt Honerla wie der Stasi-Beauftragte der Bundesregierung. "Wir lassen viele offene Fragen überprüfen", sagt er.
Details sind ihm wichtig. Honerla betritt ein gelbes Haus mit dem Namen Meissen und beugt sich nah an die Wände im Flur. "Wenn der Farbhistoriker kommt", sagt er, "sollten wir auch mal die Innenschichten überprüfen lassen." Zimmer 42 sieht aus, als wären die Athleten heute Morgen abgereist. Hier schlief der Mann, der Hitler die Spiele verdarb. Sein Bild steht auf dem Schreibtisch. Er gewann vier Goldmedaillen und hatte schwarze Haut. Jesse Owens lief schneller als jeder andere Mann der Welt.
Draußen kratzen zwei Bagger die Reste eines Plattenbaus zusammen. Die Sowjetarmee ließ die Klötze bauen, als sie hier nach dem Krieg eine Kaserne einrichtete. Honerla lässt die Platten jetzt abreißen und legt den Blick auf das alte Dorf wieder frei. Die Sichtachsen sind ihm wichtig.
Im Hindenburghaus geht Honerla die Treppe hinauf, vorbei an einem Wandrelief, auf dem Soldaten im Gleichschritt marschieren. Es war das Haus der Kultur. Die Nazis ließen hier die Berliner Philharmoniker und das Ballett der Staatsoper auftreten. Sie glaubten, sie könnten dem Publikum auch mit dem Film "Der Neuaufbau des deutschen Heeres" eine Freude machen. Doch sie unterschätzten die Athleten. Die standen auf und gingen. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 17/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gesellschaft:
Hitlers Auge

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich