28.04.2008

GLOBALISIERUNG„Kultur des Todes“

Indien und China importieren immer größere Mengen Reis und Soja. Die enorme Nachfrage treibt die Preise, sie macht aus Urwald und Äckern umweltschädliche Monokulturen. Und sie gibt Ausblick in eine Zukunft, in der Nahrung immer mehr zum Luxus wird.
Santarém im Herzen des brasilianischen Regenwaldes ist ein beschauliches Städtchen. Schmucke Passagierdampfer schaukeln an der Mole des Rio Tapajós, der hier in den Amazonas mündet, Liebespärchen turteln auf der Promenade. Noch idyllischer wäre es allerdings, wenn sich nicht am Horizont die Verladestation des amerikanischen Agrarmultis Cargill gegen den wolkenschweren Tropenhimmel abzeichnen würde.
Wie ein Giraffenhals reckt sich die Stahlkonstruktion empor, unablässig speit sie Sojabohnen in die Schiffsbäuche, tonnenweise. Stündlich legt ein Riesenfrachter ab zur 600 Kilometer entfernten Mündung des Amazonas. Und von da geht es nach China.
Bis Ende des vorigen Jahrhunderts war Soja am Amazonas praktisch unbekannt. Erst der Bau des Getreidehafens lockte Sojabauern aus dem Süden an. Das Land war hier billiger, die Banken gewährten günstige Kredite, Cargill garantierte die Abnahme.
Dörfer, Kautschukplantagen und Rinderweiden verwandelten sich in Bohnenfelder. Die Farmer schlugen gewaltige Schneisen in den Urwald, bis Umweltschützer zeitweilig den Planierwahn stoppten. In Mato Grosso, dem wichtigsten Anbaugebiet, einigten sich Produzenten und Öko-Aktivisten auf ein zweijähriges Moratorium für Soja aus dem Amazonasgebiet.
Jetzt soll es wieder weitergehen, denn die Preise ziehen an: Das liege vor allem an Chinas Rohstoffhunger, sagt Pedro Jacyr Bongiolo, Präsident der André-Maggi-Gruppe, eines der größten Sojaproduzenten der Welt.
Vom Río de la Plata bis zum Amazonas saugen die Chinesen die Märkte für Soja leer. Weite Teile des Bundesstaats Mato Grosso sind bereits eine grüne, mit Pestiziden verseuchte Monokultur. In der Trockenzeit von August bis November liegt Cuiabá, die Hauptstadt von Mato Grosso, unter einer Rauchglocke. Viele Farmer fackeln trotz Verbots den Urwald ab, um weitere Äcker zu gewinnen.
Im Nachbarland Argentinien verdunkelte vor zwei Wochen dichter Qualm sogar die Hauptstadt Buenos Aires. Am nahen Delta des Paraná-Flusses waren es allerdings Viehzüchter, die Buschland niederbrannten. Denn ihre traditionellen Weiden schrumpfen, weil immer mehr Soja angebaut wird. Auch hier kauft China auf.
Und die Verlierer des Sojarauschs stehen längst fest. In Santarém sind Hunderte Kleinbauern arbeitslos geworden, nachdem sie ihre Felder an die Sojafarmer verkauft hatten. Das Geld war rasch verbraucht, jetzt hausen die meisten in Elendsvierteln, weil der Anbau der Ölpflanze kaum Arbeitsplätze schafft.
"Soja ist eine Kultur des Todes", sagt die Gewerkschaftsführerin Ivete Bastos. Doch solche Meinungen interessieren wenig, schon gar nicht am anderen Ende der Welt, 16 000 Kilometer entfernt. China pflegt Brasilien als einen seiner wichtigsten Handelspartner. Langzeitkontrakte sollen Rohstoffe sichern, und in jüngster Zeit vor allem Nahrungsmittel.
Die aufstrebende Weltmacht mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern muss aufpassen, dass nicht auch sie von der Hungerkrise heimgesucht wird, nachdem sie gerade erst die Armut im eigenen Land weitgehend besiegt hat. Chinas Nachfragemacht wird allenfalls noch von Indien erreicht, wo 1,1 Milliarden Menschen leben. Zusammen müssen die beiden asiatischen Nationen über ein Drittel der Weltbevölkerung ernähren - in Zeiten explodierender Lebensmittelpreise verschärft allein schon ihre Größe die Krise.
So hat sich Indien gerade entschlossen, eine zusätzliche strategische Nahrungsreserve aufzubauen, weil die Weizenproduktion seit der Jahrtausendwende stagniert. Mit jedem Prozent indischen Wachstums steigt der Nahrungsbedarf um 0,7 Prozent, haben Statistiker errechnet. Allein voriges Jahr, als Indien pro Kopf um 7,5 Prozent zulegte, wurden demnach rund 5,2 Prozent mehr Lebensmittel benötigt, vor allem Wohlstandsnahrung.
In China verhält es sich ähnlich. Der global betriebene Sojaeinkauf ist eine Folge veränderter Essgewohnheiten. Über die Hälfte allen Sojas landet inzwischen im Reich der Mitte.
Unschwer zu erraten, wie sich die Preise entwickeln, wenn die beiden Bevölkerungsgiganten auch andere Nahrungsmittel ähnlich aggressiv aufkaufen. In immer mehr jetzt schon gefährlich armen Staaten würden Weizen oder Fleisch ein kaum noch bezahlbarer Luxus, Hungersnöte und -aufstände würden wohl noch weiter um sich greifen. "Die Geschehnisse auf Haiti", sagt der Londoner Autor Raj Patel, "sind ein Menetekel."
Ein Großteil der Sojaernte wird an der Warenterminbörse von Chicago gehandelt. Chinesen sucht man hier vergebens, aber dafür liefern sie den Hauptgesprächsstoff. "Wie mit einem gigantischen Besen" fegen sie an bestimmten Tagen den Markt leer, berichten Händler. Denn chinesische Bauern benötigen immer mehr Viehfutter, chinesische Familien immer mehr Speiseöl.
Die Nationale Kommission für Entwicklung und Reform in Peking hat das Krisenmanagement übernommen. Sie will mit niedrigen Einfuhrzöllen die Preisspirale bremsen, aber das funktioniert nicht wie erhofft. In einem Supermarkt in Chongqing brach sogar eine Massenpanik aus, als Kunden um verbilligtes Speiseöl stritten. 3 Menschen wurden totgetrampelt und 31 verletzt.
Premier Wen Jiabao tröstet sich und seine Landsleute gern mit dem Sprichwort: "Wer Getreide in der Hand hat, gerät nicht in Panik." Doch neuerdings fürchtet die Partei wieder Versorgungsengpässe als Gefahr für Ruhe und Ordnung. Selbst im wohlhabenden Hongkong kauften Verbraucher in einer kollektiven Angstattacke die Reisregale leer. Die staatlichen Medien zeigen deshalb dauernd satte Felder und prall gefüllte Supermärkte.
Bei Reis sei China weitgehend selbstversorgend, beruhigt Wen, der Staat habe sogar 40 bis 50 Millionen Tonnen für den Notfall gebunkert. Die Versorgungslücke aber beträgt rund zehn Prozent, was bedeutet, dass für immerhin 130 Millionen Menschen Reis eingeführt werden muss. Zurzeit ist dies ungemein schwierig, weil die wichtigsten Exportnationen Thailand, Indonesien und Vietnam ihre Ausfuhren eingeschränkt haben - damit ihre Scheunen nicht durch Hamsterkäufer geleert werden und das eigene Volk darben muss.
China verhindert seit Januar ebenfalls mit neuen Zöllen Getreidelieferungen ins Ausland. Exportquoten, Subventionen für Bauern und Preiskontrollen sollen die heimische Versorgung sichern. Äcker werden sogar per Satellit überwacht, damit sie sich nicht plötzlich und unerlaubt in Bauland verwandeln.
Doch auf Dauer fruchtet all das wenig. China und Indien müssen sich in immer größerem Stil im Ausland eindecken, weil die Bevölkerung stetig wächst und die Agrarflächen zugleich schrumpfen. Peking hat ausgerechnet, dass 120 Millionen Hektar benötigt werden, um die Nation zu versorgen. Derzeit liegt die verfügbare Fläche kaum höher, und täglich verschwinden fruchtbare Äcker unter Beton.
Weil so ziemlich alle halbwegs ertragreichen Böden auch bepflanzt werden, laugt sie das auf Dauer aus. Bereits heute verbraucht China ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion. Das wiederum treibt die Preise hoch, und irgendwann hilft auch kein Dünger mehr.
"Die meisten Produktivitätssteigerungen mit solch einfachen Mitteln sind bereits ausgeschöpft", glaubt der Experte Jonathan Anderson von der schweizerischen UBS-Bank. Vor allem in Nordchina sind die Böden so schlecht, dass das Vieh auf Anweisung der Behörden in den Ställen bleiben muss, damit die Weiden nicht weiter erodieren und das Regenwasser nicht einfach wegfließt.
Emsig sucht China nach Lösungen für all diese Probleme. Experten des Handelsministeriums schlagen vor, Agrarbetriebe sollten direkt in Südostasien oder Afrika investieren, Farmen gründen und so den Getreidenachschub sichern. In Afrika werden zwar nur selten landwirtschaftliche Überschüsse erzielt, dennoch schulen chinesische Fachleute dortige Bauern.
So haben sich schon vor über zehn Jahren chinesische Bauern auf einem Dutzend Großfarmen in Sambia niedergelassen. Sie genießen großzügige Förderung durch die Regierung in Lusaka, zahlen nur wenig Steuern und sollen neue Impulse setzen.
In Uganda hat die Regierung von Yoweri Museveni 400 chinesischen Bauern rund 4000 Hektar Ackerland zur Verfügung gestellt. "Wir bringen Erfahrung mit und moderne Maschinen", schwärmt Liu Jianjun, Vorsitzender des chinesisch-afrikanischen Wirtschaftsverbands. "Und wir haben hochwertiges Saatgut, das viel ertragreicher ist als heimische Sorten."
Die Asiaten hoffen, dass sich ihre Bemühungen irgendwann rentieren, denn es sind keineswegs nur selbstlose entwicklungspolitische Ziele, die da verfolgt werden. In der Heimat fressen sich neue Städte weit ins Land hinein, Millionen Bauern werden vertrieben. Praktisch wäre es also, wenn möglichst viele emigrieren können. Schon jetzt arbeiten 750 000 Chinesen in Afrika.
Im Unterschied zum Reich der Mitte sind während der indischen Marktreformen in den neunziger Jahren Hunderttausende Bauern in die Abhängigkeit multinationaler Konzerne geraten. Ihnen wurde die Gentechnik schöngeredet mit dem Ergebnis, dass sie von ihren Nährpflanzen umgestiegen sind auf Nutzpflanzen wie Baumwolle. Doch die Sträucher waren anfällig für Schädlinge. Überdies musste teurer Spezialdünger gekauft werden und zum Teil sogar das Saatgut jedes Jahr aufs Neue. Das trieb Zehntausende in den Ruin und in den Selbstmord.
Indien hat die akute Armut längst noch nicht überwunden. Immer noch leben 70 Prozent aller Inder in Dörfern und abgelegenen Weilern und zum größten Teil in Armut. Sie erzeugen kaum mehr Getreide als in den siebziger Jahren. Damals hatte sich das Land erstmals autark erklärt, inzwischen aber hat sich die Bevölkerung verdoppelt.
Seit Januar sind in Indien die Lebensmittelpreise um 40 Prozent gestiegen, die Inflation liegt bei 7 Prozent, was Premier Manmohan Singh für eine akute Bedrohung seiner Regierungskoalition hält. Seine Regierung subventioniert Palmöl und Importgetreide und verbietet Termingeschäfte für Getreide, so dass erst einmal nicht mit einer Hungerkrise zu rechnen ist. Maoistische Gruppen wie die radikalen Naxaliten profitieren hingegen schon seit Jahren von der Misere der Landwirtschaft und etablieren in immer mehr Distrikten alternative Verwaltungen.
Auch Indien versucht inzwischen, Nahrungsmittelimporte durch bilaterale Abkommen zu sichern, etwa mit Kasachstan. Zudem will das Land "stark in Afrika investieren", wie Premier Singh erklärte. Und die Politiker in Neu-Delhi greifen ähnlich schnell zu Handelsbeschränkungen wie die in den Nachbarländern. Anfang März erließen sie ein Exportverbot für fast alle Reissorten, was dazu führt, dass die aktuelle Ernte, eine der besten seit langem, dem Weltmarkt vorenthalten wird. Das wichtigste Grundnahrungsmittel für etwa vier Milliarden Menschen in Afrika und Asien wird teilweise schon für über 1000 Dollar pro Tonne verkauft.
Hauptsächlich Spekulanten und Großerzeuger profitieren derzeit von der neuen Marktlage - von der Verknappung des Angebots durch Exportstopps, vom fieberhaften Aufkauf der verfügbaren Ware, vom Wandel in Indien und China, der den Weltmarkt immer stärker mitbestimmt. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Seit der Reis so teuer geworden ist, weckt er vielmehr ganz neue Begehrlichkeiten, etwa in Thailand: Er verschwindet von den Feldern. Die Diebe kommen im Dunkeln, und sie leisten ganze Arbeit.
Ein Bauer in der Sing-Buri-Provinz beispielsweise fand im Morgengrauen sein gesamtes Reisfeld abgeerntet vor. Es muss ein Team gewesen sein, es muss Traktoren benutzt haben, jammerte er: "Wenn die Preise niedrig sind, bekommen wir kein Geld, und wenn die Preise hoch sind, werden wir bestohlen."
Als letzte Hilfe gegen die Plünderer gilt in Sing-Buri deshalb die Selbsthilfe. Landwirte nächtigen neuerdings auf ihren Feldern - um die örtlichen Profiteure der weltweiten Nahrungsmittelkrise notfalls persönlich in die Flucht zu schlagen.
RÜDIGER FALKSOHN, JENS GLÜSING,
HORAND KNAUP, PADMA RAO,
THILO THIELKE, WIELAND WAGNER
Von Rüdiger Falksohn, Jens Glüsing, Horand Knaup, Padma Rao, Thilo Thielke und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 18/2008
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