28.04.2008

CHINAEngel im Rollstuhl

Die weltweiten Proteste gegen Pekings Tibet-Politik haben den Stolz der Chinesen verletzt und eifernden Nationalismus provoziert. Die KP freut sich, ruft aber zur Mäßigung auf.
In der Pekinger Universität für Technologie laufen die Lehrer im Kreis. Sie umrunden den Campus, die bunten Fahnen der Fakultäten flattern voran. "Die Harmonie fördern, für die Gesundheit laufen" lautet das Motto der Aktion, mit der sich die Dozenten auf die Olympischen Spiele einstimmen sollen.
Bei ihrem nachmittäglichen Spaziergang passieren die Hochschullehrer auch das Studentenwohnheim, einen unansehnlichen grauen Kasten. Dessen Bewohner haben mit körperlicher Ertüchtigung derzeit wenig im Sinn: Sie machen sich Sorgen um China. Deshalb haben sie aus fast allen Fenstern chinesische Fahnen gehängt. Chemiestudent Zhang Hui hat seine für 30 Yuan (etwa drei Euro) übers Internet bestellt, 10 weitere Yuan kostete die Lieferung. "So wollen wir das Vaterland unterstützen", sagt er.
Demonstrativ herausgestrichene Liebe zum Vaterland steht in diesen Tagen hoch im Kurs. Zhang und seine Kommilitonen sind Teil einer Bewegung, die ganz China erfasst hat. Auslöser sind die Unruhen in Tibet Mitte März und die Proteste während des olympischen Fackellaufs. Zunächst erstaunt und dann entsetzt haben die Chinesen die Kritik aus aller Welt registriert.
Nun schimpfen sie auf ausländische Politiker, die den Dalai Lama unterstützen. Sie beklagen vermeintlich voreingenommene Medienberichte und wittern eine Verschwörung fremder Mächte, die China nicht nur erfolgreiche Olympische Spiele, sondern auch den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht missgönnen. Besonderes Missfallen erregte das SPIEGEL-Titelbild mit den olympischen Ringen aus Stacheldraht.
Angriffe auf die Fackel verstehen viele Chinesen als "nationale Schmach". In Internet-Foren, Blogs und auf Web-Seiten reagieren sie mit ausländerfeindlichen Attacken. "Ich fühlte mich gedemütigt, als ich sah, welche Schwierigkeiten der Fackellauf in den westlichen Ländern hatte", schreibt ein Kommentator. Ein anderer beklagt sich: "Als wir arm waren, wurden wir beschimpft. Als wir uns entwickelten, wurden wir angeklagt, die Umwelt zu verschmutzen. Schwach sind wir der ,kranke Mann Asiens', stark aber das ,Reich des Bösen'."
Weil die behinderte Fechterin Jin Jing während des Fackellaufs in Paris in ihrem Rollstuhl angegriffen wurde, demonstrierten Tausende vor Filialen der französischen Supermarktkette Carrefour und riefen zum Boykott französischer Produkte auf. Charles Zhang, Gründer des Web-Portals Sohu.com: "Ich bin dafür, französische Waren zu boykottieren, damit die voreingenommenen französischen Medien und die Öffentlichkeit den Verlust spüren und es ihnen weh tut." Die angegriffene Sportlerin fand sich in chinesischen Zeitungen als "Engel im Rollstuhl" wieder.
Die chinesische Sprachstudentin Grace Wang von der amerikanischen Duke-Universität wurde dagegen landesweit zur Verräterin abgestempelt, nur weil sie tibetische und chinesische Demonstranten aufgefordert hatte, miteinander zu reden. Im Stil der Kulturrevolution brandmarkten Eiferer sie im Internet als "schamlose Hündin". Vor der Haustür ihrer Eltern landete ein Topf voller Fäkalien, an der Wand erschienen rote Schriftzeichen: "Tötet die Feinde." Wang: "Ich wurde zur unerwünschten Person im eigenen Land."
Der dumpfe Nationalismus wird genährt von einem Gefühl, das tief ins Selbstverständnis vieler Chinesen eingebrannt ist: Danach war ihre Heimat seit über 160 Jahren immer wieder wehrloses Opfer ausländischer Mächte. Das Geschichtsbuch der Mittelschulen beginnt mit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts, in denen Briten und Franzosen China mit Kanonenbooten zwangen, sich der Außenwelt zu öffnen. Im Sommer des Jahres 1900 überfielen dann acht fremde Armeen die Hauptstadt Peking und zerstörten den Sommerpalast. Später besetzten die Japaner das Land und töteten 1937 in Nanjing Hunderttausende Einwohner.
Die KP hält die kollektive Erinnerung an solche Erniedrigung wach: Im Schulunterricht, in Theaterstücken und Filmen lernen die Chinesen, dass erst Mao Zedong und die KP die nationale Würde retteten. Die historische Lektion aus der Zeit, in der China "verwundbar war und der westlichen Welt hinterherhinkte", heißt es in einem Lehrbuch, ist "in unseren Knochen und Herzen begraben".
Das allgegenwärtige Geschichtsbewusstsein soll die Überzeugung verbreiten, nur die KP könne das Land so mächtig machen, dass es niemand mehr wagt, auf China herabzusehen. Nationalismus ist für die Partei, die den Kommunismus abgestreift und durch einen rauen Kapitalismus ersetzt hat, zur Ersatzideologie und zu einem Bindeglied zum Volk geworden. Das Konzept scheint aufzugehen: Chinas Jugend schart sich derzeit um die ansonsten wenig geliebte Partei.
Sogar im Ausland schwenken Tausende Chinesen, manche längst mit einer amerikanischen Green Card, einem französischen oder australischen Pass in der Tasche, beim Fackellauf die chinesische Fahne. Viele von ihnen sind wirklich davon überzeugt, dass das in den westlichen Medien verbreitete Bild ihrer Heimat, in der Soldaten die Tibeter unterdrücken, in der Dissidenten verfolgt und Wanderarbeiter wie Sklaven behandelt werden, nichts mit dem Alltag zu tun hat, den sie kennen.
In solcher Atmosphäre brodelt der Nationalismus der Gefühle, und zuweilen läuft er über. Weil in Japan Schulbücher veröffentlicht wurden, die die Greuel der Besatzungszeit in China verharmlosten, gingen schon vor drei Jahren Tausende auf die Straße. Unternehmen wie Nike oder Toyota mussten öffentlich um Verzeihung bitten, nachdem ihre Werbespots angeblich die chinesischen Staatssymbole - Löwe und Drache - verunglimpft hatten.
Andererseits achtet die chinesische Führung darauf, dass die Empörung nicht überhandnimmt. Sie weiß, aufgestaute nationale Empfindungen können sich gegen sie selbst wenden. Aus Angst vor allzu heftigem Volkszorn verschoben die Funktionäre alle Massenveranstaltungen,
unter anderem das Pekinger Rock-Festival "Midi".
Um auch international die Lage zu entspannen, bot die Führung in Peking jetzt erstmals eine neue Konsultationsrunde mit Abgesandten des Dalai Lama an. Obwohl bis Ende der Woche unklar blieb, wann der Kontakt zustande kommt, wurde die Offerte weltweit, auch vom Dalai Lama, begrüßt.
Der entkrampften Situation entspricht das neue Zauberwort der staatlichen Propaganda vom "rationalen Patriotismus": Die "patriotische Inbrunst" müsse in vernünftige Bahnen gelenkt werden, am besten in fleißige Arbeit.
Doch der Aufruf zum Maßhalten fand bisher wenig Anklang, nur ein paar moderate Intellektuelle sind auf die neue Linie eingeschwenkt. Chang Ping, stellvertretender Chefredakteur der kritischen Zeitung "Metropole des Südens" in Kanton, klagte in seinem Blog, manche Leute hätten Zuflucht in einem "engen Nationalismus" gesucht, weil sie von den westlichen Medien enttäuscht seien. "Ein Landesverräter" sei er, schimpften seine Gegner daraufhin, eine "chinesische Ausgabe von CNN".
Auch die Studenten der Pekinger Technologie-Universität widersetzten sich bis Freitagabend der Uni-Leitung: Ihr graues Haus leuchtete an vielen Stellen noch immer rot. ANDREAS LORENZ
* Durch Präsident Hu Jintao am 31. März in Peking.
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 18/2008
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