05.05.2008

AuslandMehr Hummer!

Global Village: In Mogadischu versucht ein ägyptischer Arzt, hungernde Somalier dazu zu bringen, Fisch zu essen.
Der ägyptische Arzt hat einen dicken Fisch an die Tür des Besprechungszimmers in Mogadischus Banadir-Krankenhaus gemalt, einen riesigen Fisch, und darunter hat er schreiben lassen: Esst mehr Fisch. Ausrufezeichen. Mehr Fisch! Oder Hummer! Das ist keine freundliche Aufforderung mehr, das ist ein Befehl. Ein hilfloser allerdings; einer, der nicht befolgt wird, bloß bestaunt - voller Unverständnis und Ratlosigkeit und mit Kopfschütteln.
Adnan Mohammed Kamal Sajada kam aus Kairo, um Leben zu retten. Rund um das Hospital in Somalias umkämpfter Hauptstadt schlagen dumpf krachend die Granaten der Islamisten ein. Durch die Straßen ziehen marodierend äthiopische Besatzungssoldaten. In den wenigen Krankenhäusern der Stadt, die noch geöffnet sind, dämmern zu Krüppeln zerschossene Somalier ihrem Ende entgegen. Ihnen zu helfen, kam der Chirurg aus Ägypten in dieses Inferno am Horn Afrikas.
Er dachte, das sei alles, was ein Arzt in diesem Land noch tun kann. Doch dann sah er die Hungernden. Manche schleppten sich in das Krankenhaus, manche wurden getragen: Sie waren ausgezehrt, unterernährt und dehydriert. Und viele wurden nur noch zum Sterben hier abgeliefert.
Mittlerweile sind es Hunderttausende, die in Somalia hungern. Sie leben in gewaltigen Elendslagern am Stadtrand von Mogadischu, sie mäandern in endlosen Kolonnen durch das Land, sie versuchen, sich in klapprigen Booten über den Golf von Aden hinüber in den Jemen zu retten. Allein bei diesem Versuch ertranken vergangenes Jahr 1500 Verzweifelte. Viele mehr sterben einen stillen Tod in der Savanne Somalias.
Längst spielt sich Afrikas womöglich größte Tragödie in Somalia ab, weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.
Der Leiter von Unicef Somalia, Christian Balslev-Olesen, sagt: "Wegen des Kriegs haben wir kaum eine Möglichkeit, die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. In vielen Gegenden Somalias ist ein Viertel unterernährt. Es droht eine Hungerkatastrophe."
Sajada steht neben seinem selbstgemalten Fisch und blickt ratlos den Gang des Krankenhauses hinunter. Auf dem nackten Boden des Flurs liegen die Elenden. "Sie müssten bloß Fisch essen", sagt der Doktor immer wieder: "Warum um Himmels willen essen sie denn keinen Fisch?"
Fisch, doziert der Mediziner, enthalte jede Menge Vitamine und Mineralstoffe. Er enthält Vitamin B1, B2, B6 und B12, Vitamin A und E, Selen und Jod, zudem Niacin, Pantothensäure und Biotin, Kalium, Magnesium, Calcium und Natrium. Omega-3-Fettsäuren schützen vor Herz-Kreislauf-Beschwerden. Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren verhindern Thrombosen und Herzinfarkte. Ernährungswissenschaftler würden keinen Speiseplan mehr ohne Fisch aufstellen.
Die somalische Küste ist 3025 Kilometer lang, das entspricht ungefähr der Entfernung von Berlin nach Kairo. Und die somalischen Gewässer wimmeln von Meeresgetier. Somalia ist beispielsweise ein wichtiger Exporteur von Hummer für die Arabische Halbinsel. Erst kürzlich wurde ein spanischer Fischkutter vor der Küste von Piraten gekapert.
Auf der Dachterrasse des Shamo-Hotels sitzen die wenigen Ausländer, die sich noch nach Mogadischu wagen, und stopfen sich für ein paar Dollar den Magen mit Krustentieren voll. Sie sind billig in Mogadischu, und sie sind überall zu bekommen: Viele Somalier essen nämlich selbst keinen Fisch.
"Ich habe es erst nicht glauben wollen", sagt Sajada, "aber die Somalier sind wohl das einzige Küstenvolk der Erde, das keinen Fisch mag." Dabei könnte ausgerechnet der Verzehr von Krebstieren und Fisch, worüber Somalia im Überfluss verfügt, viele Ernährungsprobleme der hungernden Bevölkerung lösen, die drohende Katastrophe womöglich verhindern. Die meisten Somalier weigern sich jedoch aus kulturellen Gründen, Fisch zu essen. Sajada: "Fisch hat einfach einen schlechten Ruf in Somalia. Was für ein Irrsinn! Das kann so viele Menschenleben kosten."
Hauptursache für den lebensbedrohlichen Fischverzicht der meisten Somalier ist die immer noch überwiegend nomadisch geprägte Leitkultur des Landes. Bis heute ziehen rund 60 Prozent der Bevölkerung mit ihren Viehherden durchs Land, essen Fleisch, trinken bis zu neun Liter Milch am Tag und blicken voller Verachtung auf Bauern und Fischer herab. Die gelten ihnen als schlechte Hirten, die sich kein eigenes Vieh leisten können. Die soziale Stellung wird besonders durch die Anzahl der Kamele oder Rinder definiert.
Abdulkadir Hussein Maalin von der somalischen Hilfsorganisation Somlink bestätigt die starre Rangordnung der Gesellschaft: "In der somalischen Hierarchie rangiert der Kamelzüchter an erster Stelle, danach kommen die Ziegenhirten, sehr weit darunter steht der Ackerbauer, der Fischer aber genießt das geringste Ansehen." Ähnlich verhalte es sich mit den Essgewohnheiten: Erst kommt das Fleisch, dann das Gemüse, zuletzt der Fisch.
In einem Land, das wie Somalia von Dürren und Bürgerkrieg heimgesucht wird, kann eine derartige Abhängigkeit von wenigen, kulturell akzeptierten Lebensmitteln tödlich sein.
Hilfsorganisationen kennen das Problem schon seit langem. Nachdem der Tsunami Weihnachten 2004 bis an die somalische Küste gerollt war, versorgte das Welternährungsprogramm der Uno die betroffene Bevölkerung mit Mais. Es war gelber Mais, wie er in den Vereinigten Staaten angebaut wird.
Die Somalier kennen aber keinen gelben, sondern nur weißen Mais. Die milde Gabe verfütterten sie deshalb lieber an ihr Vieh, als sie selbst zu essen. THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 19/2008
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