10.05.2008

GesellschaftSolo für Eva

Ortstermin: Was die Präsentation des jüngsten Buchs von Eva Herman Neues über Deutschland verrät - und über die Autorin
Eva Herman trägt einen dieser rosafarbenen Blazer, wie man sie manchmal bei Gabriele Pauli oder Cindy McCain sieht, der Frau von John McCain. Sie sitzt im ersten Stock des Stuttgarter Literaturhauses, in einem schlichten, schönen Saal mit hellem Parkett, in den jemand mehrere Reihen weißer Stühle geräumt hat. An der Wand hängen zwei Plakate mit dem Cover des neuen Eva-Herman-Buchs. "Das Überlebensprinzip. Warum wir die Schöpfung nicht täuschen können". Auf dem Cover trägt Eva Herman auch einen Blazer. Sie lächelt.
"Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zum Pressetermin und zur Präsentation des neuen Buchs von Eva Herman", sagt Frieder Trommer, der Geschäftsführer des Hänss-ler Verlags. Die meisten Fotografen finden nicht, dass dies ein Grund ist, mit dem Fotografieren aufzuhören. Sie knien vor dem langen Tisch und machen Fotos, manche warten, dass Eva Herman sich etwas bewegt. Die Journalisten warten ebenfalls. Sie sitzen da wie Leguane in der Sonne. Nur wenige schreiben mit. Herman redet über ihr neues Buch. Die Journalisten warten.
Der Hänssler Verlag ist einer der größten christlichen Verlage in Deutschland. Er hat eine Pressemappe verteilt, in der steht: "Dass es Diskussionen über die Kernthemen unserer Gesellschaft geben muss, daran lässt dieses Buch keine Zweifel." Mit Kernthemen sind die Rolle von Mann und Frau, der Feminismus, die Kindererziehung, das Stillen, Gott, Alice Schwarzer und all die anderen Eva-Herman-Anliegen gemeint. All das wird in dem neuen Buch angesprochen.
Das Buch besteht aus Fragen und Antworten. Friedrich Hänssler, der bis vor wenigen Jahren den Hänssler Verlag leitete, hat die Fragen gestellt. Eva Herman antwortet. Es sind nette Fragen. Kerner würde Jopi Heesters solche Fragen stellen. Woher-nehmen-Sie-Ihre-Kraft-Fragen.
Es geht bei diesem Pressetermin nicht um Inhalte. Nicht um das Buch. Was in dem Buch steht, weiß man im Großen und Ganzen. Vermutlich wissen die meisten Deutschen mehr über die politischen Überzeugungen der ehemaligen "Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman als über die Überzeugungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das hängt damit zusammen, dass Eva Herman bei ihrer letzten Buchvorstellung über Familienpolitik und Werte während der NS-Herrschaft in Deutschland gesprochen hatte. Danach hieß es, Eva Herman sei rechts. So weit rechts, dass die "Frankfurter Rundschau" titelte: "Die Mutterkreuzzüglerin". "Bild" fragte: "Ist Eva Herman braun oder nur doof?" Und als Kerner die Autorin aus der Sendung warf, nachdem sie irgendwas von Autobahnen erzählt hatte und davon, "dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten", hatten die Medienseiten in der Presse für eine Weile gut zu tun.
Um solche Sätze geht es. Die Journalisten sitzen da und warten.
Man kann diese Buchvorstellung eigentlich mit dem Besuch in einem Pornokino vergleichen. Der Teil, in dem Eva Herman über gesellschaftliche Kernthemen redet, ist der Teil, den man als Handlung bezeichnen könnte. Wenn es ginge, würde man an diesen Stellen einfach vorspulen, zum Wesentlichen. Das Wesentliche im Fall von Eva Herman wären Sätze, in denen sie Unfug redet. Sätze, in denen ihr Worte aus dem Mund fallen, Worte wie "Führer", "DVU", "Mutterkreuz". Oder "Autobahn".
"Ich weiß, dass alles, was ich sage, zunächst genau unter die Lupe genommen wird", sagt Eva Herman. Sie hat immer noch eine sehr schöne "Tagesschau"-Stimme. Warm, aber seltsam gebremst diesmal.
Als sie davon spricht, dass es in Legebatterien für Hühner eine Mindestvorschrift für das Platzangebot gebe und für Kinder in der Krippe nicht, fügt sie schnell hinzu, es sei gut, dass es diese Regelung gebe. Die für die Legebatterien. Niemand soll sagen können, Eva Herman möge keine Legehennen.
Bis dahin ist alles gutgegangen.
Dann redet Eva Herman über Politik. Sie sagt, dass die Menschen aufstehen müssten gegen eine solche Politik. "Sie sollten diese Politiker nicht wählen."
Ein Journalist fragt: "Welche sollen sie denn wählen?" Das ist keine nette Frage, das ist eine Falle. Einige der Fotografen, die vor dem Tisch hocken, drehen sich nach hinten. Eva Herman könnte jetzt mit einem Satz alles kaputtmachen. Sie könnte sagen, dass Wählen ohnehin nicht der richtige Weg sei. Oder dass es schade sei, dass Bischof Mixa nicht Politiker geworden ist. Oder dass Evo Morales der Mann der Zukunft ist. Irgend so was. Aber Eva Herman sagt: "Das ist eine sehr schwierige Frage, ich denke, äh, es bedarf, es bedarf eines Drucks der Menschen, die Forderungen stellen und die andere Konzepte einfordern. Das ist natürlich nicht damit getan, die Politiker einfach nicht zu wählen. Das ist schon richtig. Besser ist es, wenn die Forderungen laut gestellt werden."
Da lässt sich nichts gegen sagen. Eva Herman wird ja nicht dümmer. Sie ist hier, um Werbung für ein Buch zu machen, in dem vieles steht, was man schon wusste. Eine neue Theorie allerdings findet sich darin. Es ist eine Theorie, mit der Eva Herman den Charakter von Alice Schwarzer erklären möchte. Sie schreibt, dass Menschen, die "einen deutlichen Muttermangel" erlebt haben, sehr "häufig in den linken bzw. linksfeministischen Lagern" zu finden sind.
"Lager". Hat sie das Wort "Lager" benutzt? Mit dem Wort "Lager" sollte Eva Herman vorsichtig sein. Nur so, um ganz sicher zu sein. JUAN MORENO
* Mit Ex-Verleger Friedrich Hänssler (M.).
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 20/2008
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