10.05.2008

ARBEITSMARKTMehr Jobs dank Meer

Mit raffinierten Tricks machte die Suhler Arbeitsagentur aus dem verschlafenen Städtchen den Ort mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in ganz Ostdeutschland.
Mit Suhl in Südthüringen verbinden selbst kundige Ostdeutsche relativ wenig. Das VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk fällt ihnen vielleicht ein, in dem das legendäre Simson-Moped hergestellt wurde. Ach ja, und die Schauspielerin Corinna Harfouch ist in Suhl geboren. Das ist es dann aber auch. Mit einem prosperierenden Arbeitsmarkt jedenfalls wird die Region selten in Verbindung gebracht. Dabei weist kein anderer Arbeitsagenturbezirk in den neuen Bundesländern eine niedrigere Arbeitslosenquote auf.
Dresden? Leipzig? Potsdam? Jene Metropolen, in denen sich große Konzerne wie Siemens, Infineon, BMW oder Porsche angesiedelt haben? Überraschenderweise saugt den Arbeitsmarkt kein anderer Ort derart leer wie der Bezirk Suhl. Der wahre Aufschwung Ost findet ausgerechnet mitten im verschlafenen Thüringer Wald statt.
Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Arbeitslosenquote auf aktuell nur 9,5 Prozent fast halbiert. Einzelne Orte liegen nahezu auf dem Westniveau von rund sieben Prozent. Dabei kann die Region nicht auf einen einzigen Großkonzern verweisen. Mehr als 95 Prozent der Betriebe beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter.
Doch genau in dieser Arbeitsmarktstruktur liegen auch Vorteile. "Wer keine Großunternehmen im Bezirk hat, muss auch keine Massenentlassungen befürchten", sagt Uwe Minta, Chef der örtlichen Arbeitsagentur. Dem Manko der fehlenden Industrielandschaft begegnet er mit allerlei Ideen, Tricks und einer Leidenschaft, die man vielen seiner Vermittlerkollegen auch nach allen Reformen der Ämter nicht als Erstes unterstellen würde.
Als Minta beispielsweise in der Zeitung einen Bericht über die Hochkonjunktur bei Kreuzfahrtunternehmen las, begann er schnell, von den "Jobmaschinen" auf See zu träumen - und fing an zu rechnen: Ein Schiff mit 3000 Passagieren hat etwa 1500 Beschäftigte - vom Koch über Zimmermädchen bis hin zum Elektriker wird alles gebraucht. Schnell schrieb er sämtliche Kreuzfahrtgrößen in Deutschland an und verwies auf das hochqualifizierte Personal, vor allem aus dem Gastronomiebereich, das in seinen Karteien schlummerte.
Alles, was zur Branche gehörte, kam fast vollzählig zu einer eigens gegründeten Jobmesse namens "Meer-Arbeit" nach Suhl. Inzwischen hat die dortige Arbeitsagentur als einzige in Deutschland exklusive Kooperationsverträge mit nahezu allen Adressen der Kreuzfahrtbranche, so dass sämtliche Bewerber aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen von Suhl aus ins maritime Fach vermittelt werden.
Sowohl das aus dem Fernsehen bekannte "Traumschiff" MS "Deutschland" der schleswig-holsteinischen Schwestern Gisa und Hedda Deilmann als auch die Schiffe der AidaCruises oder A-Rosa - alle rekrutieren ihr Personal mittlerweile über die südthüringische Arbeitsagentur.
"Die Leute aus Thüringen sind motivierter als andere, und sie können mehr als andere", sagt Reederin Gisa Deilmann, auf deren Traumschiff ausschließlich deutsches Personal arbeitet. Deilmann lobt: "Die Suhler Arbeitsagentur leistet die entscheidende Vorarbeit. Die wissen, was verlangt wird, das macht den Unterschied."
Es ist nicht der einzige Suhler Sonderweg: Einmal im Monat öffnet Minta sein Haus bis 22 Uhr abends, um Unternehmen und Beschäftigten, die im Schichtbetrieb arbeiten, die Möglichkeit zur besseren Kontaktaufnahme zu geben.
Einzelhändlern oder Gastronomiebetrieben, denen aufgrund vorübergehender Straßenbauarbeiten und -sperrungen die Kundschaft ausbleibt, schickt Minta schon mal Leute seiner Agentur, um auf das Kurzarbeitergeld aufmerksam zu machen - bis dahin wurde immer entlassen.
Vor einigen Jahren gründete der Agenturchef zudem die "Re-Thüringen" - ebenfalls eine Jobmesse - mit dem Ziel, einen Teil der mehr als 45 000 regionalen Pendler, die ins benachbarte Bayern und Hessen zum Arbeiten fahren, wieder in ihre Heimat zurückzulocken.
Das wirkt sich durchaus auf die Statistik aus. "Schlüsselarbeitskräfte sind Multiplikatoren für Arbeitsstellen", sagt Martin Feuerstein, Inhaber des Autozulieferers Präzisions-Apparatebau. "Pro erfahrener Schlüsselkraft können wir bis zu drei unerfahrene Arbeitnehmer einstellen." Allein durch solche Rückholmaßnahmen sank im vergangenen Jahr die Quote der Unqualifizierten und Langzeitarbeitslosen um fast 30 Prozent.
Doch welcher Arbeitnehmer interessiert sich schon für Angebote der Arbeits-agentur, solange er in Bayern oder Hessen einen Job hat? Minta schickt deshalb regelmäßig Mitarbeiter seiner Agentur auf die Pendlerparkplätze, um Info-Zettel zu verteilen.
Selbst dem Arbeitsministerium in Berlin war aufgefallen, wie rührig Minta und seine Mannschaft sind. Zur "Meer-Arbeit" im vergangenen Jahr schrieb der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering anerkennend, "um das Meer von Suhl aus zu sehen, braucht man entweder ein sehr, sehr gutes Fernrohr oder eine gehörige Portion Weitblick". Ob die Arbeitsagentur ein Fernrohr im Bestand habe, wisse er nicht, so Müntefering, "der Weitblick ist in jedem Fall vorhanden". JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 20/2008
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