19.05.2008

BUNDESWEHR„Der wichtigste Feind“

Ein missglückter KSK-Zugriff in Nordafghanistan, bei dem ein mutmaßlicher Terrorist fliehen konnte, setzt die Deutschen unter Druck: Wann ist Töten erlaubt?
Zart und grün stehen die Weizenpflanzen in diesem Frühjahr auf den Äckern von Nordafghanistan. Malerisch schlängelt sich ein Fluss durch die weitläufige Ebene, die Behausungen der Einheimischen sind von hohen Mauern umgeben. Hinter einer dieser Mauern, nahe der Kleinstadt Pul-i-Khumri, saß der Mann, den seine Verfolger als "Zielperson" ausgemacht hatten: der Bomber von Baghlan.
Der Taliban-Kommandeur gilt als brutaler Extremist mit besten Verbindungen in Terrorkreise nach Pakistan. Sicherheitsexperten halten ihn für einen der gefährlichsten Akteure der Region, in der die Deutschen das Kommando führen.
Der Paschtune lege Sprengfallen und beherberge Selbstmordattentäter, bevor diese in ihren tödlichen Einsatz gegen westliche und regierungstreue Sicherheitskräfte gingen, heißt es in Militärkreisen. Er stecke auch hinter dem bis dahin verheerendsten Anschlag in der Geschichte des Landes, bei dem am 6. November 2007 in einer Zuckerfabrik der nordöstlichen Provinz Baghlan bei einer Feier 79 Menschen starben, darunter Dutzende Kinder und viele Abgeordnete und Politiker.
Die geheime deutsche Einheit Kommando Spezialkräfte (KSK) sollte den grausamen Kommandeur dingfest machen, gemeinsam mit dem afghanischen Geheimdienst NDS und der Armee. Die Elitesoldaten aus dem baden-württembergischen Calw fanden seinen Aufenthaltsort heraus. Wochenlang studierten sie sein Verhaltensmuster: Wann er sein Haus verließ und mit wem, wie viele Männer er um sich hatte und welche Waffen sie trugen, die Farbe seines Turbans, seine Fahrzeuge.
Ende März entschlossen sie sich zum Zugriff. Im Schutz der Dunkelheit näherten sich die Spezialkräfte gemeinsam mit den Afghanen dem Gehöft. In dunkler Kleidung, mit Nachtsichtgeräten ausgestattet, schlichen sie sich auf wenige hundert Meter an ihr Ziel heran. Kurz davor wurden sie von Anhängern der Taliban entdeckt.
Der gefährliche Terrorist entkam, obwohl er getötet hätte werden können. Aber dazu waren die KSK-Soldaten nicht ermächtigt.
Nun ist die Bedrohung für die internationalen Helfer und die im Norden stationierten Isaf-Soldaten womöglich größer als zuvor: Gewarnt und wohl auf Rache bedacht, ist der Mann mit seinem Netzwerk weiter aktiv. Über 2500 Deutsche sind zwischen Faryab und Badakhshan stationiert (siehe Karte), außerdem Ungarn, Norweger und Schweden.
Der Fall sorgt im Hauptquartier der Isaf-Schutztruppe in Kabul für Unruhe: Die aktuelle Strategie bei der Feindbekämpfung lautet, Mitläufer zu kaufen und sie damit wenigstens für eine gewisse Zeit zu gewinnen - und die Hardliner "auszuschalten", also gezielt zu töten.
Militärisch gesehen gilt das sogenannte Targeting sogar als Erfolg: Etwa ein Drittel der Taliban-Nomenklatura, rund 150 Kommandeure, seien inzwischen "neutralisiert", also tot oder gefangen. Die meisten der Capture-or-kill-Missionen, wie die Operationen im Militärjargon heißen, übernehmen Spezialkräfte der Briten und der Amerikaner.
Die Deutschen wollen sich daran bisher nicht beteiligen. Das Problem: Die Aufständischen gewinnen auch in den neun Provinzen des deutschen Verantwortungsbereichs zunehmend an Einfluss. Die Extremisten geben sich siegesgewiss.
Dem SPIEGEL sagte jetzt der militärische Befehlshaber der Taliban in Kunduz, Maulawi Bashir Haqqani, 40: "Die Deutschen sind der wichtigste Feind im Norden. Sollten sie ihre Lager verlassen, werden auf jeder Straße Sprengfallen und Bomben auf die Deutschen warten. Sie werden noch viele Särge mit Leichen auf ihre Schultern laden, wenn sie nicht zu der realistischen Einschätzung kommen, dass ihre Streitkräfte aus unserem Land abziehen müssen."
In Berlin halte man sich jedoch auch in Zeiten wachsender Bedrohungen in Afghanistan an das "Prinzip der Verhältnismäßigkeit", betont ein hoher Beamter des Verteidigungsministeriums. Ein Flüchtender wie der Bomber von Baghlan sei kein Angreifer und dürfe deshalb nicht ohne Not erschossen werden.
Soldaten des britischen Special Air Service oder der US-Delta-Force haben damit weniger Probleme. Für sie ist das ein Krieg, in dem es um "töten oder getötet werden" geht, heißt es in Kabuler Militärkreisen: Die "Zielpersonen" werden identifiziert, aufgespürt und häufig mit lasergesteuerten Waffensystemen "ausgeschaltet".
Die Deutschen haben dagegen erhebliche Bedenken. Vertraulich hinterlegten sie bei der Nato "Klärende Anmerkungen" und eine weitreichende Weisung für ihre Soldaten, die dem üblichen Verfahren deutlich widerspricht: "Die Anwendung tödlicher Gewalt ist verboten, solange nicht ein Angriff stattfindet oder unmittelbar bevorsteht." Nato-Kreise werten das Geheimpapier als "Nationalen Vorbehalt", als sogenanntes Caveat, eine Einschränkung der Operationsfähigkeit - ein Wort, das die Deutschen aus diplomatischen Gründen gegenüber ihren Verbündeten stets meiden.
Das Bemerkenswerteste an dem Geheimpapier ist seine Begründung: Die Bundesregierung betrachtet die Vorgehensweise der Verbündeten als "nicht in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht". Da wundert es kaum, dass es bei der Afghanistan-Mission der Nato knirscht und kracht.
Die Kritiker halten den Deutschen vor, das Gegenteil von dem zu erreichen, was sie angeblich anstreben: "Die Krauts lassen die gefährlichsten Leute laufen und erhöhen damit die Bedrohung für die Afghanen und alle ausländischen Kräfte hier", sagt ein britischer Offizier im Kabuler Isaf-Hauptquartier an der Great Massoud Road verständnislos.
Der Fall um den Bomber von Baghlan ist noch nicht zu Ende, da gibt es erneut Ärger um die Deutschen: Eigentlich sollten sie sich im Verbund mit der afghanischen Armee und der norwegischen Quick Reaction Force im Norden an der Operation "Karez" beteiligen. Dabei geht es wie schon bei einer Mission im Herbst 2007 um die Bekämpfung von Taliban, die sich in der nordwestlichen Provinz Badghis festgesetzt haben, darunter derzeit etwa 150 Hardliner und rund 500 Gelegenheitskämpfer.
Weil das Operationsgebiet im Distrikt Ghormach jedoch genau auf der Schnittstelle zum Verantwortungsbereich der Italiener liegt, zögerte die Bundesregierung, ihre vom deutschen Regionalkommandeur ursprünglich zugesagten Aufklärer, Logistiker und Kräfte des KSK in den Kampf zu schicken. Erst Ende voriger Woche stimmte Verteidigungsminister Franz Josef Jung der Mission doch noch zu - da lagen die Verbündeten bereits eine Woche lang in blutigen Gefechten.
Vergangenen Freitag führte das Panzergrenadierbataillon 212 aus Augustdorf dem deutschen Heeresinspekteur Hans-Otto Budde eindrucksvoll auf einem Übungsplatz Gefechtsbereitschaft vor - ausgerechnet mit einer "Zugriffsoperation". Der Verband wird ab dem 1. Juli die norwegische Quick Reaction Force im Norden ablösen. Spätestens dann sind die Deutschen ganz vorn an der Front.
SUSANNE KOELBL, ALEXANDER SZANDAR
Von Susanne Koelbl und Alexander Szandar

DER SPIEGEL 21/2008
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