19.05.2008

AuslandMein Bruder, der Außerirdische

Global Village: In Castel Gandolfo überlegt Jesuitenpater José Gabriel Funes, ob es den Himmel auch für Marsmenschen gibt.
Die päpstliche Sternwarte, die "Specola Vaticana", liegt oberhalb des Albaner Sees und besteht im Wesentlichen aus zwei Kuppeln und einer Sammlung von mehr als 1200 Meteoritenteilen.
Die Kuppeln stehen auf dem Dach der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo und sind meistens geschlossen.
Denn der Himmel rings um Rom ist auch des Nachts viel zu aufgeklärt, als dass man noch etwas erkennen könnte.
Geleitet wird die Sternwarte seit August 2006 von dem Jesuiten José Gabriel Funes, einem Argentinier. Er ist Benedikts Mann fürs Außerirdische. Der 45-Jährige ist Spezialist für die Kinematik und Dynamik von Scheibengalaxien.
Und außerdem ist er Priester. In der Mittwochausgabe des "Osservatore Romano", dem globalen Mitteilungsblatt des 44-Hektar-Staates Vatikan, stand ein Interview mit Funes. Es wurde sogleich von der BBC in alle Welt gesendet, als hätte die päpstliche Sternwarte einen neuen Planeten entdeckt.
Nichts sei so wahrhaft menschlich wie die Betrachtung des Himmels, sagte Funes in dem Gespräch: "Es weitet unser Herz und hilft uns, all den Höllen zu entkommen, die sich auf Erden gebildet haben: der Gewalt, den Kriegen, der Armut und den Unterdrückungen."
Ein Mythos sei es zu glauben, dass Astronomie notwendig zum Atheismus führe, wie Richard Dawkins und Konsorten behaupten. Im Gegenteil: Astro- und Metaphysik vertragen sich bestens.
Funes ist einer von zwölf Jesuiten, die sich um die drei Teleskope und den Zeiss-Astrografen auf dem Dach der Residenz kümmern. Sie forschen über Meteoriten, Dunkle Materie oder Quasare und stehen in ständiger Verbindung mit ihrer Außenstelle in der Wüste von Arizona, wo die Nacht noch Nacht ist.
Die päpstlichen Astronomen haben von jeher einen exzellenten Ruf in der Szene. Über 30 Mondkrater sind nach jesuitischen Sternforschern benannt. Ein Kollege von Funes hat mit dafür gesorgt, dass Pluto seinen Planetenstatus aberkannt bekam. Sein Vorgänger auf dem Direktorenstuhl kreist - sozusagen - als auf den Namen (George) "Coyne" getaufter Asteroid um die Sonne.
Es gibt auch eine Schriftenreihe "Galileische Studien", die über die Entwicklungen im Jahrtausendstreit zwischen ptolemäischem und kopernikanischem Weltbild informiert.
Auf die Frage, ob er an Leben im Jenseits der Erde glaube, antwortet Funes: "Meiner Ansicht nach gibt es diese Möglichkeit. Die Astronomen denken, dass das Universum aus hundert Milliarden Galaxien besteht, von denen jede sich aus hundert Milliarden Sternen zusammensetzt. Viele von denen, oder fast alle, könnten Planeten haben. Wie kann man ausschließen, dass sich das Leben auch anderswo entwickelt hat?"
Schließlich sind auch die Indianer erst entdeckt worden, als die Bibel längst geschrieben war. Ganz zu schweigen von Olli Kahn.
Auch außerirdisches Leben, sagt Funes, gehöre zur Schöpfung, ob intelligent oder nicht: "Wir können der schöpferischen Freiheit Gottes keine Grenzen setzen", sagt Pater Funes. "Wenn wir mit dem heiligen Franz die Geschöpfe der Erde als ,Bruder' und ,Schwester' ansehen, warum sollten wir dann nicht auch von einem außerirdischen Bruder sprechen?"
Wobei die entscheidende Frage für einen Katholiken natürlich nicht ist, ob es Außerirdische gibt, sondern ob sie vom außerirdischen Leiden erlöst werden können. Gibt es eine Vorherbestimmung zum Heil auch für Bewohner im Sternbild des Orion?
Pater Funes ist da recht zuversichtlich: "Jesus ist ein für alle Mal Fleisch geworden. Die Menschwerdung ist ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis gewesen. Aber ich bin sicher, dass auch sie auf irgendeine Weise die Möglichkeit haben, sich der Barmherzigkeit Gottes zu erfreuen so wie wir Menschen."
Der päpstliche Astronom glaubt fest an die Gnade Gottes. Das war auch schon die Position der Glaubenskongregation, als vor gut einem Jahr erörtert werden musste, ob ungetauft verstorbene Kinder in die Hölle kommen oder in den Himmel.
Bis dahin galt die Lehre, es gebe für diese Fälle den "Limbus", eine Art Vorzimmer der Hölle, wo die Ungetauften in Illustrierten blättern und warten, bis der Barmherzige sie aufruft.
Aber wie wäre das bei Außerirdischen? Kommen Marsianer auch ungetauft in den Himmel, und wo endet eigentlich der Geltungsbereich der Ursünde?
Da gebe es, sagt Funes, das Gleichnis von dem Hirten, der seine 99 Schafe verlässt, um das eine vom Weg abgekommene zu retten: "Wir Menschen könnten das verlorene Schaf sein, Sünder, die den Hirten brauchen. Auch wenn es andere intelligente Lebewesen gäbe, ist nicht gesagt, dass sie Erlösung nötig hätten. Möglicherweise leben sie immer noch in voller Harmonie mit ihrem Schöpfer."
Das klingt wie die aufklärerische Idee vom "guten Wilden", dem reinen, unverdorbenen Bessermenschen aus Freilandhaltung. Genützt hat es den Wilden nichts. Missioniert wurden sie trotzdem, unter besonderer Beteiligung des Jesuitenordens. Aber vielleicht bleibt den himmlischen Wilden das ja erspart. ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 21/2008
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