26.05.2008

DeutschlandObamania

Im politischen Berlin herrscht Begeisterung über US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Die Euphorie reicht bis weit ins konservative Lager. Doch die Erwartungen könnten überzogen sein.
Allzu gern hätte Frank-Walter Steinmeier den Kandidaten persönlich getroffen, doch Barack Obama hat derzeit einfach zu viel um die Ohren. So musste sich der Bundesaußenminister mit einem Telefongespräch begnügen, als er jüngst in Washington weilte. Aber das reichte schon, um Steinmeier für den US-Präsidentschaftsbewerber zu entflammen.
Der Amerikaner steckte zwar tief im Wahlkampf, doch seine außenpolitischen Fragen wirkten, so Steinmeiers Entourage, sehr interessiert. Und, auch das spreche schwer für den Mann: Er habe tatsächlich den deutschen Minister gefragt, was der von Russland, Iran und Afghanistan halte.
So ging es 15 Minuten hin und her, auf Englisch und, wie es hieß, sehr konzentriert. Obamas "Flughöhe" sei ziemlich hoch gewesen, schwärmte anschließend ein Berater Steinmeiers. Am Ende versprach der Präsidentschaftsanwärter sogar, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen.
Die paar Minuten am Telefon vermittelten Steinmeier den Eindruck, als sei Obama bereit, die bisherige Außenpolitik der USA grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Minister war begeistert. Gleich am nächsten Tag outete er sich öffentlich als neuer Fan des Senators: "Yes, we can", rief der nicht für Temperamentsausbrüche bekannte Minister bei einer Rede an der Harvard-Universität - es ist der Schlachtruf des Obama-Wahlkampfs. Steinmeier bezog ihn auf seinen Wunsch nach einer Neubelebung der transatlantischen Beziehungen.
Nicht nur beim Außenminister, im gesamten politischen Berlin grassiert seit Wochen schon die Obamania. Selbst Konservative sind äußerst angetan von dem Demokraten. Kanzlerin Angela Merkel kann sich nach der Ära Bush sehr gut vorstellen, mit einem liberalen Demokraten im Weißen Haus zusammenzuarbeiten. Und Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, hält Obama gar für den Boten einer neuen politischen Kultur, die auch für Deutschland beispielhaft sein könnte.
"Deutschland ist Obamaland", sagt Karsten Voigt, Regierungskoordinator für die transatlantischen Beziehungen. Der schwarze Senator wirke auf die Deutschen wie eine "Mischung aus John F. Kennedy und Martin Luther King".
Obama sei "Gegenstand gewaltiger Projektionen", ergänzt Constanze Stelzenmüller vom German Marshall Fund in Berlin. Er werde als friedfertig und kooperativ wahrgenommen. So etwas mögen die Deutschen.
Obamas republikanischer Gegner John McCain stößt dagegen in Berlin auf Skepsis. Der 71-jährige Vietnam-Veteran gilt vielen als Relikt des Kalten Krieges. McCain hat angekündigt, er wolle Russland aus der G-8-Organisation ausschließen und eine "Liga der Demokratien" gründen, die notfalls an der Uno vorbei weltweit handeln kann. Das kommt in Deutschland nicht so gut an.
McCain ist hier kein Unbekannter: Als überzeugter Transatlantiker nimmt er fast jedes Jahr an der Münchner Sicherheitskonferenz teil. Dort hat der Senator deutsche Politiker schon oft scharf attackiert, seine Wutausbrüche sind gefürchtet, seine Positionen aus vielen Debatten bekannt.
Obama hingegen haben selbst die besten USA-Kenner in Berlin allenfalls mal die Hand geschüttelt. Anfragen von Bundestagsabgeordneten, ihn in Washington zu besuchen, wimmelte er regelmäßig ab. So kennen ihn die meisten bis heute vor allem aus YouTube-Filmchen und aus der Zeitung. "Obama hat eigentlich überhaupt keine Beziehung zu Europa", meint der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose.
Dennoch dürfen die Deutschen, sollte Obama Präsident werden, auf ein paar schöne Monate der transatlantischen Freundschaft hoffen. Erfahrene Diplomaten glauben, dass es dann ein "Fenster der Gelegenheit" geben werde, das neue Initiativen ermögliche.
Die Flitterwochen dürften nicht allzu lange dauern, da sind sich die Experten einig. "Die Hoffnungen der Deutschen sind fast übergroß", sagt Regierungskoordinator Voigt. "Einige transatlantische Probleme werden nicht weggehen, nur weil Obama Präsident ist." Auch er würde im Notfall US-Truppen einsetzen, ohne die Uno um Erlaubnis zu fragen.
Constanze Stelzenmüller vom Marshall Fund ist sich sicher: "Die Enttäuschung über Obama ist programmiert." RALF BESTE
Von Ralf Beste

DER SPIEGEL 22/2008
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