26.05.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie Magie einer Nachricht

Wie ein Bewohner Papua-Neuguineas weltberühmt wurde
Jede Geschichte hat einen Anfang, diese hat zwei. Eines Nachts, es ist nicht lange her, werden Paul Yekum und seine Frau Nolan von den Bewohnern des Dorfes Kilip von ihren Schlafmatten gezerrt, man fesselt sie, schleift sie an den Rand des Dorfes, wo ein ausladender Baum steht; über dessen Äste baumeln schon die Schlingen - Paul und Nolan sollen aufgehängt werden, sollen sterben.
Nolan ist hochschwanger, sie wimmert.
Papua-Neuguinea ist ein Land der Geschichten, es ist ein Land, wo Menschen in der Luft leben, wie man sich erzählt, das Volk der Hewa etwa, das seine Hütten in die Wipfel der Urwaldriesen hängt und seine Feinde und Beute mit Giftpfeilen tötet. Oder die Myanmin, die wissen, dass die Toten ihre eigene Welt haben, zwei bis drei Meter unter der Erde, weshalb man auch nicht zu tiefe Löcher graben darf - und die Hewa und die Myanmin sind nur 2 von etwa 850 Völkern mit jeweils eigener Sprache, Mythologie. Ein Land, bedeckt von Dschungel, undurchdringlich, durchzogen von Flüssen, sumpfig wie Käsefondue, wo Kannibalen lebten und die Einwohner sich Knochen und Federn durch ihren Haarschopf stecken, der aussieht wie schwarze Zuckerwatte, es ist ein Land am Saum der Welt, unschuldig, mörderisch: Papua-Neuguinea.
Ein Inselstaat, nördlich von Australien. Größer als Deutschland, unabhängig seit 1975, nur knapp sechs Millionen Einwohner. Einer von ihnen ist Paul Yekum, etwa 53 Jahre alt, Bauer.
Paul und Nolan haben drei Kinder und ein Stück Land, sie bauen Süßkartoffeln an, Karotten, Blumenkohl, Zwiebeln. Das Dorf Kilip liegt im Banz-Distrikt, im Nordwesten von Papua-Neuguinea - weit weg von der Hauptstadt Port Moresby, wo es Polizisten und Gesetze gibt. Während man hier, im Nebelgebirge, das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, besonders, wenn es um Mord geht.
Mord? Wenige Tage zuvor hat man Pauls Bruder, Peter, tot gefunden. In einem trockenen Flussbett. Für die Dorfbewohner ist klar, dass er ermordet wurde - und wie es geschah: durch Zauberei. Wer erbt Peters Land? Paul und Nolan. Wer also sind die Mörder?
Die Dorfbewohner werfen den beiden die Schlingen um, alles geschieht hastig, im Flackerlicht eines kleinen Feuers, man darf nicht zögern, wenn man eine Hexe tötet, sie könnte einen Gegenzauber entfalten - aber sie haben die Yekums kaum in die Luft gezerrt, um sie zu erdrosseln, da zerreißt ein Schrei die Nacht, so schrill, dass er von den Berggipfeln widerhallt, dass die Dorfbewohner entsetzt zurückprallen. Nolan Yekum hat geschrien.
Die Wehen haben sie überfallen, die Männer, die sie eben noch aufknüpfen wollten, können es kaum fassen, sie gebiert ein Kind, jetzt, hier, sie hat die Beine gespreizt, presst ein Kind hervor, es ist ein magisches Zeichen, erschütternd stark, ein Rächer wird geboren, die Dorfbewohner fliehen, Nolan und Paul können sich von den Fesseln befreien, sie flüchten.
So die Geschichte des Paul Yekum, flackernd, schrill. Doch es gibt eine zweite Version, die Version der Dorfbewohner von Kilip lautet anders.
Nachdem sie den offenbar Ermordeten gefunden hatten, bildeten sie eine Abordnung: Bürgermeister, Dorfrichter und ein paar andere Männer. Sie konsultierten eine glas-meri, eine Seherin, einen Tagesmarsch entfernt. Die glasmeri erklärte den erschrockenen Männern, dass Paul Yekum ein Zauberer und drei Geister ihm zu Diensten seien: zwei weiße Hunde sowie ein verhexter, nachts leuchtender Bus mit 15 Sitzen. Diese drei Geister (denn ein Tier kann ein Geist sein, aber ebenso eine Pflanze, eine Maschine, ein Bus) strichen auf Pauls Befehl umher, und sie hätten Pauls Bruder getötet, auf Pauls Wunsch, wenn auch nicht auf seinen ausdrücklichen Befehl. Die Abordnung wanderte zurück, halb erschrocken, halb entschlossen. Paul wurde in Gegenwart aller Dorfbewohner aus seinem Haus gerufen, zur Rede gestellt und, obwohl er leugnete, des Dorfes verwiesen. Das Kind war vor einer Woche geboren worden. Man krümmte weder Paul noch Nolan ein Haar, man vertrieb sie nur.
Und welche Geschichte stimmt? Sollten Paul und seine Frau am Galgen baumeln - oder nur vertrieben werden? Die Untersuchungen des Police Chief Inspector Kaiglo Ambane sprechen dafür, dass die zweite, die vergleichsweise harmlose Version der Dorfbewohner, die wahre ist. Hier könnte die Geschichte also enden. Doch sie geht weiter.
Paul Yekum lief einem Reporter der Zeitung "The National" über den Weg. Dem erzählte er seine Version, die Geburt-unterm-Galgen-Story. Die Redaktion von "The National" hat sich dem Kampf gegen Aberglauben und heidnische Praktiken verschrieben; und dieser Fall, wie Paul ihn erzählte, war besonders.
"The National" machte eine große Story daraus, so wild und einprägsam, dass sie um die ganze Welt ging, tausendfach nacherzählt im Internet, vielfach nachgedruckt in Zeitungen, eine Geschichte, die wohlig gruseln lässt.
Politiker und Polizei in Port Moresby reagierten aufgescheucht, die Dorfbewohner zornig und hilflos. Dabei können sie nun eine neue Geschichte erzählen, ihre Geschichte, die davon handelt, wie die Welt jeden Tag nach Grusel verlangt, Storys von Galgen, kalten Nächten und Hexen. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 22/2008
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Die Magie einer Nachricht

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