02.06.2008

LANDWIRTSCHAFTMilch, Markt und Macht

Mit einem Boykott wehren sich die Milchbauern gegen niedrige Preise für ihre Produkte. Ein Landwirt aus dem Allgäu führt die Protestbewegung an. Gemeinsam fordern sie nicht nur Molkereien und Discounter heraus, sondern auch den mächtigen Bauernverband.
Romuald Schaber steht im Stall seines Hofs im Allgäu und krault seine älteste Kuh Waldine. Er trägt ein gelbes, leicht schief sitzendes Hütchen, eine blaue Arbeitsjacke und einen Schnauzbart. "Revolutionen sind immer von Minderheiten ausgegangen", sagt er ruhig.
Schaber, 51, ist Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). Bis vor kurzem wusste das kaum jemand im Land. Aber nun ist Schaber sogar im Fernsehen zu sehen. Am Montag vergangener Woche stand er vor einer Müller-Molkerei im bayerischen Freising und sagte den etwa 8000 protestierenden Bauern: "Milch ist Macht, und wir haben die Milch."
Nur: Die ist zurzeit kaum noch etwas wert. Und wer am Ende die Macht hat, muss sich erst noch zeigen.
35 Cent pro Liter bekommen die Bauern im Süden Deutschlands, im Norden sogar nur 27 Cent. Nach einem für die Landwirte außergewöhnlich guten, weil weltweit milchknappen Herbst fielen die Preise zuletzt ins Bodenlose. Der Grund: Hiesige Einzelhändler wie Aldi, Lidl und Penny drückten den Vollmilchpreis im Supermarkt von 73 auf 61 Cent.
Bisher hatten die Discounter die Macht. Ihren vermeintlichen Marktpreisen fallen immer mehr Höfe zum Opfer.
Er werde wegen dieses Skandals nun keine Milch mehr liefern, sprach Schaber zu der Menge - und fragte: "Wie sieht's mit euch aus?" Auf dieses Zeichen hatten die Milchbauern seit Wochen gewartet. "Jetzt geht's los", antworteten sie im Chor.
So begann der Boykott der Milchbauern. Inzwischen wird in Deutschland die Milch knapp. In den Supermärkten ist davon noch nicht viel zu spüren, aber bereits am Mittwoch mussten die ersten Molkereien Mitarbeiter nach Hause schicken. Andere zahlten für Ersatzlieferungen letzte Woche sogar über 40 Cent.
Rund 100 000 Milchbauern gibt es in Deutschland, nur 33 000 sind im BDM organisiert - aber die liefern knapp 50 Prozent der Milchmenge. Der Kampf um den weißen Rohstoff wird hierzulande jedoch nicht aus Mangel geführt, sondern weil es, trotz Quotierung, zu viel davon gibt. Für einfache Milchbauern wie Schaber wird es immer schwerer, in diesem auf Masse angelegten System mitzuhalten.
Selbst Gerd Sonnleitner, Präsident des mächtigen Deutschen Bauernverbands (DBV) und eigentlich ein Gegner des Streiks und des kleinen Konkurrenzverbands, zeigt neuerdings Verständnis. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig, denn inzwischen schließen sich auch DBV-Mitglieder dem Boykott an. Und die Symbolik ist stark: Wann gab es das zuletzt, dass Tausende Liter Milch weggeschüttet wurden? Das lässt selbst phlegmatische Konsumenten nicht kalt.
Milch wegzukippen sei ein "Frevel", warf Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels dem BDM via "Bild" vor.
"Wir beuten schon jahrelang unsere Familien aus", kontert Schaber.
Der Milchindustrieverband bestreitet, dass der Boykott zu Engpässen führe, und verweist darauf, dass die Molkereien Milch aus Österreich und Frankreich zukaufen könnten. Doch das scheint nicht so einfach zu werden: Auch in den Nachbarländern schließen sich die Bauern dem Protest an. Ende vergangener Woche blockierten 500 französische Bauern eine Molkerei in Straßburg, belgische Bauern halfen ihren deutschen Kollegen bei einer Blockade in der Eifel. Zudem ist der sogenannte Spotmarkt frei verfügbarer Milch in Europa relativ klein - und die Lager sind leer.
Die von der EU geplante Ausweitung der Milchmenge durch höhere Quoten oder eine Wiedereinführung von Exportsubventionen würde den Bauern in Europa und Afrika allerdings erst recht schaden: Hier würden die Preise fallen, billiges Milchpulver würde die afrikanischen Märkte überschwemmen, die dortigen Erzeuger kämen erneut in Bedrängnis.
Romuald Schaber hat noch nie Milch weggekippt. Bisher. Er könnte aber der Erste der Familie Schaber werden, seit sein Urgroßvater 1890 den Hof in Petersthal baute, einem kleinen Dorf im Alpenvorland in der Nähe von Kempten. Doch die Voralpenidylle dort trügt, und wer näher kommt, sieht, dass die Konzentration in der Milchwirtschaft und der ständige Kampf am Abgrund Milchbauern wie Schaber nicht viel zum Leben gelassen haben: In seinem Fall ist es ein äußerlich leicht verrotteter Hof, ein altersschwacher Passat, eine abgewetzte Sitzgruppe in der Stube. Investiert hat er vor allem in die 45 Kühe, in Ställe und Melkanlagen.
Vor über 20 Jahren, als die Bauern für Diesel etwa 60 Pfennig bezahlten und 70 Pfennig für die Milch bekamen - da sah es noch anders aus. Da war Schaber noch Orts-Obmann des Bauernverbands. Er war Anhänger von Gerd Sonnleitner, der Anfang der neunziger Jahre an die Spitze des Bayrischen und später des Deutschen Bauernverbands gelangte. Und er war zuständig dafür, den renitenten Kollegen aus dem Nachbarweiler zu bearbeiten, der sich gegen den Autobahnbau und die Erdgashochdruckleitungen auf seinem Land wehrte und sich wunderte, wie glatt der Bauernverband so was durchwinkte. "Du wirst es schon sehen, Romuald", habe der ihm gesagt. Bei Schaber hat es "allerdings noch ein paar Jahre gedauert", bis er begriff. Es kamen schlechte Zeiten und sehr schlechte. Der Milchpreis stagnierte, alles andere wurde teurer.
Im März 1997 hörte Schaber mal wieder Sonnleitner auf einer Veranstaltung. Er vernahm das alte Lied vom Wachsen oder Weichen. Und er merkte, dass für seine Kühe und ihn in diesem System eigentlich gar kein Platz mehr war.
In Bayern gründeten damals einige Milchbauern um Schaber den "Krisenstab", in Baden-Württemberg gab es die "Milchbauernfront", in Schleswig-Holstein die "Notgemeinschaft der Milcherzeuger" - bis Anfang 1998 alles im BDM mündete.
Sechs Jahre lang trat der kleine Verband auf der Stelle. Dann hatte ein neuer Geschäftsführer die Idee, 15 000 Schilder zu drucken mit der Forderung: "40 Cent pro Liter". Innerhalb weniger Monate stieg die Mitgliederzahl von 5000 auf über 30 000.
Angesichts des Preisverfalls ist auch Sonnleitner mittlerweile auf Demonstrationen zu sehen und spricht von "Raubtierkapitalismus in Reinkultur". Viele Bauern fragen sich nur, wie ernst es jemandem wie ihm mit den Parolen ist, der gleichzeitig in einem knappen Dutzend Gremien der Agroindustrie sitzt.
Mit Schaber hat Sonnleitner einen Gegner bekommen, der viel authentischer wirkt als der Multifunktionär. Schaber riecht nach Hof, Sonnleitner nach Erfrischungstüchern aus dem Flugzeug. Sonnleitner regt sich morgens für die Bauern auf, um dann nachmittags mit der Industrie zusammenzusitzen.
Schaber sagt: "Wir wollen in die Globalisierung eingreifen und die europäische Agrarpolitik drehen." Er will einen Systemwechsel, sich mit anderen zusammentun, ein Spieler im Markt werden, statt Almosenempfänger zu bleiben. Mit anderen Bauern will Schaber deswegen auch seine Genossenschaft im Ostallgäu verlassen, die Milchkontingente bündeln und anderswo anbieten.
Er könne die Marktgesetze nicht auf den Kopf stellen, halten ihm Molkereimanager vor. Doch es ist ein bizarrer Markt, der Milchmarkt: Vier anderen Molkereien aus der Region hat Schaber die Milch angeboten. "Obwohl alle händeringend Milch suchen, haben sie abgewinkt." Es gibt Dutzende solcher Fälle. Der Druck ist spürbar.
"Sie sind für uns kein Partner mehr", schrieb Theo Müller junior, der Sohn des umstrittenen Milchbarons, einer bayerischen Erzeugergemeinschaft, die für höhere Preise demonstriert hatte und keine Knebelverträge über zwei Jahre akzeptierte.
In Bayern wollte danach keine andere Molkerei die Milch der 250 Landwirte abnehmen, sie wurde am Ende über einen Händler nach Italien verkauft.
Auch Eckhard Harder, Vorstand der 2003 in Parchim gegründeten BDM Freie Milch AG, hat die Blockade der Molkereien zu spüren bekommen, was eigentlich grotesk ist, weil die meisten der rund hundert deutschen Molkereien als Genossenschaften ja in der Hand der Bauern sein sollten. Harder hat Belege für die Blockaden, eidesstattliche Versicherungen und Briefe, in denen BDM-Mitglieder als "Abtrünnige" bezeichnet werden.
Zusammen mit Schaber hat er sich ans Kartellamt gewandt. Nichts geschah. "Wir werden wie Schmuddelkinder behandelt", sagt er. Über Zwischenhändler wird seine Milch nun bis nach Neapel gefahren.
Seit Jahren predige die Milchwirtschaft, die Molkereien müssten größer werden, um gegen den Einzelhandel bestehen zu können. Ihm habe aber noch niemand erklären können, so Harder, warum England mit gerade noch sieben Milchverarbeitern einen der schlechtesten Milchpreise und Italien mit über 300 Unternehmen Spitzenpreise zahlt.
Während die Fusion von Molkereien in Industriekreisen als normale Marktkonsolidierung gesehen wird, gilt der Zusammenschluss von Bauern als Anarchie. Gerade warnte Schabers Gegenspieler Josef Stöckl, Geschäftsführer des großen Landshuter Milchverarbeiters BMI, die Bauern vor "vagabundierender" Milch und Molkerei-Hopping. Mindestpreise seien wie Mindestlohn, sagt Stöckl.
Der Markt des vergangenen Jahres sei überhitzt gewesen und habe "Preisillusionen" wie in der New Economy entfacht. Als im Sommer dann auch erstmals noch die amerikanischen Milchpulverlager leer waren, stieg die Nervosität in der Branche. Hektische Abschlüsse ließen die Preise steigen, der vermeintliche "Milchdurst" Chinas, den der Handel als Grund angab, hatte damit allenfalls am Rande zu tun.
Der Pendelschlag des Markts traf vor wenigen Wochen auch Stöckls BMI. Das Frühjahr ist die Zeit des Milchüberangebots, und seine Verhandlungen mit Aldi liefen ungefähr so: Wenn ihr eure Menge, rund zehn Millionen Liter, halten wollt, so der Discounter, bekommt ihr 15 Cent pro Liter weniger. Für diesen Harakiri-Preis nämlich hatte Theo Müller riesige Mengen an Milch dem Discounter angeboten.
Stöckl lieferte am Ende weniger Milch mit 11 Cent Einbuße pro Liter. Das liege an der Macht der "Oligopolisten", kritisierte CSU-Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hilflos. Doch Stöckl lässt auf den vermeintlich freien Markt nichts kommen. Wenn Bauern jetzt dem BDM nachlaufen, habe man wohl Fehler in der Schulung gemacht.
An diesen Unterweisungen des Bauernverbands hat Schaber nie teilgenommen. Das sei vielleicht sein Glück gewesen, sagt er. "Wenn du da rauskommst, bist du ein anderer." NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 23/2008
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