09.06.2008

JAPANSelbstmordserie mit Putzmitteln

Giftige Gase strömten aus dem Badezimmer, sie zogen durch die Wohnung, irgendwann meldeten die Nachbarn einen seltsamen Geruch. Wieder rückte die Polizei aus, wieder evakuierte sie Dutzende Bewohner, wieder fand sie eine Leiche inmitten von Putzmitteln und anderen Chemikalien, gemixt zu einem tödlichen Cocktail. Der Fall in der Hafenstadt Kanazawa vergangene Woche ist nur einer von vielen, die die Japaner derzeit erschüttern. Über 180 Menschen nahmen sich allein seit März durch Inhalieren von Schwefelwasserstoff das Leben - Blogger preisen diese Methode im Internet, um "schmerzlos zu sterben". Bereitwillig geben sie Lebensmüden Tipps, wie sie handelsübliche Haushaltsreiniger mischen müssen, um giftige Dämpfe zu erzeugen. Es gehe wirklich ganz einfach, beteuert ein Besucher im Internet, wo sich junge Japaner zum gemeinsamen Selbstmord verabreden. Bislang setzten sie sich häufig in Autos, verklebten die Fenster, zündeten einen Mini-Grill mit Holzkohle an und atmeten die Abgase ein. Japans Behörden sind alarmiert. Sie fordern Internet-Provider auf, Web-Seiten zum Thema Selbstmord zu löschen. Anders als in Europa ist der Suizid in Japan ein sozial akzeptierter Freitod - mit Stolz erinnern sich viele an die Samurai-Tugenden oder die Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg.
Rund 30 000 Japaner scheiden jährlich freiwillig aus dem Leben. Vor allem nach der Wirtschaftskrise der neunziger Jahre stieg die Zahl der Suizide an; ein Buch mit dem Titel "Anleitung zum perfekten Selbstmord" verkaufte sich über eine Million Mal. Immer wieder geraten im Tokioter Nahverkehr die Fahrpläne durcheinander, weil sich Lebensmüde vor den Zug werfen: bankrotte Geschäftsleute, gemobbte Angestellte, gehänselte Schüler. Bevor sie in den Tod springen, ziehen viele ihre Schuhe aus - ganz wie zu Hause - und stellen sie auf dem Bahnsteig ab. Sie wollen das Paradies nicht beschmutzen. Doch die neue Methode, sich mit Hilfe von Chemikalien das Leben zu nehmen, gefährdet auch andere, vor allem die Nachbarn. In einigen Fällen brachten Selbstmörder ungewollt auch Verwandte um, die zu ihrer Rettung herbeigeeilt waren. Immerhin hat sich unter den Todeswilligen jetzt die Gepflogenheit eingebürgert, ein Schild an der Wohnungstür anzubringen: "Vorsicht! Gas!"

DER SPIEGEL 24/2008
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JAPAN:
Selbstmordserie mit Putzmitteln

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