16.06.2008

TitelAm Abgrund

Nur drei Jahre nach dem gemeinsamen Sieg über die NS-Diktatur standen sich ab 1948 Amerikaner und Russen in Europa waffenstarrend gegenüber. In der Rückschau wird klar: Die Menschheit entkam mehrmals nur durch Glück einem atomaren Inferno.
Sätze können die Welt verändern, und jener Anruf gehört in diese Kategorie, weil das, was danach folgte, die Welt für Jahrzehnte in zwei Sphären teilte. In West und Ost, hier die Vereinigten Staaten von Amerika, da die Sowjetunion. Hier Kapitalismus und Demokratie, da Kommunismus und Diktatur. Und mittendrin, an der Schnittstelle der nunmehr bipolaren Ordnung, lag Berlin. Die Hauptstadt ausgerechnet jenes Landes, das den drei Jahre zuvor beendeten Krieg mit über 60 Millionen Toten angezettelt hatte.
Am 23. Juni 1948, einem Mittwoch, ließ sich US-General Lucius D. Clay mit seinem Landsmann Jack O. Bennett verbinden. Clay war amerikanischer Oberkommandierender in Deutschland, der 33-jährige Bennett, eine Mischung aus Curd Jürgens und Ernest Hemingway, saß als Europa-Direktor der Fluggesellschaft American Overseas Airlines in Frankfurt am Main.
"Captain", schnarrte Clay, "es könnte sein, dass wir gezwungen werden, Berlin aus der Luft zu versorgen. Haben Sie eine DC-4, mit der Sie heute Abend Kohlen nach Berlin fliegen können?"
"Was? Kohlen?", fragte Bennett entsetzt. "Unmöglich, ich habe nur Passagiermaschinen. Die Kohlen würden meine Sitze ruinieren, meine Airline macht mir die Hölle heiß."
Clay: "Gut, wie wär's mit Kartoffeln?"
Ja, antwortete Bennett, das gehe, "aber in Säcken".
Darauf Clay: "Captain, Sie können Geschichte schreiben."
Exakt um 22.09 Uhr landete Bennett auf dem Flughafen Tempelhof, der im Süden einer Stadt liegt, die im politischen Neugefüge eigentlich eine Irrealität darstellte. Berlin war in vier alliierte Sektoren aufgeteilt, befand sich aber mitten im sowjetisch beherrschten Teil des alten Deutschlands. Folgerichtig hatten die Russen auch die Hoheit über die Verkehrsadern aus Richtung Westen.
Ein ideales Faustpfand. Und die Sowjets wollten es nutzen, um Amerikaner, Briten und Franzosen aus Berlin zu vertreiben und die Gründung eines Weststaates zu verhindern, der wenig später Bundesrepublik Deutschland heißen sollte.
Knapp acht Stunden nach Bennetts Landung, Punkt sechs Uhr am 24. Juni, gab die sowjetische Militärverwaltung Order, auf der Eisenbahnstrecke Helmstedt-Berlin den Passagier- und Güterverkehr einzustellen, wegen einer "technischen Störung". Stromlieferungen aus dem Umland hatten die Sowjets schon gekappt. Angeblich wegen "Kohlenmangels". Schiffe wurden an die Kette gelegt.
West-Berlin mit seinen gut zwei Millionen Menschen, eine Insel im Ozean der Unwägbarkeiten, war nun blockiert. Es gab schon bald kaum noch Brot, kaum Fleisch, kaum Milch. Und nur auf einem Weg konnte wirklich geholfen werden - aus der Luft. So, wie es Bennett gezeigt hatte, in diesen Tagen vor 60 Jahren.
Kurz darauf brummten die ersten Maschinen in den Westteil der Stadt, von den dort lebenden Berlinern liebevoll "Rosinenbomber" getauft. Rund 280 000 Flüge wurden es insgesamt, ehe Kreml-Diktator Josef Stalin 1949 entnervt die Blockade aufhob.
Oft waren 40 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft, gestaffelt auf fünf Ebenen übereinander, und dann flogen sie im Drei-Minuten-Takt. Eine Meisterleistung der Piloten und ihrer Logistiker. Und eine beispiellose Hilfsaktion für den Feind von gestern, die durchaus auch ein Propagandaziel hatte: die Menschen einzuschwören auf den Westen. Die Luftbrücke bedeutete nämlich nicht nur das bloße Heranschaffen von Kartoffeln und Kohlen.
In ihr manifestierte sich zugleich ein Konflikt, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit nie zuvor gegeben hatte: Cold War, Kalter Krieg. Ein Begriff, den Journalisten schon vor der Luftbrücke geprägt hatten und der das jahrzehntelange Ringen zweier ideologisch entgegengesetzter Weltentwürfe beschreibt.
"Der einzige Weg zur restlosen Befreiung der Menschen", behauptete 1960 Nikita Chruschtschow, Nachfolger Stalins im Kreml, sei der "Weg des Kommunismus". Der damalige US-Präsident John F. Kennedy hielt dagegen: "Die Zukunft gehört denjenigen, die sich für die Freiheit des Einzelnen einsetzen."
Diese Kontrastellung definierte den Kalten Krieg.
In anderen Zeiten wäre es zu einem Waffengang gekommen, mit Feuer aus allen Rohren. Aber der Kalte Krieg fand im Atomzeitalter statt, und beide Seiten verfügten schon bald über ausreichend Nuklearsprengköpfe, um die Menschheit ein für alle Mal auszuradieren.
Ein falscher Knopfdruck, eine falsche Entscheidung, und weite Teile der Erde wären im nuklearen Feuerball verglüht, in dessen Zentrum eine unvorstellbare Temperatur herrschte - viermal so hoch, wie sie im Innern der Sonne angenommen wird: hundert Millionen Grad. Schon die nuklearen Flugkörper eines einzigen U-Bootes hätten ausgereicht, Deutschland in eine Todeswüste zu verwandeln.
Vergessen ist das nicht, und doch erscheint die wie gefroren wirkende Welt des Kalten Krieges manchem Politiker in Zeiten globalen Terrors und asymmetrischer Kriegführung verlockend übersichtlich. Feind, Freund, Neutraler - eine bizarr-saubere Ordnung im Theorem der Abschreckung, die geprägt schien von berechenbaren Gegnern und immer gleichen Verhaltensregeln.
Auch die Kreml-Führer hielten sich ans internationale Pflichtenheft - anders als die Qaida-Terroristen, die bereit sind, das "eigene Leben der eigenen Sache wegen zu opfern", wie es Kanzlerin Angela Merkel formuliert. Dies sei "gegenüber den Zeiten des Kalten Krieges eine völlig veränderte Lage", weil es keine Abschreckung im alten Sinne mehr gebe.
Soll heißen: Heute zu leben ist gefährlicher als gestern? Oder zumindest gleichermaßen gefährlich, wie der US-amerikanische Präsident George W. Bush behauptet?
Zu einem solchen Urteil kann nur kommen, wer ignoriert, was seit Ende des Kalten Krieges aus den Erzählungen von Zeitzeugen und den Geheimarchiven der Kriegsparteien an die Öffentlichkeit gelangt ist.
Denn danach sind Zweifel ausgeschlossen: Die Menschheit stand dichter am Abgrund, als die meisten damals auch nur ahnten. Immer wieder spielten Hardliner auf beiden Seiten - Amerikaner, Asiaten, Europäer - mit dem Risiko eines totalen Nuklearkriegs:
* weil sie sich einen Sieg erhofften wie jene amerikanischen Militärs, die den Einsatz der Bombe im Koreakrieg (1950 bis 1953) verlangten. Oder 1968 in Vietnam - ein Faktum, das erst vor wenigen Wochen bekannt wurde;
* weil sie das Risiko falsch einschätzten, wie Kreml-Chef Chruschtschow, der 1962 Atomraketen auf Kuba stationierte und glaubte, die Amerikaner würden dies hinnehmen;
* weil sie sich falsche und banal-gefährliche Vorstellungen vom Atomkrieg machten. So suchte der chinesische Parteichef Mao Zedong seinem sowjetischen Verbündeten einzureden, es würden dann zwar große Teile der Erde verwüstet, aber dafür "der Imperialismus ausgelöscht und die ganze Welt sozialistisch";
* weil sie die Nerven verloren, wie 1983 Teile der sowjetischen Führung, die fürchteten, der Westen bereite einen nuklearen Enthauptungsschlag vor. KGB-Agenten verfolgten bereits in London die Preise für Blutkonserven, um herauszufinden, ob zusätzlich Reserven angelegt wurden - angeblich Anzeichen für einen Kriegsplan der Nato.
Gleich mehrmals - so steht inzwischen fest - versetzten die Supermächte ihre Atomstreitkräfte weltweit in Alarmbereitschaft.
Dann wurde es besonders gefährlich. Etwa während des arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieges 1973. Am 24. Oktober war der damalige US-Präsident Richard Nixon betrunken und nicht ansprechbar, und deshalb erhöhte nicht er, sondern sein Außenminister Henry Kissinger die Alarmbereitschaft der US-Streitkräfte rund um den Globus. Kissinger wollte den Russen damit signalisieren, sie sollten nicht auf dem Sinai eingreifen.
Genau in dieser Situation lösten Mechaniker bei Reparaturarbeiten auf einer Air-Force-Basis in Michigan versehentlich Alarm aus. Die Besatzungen der B-52-Bomber saßen bereits in ihren startbereiten Maschinen, als der diensthabende Offizier den Irrtum erkannte - und im letzten Moment alles abblies.
Deshalb bilanziert der Bonner Historiker Harald Biermann ganz nüchtern: "Für einen nostalgischen Blick auf den Kalten Krieg gibt es keinen Grund."
Gerade in Deutschland nicht. Denn aus deklassifizierten US-Akten geht hervor, dass zeitweise die Entscheidung, Atombomben in Mitteleuropa zu zünden, bei untergeordneten amerikanischen Truppenkommandeuren lag. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte die sowjetische Seite va banque gespielt. Oder wenn jemand schlicht durchgedreht wäre.
Am Ende verhinderten Glück und Zufall öfter als staatsmännische Voraussicht das Schlimmste.
Der Krieg nach dem Krieg - gewollt oder gar geplant hat ihn keine der Parteien. Nach dem alliierten Sieg über Hitler demobilisierte Stalin knapp acht Millionen Soldaten seiner Roten Armee. Im kleinen Kreis erklärte der Generalissimus, die nächsten 10 bis 15 Jahre müsse man sich auf die Verteidigung des Vaterlandes beschränken.
Und auch die GIs strömten in Massen aus Europa und Asien nach Hause, wo sie freudig begrüßt wurden.
An Stalins Grundhaltung änderte der amerikanische Rückzug allerdings wenig. Der misstrauische Georgier, Sohn eines trunksüchtigen, gewalttätigen Schusters, glaubte sich zeit seines Lebens von Feinden umgeben. Der Westen, so behauptete er, werde "niemals, niemals, niemals akzeptieren, dass ein so großes Gebiet (wie die Sowjetunion -Red.) rot ist!"
Und so konnte der alternde Diktator gar nicht genug Sicherheitsgarantien bekommen - was einen amerikanischen Russlandkenner spotten ließ, Stalin würde selbst dann "eine Falle wittern", wenn die USA ihre Luftwaffe und ihre Flotte dem Kreml übergäben und Amerikas Kommunisten ins Oval Office einzögen.
Für die von der Wehrmacht verwüstete Sowjetunion reklamierte Stalin ganz Osteuropa als Sicherheitsglacis; in Warschau, Budapest oder Sofia setzte er Marionettenregime ein. Auch in Iran, der Türkei und im besetzten Deutschland suchte er seinen Einfluss zu vergrößeren: "Ganz Deutschland muss unser werden, also sowjetisch, kommunistisch."
Dahinter stand kein Masterplan des Kreml, wie lange Zeit im Westen vermutet wurde, sondern das Prinzip der sowjetischen Außenpolitik. Stalins Außenminister Wjatscheslaw Molotow fasste es in den Worten zusammen: "Wenn es geht, sind wir offensiv, wenn es nicht geht, warten wir ab."
Und mit dieser Konstellation nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Denn auch in Washington bestimmte Angst die Politik, wie der US-Historiker Melvyn Leffler schreibt. Nie wieder sollte von Europa eine Gefahr für die amerikanische Supermacht ausgehen wie zu Zeiten Adolf Hitlers. Und nie wieder wollte man den Fehler machen, einen aggressiven Diktator zu lange gewähren zu lassen.
Es dauerte dann noch eine Weile, ehe US-Präsident Harry S. Truman entschlossen gegenhielt. Am 12. März 1947 gab der Demokrat vor einem begeisterten Kongress ein großes Versprechen ab - es ist als Truman-Doktrin in die Annalen eingegangen. Amerika werde allen Völkern helfen, "deren Freiheit durch militante Minderheiten oder Druck von außen" bedroht sei.
Das Parlament bewilligte Hilfsgelder in Millionenhöhe für Griechenland und die Türkei, wo Untergrundbewegungen operierten, die einen kommunistischen Umsturz planten. Und solcherlei Unterstützung war nur der Anfang.
Am 5. Juni verkündete Außenminister George Marshall den nach ihm benannten Plan - ein Hilfsprogramm zum Wiederaufbau Europas auf privatwirtschaftlicher Grundlage. Zugleich trieb Truman die Gündung der Bundesrepublik Deutschland zügig voran, deren Existenz zu den wenigen Aktivposten in der Bilanz des Kalten Krieges zählt.
Bezeichnenderweise steigerte die deutschlandpolitische Weichenstellung die Ängste in Washington noch; denn die Sorge lag durchaus nahe, ein derart aufgepäppeltes (West-)Deutschland könne Stalin in die Hände fallen. "Um zu verhindern, dass Deutschland kommunistisch wird", müsse ein "großer Kampf" geführt werden, erklärte Marshall.
Den "großen Kampf" wollten Truman, Marshall und ihre Parteigänger allerdings am liebsten ohne Waffen austragen. Die US-Politik sah vor, die sowjetische Expansion weniger militärisch als vielmehr politisch und wirtschaftlich einzudämmen. Offenbar dachten die Amerikaner an eine Rivalität, vergleichbar der Konkurrenz zwischen den USA und dem kommunistischen China heute.
Eine solche Entwicklung hätte der Menschheit viel Leid erspart, sie wäre allerdings nur möglich gewesen, wenn nicht Stalin im Kreml gesessen hätte. Dieser "wollte keinen Kalten Krieg", wie die russischen Historiker Wladislaw Subok und Konstantin Pleschakow schreiben - aber: "Er wusste nicht, wie er ihn vermeiden konnte."
Der paranoide Diktator fühlte sich durch die amerikanische Offensive in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Im Politbüro erklärte er am 14. März 1948, es habe sich gezeigt, dass die beiden Lager nicht zusammenkommen könnten - sie seien eben "wie Feuer und Wasser".
Wie die Amerikaner in ihrem Bereich, so trieb Stalin in seiner Einflusssphäre die Konsolidierung voran, allerdings mit den ihm eigenen Methoden. In Prag übernahmen die Kommunisten mit einem Staatsstreich die Macht; wenige Monate später begann die Berlin-Blockade.
"Jede Seite sah die andere als gefährliche Bedrohung, und indem man darauf aggressiv reagierte, wurde man auch zu einer solchen", schreibt der US-Historiker Gerard DeGroot.
Das Krisenjahr 1948 markiert infolgedessen einen Wendepunkt der Geschichte. Bis dahin war die amerikanische Öffentlichkeit nicht von der Notwendigkeit eines Kalten Krieges gegen den einstigen Verbündeten überzeugt. Bitten der Briten nach einer "Unterstützung Westeuropas durch die USA" hatte Washington bezeichnenderweise abgelehnt. Sogar der Marshall-Plan wurde von den oppositionellen Republikanern im Kongress in Frage gestellt.
Mit der Berlin-Blockade 1948/49 änderte sich das Bild grundlegend. Schon bald erfasste Angst die Menschen, aus der später jene antikommunistische Hysterie wurde, die sich mit dem Namen des Senators Joseph McCarthy verbindet.
Die US-Militärs integrierten jetzt die Atombombe in ihre Kriegsplanspiele. Endlos könne man die Luftbrücke nicht aufrechterhalten, mahnte die Generalität. Clays Stabschef schlug allen Ernstes vor, über dem Rhein eine Atombombe zu zünden - um die Sowjets einzuschüchtern. Am 13. September 1948 notierte Truman: "Ich habe das schreckliche Gefühl, dass wir sehr dicht vor einem Krieg stehen."
Der Senat bewilligte nicht nur die Marshall-Hilfsgelder, sondern signalisierte zudem die Bereitschaft zu einem dauerhaften militärischen Engagement in Europa - ein radikaler Bruch mit der isolationistischen Tradition in der amerikanischen Außenpolitik, der im Jahr darauf die Gründung der Nato nach sich zog.
Es ist später viel darüber spekuliert worden, wie das Ringen der Supermächte ausgegangen wäre, wenn Stalin - und nicht Truman - als Erster über die Atombombe verfügt hätte. US-Historiker betonen, ein amerikanischer Nuklearangriff auf die Sowjetunion sei damals auch deshalb unterblieben, weil sich ein solcher Angriff nicht mit den Werten einer Demokratie vereinbaren lasse.
Der andere Teil der Wahrheit ist: Die US-Air-Force verfügte im Juli 1948 über 50 Bomben vom Typ "Fat Man", der über Nagasaki abgeworfen worden war. Damit ließen sich zwar große Gebiete der Sowjetunion verwüsten, aber die Zerstörungen wären deutlich geringer ausgefallen als jene, die Hitlers Wehrmacht verursacht hatte. Und die hatte Stalin auch überstanden, wie US-Planer im Mai 1949 analysierten.
Die Experten zogen daraus den Schluss, es sei nötig, dem einstigen Verbündeten im Kriegsfall noch größere Schäden zuzufügen.
Man mag eine Ironie der Geschichte darin sehen, dass in dieser Situation ausgerechnet Trumans Sparsamkeit der amerikanischen Atomrüstung, deren Kosten sich während des Kalten Krieges auf fast sechs
Billionen Dollar summierten, entscheidenden Auftrieb gab. Dem Präsidenten war nämlich eine konventionelle Aufrüstung zu teuer. Und so begann die Welt am Abgrund zu balancieren, weil die Einberufung von Soldaten die (Personal-)Ausgaben besonders hochgetrieben hätte - und Atombomben vergleichsweise billiger waren.
General Curtis LeMay, Chef des Strategic Air Command, wollte insbesondere die sowjetischen Städte bombardieren. Da könne man immer sicher sein, so argumentierte er, ausreichend Schaden anzurichten. Aus 50 Bomben, die er auf 20 sowjetische Städte abwerfen wollte, wurden 133, vorgesehen für 70 Städte, dann 220 für 104 Städte.
Schon LeMays erster Kriegsplan von 1949 rechnete mit 2,7 Millionen sowjetischen Opfern. Ende der fünfziger Jahre lagerten die Amerikaner bereits fast 18 000 Nuklearwaffen. Und warum?
Weil die US-Luftwaffe schnell gelernt hatte, die Bombe zu lieben. Das absurde Anwachsen des nuklearen Arsenals folgte nämlich einer eigenen Logik, die mit Stalin nichts zu tun hatte, sondern die aus der erbitterten Konkurrenz zwischen US-Marine und US-Air-Force resultierte.
Der ungewöhnlich durchsetzungsstarke LeMay, Spitzname "Eisenarsch", hatte sich die Oberhoheit über die Ausarbeitung der Zielliste für einen Atomkrieg gesichert. Da für jedes Ziel ausreichend Bomben und entsprechend Bomber zur Verfügung stehen mussten, was wiederum einen größeren Anteil vom Budget bedeutete, wies die Liste bald knapp 3000 Einträge auf - und die Luftwaffe erhielt beinahe die Hälfte des Pentagon-Etats.
Dabei spielte LeMay in die Hände, dass seit 1949 auch die Sowjetunion über die Nuklearwaffe verfügt. Die Amerikaner hatten diese Entwicklung vorausgesehen, allerdings erst für die zweite Hälfte der fünfziger Jahre, und waren daher entsetzt, als Stalin ein derartiges Tempo vorlegte. Obwohl der Kreml mangels Interkontinentalraketen und weitreichender Flugzeuge bis 1954 nicht in der Lage war, die Bombe über den USA abzuwerfen (und auch danach zunächst nur in einer One-Way-Mission), wollte das Pentagon nicht ausschließen, dass ein sowjetischer Angriff bereits Mitte 1951 erfolgen könnte.
"Bedrohungsinflation", so hat Pulitzer-Preisträger Richard Rhodes diese Methode genannt, mit der amerikanische Falken um den späteren Marine-Minister Paul H. Nitze für eine Aufrüstung trommelten. Sie übertrieben einfach maßlos die Gefahr, die von einem Gegner ausging, und etablierten damit bald eine Tradition: Bei ihnen lernten Falken wie Bushs langjähriger Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder der heutige US-Vizepräsident Dick Cheney ihr Handwerk. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlugen Nitze, Cheney und Rumsfeld Alarm, weil angeblich die Sowjetunion die Fähigkeit zum atomaren Erstschlag herbeirüstete. Im Vorfeld des Irak-Krieges 2003 behaupteten dann Cheney und Rumsfeld - ebenso Ängste schürend -, Saddam Hussein strebe nach Atomwaffen und unterstütze al-Qaida.
Alles Unsinn, aber politisch enorm erfolgreich.
Besorgt warnten Anfang der fünfziger Jahre britische Geheimdienstler ihre Regierung in London vor dem amerikanischen Verbündeten. Dort sei die Haltung verbreitet, man solle lieber einen Krieg führen, solange das Kräfteverhältnis noch zugunsten des Westens ausfalle. Vermeiden lasse er sich ohnehin nicht.
Wie berechtigt die Sorge der Briten vor einem Atomwaffeneinsatz war, zeigte sich dann im Koreakrieg, der am 25. Juni 1950 mit einem Überfall des stalinistischen Nordens auf den Süden begann.
Schon nach wenigen Tagen war die halbe südkoreanische Armee vernichtet; am 30. Juni meldete General Douglas MacArthur, US-Oberkommandierender in Japan, ohne amerikanische Bodentruppen sei nichts mehr zu machen.
Stalin hatte den Angriffsabsichten seines nordkoreanischen Satrapen Kim Il Sung nur zugestimmt, weil er glaubte, die Amerikaner hätten ihren Teil Koreas bereits abgeschrieben. Im Prinzip war das richtig, und hätte Kim Il Sung nur Guerillatruppen in den Süden einsickern lassen, wäre es vermutlich nie zu einem Koreakrieg gekommen.
Doch einen Frontalangriff auf eine international anerkannte Grenze wollte Truman nicht hinnehmen und wandte sich an die Uno. Schnell war unter amerikanischer Führung eine internationale Streitmacht aufgestellt, mit Soldaten aus 15 weiteren Nationen, darunter Engländer, Franzosen, Türken, Thailänder und Pakistaner, die nun die Nordkoreaner weit zurückdrängten.
Als ein verzweifelter Kim Il Sung in dieser Situation Stalin um Hilfe bat, verwies ihn der Georgier nach Peking, wo seit kurzem der Genosse Mao Zedong regierte. Der sonst zu radikalen Lösungen neigende Mao zögerte. Drohte mit einem chinesischen Eingreifen nicht eine Eskalation? Stalins kühle Replik: "Wenn ein Krieg mit den USA sich nicht vermeiden lässt, dann sollten wir ihn jetzt führen."
Mit 18 chinesischen Divisionen griff Mao daraufhin die Uno-Truppe an.
Wäre es nach MacArthur gegangen, dem genialen, aber auch zu Größenwahn neigenden Strategen, wären bald Atompilze über China aufgestiegen. Am Heiligen Abend 1950 übermittelte der General nach Washington eine Liste mit 24 Zielen in China, die er mit der ultimativen Waffe angreifen wollte, darunter die Millionen-Metropole Shanghai. In den Streitkräften fand er damit an vielen Stellen Unterstützung.
Trumans Außenminister Dean Acheson wehrte sich mit dem Argument, ein solcher Angriff würde den Falschen treffen. Und die Sowjetunion könne man nicht einfach so angreifen. Zum Glück für die Welt kam den Falken in den USA damals nicht zu Ohren, was der Historiker Matthias Uhl jetzt berichtet*. Stalin war nicht nur Unterstützer Kims, sondern, in weitaus größerem Maße als bisher
bekannt, aktiver Kriegsteilnehmer: Über 70 000 Mann der sowjetischen Luftwaffe dienten in Korea. Die Piloten unter ihnen zogen chinesische Uniformen an, auf ihren Maschinen prangten dann Erkennungszeichen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Es standen zudem fünf sowjetische Divisionen für den Fall bereit, dass sich die militärische Lage Nordkoreas erneut drastisch verschlechterte.
Statt mit Atombomben mussten sich die US-Truppen mit konventionellen Mitteln helfen, mit Ergebnissen, die grausig genug waren: "Wir haben ... jeden Ort in Nordkorea niedergebrannt und auch manche in Südkorea", bilanzierte LeMay, "wir haben 20 Prozent der Bevölkerung Koreas durch direkte Kriegseinwirkung getötet, oder durch Verhungern und Erfrieren".
Nach Stalins Tod 1953 schlossen beide Seiten einen Waffenstillstand.
Für den Fortgang des Kalten Krieges erwies sich der Kampf um Korea als drastischer Einschnitt. Sowjetunion wie USA überzogen die Welt mit Bündnisverträgen, wobei die Amerikaner für sich in Anspruch nehmen können, meist als Seniorpartner erwünscht gewesen zu sein. Der Historiker Geir Lundestad spricht von einem "Empire by Invitation", also einem Reich, das auch durch Einladung an die Hegemonialmacht entstanden ist.
Im Sowjetblock hingegen herrschten der Kreml und seine Statthalter mit eiserner Faust. Die Rebellionen der Ostdeutschen (1953), Ungarn (1956), Tschechen (1968) oder Polen (mehrfach) wurden zusammengeschossen.
Die Amerikaner stationierten jetzt dauerhaft Truppen auf dem alten Kontinent; die Nato wurde zu einer veritablen Militärallianz, der 1955 auch die Bundesrepublik beitrat, die mit dem Aufbau der Bundeswehr begann. Der Kreml zog nach und gründete mit dem Warschauer Pakt die Nato-Konkurrenzorganisation, die allerdings zunächst nur als Verhandlungsmasse gedacht war - die sowjetische Führung musste dem Westen ja etwas anbieten, wenn sie die Auflösung der Nato verlangte.
Sicherer wurde die Welt durch die Blockbildung nicht. Stalins Nachfolger Chruschtschow nahm an, mit der Aufrüstung der Bundeswehr werde die konventionelle Überlegenheit des Ostens in Europa schwinden. Die verbleibende Zeit wollte er nutzen, um die Westmächte aus Berlin zu vertreiben und dann das Loch zu stopfen, durch das sich ein Strom von Flüchtlingen aus der DDR in den Westen ergoss.
"Berlin sind die Eier des Westens. Ich muss die nur quetschen, und der Westen jault auf", glaubte der Russe. Im November 1958 stellte er Briten, Amerikanern und Franzosen ein Ultimatum - und damit begann die zweite Berlin-Krise.
Um die westliche Supermacht zu beeindrucken, behauptete Chruschtschow, die Sowjetunion produziere Raketen "wie eine Würstchenmaschine, Rakete um Rakete", was allerdings nicht stimmte. Erst 1960 verfügten die Sowjets über Interkontinental-
raketen. "Wie kannst du so etwas sagen?" fragte ihn sein Sohn, ein Raketenbauingenieur. "Wir schrecken so die Amerikaner ab", meinte der Vater.
Die Kriegsgefahr schätzte Chruschtschow senior auf fünf Prozent - und lag damit vollkommen falsch.
Denn bei Planspielen kamen Offiziere des Pentagon zu dem Ergebnis, dass die USA in der Lage waren, die Sowjetunion mit einem Nuklearschlag zu besiegen - ein für manchen Politiker in Washington verlockendes Szenario. Allerdings wären dann auch bis zu drei Millionen Amerikaner gestorben und natürlich viele Europäer.
Zum Äußersten kam es gottlob nicht, denn Chruschtschow entschied sich 1961 für eine andere Lösung des Berlin-Problems. Sie war an Perfidie schwer zu überbieten: Er erlaubte Ulbricht den Bau der Mauer.
Aufgrund dieser Konstellation behaupten heute Apologeten der DDR, der "antifaschistische Schutzwall" (SED-Propaganda) habe den Frieden gerettet und die Lage stabilisiert. Sie übersehen dabei gern die berühmte Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie einige Wochen nach dem Mauerbau.
An dem Grenzübergang in der Berliner Friedrichstraße fuhren am 27. Oktober 1961 auf beiden Seiten der Demarkationslinie amerikanische und sowjetische Panzer auf und richteten ihre stählernen Kanonenrohre aufeinander. Weitere Tanks standen in den Nebenstraßen bereit. "Uns trennten nur noch Sekunden und Meter von einem Unglück", berichtete später der Sowjetdiplomat Walentin Falin.
Ulbricht hatte zuvor - ohne Absprache mit Moskau, wie man heute weiß - die Siegerrechte der Amerikaner in Berlin in Frage gestellt und damit Washington provoziert. Chruschtschow wiederum vermutete, der Westen erwäge einen Durchbruch der Mauer, weil US-Militärs ein solches Vorgehen in einem Manöver im Berliner Grunewald geübt hatten, was freilich ohne Kenntnis Kennedys geschehen war (SPIEGEL 43/2001).
Als der US-Präsident ausrichten ließ, er sei an einer Beilegung der Krise interessiert, zog Chruschtschow seine Panzer ab. Auch die Amerikaner setzten zurück. 16 Stunden hatte der Nervenkrieg gedauert.
Schon dieses Beispiel lässt erkennen, wie schwierig es war, die angeblich so übersichtliche Welt des Kalten Krieges unter Kontrolle zu halten. Es gebe immer einen, der die Ansage nicht mitbekomme, klagte Kennedy einmal.
Aber was tun, wenn von den Chefs selbst das größte Risiko ausgeht?
Eigentlich hätte die Berlin-Erfahrung Chruschtschow für die weitere Zukunft zur Vorsicht gemahnen sollen, doch im Jahr darauf brachte er mit der Kuba-Krise die Menschheit so dicht an den Abgrund wie nie zuvor.
Und alles nur, weil Chruschtschow glaubte, Kennedy plane einen Angriff auf Kuba, um dort Fidel Castro zu stürzen. Was für ein Irrtum.
Der Kreml-Diktator setzte gegen die angeblich drohende Invasion auf nukleare Abschreckung. Ab Sommer 1962 stampften Schiffe mit Atomrüstung Richtung Karibik - als Tarnung standen auf den Decks meist Trecker und Lastwagen. Schließlich sollte die Operation "Anadyr" dem Westen vorgaukeln, es gehe um Agrarhilfe für die kubanischen Genossen.
In Wirklichkeit brachte die rote Flotte 36 Atomraketen des Typs SS-4 (2000 Kilometer Reichweite), 60 Atomsprengköpfe und 8000 Militärspezialisten auf die Karibikinsel. 34 000 Soldaten sollten diese Atommacht schützen.
Heute erstaunt immer noch, wie spät die Amerikaner die ganz nahe Bedrohung realisierten. Vor allem aber entging Kennedy und seinen Leuten, dass die sowjetischen Mittelstreckenraketen bereits einsetzbar waren.
Als sich Mitte Oktober die Hinweise auf Kubas Aufrüstung häuften, ließ Kennedy seinen Pressesprecher eine Warnung formulieren, die den Ernst der Lage freilich nur schwach widerspiegelte. Falls die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährdet sei, hieß es in der Erklärung, "werden wir tun, was notwendig ist".
Der Präsident schwankte in jenen Tagen und entschied schließlich, zunächst von harter Konfrontation abzurücken - sehr zum Unwillen höchster Militärs. "Der rote Hund gräbt im Hinterhof der USA und muss dafür bestraft werden", forderte General LeMay. Offensive also, und später sollte Kennedys Bruder Robert schildern, wie haarscharf es war: 8 der 13 Mitglieder des Krisenstabs hätten, "wären sie Präsident gewesen", den Atomkrieg ausgelöst.
John F. Kennedy ordnete eine Seeblockade an. Kuba lag nun unter Quarantäne.
Und der amerikanische Präsident machte in einer Fernsehansprache die bis dahin geheim gehaltene Raketenstationierung publik - die Welt wurde Zeuge eines öffentlichen Atompokers der Supermächte. Millionen Menschen in Ost und in West befiel von Stund an Panik, tagelang.
Als am 27. Oktober 1962 die Sonne über dem Potomac unterging, seufzte der US-amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara: "Ich frage mich, wie viele Sonnenuntergänge ich wohl noch sehen werde."
Dieser 27. Oktober ist als "schwarzer Samstag" in die Geschichte Amerikas eingegangen - und für Arthur Schlesinger, den Sonderberater Kennedys, war es "der gefährlichste Tag in der Geschichte der Menschheit". Die US-Stabschefs verlangten einen "Luftangriff am Montag, gefolgt wenig später von einer Invasion".
Auf der Karibikinsel verlor unterdessen Castro die Nerven. Fest von der Unvermeidbarkeit eines Überfalls der Nordamerikaner überzeugt, drängte er nun die sowjetischen Genossen, gegen die USA mit Atomwaffen loszuschlagen - um den imperialistischen Feind zu "liquidieren".
Die allgemeine Panik hätte sich mit Gewissheit noch gesteigert, wenn damals ein hochgefährlicher Zwischenfall bekannt geworden wäre: Denn um Mitternacht startete an jenem Tag vom Luftwaffenstützpunkt Eielson, Alaska, ein U-2-Spionageflugzeug. Auftrag: mit einer Spezialtechnik über dem Nordpol radioaktiven Staub herauszufiltern. Als Beweis neuerlicher Atombombentests der Sowjets.
Der Pilot orientierte sich überwiegend an den Sternen. Nur teilweise navigierten ihn Kameraden über Funk. Plötzlich, nach acht Stunden am Himmel, schaltete sich eine andere, dem Piloten unvertraute Stimme ein; auch sie gab Anweisungen. Es war ein Russe, der Englisch sprach - der US-Captain war, ohne es zu wissen, in den Luftraum der Sowjetunion eingedrungen, wohl mehrere hundert Kilometer.
Keine Frage, Moskau hätte die Verletzung seines Luftraums nicht nur als völkerrechtswidrigen Akt betrachten können. Sondern, auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise, als Provokation; sie hätte, wenn die Kreml-Führung eine andere gewesen wäre, der Kulminationspunkt sein können. Jedoch, Chruschtschow verzichtete auf Eskalation. Genauso wie Kennedy auf Eskalation verzichtete, als über Kuba eine Maschine gleichen Typs abgeschossen wurde.
Tags darauf, am 28. Oktober, lenkte Moskau ein und kündigte den Abzug seiner Raketen und Soldaten an. Kennedy erklärte, auf eine Invasion Kubas zu verzichten. Und versprach, alle Atomraketen aus der Türkei abzuziehen; sie stellten für Moskau eine besondere Bedrohung dar.
Fast die ganze Welt atmete auf. Im Kabinettssaal des Weißen Hauses erregte sich allerdings Admiral George Anderson: "Wir sind hereingelegt worden" - er meinte Kennedys Entscheidung gegen den Krieg.
Chruschtschows Reaktion, Raketen und Soldaten heimzuholen, war wohl kaum das Ergebnis einer weisen Politik; sie resultierte eher aus einer gerade für die Strategen "sehr schmerzhaften" Erkenntnis (Generalleutnant Nikolai Detinow): Die UdSSR war trotz ihres Aufmarsches auf Kuba militärisch unterlegen.
Damit sollte nun Schluss sein: "Eines sage ich Ihnen", herrschte der Moskauer Diplomat Wassilij Kusnetzow einen amerikanischen Gesprächspartner an: "Das macht ihr mit uns nicht noch einmal."
Ein Drittel der sowjetischen Wirtschaftskraft diente fortan nur einem Zweck: der Hochrüstung. Bomben statt Brot, dies sollte jahrzehntelang Maxime Moskauer Handelns sein. Und schon bald war das Gleichgewicht des Schreckens etabliert: Jeder konnte den anderen gleich mehrfach vernichten.
Immerhin bemühten sich die Supermächte nach der Kuba-Krise um eine Entspannung ihres Verhältnisses, was zeitweise auch gelang. 1963 wurde eine Direktverbindung über Fernschreiber ("heißer Draht") zwischen dem Oval Office und dem Kreml eingerichtet, um zu vermeiden, dass aus Fehlalarm oder Unfällen ein Krieg wurde. Einige Jahre später begannen beide Seiten mit Rüstungskontrollverhandlungen. Ohne die daraus resultierenden Verträge wäre das Wettrüsten nach Ansicht von Experten noch dramatischer ausgefallen, was der unvoreingenommene Betrachter nur schwer zu glauben vermag. Zeitweise verfügten die Amerikaner über knapp 32 000 nukleare Sprengköpfe, die Sowjets über 45 000.
Gerade in Europa geriet niemand mehr in Versuchung, gezielt mit dem Feuer zu spielen, wozu die Deutschen ihren Beitrag leisteten. Die 1969 eingeleitete Bonner Ostpolitik trug dazu bei, wie sich Ex-Kanzler Helmut Schmidt erinnert, "die Gefahren der deutsch-deutschen Konfrontation zu begrenzen" (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 61).
Der Kalte Krieg tobte nun vor allem außerhalb Europas: in Vietnam, Angola und an anderen Schauplätzen. Dort wurde geschossen oder gebombt. Mehrere Millionen Menschen starben in den sogenannten Stellvertreterkriegen, die beide Supermächte führen ließen, weil sie fürchteten, die jeweils andere Seite würde ihre Einflusssphäre vergrößern. Und wenn heute im Kongo oder anderen Teilen Afrikas kaum Frieden geschaffen werden kann, so zählt das auch zu den Spätfolgen jener Hilfe, mit der Ost und West im Kalten Krieg nach Gusto Rebellen und Regierungen subventionierten.
Freilich, ganz auszuschließen war eine Eskalation der Stellvertreterkriege nie. So 1968, als während der Tet-Offensive der kommunistische Vietcong die amerikanischen Truppen in die Defensive drängte. General McConnell verlangte von den Stabschefs die Erlaubnis, den Einsatz taktischer Nuklearwaffen vorzubereiten, um den Verlust der US-Basis im südvietnamesischen Khe Sanh zu verhindern. Bis heute ist nicht bekannt, wem das Verdienst zukommt, den General gestoppt zu haben.
Was der Bundesrepublik gedroht hätte, wenn aus einer Krise in Fernost oder anderswo ein Krieg in Mitteleuropa geworden wäre, kann nur vermutet werden. Die Nato pflegte die Fiktion - insbesondere im Hinblick auf deutsche Gemüter -, dass sich ein solcher Konflikt womöglich unterhalb der nuklearen Schwelle hätte austragen lassen.
Aktenfunde zeigen indes: Moskau hätte sofort Atomwaffen eingesetzt und wäre parallel mit einer Riesenarmee losmarschiert, wahrscheinlich mit 120 Divisionen auf einen Schlag, zu denen auch Einheiten der Nationalen Volksarmee gehört hätten.
Am Tag "D 3", dem dritten Kriegstag, hätte nach den Planungen des Warschauer Paktes aus dem Jahr 1970 eine polnische Division bereits an der niederländischen Grenze gestanden, an "D 6" wäre Dänemark gefallen. Auf einer Karte, die im Zentralen Militärarchiv in Warschau entdeckt wurde, sind über Antwerpen und Amsterdam, Bremen, Cuxhaven oder Emden kleine rote Bomben eingezeichnet - Symbole für A-Waffen.
Schlachtfeld Mitteleuropa.
Und die DDR-Führung ließ später sogar Straßenschilder mit flämischer Aufschrift anfertigen, denn für Belgien und die Niederlande war eine dauerhafte Okkupation vorgesehen. Dort wollte die SED-Führung dann ein "Militärgeld" einführen - "Zweitwährung auf gegnerischem Territorium", wie es intern hieß. Selbst Orden für Tapferkeit waren bereits geprägt, sie trugen den Namen eines preußischen Generalfeldmarschalls, der seine Truppen einst Richtung Westen geführt hatte: Blücher.
Es ist makaber, aber es hätte durchaus Wirklichkeit werden können: Die angreifenden Soldaten sollten den Rhein erreichen, "ehe bei ihnen die Symptome der Strahlenkrankheit aufgetreten wären", sagt der polnische Historiker Pawel Piotrowski. Ihr Tod war fest eingeplant.
Solcherlei Überlegungen beschäftigten die Militärs seit den sechziger Jahren, sie dachten nicht, wie es in den Schlachten früherer Jahre der Fall war, an Tausende, Zehntausende Opfer. Sie rechneten mit Millionen.
Und genau deshalb wird der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski jenen Anruf nie vergessen, der ihn noch vor dem Morgengrauen aus dem Schlaf riss, damals, im November 1979, als er Jimmy Carter diente, einem der Vorgänger Bushs. General William Odom, im Nationalen Sicherheitsrat einer der Moskau-Experten, meldete entsetzt, etwa 220 sowjetische Nuklearraketen seien im Anflug auf die USA.
Beide, der General und Brzezinski, wussten: Carter blieben nur wenige Minuten, den Befehl zum Gegenschlag zu erteilen. Und sie wussten auch, dass sie spätestens in einer halben Stunde tot sein würden. In Windeseile sollte Odom den Ursprung der Alarmmeldung überprüfen; der Präsident brauche exakte Informationen.
Minuten später rief der General erneut an, und die Nachricht war noch schlimmer. Nicht 220 Raketen seien in der Luft - sondern 2200. Totalangriff.
Genau in dem Augenblick, als Brzezinski seinen Präsidenten wecken wollte, rief Odom ein drittes Mal an. Kommando zurück, andere Frühwarnsysteme bestätigten die Meldung nicht. Jemand hatte versehentlich Daten ins Computersystem des US-Abwehrzentrums eingespielt, die eine atomare Attacke simulierten - eine Lässlichkeit, die das Ende der Zivilisation hätte bedeuten können.
Dass die Amerikaner nach Jahren der Entspannung einen sowjetischen Überfall überhaupt für ein reales Szenario hielten, zeigt, wie tief die Furcht saß.
Eine erneute Zuspitzung des Kalten Krieges war jederzeit möglich, und so ist der erneute Konfrontationskurs der Amerikaner ab 1980 auch keine Überraschung. Sie zeigten sich enttäuscht darüber, dass Moskau sich in der Dritten Welt nicht so zurückhielt, wie Washington es erwartet hatte, sondern vielmehr 1979 auch noch in das blockfreie Afghanistan einmarschiert war.
Bezeichnenderweise gewann Ronald Reagan, ein glühender Antikommunist, die Präsidentschaftswahlen und zog 1981 in das Weiße Haus ein. Der Kalifornier startete ein gigantisches Rüstungsprogramm, verkündete die Entwicklung des Raketenabwehrsystems SDI, den "Krieg der Sterne", und trieb die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses voran (siehe Grafik Seite 50).
Die Vereinigten Staaten "haben uns den Krieg erklärt", klagte 1982 der sowjetische Generalstabschef Nikolai Ogarkow. Das KGB erhielt den Auftrag, in Westeuropa nach Anzeichen für einen bevorstehenden Überraschungsangriff Ausschau zu halten.
Und dann kam der November 1983, und die Nato führte das Manöver "Able Archer" durch. Teile der Sowjetarmee wurden sofort in Alarmbereitschaft versetzt, darunter Nukleartruppen.
Besonders beunruhigte Moskau die Nachricht, in der Übung würden die Freigabeprozeduren bis hin zum totalen Atomkrieg geprobt. Als das KGB meldete, die Amerikaner hätten für ihre Streitkräfte in Europa die höchste Alarmstufe verhängt, brach Panik aus - dabei wurde dieser Schritt nur im Rahmen der Übung simuliert.
Erst nach zehn Tagen, so lange dauerte das Manöver, beruhigte sich die Situation wieder.
Und dabei blieb es auch bis zum Ende des Kalten Krieges.
Denn eines der Mitglieder des sowjetischen Politbüros während der Paniktage war Michail Gorbatschow, ein Agrarexperte. 1985 wurde der Südrusse Generalsekretär der KPdSU und damit Kreml-Chef. Im Kalten Krieg sah Gorbatschow nur ein teures Hindernis auf dem Weg zu Reformen, und nach einiger Zeit glaubte ihm das selbst Reagan.
Und schon bald überboten sich Amerikaner wie Sowjets mit Abrüstungsvorschlägen, die wirklich ernst gemeint waren.
Am deutlichsten zeigte sich der Wandel 1989, und zwar dort, wo der Kalte Krieg mit der Luftbrücke vor 60 Jahren sichtbar geworden war: in Berlin, in Deutschland.
Weit über eine Million Soldaten standen sich im geteilten Land und in der heutigen Hauptstadt gegenüber, ausgerüstet mit Gerät, das über ein Zigfaches der Sprengkraft jener Bombe verfügte, die Hiroshima zerstörte.
Und dennoch fiel kein einziger Schuss, als am 9. November desselben Jahres Tausende in Berlin die Öffnung der Mauer erzwangen.
Es ist ein alter Kabarettistenspruch, abgekupfert von einem Theaterstück des US-Dramatikers Thornton Wilder, aber für den Kalten Krieg hat er wirklich gegolten. Er lautet: Wir sind noch mal davongekommen. GEORG BÖNISCH, KLAUS WIEGREFE
* Im Juli 1945, mit dem britischen Premierminister Winston Churchill.
* Ein US-Aufklärungsflugzeug und das Kriegsschiff USS "Barry" (vorn) überwachen einen sowjetischen Frachter, der im Verdacht steht, Raketen für Kuba zu transportieren.
* Matthias Uhl: "Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962". Oldenbourg Verlag, München; 295 Seiten; 39,80 Euro.
* Einschiffung in Rostock.
Von Georg Bönisch und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 25/2008
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