16.06.2008

BUNDESWEHRDas Leben nach dem Tod

Im Juni 2003 sprengte ein Attentäter in Kabul einen Bus der Bundeswehr in die Luft. Vier Soldaten starben, 29 wurden verletzt. Fünf Jahre danach kämpfen viele von ihnen noch immer darum, sich in einem Land zurechtzufinden, das auf Kriegsheimkehrer nicht vorbereitet ist. Von Hauke Goos
Sie waren wieder da, wie jedes Jahr am 7. Juni. Sie trafen sich morgens um zehn, auf einer Wiese in der Kaserne. Ein paar von ihnen trugen Uniform, ein paar waren in Zivil gekommen. Sie hatten einen Kranz mitgebracht, auf der Schleife stand: "In stillem Gedenken - Kameraden des EloKaBtl 932".
Ein evangelischer und ein katholischer Militärseelsorger hielten eine Predigt. "Wer tot ist, ist nicht vergessen", sagte der eine. "Nur wer vergessen ist, ist tot." Dann beteten sie das Vaterunser.
Sie waren wieder da, in der Burgwald-Kaserne in Frankenberg, in Nordhessen, wo ihr Leben vorangegangen war, bis zu dem Tag, an dem der Einsatzbefehl kam. Ein Trompeter blies das Lied "Ich hatt' einen Kameraden", und dann sahen sie dabei zu, wie der Kranz niedergelegt wurde - der Soldat, der heute auf Bali wohnt, nicht mehr in Deutschland leben kann, seit er von dem Einsatz zurückkehrte, schwer verletzt; der andere Soldat, der seitdem versucht, sein Leben mit Hilfe der Psychotherapie erträglich zu machen; der dritte Soldat, der sich ein paar Wochen danach freiwillig meldete, der glaubte, dahin zurückkehren zu müssen, wo es passiert war, um das Geschehene bewältigen zu können. Der vierte Soldat, der das Tageslicht nur noch selten erträgt, seit er wieder zu Hause ist, ist nicht gekommen, er blieb daheim, in Sicherheit, im Dunkeln.
Am 7. Juni 2003 hatten sie in einem Bus der Bundeswehr gesessen, der durch Kabul fuhr. Dann verübte ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf den Bus. Vier deutsche Soldaten starben, 29 wurden verletzt. Es war der erste tödliche Angriff gegen deutsche Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg.
Von denen, die überlebten, zog jeder andere Schlüsse aus diesem 7. Juni. Jeder entwickelte eine andere Strategie, mit dem Erlebten fertig zu werden.
Der Bus der Aufklärungskompanie hatte Camp Warehouse an jenem Tag gegen 7.45 Uhr verlassen: ein "Wolf"-Jeep als Begleitfahrzeug vorneweg, dann der Bus mit dem Gepäck, ihm folgte der Mannschaftsbus mit den Soldaten, 33 Mann insgesamt. Andreas Oechler war dabei, der Auswanderer; Christopher Plodowski, der psychische Hilfe braucht; Christian N., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil er nach wie vor an Einsätzen teilnimmt und seine Familie schützen will; und Frank Dornseif, der Mann, der vor dem Sonnenlicht flieht. Hinter ihrem Mannschaftsbus fuhr ein Lastwagen mit Rucksäcken, dahinter ein weiteres Begleitfahrzeug. Es war ein warmer Samstagvormittag, etwa 20 Grad. Niemandem fiel der Lada Kombi auf, der auf der anderen Straßenseite wartete.
Der Konvoi bog ein auf die Jalalabad Road, Richtung Flughafen: eine breite Ausfallstraße, die Fahrspuren getrennt durch einen unbefestigten Mittelstreifen.
Am Abend zuvor hatten die Soldaten das Ende ihres Einsatzes gefeiert. Sie grillten Würstchen, sangen "Muss i denn" und stießen mit deutschem Bier auf ihre bevorstehende Heimkehr an.
Der Fahrer des Gepäckbusses sah den Lada als Erster. Offenbar versuchte der Lada, den Konvoi auf dem Mittelstreifen zu überholen, schob sich immer weiter nach vorn, bis auf die Höhe des Mannschaftsbusses, dann ließ er sich ein Stück zurückfallen. Hinter dem Mannschaftsbus zog der Lada plötzlich nach rechts, auf die andere Seite.
150 Kilogramm Sprengstoff trug er in seinem Kofferraum, ermittelten Experten später. Die Wucht der Explosion schleuderte den Bus fast hundert Meter weit, in einer Senke blieb das Wrack liegen.
Frank Dornseif, der Versorgungsfeldwebel der Kompanie, hatte hinten gesessen, in der drittletzten Reihe, auf der Fahrerseite.
Er hörte die Explosion kaum, weil die Druckwelle seine Trommelfelle zerfetzte. Er fühlte einen fremden Geschmack im Mund. Ungefähr so, sagt er, "als wenn man beim Fußball den Ball voll in die Fresse kriegt".
Die Explosion spaltete Dornseifs Nase und trieb Metall- und Glassplitter tief in Stirn, Hals, Arme und Beine. Er erinnert sich, dass jemand ihn draußen an einen Pfeiler lehnte: Er spürte die Kühle des Betons, dazu verdorrtes, stacheliges Gras. Er konnte seine Augen nicht öffnen. Bekam keine Luft. Ein Gefühl, sagt Dornseif, "als ob man in eine Plastiktüte atmet".
Dornseif hat sich, Jahre danach, in den Partykeller seines Hauses zurückgezogen, ins Untergeschoss, da, wo kaum Licht hinkommt. Er geht nur noch selten nach draußen, die Fotografin, die ein Bild von ihm im Garten machen möchte, muss ihn lange darum bitten. An den Wänden im Keller sind ein paar Fotos zu erkennen: Männer in Uniform, Gruppenbilder, eine Brücke in Bosnien. Dornseif hat die Fenster verhängt. Beim Sprechen pustet er Luft aus, als wollte er eine Fliege auf seiner Oberlippe verscheuchen.
Er hat eine Bäckerlehre gemacht, danach ging er zur Bundeswehr. Er wollte herumkommen, etwas erleben. Sein erster Einsatz brachte ihn nach Bosnien, und Bosnien, sagt er, war ein großer Spaß. Kabul fühlte sich anders an als Bosnien, von Anfang an. Vor dem Abflug machten sie Schießübungen. Wenn es zu einem Schusswechsel kommt, schärfte man ihnen ein, sollten sie immer zweimal auf dieselbe Stelle halten, damit wenigstens die zweite Kugel die schusssichere Weste des anderen durchdringt.
Dornseifs Frau kommt herein. Sie war mit dem Hund draußen, wenigstens der Hund muss ja mal ans Licht. Anja Dornseif ist in einem Nachbardorf aufgewachsen, kaum zehn Kilometer entfernt, sie waren Anfang zwanzig, als sie heirateten.
Damals, sagt Dornseif, bevor es losging nach Kabul, habe er das erste Mal zu seiner Frau gesagt: Ich habe Angst.
"Nein", sagt Anja Dornseif. "Zu mir hast du das nicht gesagt."
Es entsteht ein Augenblick der Stille, in dem nur das Atmen des Hundes zu hören ist und Dornseif, der die Luft auspustet. Sie hätte sich einen solchen Satz gemerkt, sagt
Anja Dornseif. Denn der Satz hätte ihr Sorgen gemacht. Sie hätte vielleicht versucht, ihren Mann von dem Einsatz abzubringen.
"Von Frank kam kein Wort damals."
Dornseif pustet. Er sagt nichts.
Seine Frau erfuhr von dem Anschlag aus dem Fernsehen. Immer wieder hatte Dornseif ihr versichert, sie brauche sich um ihn keine Sorgen zu machen - erst wenn vor ihrem Haus ein Wagen der Bundeswehr halte und vier Männer im Dienstanzug ausstiegen, dann würde sie wissen, dass es ernst sei.
An diesem Samstag stoppte nachmittags vor Dornseifs Haus ein Transporter der Bundeswehr. Durchs Fenster beobachtete Anja Dornseif, wie vier Männer herauskletterten, in Uniform. Sie sah, wie die Männer aufs Haus zugingen, wie in Trance öffnete sie die Tür. Einer nahm sie in den Arm.
"Lebt Frank noch?", flüsterte sie.
"Komm", sagte der Soldat. "Wir gehen erst mal rein."
Frank Dornseif ließ sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland krankschreiben, die Erinnerung an die Schreie, an das Sonnenlicht in seinem Rücken lassen sein Herz rasen. Zweieinhalb Jahre später schied er aus dem Dienst aus.
13 Jahre lang war Dornseif Soldat gewesen. Jetzt bekam er eine Nummer, D/0054/2003, er wurde ein Vorgang, ein Fall für die Verwaltung, die jahrzehntelang nur Friedensroutine gekannt hatte und die sich plötzlich mit Kriegsfolgen konfrontiert sah. "Zum ersten Mal sind bei einer kriegerischen Handlung Soldaten getötet worden", sagt Dornseif, "und von den Verwaltungsleuten heißt es nur: 'Den Vordruck haben wir nicht.'"
Bei der Explosion waren ein paar von Dornseifs Sachen zerstört worden, seine Kamera, ein Notebook, der MP3-Player, die elektrische Zahnbürste. Die Bundeswehrverwaltung bat ihn zu prüfen, ob dafür nicht die Reisegepäckversicherung seiner Hausratversicherung einstehe. Und sie fragte, ob er für die zerstörten Gegenstände Quittungen habe.
Da setzte sich Dornseif hin und schrieb der Bundeswehrverwaltung einen Brief. Er habe nach dem Anschlag auf der Intensivstation gelegen, schrieb er. Deswegen habe er keine Möglichkeit "und leider auch wenig Interesse" daran gehabt, nach Kaufbelegen zu forschen.
Bevor Frank Dornseif die Bundeswehr verließ, rutschte er aus ihr heraus. Er war noch da, aber er gehörte immer weniger dazu. Wenn er Post bekam, las er immer häufiger: maschineller Beleg - ohne Unterschrift gültig. "Bei der Bundeswehr gibt es nur schwarz und weiß, hell und dunkel", sagt Dornseif und bläst Luft aus. "Man gehört dazu, oder man ist draußen."
"Sie müssen mal davon wegkommen, sich wegen allem zu beschweren", sagte ihm ein Bundeswehrarzt.
Ein Psychologe der Bundeswehr urteilte über Dornseif, er fühle sich "in seiner Krankheit verhaftet".
"Ich fühle mich nicht verhaftet", sagt Dornseif in seinem abgedunkelten Keller, "ich fühle mich verarscht."
Er hat jetzt einen neuen Gegner, einen, den er sieht, gegen den er kämpfen kann. Im Dezember 2007 reichte Dornseif beim Sozialgericht Marburg Klage ein, gegen einen Bescheid der Wehrbereichsverwaltung Süd, die den Grad seiner Behinderung mit 60 festschrieb.
Dornseif will 100, allein sein linkes Ohr, sagt er, sei mit 20 beurteilt worden, seine Psyche mit 50, orthopädische und neurologische Gutachten seien noch gar nicht berücksichtigt worden. 100, das hieße: keine Rundfunk- und Fernsehgebühren mehr, freier Eintritt ins Schwimmbad, Ermäßigungen bei der Bahn. Es hieße aber vor allem: Anerkennung für seinen Dienst.
Soldaten wie Frank Dornseif hatten den Einsatz in Kabul lange als Abenteuer gesehen. Ein Ausflug in eine unbekannte Welt, eine Abwechslung vom Dienstplan-Alltag. Das Risiko, das es in Afghanistan gab, trug für viele einen eigentümlichen Reiz in sich: Sie glaubten die Gefahr kontrollieren zu können. Seit dem Anschlag wissen sie, dass sie einer Illusion aufgesessen waren. Die Überlebenden kehrten verkrüppelt und traumatisiert nach Deutschland zurück, Spezialisten, die Afghanistan zu Kriegsversehrten gemacht hatte.
Andreas Oechler hat als Treffpunkt das Waidmannsheil vorgeschlagen, ein Lokal, das einem Bekannten gehört. Er hat in Deutschland kein richtiges Zuhause mehr. Er wartet am Tresen der "Raucher- Lounge", vor sich einen Kaffee und ein Päckchen Marlboro Light.
Oechler war Zivilangestellter bei der Bundeswehr, er hatte kurz vor dem Einsatz in Afghanistan geheiratet. Die Auslandszulage lockte ihn.
Als er sich von seiner Frau verabschiedete, verschwieg er ihr, wohin die Reise ging. Wenn er niemandem etwas sagte, dachte er, konnte sich auch niemand Sorgen machen. Wie Dornseif war auch Oechler in Bosnien gewesen, seine Frau glaubte, er sei noch einmal dorthin unterwegs. Oechler ließ sie in dem Glauben.
Als Andreas Oechler an jenem Morgen in den Bus kletterte, fand er den Platz, auf dem er sonst meistens saß, belegt. Der Feldwebel Helmi Jimenez-Paradis hatte sich dort hingesetzt, fünfte Reihe, Fahrerseite, am Fenster.
Am Abend vor ihrer Abreise unterhielt Oechler sich lange mit dem Feldwebel. Jimenez-Paradis war Muslim, Oechler wollte wissen, was der Islam über Selbstmordattentäter sagt, wie das genau sei mit der Belohnung, die auf sie warte im Paradies.
An die Explosion kann sich Oechler bis heute nicht erinnern, es kam ihm vor, "als wenn einer den Lichtschalter ausknipst".
Jimenez-Paradis war sofort tot. Oechler hatte sich gerade zu seiner Tasche gebückt, die zwischen seinen Beinen auf dem Boden stand, womöglich rettete ihm das sein Leben.
Seine Frau war auf Bali, als der Bus explodierte. Ob sie schon gehört habe, fragten Freunde sie an jenem Samstag im Juni: In Kabul seien vier deutsche Soldaten umgekommen. Das interessiere sie nicht, antwortete Oechlers Frau. Ihr Mann sei in Bosnien.
Als Andreas Oechler im Bundeswehrkrankenhaus wieder zu sich kam, entdeckte er in einer Zeitschrift ein Foto von sich. "Wie viele Stiche haben wir denn gebraucht?", fragte er den Arzt.
"Bei 300 habe ich aufgehört zu zählen", sagte der.
Irgendwann stand Oechlers Frau im Zimmer. Sie umarmten sich, aber etwas war anders als früher.
Oechler stützt seine Hände auf den Tresen in der Raucher-Lounge, vor ihm wird der zweite Kaffee kalt, immer wieder fährt er sich mit der Hand über die Augen.
Er zieht einen Packen Fotos aus der Innentasche seiner Jacke und blättert sie behutsam auf den Tresen: Eine kleine Villa ist darauf zu erkennen, zwei Stockwerke, Palmen drum herum, ein in Erfüllung gegangener Lebenstraum mit Lobby und Terrasse.
Das Haus auf Bali ist so gut wie fertig. Vielleicht wird seine Frau einziehen, er wünscht es sich jedenfalls, aber sie werden nicht zusammen darin wohnen. Das Vertrauen zwischen ihnen ist zerstört. "Nicht gestört", sagt Oechler. "Zerstört."
Oechler lebt inzwischen die meiste Zeit des Jahres auf Bali. "Mein ganzes Leben ist umgefallen."
An manchen Tagen liegt er auf dem Sofa, stundenlang, mit geschlossenen Augen. Oechler hadert. Und trauert. Um das, was sie hatten, und um das, was aus ihnen hätte werden können.
Ob er Selbstmordgedanken habe, hat ihn mal ein Psychologe gefragt. "Was sind Selbstmordgedanken?", fragt Oechler und starrt in seine Kaffeetasse. "Wenn man auf dem Balkon steht und runterguckt und denkt: Wenn du jetzt springst, dann ist alles vorbei - sind das Selbstmordgedanken?"
Oechler ging nach Afghanistan, weil Christopher Plodowski, der Kompaniechef, ihm gesagt hatte, er könne ihn da gebrauchen. Bevor sie losflogen, hatte Plodowski vor seinen Männern und ihren Frauen eine kleine Rede gehalten. Wir gehen alle heil da hin, hatte er gesagt. Wir werden alle heil da rausgehen.
An der Stelle des Gesprächs, an der Plodowski über seine Erinnerung an den Tag im Bus sprechen soll, bittet er um eine Rauchpause. Der Major sitzt am Esstisch seines Wohnzimmers, durchs Fenster scheint die Sonne, alles ist tadellos aufgeräumt. Plodowski will beschreiben, was 150 Kilogramm Sprengstoff aus seinem Leben gemacht haben.
Gerade hat er geschildert, wie er nach seiner zweiten Ohren-OP plötzlich nicht mehr riechen und nicht mehr schmecken konnte. Wie er an Parfums schnüffelte oder Ammoniak inhalierte, weil er herausfinden wollte, ob ihm nicht wenigstens ein Rest Geruchssinn geblieben war. Wie er Tabasco-Sauce trank und, außer Bauchschmerzen, nichts spürte.
Wozu braucht jemand, der nichts mehr riecht und schmeckt, eine Rauchpause?
Plodowski läuft vom Esstisch hinüber in die Garage, wo der Aschenbecher steht. Früher, als Kompaniechef, hat er immer Zigarillos der Marke Moods geraucht, er mochte ihren leichten Vanillegeschmack. Plodowski zündet sich einen Zigarillo an, nimmt einen tiefen Zug, bläst den Rauch aus.
"Das Gefühl", sagt er. "Das Gefühl ist wie früher." Gerüche und Geschmäcke seines ersten Lebens sind im Gehirn abgelegt, er kann sie aufrufen "wie Speicherkarten": Rasierwasser, Spaghetti Bolognese, Zigarillo. Plodowski raucht, weil ihn die Zigarillos daran erinnern, dass sein Leben früher manchmal nach Vanille schmeckte.
Im Bus nahm Plodowski auf der Fahrerseite Platz, zweite Reihe, Gang. Mit seinem Spieß machte er Pläne für die Abschiedsparty, die am Abend auf dem Bundeswehrstützpunkt Termes in Usbekistan stattfinden sollte. Sie wollten Gesellschaftsspiele besorgen, vielleicht ein Billardturnier veranstalten, Plodowski würde ein, zwei Paletten Bier ausgeben.
"Wenn man im Ausland Dienst leistet, fragt man sich: Was ist das Produkt?", sagt Plodowski. In Afghanistan sollte seine Kompanie für Sicherheit sorgen und den Frieden beschützen in einem Land, das sich im Krieg befand. Seine Leute hatten einen klaren Auftrag: Force Protection, den Krieg fernhalten von den eigenen Leuten. In Afghanistan, sagt Plodowski, war das Produkt immer sichtbar.
Als sie mit dem Konvoi an einer Wäscherei vorbeifuhren, hörte er einen Knall, dumpf, irritierend leise, "wie ein Echo, das von weit weg kommt". Auf einmal lag er im Mittelgang des Busses auf dem Bauch, die Füße zum Fahrer.
Plodowski kam hoch, drehte sich um, suchte seinen Spieß. Dann sah er die Soldaten, die vielen Verwundeten, die Zerstörung.
"Alles raus!", schrie er.
Zwei seiner Leute waren tot, das konnte er erkennen, Plodowski half, Verwundete ins Freie zu schleppen, erst dann blickte er an sich hinunter und sah, dass Blut pulsierend aus seinem Arm schoss.
Drei Monate später, im September 2003, meldete Christopher Plodowski sich wieder zum Dienst. "Als Soldat muss man bereit sein, gewisse Grenzen zu überschreiten", sagt er. "Soldat sein heißt, in letzter Konsequenz mit seinem Leben für etwas einzustehen."
Er trug jetzt Hörgeräte, er hatte Mühe, den Gesprächen der anderen zu folgen. Plodowski ließ sich krankschreiben, monatelang, dann versuchte er es ein zweites Mal.
Er arbeitete 16 Stunden am Tag, aber die Erinnerung an jenen Samstagmorgen in Kabul überfiel ihn. Plodowski litt an Schlafstörungen und Schwindelgefühlen. Er war zu den Beerdigungen der vier toten Soldaten gefahren, er hatte gemeint, es ihnen und vor allem sich selbst schuldig zu sein. Jetzt wachte er nachts auf und übergab sich.
Plodowski wollte arbeiten. Die Arbeit in der Kaserne sollte beweisen, dass er es geschafft hatte, dass er als Soldat funktionierte. Im Frühjahr 2005, knapp zwei Jahre nach dem Anschlag, brach er zusammen.
Plodowski glaubte lange, dass Erfolg vor allem eine Sache des Kopfes ist: während eines Einzelkämpfer-Lehrgangs Baumrinde und Regenwürmer essen; den Körper an seine Leistungsgrenze führen und darüber hinaus; Wichtiges von Unwichtigem trennen.
Der Zusammenbruch lehrte ihn, dass es Dinge gibt, die sich dem Willen nicht unterwerfen. Eine Traumatologin erklärte ihm, dass er an einem Multitrauma leide, entstanden aus Hunderten kleinerer Traumata - Plodowski begann seine Therapie wie ein Entdeckungsreisender, der einen fremden Kontinent erforscht.
In der Therapie soll er sich eine leere Leinwand vorstellen und beschreiben, was er sieht: die Bilder und Erinnerungssplitter in seinem Kopf, den Bus, seine Jungs, alle Einzelheiten des 7. Juni 2003.
Man kann sich die Kette der Erinnerungen am ehesten vorstellen wie einen Film. In Plodowskis Kopf wird dieser Film nicht mehr transportiert, weil die Explosion die Perforation beschädigt hat. Offenbar gibt es Lücken zwischen dem, was passiert ist, und dem, woran er sich erinnert. Das, was fehlt, sind jene Sequenzen, die sein Gehirn nicht verarbeitet hat, die aber verhindern, dass er ein normales Leben führen kann.
Früher hätte Plodowski eine solche Therapie abgelehnt. Die Bundeswehr ist von Männern geprägt, und Psychotherapie ist eindeutig nichts, womit Soldaten sich abgeben sollten. Soldaten sprechen eine standardisierte Sprache, sie pflegen, was sie selber "Zeichenvorrat" nennen, ein vereinfachtes Vokabular, das hilft, alle Fragen des Alltags unzweideutig zu beantworten: Wo steht der Feind? Was kann er machen? Und wo bin ich?
Plodowski lernt einen neuen Zeichenvorrat. Wörter wie Stress, Angst oder Störung, der Zeichenvorrat der Psychiatrie.
Die Therapie ist anstrengend, und sie braucht Zeit. Sechs Monate arbeiten sie allein an den Minuten im Bus, unmittelbar nach der Explosion: den Anblick der Verwundeten, die Zerstörung, die Toten. Manchmal brauchen sie einen ganzen Monat für eine einzige Minute.
Plodowski holt sein Portemonnaie aus der Tasche und legt ein silbernes Amulett auf den Tisch. Ein amerikanischer Militärseelsorger hatte sich damals in Kabul an sein Bett gesetzt, er hatte im ersten Golfkrieg als Zugführer zwei seiner Männer verloren.
Die beiden redeten. Wie geht man mit so etwas um? Wie macht man weiter? "Die Frage nach dem Warum ging durch die ganze Nacht", sagt Plodowski. "Er konnte sie nicht beantworten."
Plodowski sagt, er habe Wochen, Monate gebraucht, um die Frage nach dem Warum auszuhalten. Warum wir? Hätte ich etwas tun können, etwas anders machen, etwas sehen müssen?
"Man muss irgendwann aufhören, nach dem Warum zu fragen, sonst geht man vor die Hunde", sagt Plodowski, während draußen die Vögel singen. "Hard Times Don't Last", steht auf dem Amulett. "But Hard Men Do."
Christopher Plodowski, 43 Jahre alt, seit 19 Jahren bei der Bundeswehr, hat funktioniert, solange der Krieg nur eine Möglichkeit war. Auf die Folgen, die richtiger Krieg haben kann, hat ihn niemand vorbereitet.
Deutschland, sagen Politikwissenschaftler, sei nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eine "postheroische Gesellschaft" geworden. Die Deutschen befürworteten militärische Einsätze, täten sich aber schwer damit, die Kosten solcher Einsätze zu tragen: auszuhalten, dass Soldaten deutsche Interessen durch Schießen und Sterben vertreten.
Fast 3500 Soldaten der Bundeswehr sind zurzeit in Afghanistan, vergangene Woche sind die Deutschen auf der Konferenz der Geberländer noch einmal daran erinnert worden, dass ihre Aufgabe auch darin bestehen kann, richtig Krieg zu führen; im Oktober muss der Bundestag über die Verlängerung des Mandats entscheiden. Es sieht so aus, als würde die Zahl der deutschen Soldaten eher noch aufgestockt. Die Frage ist, ob die Soldaten ausreichend darauf vorbereitet sein werden, dass Afghanistan ein Kriegseinsatz ist.
Und ob die Deutschen bereit sind, wieder heroisch zu sein.
Im Casino der Kaserne sitzt Hauptfeldwebel Christian N. Er trägt seine Uniform, der 30-Jährige möchte sich ausdrücklich als Soldat äußern. Von denen, die damals im Bus saßen, ist er einer der wenigen, die im Dienst geblieben sind.
Mit am Tisch sitzt ein Oberstleutnant, ein Presseoffizier vom Landeskommando Hessen. Vorsichtshalber hat er eine Mappe vorbereitet, aus der er ein 15-seitiges Papier zieht, ein "Medizinisch-Psychologisches Stresskonzept der Bundeswehr", abgekürzt "MedPsychStressKonBw".
Auf dem Kasernenhof, gegenüber vom Tor, steht seit dem Anschlag ein Stein: "Im Gedenken an unsere toten Kameraden", darunter vier Namen. Christian N. fährt fast täglich an diesem Stein vorbei.
Hauptfeldwebel N. kam als einer der Letzten zum Bus. Während die anderen am Vorabend feierten, telefonierte er lange mit seiner Freundin in Deutschland, es gab Probleme, er war müde und ein wenig besorgt.
Als sie an der Wäscherei vorbeifuhren, kam der Schlag. Sein Kopf habe gedröhnt, sagt der Hauptfeldwebel, "ein Geräusch wie im Motorraum eines Muldenkippers". Dann Schreie. Und der Geruch nach Gummi, nach Haaren, nach verbrannter Haut.
Vier Wochen nach dem Anschlag meldete sich der Hauptfeldwebel wieder zum Dienst. Er hatte sich inzwischen von seiner Freundin getrennt, er war so sehr mit seiner Enttäuschung beschäftigt, dass er kaum Zeit fand, an den Bus zu denken.
Als im Januar 2004 Material nach Kabul gebracht werden musste, meldete er sich freiwillig. Er wollte sehen, wie sein Körper darauf reagierte, herausfinden, ob er noch zu gebrauchen war. Sieben Monate nach dem Anschlag stoppte der Hauptfeldwebel seinen Wagen an der Stelle, wo seine Kameraden starben. Von dem Anschlag war nichts mehr zu erkennen. Er stand ein wenig ratlos auf der Jalalabad Road, suchte die Stelle, an der die Kränze gelegen hatten, dann fuhr er weiter.
Der Hauptfeldwebel meldete sich für Patrouillenfahrten. Er wollte wissen, was er kann. Hätte er damals, im Januar 2004, "verzittert", sagt er heute, dann hätte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland die Bundeswehr verlassen.
Aber Christian N. verzittert nicht. Er hadert nicht einmal. Das Attentat ist eine Tatsache, er muss sie akzeptieren, er weiß, dass er den Anschlag nicht hätte verhindern können. Also verschwendet er seine Kraft nicht an Gefühle wie Verbitterung oder Hass. "Passt schon", sagt N. im Casino der Kaserne in Frankenberg, und er sagt es so heiter, dass sogar der Presseoffizier am Tisch beeindruckt ist.
Am Morgen des Gedenktags legte Christian N. am Stein einen Kranz für seine toten Kameraden ab. Am Nachmittag feierte er die Taufe seiner Tochter.
Im Oktober wird er wieder nach Afghanistan gehen.
* Oben: 2003 in Kabul; unten: 2003 auf dem Flughafen Köln-Bonn.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 25/2008
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