16.06.2008

AIDS„Wir sind zu langsam“

Kevin De Cock, Aids-Chef der Weltgesundheitsorganisation, über Fortschritte im Krieg gegen das HI-Virus, Fehler bei der Seuchenbekämpfung und den Segen der männlichen Beschneidung
De Cock, 56, ist belgisch-amerikanischer Epidemiologe und leitet seit zwei Jahren bei der Weltgesundheitsorganisation WHO den Kampf gegen das Aids-Virus.
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SPIEGEL: Herr De Cock, wie sehr muss sich ein heterosexueller Teenager in Berlin vor einer Ansteckung mit dem Aids-Virus fürchten?
De Cock: Das Risiko ist gering, aber es ist nicht gleich null. In den meistbetroffenen Gebieten der Welt hingegen, vor allem im südlichen Afrika, sind bis zu 30 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Dort ist jeder ungeschützte Sexualverkehr potentiell lebensgefährlich. In Berlin ist das zum Glück nicht so. Trotzdem: Jeder sexuell aktive Mensch sollte genau darauf achten, sich dem Infektionsrisiko nicht auszusetzen. Die Botschaft, dass Kondome schützen, hat nichts von ihrer Richtigkeit verloren. Sie schützen vor HIV, aber eben auch vor Gonorrhoe, Chlamydien, Syphilis, Herpes.
SPIEGEL: Wie hoch ist das Risiko, dass das HI-Virus bei vaginalem Sex übertragen wird?
De Cock: Die meisten Infizierten werden das Virus wohl nur bei einem von 1000 Sexualkontakten weitergeben. Ihre Infektiosität kann allerdings viel höher sein, wenn sie sich gerade erst mit dem Virus angesteckt haben oder wenn sie zugleich unter Genitalgeschwüren leiden. HIV ist längst nicht so ansteckend wie die Grippe, aber dennoch hat das Virus bisher über 60 Millionen Menschen befallen und 25 Millionen von ihnen umgebracht, die meisten in Schwarzafrika.
SPIEGEL: In den achtziger Jahren, als das Virus neu und unbekannt war, hegten viele Experten die Befürchtung, dass HIV unaufhaltsam die ganze Welt verheeren würde.
De Cock: Gott sei Dank ist das nicht eingetreten - zumindest nicht im Westen. In Europa bleibt das Virus weitgehend beschränkt auf schwule Männer, Drogensüchtige, die Nadeln teilen, und Immigranten aus stark betroffenen Gebieten. Bei manchen Gruppen, etwa den jungen Schwulen, steigen die Infektionszahlen neuerdings wieder an. Die sehr erfolgreiche Therapie mit lebenslang verabreichten antiretroviralen Medikamenten hat dieser Seuche den offensichtlichen Schrecken genommen. Selbst Todkranke erholen sich mit diesen Mitteln oft auf dramatische Weise; aber gesund werden sie nie sein.
SPIEGEL: Immerhin sind diese Medikamente mittlerweile auch für viele Betroffene in armen Ländern verfügbar.
De Cock: Die Weltgemeinschaft hat sich verpflichtet, universalen Zugang zu HIV-Prävention und HIV-Behandlung anzustreben. Im Augenblick werden drei Millionen Aids-Kranke mit Medikamenten versorgt, fast drei Viertel von ihnen leben südlich der Sahara. Eigentlich wollten wir dieses Ziel schon vor drei Jahren erreicht haben. Wir sind leider zu langsam. Weitere sechs Millionen müssten therapiert werden, aber sie bekommen derzeit nichts. Daran müssen wir hart arbeiten.
SPIEGEL: Für Prävention und Therapie von HIV gibt die internationale Gemeinschaft derzeit zwischen 8 und 10 Milliarden Dollar aus. Dies wird auf 20 Milliarden Dollar im Jahr 2010 und auf 40 Milliarden in 2015 steigen. Gleichzeitig sterben in den armen Ländern Millionen Menschen, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, was mit weit weniger Geld zu beheben wäre. Sehen Sie da ein gewisses Ungleichgewicht?
De Cock: Ich stelle nicht in Abrede, dass es viele vermeidbare Todesfälle in Afrika gibt. Zweifellos könnten viele Menschen mit mehr Geld gerettet werden. Aber dennoch: Nichts ist so vernichtend wie Aids. Es gibt Länder im südlichen Afrika, in denen die mittlere Lebenserwartung um zwei Jahrzehnte gesunken ist. Aids ist dort die häufigste Todesursache. Nennen Sie mir ein anderes Phänomen außerhalb der großen Kriege, das zu solchen Opfern führt!
SPIEGEL: Doch es sterben täglich auch 26 000 Kinder an leicht behandelbarem Durchfall.
De Cock: Ja, afrikanische Kinder sterben massenhaft an bakteriellen und anderen Infektionen. Das ist furchtbar, aber auf eine grausame Art haben sich die afrikanischen Gesellschaften an diesen Blutzoll gewöhnt. Mit Aids ist das anders. Junge Erwachsene sterben daran in noch nie dagewesener Rate: Leute, die den Lebensunterhalt für Familien verdienen, die kleine Kinder haben, die wichtigen Berufen nachgehen. Die Todesfälle zerreißen ganze Gesellschaften. Ärzte und Krankenschwestern sterben, Bauern, die die Nahrung für alle anderen produzieren, Polizeien und Armeen gehen in die Knie.
SPIEGEL: Wegen der internationalen Hilfe gibt es jetzt Kliniken in Afrika, die HIV gut behandeln können, aber keine Erkrankung sonst. Sind Aids-Kranke jetzt dabei, Afrikas privilegierteste Patienten zu werden? Wer Aids hat, darf leben - wer unter Parasiten leidet, muss sterben?
De Cock: Wir haben nun einmal diesen entsetzlichen Seuchenzug in Afrika. Und wir haben die sensationell lebensrettenden Medikamente im Norden. Wäre es akzeptabel, sie im Süden einfach nicht einzusetzen, nur weil es dort auch andere Probleme gibt? Nein. Ob Aids im Vergleich zur kaum existenten Wasserversorgung zu viel Geld bekommt, mag ja eine interessante Intellektuellendebatte sein, aber wir müssen einfach handeln. 40 Milliarden Dollar sind nicht zu viel, wenn sie einen solchen Einfluss auf die Gesundheit von Millionen haben können.
SPIEGEL: Diese Länder werden die HIV-Medikamente vermutlich niemals selbst bezahlen können. Kann der Therapieerfolg jemals nachhaltig sein?
De Cock: Was ist schon nachhaltig? In den ärmsten Ländern ist das einzig Nachhaltige die Epidemie selbst, wenn sie nicht bekämpft wird. In einigen Jahren werden alle derzeit 33,2 Millionen HIV-Infizierten Medikamente benötigen, ebenso wie die 2,5 Millionen, die sich jetzt noch jedes Jahr neu anstecken. Die erforderlichen Ausgaben werden gigantisch sein, und wir werden sie über Jahrzehnte schultern müssen. SPIEGEL: Warum konnte sich HIV in Afrika so dramatisch ausbreiten?
De Cock: Das Virus hat ideale Bedingungen vorgefunden. Viele Männer im Süden des Kontinents sind als Wanderarbeiter über lange Zeiträume von ihren Ehefrauen getrennt. Elendsprostitution ist weit verbreitet. In Afrika haben mehr Menschen als in Europa gleichzeitig mehrere sexuelle Beziehungen - meist eine auf dem Land und eine in der Stadt. Dort gibt es regelrechte Infektionsnetzwerke, über die das Virus eine ganze Bevölkerung durchdringen kann. Es ist übrigens eine Legende, dass es immer die Männer sind, die HIV in ihre Ehe einschleppen. Frauen werden typischerweise in sehr jungen Jahren von älteren Männern infiziert. Später reichen sie das Virus im Rahmen einer stabilen Beziehung an ihren Ehemann weiter. Darum empfiehlt die WHO, dass sich Menschen regelmäßig testen lassen, um ihren HIV-Status zu kennen.
SPIEGEL: Hat die Kondomkampagne versagt in Afrika?
De Cock: Kondome haben viele Menschenleben gerettet, doch sie sind nicht das ideale Präventionsmittel. Beim einmaligen Seitensprung gelingt es den Leuten noch ganz gut, Kondome zu benutzen. Aber es ist offenbar sehr schwer, sie konsequent über lange Zeit in einer Zweierbeziehung einzusetzen. Menschen sind nicht so.
SPIEGEL: Bisher sind alle Versuche gescheitert, ein Impfmittel herzustellen. Gleichzeitig haben Mediziner herausgefunden, dass die Beschneidung der Männer eine billige und leicht anwendbare "chirurgische Impfung" darstellt. Beschnittene Männer haben ein um 60 Prozent vermindertes Infektionsrisiko, denn die bei ihnen entfernte Vorhaut ist besonders anfällig für das Virus. Seit mehr als zehn Jahren ist dieser Zusammenhang bekannt, dennoch hat sich die WHO erst im März 2007 dazu durchgerungen, die Beschneidung offiziell zu empfehlen. War das ein Fehler?
De Cock: Wir brauchten zunächst große klinische Versuche unter heterosexuellen Männern. Wir müssen nun einmal zuverlässige Daten haben, wenn wir Empfehlungen aussprechen. Das braucht seine Zeit. Drei große Studien wurden vorzeitig abgebrochen, weil sich zeigte, dass die Beschneidung tatsächlich einen dramatischen Effekt hat. Für mich war das überraschend, denn ich habe lange daran gezweifelt. Aber jetzt empfehlen wir die Beschneidung, ebenso wie die Reduktion der Zahl der Sexualpartner, den Gebrauch von Kondomen und die Abstinenz - vor allem für ganz junge Leute.
SPIEGEL: Ein Gedankenexperiment: Wenn Europa von einer gleichermaßen heftigen Epidemie heimgesucht würde ...
De Cock: ... dann hätten wir hier 50 Millionen Infizierte. Stellen Sie sich das vor! Das hätte sicherlich ganz andere Folgen als die Epidemie in Afrika. Aids wäre das immer und überall vorherrschende Thema. Ich denke, es gäbe massive Regierungsprogramme, die sich bemühen würden, zwischen den Ansprüchen öffentlicher Gesundheitsvorsorge und den Menschenrechten eine akzeptable Balance zu finden. HIV-Prävention wäre eine Priorität für jeden einzelnen Bürger. Gleichzeitig hätte jeder kostenlosen Zugang zu Tests und zu bestmöglicher Therapie. Ich sehe nicht ein, warum wir uns in der jetzigen Notsituation in Afrika mit einer geringeren Lösung zufriedengeben sollten. Der Schutz vor den großen Infektionskrankheiten Aids, Tuberkulose und Malaria muss endlich ein universelles Recht sein.
INTERVIEW: MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 25/2008
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