16.06.2008

VERLAGE„Das Licht ausgemacht“

Der Eigner des Berliner Aufbau-Verlags, Bernd F. Lunkewitz, über die drohende Liquidierung des ostdeutschen Traditionshauses
Die Mitarbeiter der Aufbau-Verlagsgruppe in Berlin hoffen, das angeschlagene Unternehmen mit Hilfe des Insolvenzverwalters retten zu können (SPIEGEL 23/2008). Der Verleger Bernd F. Lunkewitz, 60, erläutert erstmals seine eigenen Pläne mit dem Aufbau-Verlag.
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SPIEGEL: Herr Lunkewitz, so schnell kann das gehen - eben noch der Held, der den traditionsreichen Aufbau-Verlag gekauft und gerettet hat, und jetzt der Schurke, der das Unternehmen in die Insolvenz treibt. Fühlen Sie sich missverstanden?
Lunkewitz: Das Missverständnis entsteht dadurch, dass mir niemand richtig zuhört. Der Aufbau-Verlag ist keineswegs insolvent. Die Aufbau-Verlagsgruppe GmbH ist insolvent, aber das ist etwas anderes.
SPIEGEL: Sie meinen das Unternehmen, das Sie 1991 von der Treuhandanstalt erworben haben.
Lunkewitz: Den Investoren, darunter eine meiner Beteiligungsgesellschaften, wurde eine vermögenslose Hülle angedreht - wider besseres Wissen. So etwas nenne ich kriminell. Aber der Bundesfinanzminister, der für die Treuhand zuständig ist, weigert sich bis heute, die Verantwortung zu übernehmen. Da der Bundesgerichtshof im Frühjahr dieses Jahres meine Rechtsauffassung abschließend bestätigt hat, werde ich ihn dazu zwingen. Der Aufbau-Verlag, der sich zu DDR-Zeiten einen auch im Westen respektierten Namen gemacht hatte, war nie Eigentum der Treuhand und konnte deshalb von ihr auch nicht wirksam verkauft werden. Das ist Fakt.
SPIEGEL: Nachdem Sie das Problem erkannt hatten, haben Sie 1995 den Aufbau-Verlag erneut, nun vom Kulturbund, gekauft.
Lunkewitz: Es gibt keinen anderen Aufbau-Verlag als den, den ich als Privatperson vom Kulturbund erworben habe. Dort liegen alle Autorenrechte, die Rechte aus DDR-Zeiten und auch die aus den Jahren nach 1990. Aber das Vermögen des Verlags wird widerrechtlich durch die Berliner GmbH genutzt.
SPIEGEL: Warum jagen Sie diesen Verlag, bei dem Dutzende von Menschen beschäftigt sind, in die Pleite?
Lunkewitz: Weil ich ein gesetzestreuer Mensch bin. Es gibt, nach den zwingenden Vorschriften des Insolvenzrechts, überhaupt keine andere Möglichkeit. Die Berliner GmbH ist vermögenslos und daher hoffnungslos überschuldet.
SPIEGEL: Das ist Ihre Darstellung, weil Sie für den 1995 vom Kulturbund gekauften Aufbau-Verlag sämtliche Rechte einfordern und diese Forderungen der Berliner Aufbau-Verlagsgruppe als negativen Posten zuschieben. Um wie viel Geld geht es denn?
Lunkewitz: Um ungefähr 50 Millionen Euro. Ich schiebe nichts, ich handle nach Recht und Gesetz.
SPIEGEL: Sie hätten aber doch problemlos den 1995 vom Kulturbund und den 1991 von der Treuhand gekauften Aufbau-Verlag in einer Gesellschaft zusammenführen können. Dann wären Sie abermals der Held, so sind Sie der Buhmann.
Lunkewitz: Ich neige nicht zur Heldenverehrung, und für die Bewertung warte ich ab, bis sich der Pulverdampf verzogen hat. Tatsache ist: Gegen den von Ihnen angeführten Vorschlag stehen sehr viele rechtliche Bedenken. Wenn ich alles in eine Gesellschaft eingebracht hätte, dann hätte ich sämtliche Ansprüche gegen die Bundesrepublik Deutschland fallenlassen müssen.
SPIEGEL: Wie geht es mit dem 1995 erworbenen Aufbau-Verlag weiter, der in Ihrem alleinigen Eigentum ist? Und was umfasst er?
Lunkewitz: Er wird auf jeden Fall verkauft. Das wird relativ kurzfristig gehen, es gibt Interessenten. Als Verleger bin ich den Autoren gegenüber verantwortlich, und ich werde dafür sorgen, dass der Verlag, also die Gemeinschaft der Autoren, einen möglichst guten Partner findet, der den Geschäftsbetrieb weiterführt und hoffentlich noch besser als bisher die Werke verbreitet und verwertet.
SPIEGEL: Und die Autoren? Wenn die nicht verkauft werden wollen?
Lunkewitz: Wenn ein Verlag in seiner Gesamtheit verkauft wird, ist die Zustimmung der Autoren nicht notwendig.
SPIEGEL: Selbst wenn es so einfach wäre - wird sich ein Käufer finden, der bei all diesen Querelen zugreift?
Lunkewitz: Das wird nur gehen, wenn der Insolvenzverwalter bereit ist, die ungerechtfertigten Ansprüche auf mein Eigentum aufzugeben. Wenn nicht, wird das Licht ausgemacht, und dann ist Schluss.
SPIEGEL: Was wird aus Ihren ehemaligen Mitarbeitern? Ist Ihnen das egal?
Lunkewitz: Nein, natürlich nicht. Die Mitarbeiter der Aufbau-Verlagsgruppe GmbH gehören zu den Besten der Branche. Jeder Käufer des Verlags wäre verrückt, sie nicht zu übernehmen. Aber die insolvente GmbH gehört dem Bundesfinanzminister, rückwirkend seit 1991. Fragen Sie doch Peer Steinbrück, wie er mit den Mitarbeitern umzugehen gedenkt. Aus meiner Sicht wird der Geschäftsbetrieb von einem größeren Verlag übernommen, denn er ist mit einem Umsatz von weniger als 15 Millionen Euro zu klein, um auf Dauer wirtschaftlich zu arbeiten. Die dortige Geschäftsleitung sieht das anders, aber mir ist das schon seit längerem klar.
SPIEGEL: Es gibt einen offenen Brief des Geschäftsführers René Strien, der Ihnen in sehr emotionalem Ton vorhält, dass Sie sich "bei Nacht und Nebel" aus dem Verlag geschlichen hätten. Hat Sie das getroffen?
Lunkewitz: Dieser Brief ist eine Anmaßung. Von überraschender Flucht kann keine Rede sein. Nach dem Urteil war klar, dass die GmbH insolvent ist. Die Geschäftsleitung hatte aber mich gebeten, dem Bundesfinanzminister noch bis zum 30. Mai eine Chance einzuräumen, den von seiner Behörde angerichteten Schaden zu regulieren. In diesem Falle wäre es nie zu der Insolvenz gekommen. Ende Mai kamen ablehnende Briefe des Ministeriums, das uns auf den Rechtsweg verwiesen hat. Mit anderen Worten: Verklagen Sie uns doch!
SPIEGEL: Ihre Reaktion darauf?
Lunkewitz: Ich habe meine Geschäftsführer nach Ablauf der Frist gebeten, mir einen Grund zu nennen, warum ich der vermögenslosen Hülle Aufbau-Verlagsgruppe GmbH noch weitere Millionen zur Verfügung stellen soll. Zu meiner Überraschung wurde mir dann von der Geschäftsleitung gesagt, dass der Verlagsname und die seit 1990 erworbenen wirtschaftlich relevanten Verlagsrechte Eigentum dieser GmbH seien. Alles, was mir gehört, würde nach dieser Auffassung in die Insolvenzmasse gehören.
SPIEGEL: Sie haben sogar von "Meuterei" gesprochen. Ist das nicht sehr übertrieben?
Lunkewitz: Auch wenn es die Geschäftsführung öffentlich anders darzustellen versucht - sie will sich des Aufbau-Verlags bemächtigen. Am Tag vor dem Insolvenzantrag wurde mir ein Vertrag vorgelegt, mit dem ich auf alle Ansprüche verzichten und das vom Kulturbund erworbene Eigentum an die vermögenslose Hülle übertragen sollte. Aber der Aufbau-Verlag ist mein Eigentum, genauer: inzwischen das Eigentum einer von mir gegründeten Gesellschaft, der Alten Verlags GmbH in Frankfurt am Main. Ich bin doch kein Kohlhaas-Typ, der um sich schlägt. Ich ziehe eben vor Gericht, weil ich ein gesetzestreuer Bürger bin.
SPIEGEL: Hatten Sie keine Lust mehr, weiter Geld in den Verlag zu stecken ...
Lunkewitz: ... dort hängt ein Spruchband aus dem Fenster, auf dem steht nicht etwa: "Die Autoren sind Aufbau", was ich verstehen würde, sondern: "Wir sind Aufbau". Wie kann ich da noch der Verleger sein? Die Mannschaft hat mich verlassen. Die Geschäftsführung hat eigene Pläne.
SPIEGEL: Oder gibt es andere Gründe? Machen Ihnen vielleicht Ihre Immobilien-investitionen in den USA zu schaffen?
Lunkewitz: Ich kann Ihnen versichern, dass es mit gewerblichen Immobilien in Amerika sehr gut aussieht. Mir gehören da ja keine Einfamilienhäuser.
SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten sogar schon Bilder aus Ihrer Gerhard-Richter-Sammlung verkauft.
Lunkewitz: Selbstverständlich. Ich habe 50 Millionen aufgewandt, um den Aufbau-Verlag am Leben zu halten. Die habe ich ja nicht gerade von meinem Postscheck-Konto abgehoben. Ich habe Vermögenswerte verkauft, damit es mit dem Verlag weitergehen konnte.
SPIEGEL: Warum haben Sie so viel Geld in die Berliner Verlagsgruppe investiert, wenn Sie Zweifel an der Existenzberechtigung der Gesellschaft hatten?
Lunkewitz: Dieses Problem habe ich natürlich immer in meiner Brust gewälzt. Nun ist es aber so, dass eine Rechtsauffassung erst dann richtig ist, wenn sie vom Bundesgerichtshof bestätigt wird. Es wäre durchaus konsequent gewesen, die Aufbau-Verlagsgruppe im Frühjahr 1995 zu schließen, bei einem anderen Ausgang des Rechtsstreits wäre das aber komplett falsch gewesen.
SPIEGEL: Sie haben also einen Geschäftsbetrieb geführt, Autoren verlegt, Lizenzen verkauft, sich über Erfolge gefreut - und immer im Hinterkopf gehabt, dass das alles auf dünnem Eis stattfindet?
Lunkewitz: Richtig. Das war nicht einfach. Bis zuletzt stand nicht fest, dass ich Eigentümer bin. Ich wurde als Querulant bezeichnet. Dabei war es doch so: Ich hatte hier die Aufbau-Verlagsgruppe, die sich rühmt, der Aufbau-Verlag zu sein, es aber nicht ist - was mir aber niemand bestätigt. Das Finanzministerium leugnet es, die Gerichte brauchen endlos lange, um das alles herauszufinden. Dann sagen sie endlich: Ich habe recht. Also muss ich exekutieren.
SPIEGEL: Exekutieren heißt in diesem Fall: in die Insolvenz schicken?
Lunkewitz: Das Unternehmen ist, wie gesagt, überschuldet. Wenn ich es nicht in die Insolvenz schicke, mache ich mich strafbar, die Geschäftsführer gleich mit, und den Gläubigern gegenüber schadensersatzpflichtig. Die Bundesregierung hat versucht, dem Kulturbund den Aufbau-Verlag wegzunehmen. Das ist ihr nicht gelungen. Jetzt versucht die Geschäftsführung zusammen mit dem Insolvenzverwalter, mir den Aufbau-Verlag wegzunehmen. Das wird auch nicht gelingen. Die Tragödie hat 14 Jahre gedauert, diese Farce jetzt wird in wenig mehr als 14 Tagen vorbei sein.
SPIEGEL: Und wo bleibt die Moral?
Lunkewitz: Diese rechtlichen Dinge bedürfen gar nicht ihrer moralischen Erläuterung. Denn das Gesetz ist auch die Moral.
SPIEGEL: Und wie steht es in Ihren Augen um die Moral im Fall des Aufbau-Autors Erwin Strittmatter, der verheimlicht haben soll, bei der SS gewesen zu sein? Interessiert Sie das jetzt noch?
Lunkewitz: Er war mir einer der liebsten Autoren. Als er beerdigt wurde, stand ich sehr traurig an seinem offenen Grab. Ihm jetzt Dreck nachzuwerfen ist unanständig.
INTERVIEW: VOLKER HAGE, DIETMAR PIEPER
Von Volker Hage und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 25/2008
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