23.06.2008

TitelHalbe Männer, ganze Frauen

Vor 50 Jahren trat in der Bundesrepublik das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft. Die Emanzipation von Männern und Frauen erweist sich als eines der größten Gesellschaftsexperimente der deutschen Geschichte - mit immensen Folgen für beide Geschlechter. Und noch stecken wir mittendrin.
Es ist 20.20 Uhr in Deutschland. Der Architekt Kristian Kreutz, 41, betritt seine Berliner Altbauwohnung, er stellt die Einkaufstüten in der Küche ab. Auf dem Abendbrottisch stehen schon Butter, ein großes rundes Brot, Wurst und Käse. Kreutz gibt seiner schwangeren Frau Monika einen Kuss, sagt den beiden Kindern "Hallo" und setzt sich dazu. Dann fragt er seine Frau: "Und wie war es heute bei der Arbeit?"
Kristian und Monika Kreutz haben die Rollen getauscht: Er kümmert sich seit vier Jahren viel um die beiden Söhne - Laszlo ist 16, Matis fast 4 -, und er arbeitet nebenher freiberuflich als Architekt. Seit Matis in den Kindergarten geht, kann Kreutz sogar einen größeren Auftrag von zu Hause aus betreuen. Den Großteil des Geldes aber verdient Monika Kreutz mit ihrem Job bei einer Filmproduktionsfirma.
Wenn in drei Monaten ihre Tochter geboren wird, geht es andersherum: Dann wird Kreutz wieder voll arbeiten, und seine Frau bleibt zu Hause. "Rollenbilder, Klischees", sagt Monika Kreutz, "sind für uns kein Thema."
Dafür haben die beiden auch gar keine Zeit. Sie müssten "einfach funktionieren", sagt Monika Kreutz. Sonst geht alles den Bach hinunter. Eine bald fünfköpfige Familie ist eine kostspielige Angelegenheit. Außerdem will dauernd irgendeiner irgendetwas, der Kleine ein Glas Wasser, der Große ein Gespräch; zurzeit baut Kristian Kreutz auch noch die Wohnung aus, überall liegen Tüten, Spanplatten, Farbeimer und Kisten herum.
Es ist ein Junitag im Jahr 2008, und in Deutschland wird die Gleichberechtigung gelebt. Nicht perfekt, nicht ohne Reibungen, nicht durchgängig und nicht überall, aber doch so, dass die Ansprüche auch in der Wirklichkeit erkennbar bleiben.
Vieles habe sich in den vergangenen 50 Jahren verändert, findet Monika Kreutz. Einmal habe ihr Mann ein exzellentes Jobangebot in Norwegen gehabt, aber sie hätten beschlossen, in Deutschland zu bleiben, weil ihr zweites Kind unterwegs war und sie, Monika, noch nicht mit der Ausbildung fertig. "Das wäre doch früher bei unseren Eltern anders gewesen", sagt sie, "damals sind unsere Mütter unseren Vätern hinterhergezogen und haben sich dann einen Job in der Gegend gesucht." Es lassen sich ungezählte solcher Beispiele finden in deutschen Biografien - jedes einzelne mag privat, bescheiden und unspektakulär sein, zusammen aber ergeben sie das Bild einer dramatischen Veränderung.
Fast genau 50 Jahre ist es her, dass in der Bundesrepublik Deutschland das erste Gleichberechtigungsgesetz in Kraft trat - am 1. Juli 1958.
Man kann mit einigem Recht behaupten, dass nichts diese Republik so verändert hat wie der Gesetz gewordene Gedanke, dass Frauen und Männer gleichberechtigte Menschen und gleichberechtigte Staatsbürger sein sollen. Der Gedanke der Gleichberechtigung hat grundlegende Umwälzungen in praktisch allen Bereichen der Gesellschaft ausgelöst, vom ganz Privaten, der Partnerschaft und Familie, über die Arbeitswelt bis hin zum Rechtssystem und zum politischen Diskurs.
Es ist ein Gedanke, der Geschichte gemacht hat. Wäre er nicht im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert worden, wir würden heute in einem völlig anderen Land leben.
50 Jahre gesetzlich verfügte Gleichberechtigung, das sind 50 Jahre, in denen Frauen Schritt für Schritt in Schule, Ausbildung und Beruf zu Männern aufgeschlossen haben. Das sind 50 Jahre, in denen sie sich Positionen in Politik und Wirtschaft erobert haben, die bis dahin fraglos Männern vorbehalten waren. Eine Kanzlerin? 1958 undenkbar! 50 Jahre Gleichberechtigung, das sind auch 50 Jahre des Wertewandels, in denen gesellschaftliche Institutionen nach und nach generalüberholt worden sind, wenn sie Frauen im Kampf um gleiche Chancen benachteiligten. Jüngstes Beispiel: die Einrichtung eines "Elterngeldes", das ausdrücklich auch Väter in die Verantwortung nimmt.
Vor allem aber sind es 50 Jahre, in denen Frauen und Männer darum gerungen haben, ihr Verständnis der Geschlechter für die Ära der Gleichberechtigung neu zu definieren.
Dieses Ringen dauert bis heute an. Ein Ende ist nicht abzusehen, wohl aber ein neuer Erkenntnisstand im Hinblick darauf, was der Versuch, die Gleichberechtigung der Geschlechter durchzusetzen, mit einer Gesellschaft und ihren Menschen eigentlich anstellt.
Lange herrschte der Glaube vor, Gleichberechtigung sei im Grunde Frauensache - es gehe schließlich um das Aufschließen der Frauen zu den Männern, die in einem patriarchalischen System mit allen Vorteilen der Macht und Herrschaft ausgestattet seien. Wenn die Frauen erst die "Hälfte des Himmels" besäßen, dazu noch die Hälfte aller Aufsichtsratssessel, dann sei die Sache schon geritzt.
Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach dem quasi offiziellen Beginn der Gleichberechtigung, wird so recht klar, dass es nicht so einfach geht. Zur Gleichheit, das steckt schon im Begriff, gehören zwei Parteien, die sich in Rechten und Pflichten zueinander "gleich" verhalten. Die Gleichberechtigung verändert darum die Balance zwischen Frauen und Männern, das gesamte Geschlechtergefüge: Was wir von Männern, was von Frauen erwarten, welche Rollen wir ihnen zuweisen, das muss alles neu geklärt werden. Wo Weiblichkeit in unserer Gesellschaft neu definiert wird, da verändert sich zwangsläufig auch die Definition von Männlichkeit. Wenn Frauen können, was traditionell als "typisch männlich" galt, was können Männer dann von ihrer Geschlechtsidentität bewahren?
Anders gefragt: Was ist noch übrig vom Mann?
Ist das, was Frauen durchweg als Befreiung und Gewinn für ihr Leben erfahren, für Männer immer nur ein Verlust? Oder kann es auch eine Bereicherung sein, dass selbst ein taffer Fußballtrainer wie Ottmar Hitzfeld heute öffentlich weinen darf?
Und wie finden Frauen und Männer unter den neuen Bedingungen zusammen?
Das Jubiläum des Gleichberechtigungsgesetzes erinnert insofern auch daran, dass damals ein großes Gesellschaftsexperiment begann. Und noch stecken wir mittendrin, Frauen und Männer in Deutschland, aber auch sonst überall in der westlichen Welt.
Für das Hamburger Ehepaar Tanja Jorns, 38, und Axel Decker, 40, besteht Gleichberechtigung in ihrer Beziehung darin, dass jeder seine Wünsche und Ziele umsetzen, aber keiner den anderen dabei dominieren darf. "Das ist alles eine Frage der Absprache", sagt Jorns. Die Grundschullehrerin und der freiberufliche Kameramann haben zwei Töchter, sieben und fünf Jahre alt, die sie gemeinsam erziehen. Er sei "in ganz klassischen Familienverhältnissen aufgewachsen", sagt Decker, "und in dem Moment, in dem wir uns für Kinder entschieden haben, war mir klar, dass ich das anders machen wollte. In meiner Erziehung haben die männlichen Einflüsse weitgehend gefehlt, die kann ich gar nicht genau definieren, aber ich glaube, es gibt sie".
Strenge Fifty-fifty-Regeln bei der Arbeitsteilung hat das Paar nicht festgelegt; wenn Axel Decker einen Auftrag bekommt, "gehen Beruf und Kundenbindung vor, aber ich weiß ja, dass ich nicht permanent abwesend bin". Tanja Jorns ist sich sicher, ihren Töchtern ein "positives Bild von Familie und Partnerschaft vorzuleben". Andererseits, so sagt sie nachdenklich, "haben das meine Eltern mit ihrer klassischen Rollenverteilung auch von sich gedacht, und ich wollte es trotzdem ganz anders machen".
Nur im Rückblick kann man ermessen, wie sehr sich die Normen und Vorstellungen, auch das Rechtsempfinden im Hinblick auf das Zusammenleben von Mann und Frau in den vergangenen 50 Jahren verändert haben - Jüngeren erscheint es schier unglaublich, welche Rechte vor dem Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes den Männern über die Frauen zugebilligt wurden.
Im Grundgesetz, Artikel 3 Absatz 2, war zwar schon auf Initiative der SPD-Politikerin Elisabeth Selbert seit Beginn der Bundesrepublik der schlichte Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" verankert, doch die altväterlichen Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs galten zunächst weiter. Ehemänner durften nach gerichtlicher Genehmigung den Job ihrer Ehefrau kündigen, wenn sie fanden, dass die Berufstätigkeit die "ehelichen Interessen" störte; sie durften das Geld ihrer Gattin allein verwalten und nutzen, sprich: auch verplempern; und sie hatten das "Letztentscheidungsrecht" über alle ehelichen Fragen: "Dem Manne", so stand es bis 1958 in Paragraf 1354 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, "steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung."
Das alles klinge heute "wie dumpfes Grollen aus dem Mittelalter", stellte unlängst die ehemalige Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit fest.
Gerade um das eheliche Letztentscheidungsrecht, das dem Mann die Vorherrschaft im Haushalt gewährte, wurde während der Ausarbeitung des Gleichberechtigungsgesetzes jahrelang erbittert in Bundestag, Bundesrat und diversen Ausschüssen gekämpft. Das patriarchalische Primat wollten sich, geforderte Gleichberechtigung hin oder her, viele Abgeordnete nicht nehmen lassen und der Kanzler Konrad Adenauer schon gar nicht.
Auch die katholische Kirche warf sich für die Vormachtstellung des Ehemanns in die Bresche. Die "richtig aufgefasste Gleichberechtigung", so hieß es Anfang der fünfziger Jahre in einem Schreiben des Kölner Erzbischofs Kardinal Josef Frings an den zuständigen Justizminister, behandele "Gleiches gleich und Ungleiches verschieden" und müsse "die Differenz der Geschlechter" anerkennen. Und diese sah, wen wundert es, den Mann als "naturgemäßen Träger der von dem Ehe-Ordnungs-Prinzip geforderten Autorität" vor.
Am Ende stimmten im Bundestag schließlich 186 Abgeordnete dagegen, das Letztentscheidungsrecht beizubehalten, und nur 172 dafür: Diese Trutzburg männlicher Vorherrschaft war dadurch endgültig geschliffen.
Doch auch mit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1958 blieb die Republik von wirklich gleichen Rechten und Pflichten für Mann und Frau noch weit entfernt. Selbst nach den neuen Vorschriften durften Ehefrauen zunächst nur arbeiten, "soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" war. Das Leitbild des Gleichberechtigungsgesetzes blieb die Hausfrauenehe.
In der Nachkriegszeit galt es schon als Akt der Auflehnung, wenn eine Frau - wie es die liberale Politikerin Hildegard Hamm-Brücher bei ihrer Eheschließung 1954 tat - auf einem Doppelnamen bestand. "Als ich geheiratet habe, hatte mein Mann noch Verfügungsgewalt über mein Bankkonto", erzählt Hamm-Brücher, die 1948 als erste Frau in den Stadtrat von München einzog, später für die FDP im bayerischen Landtag saß, Bundestagsabgeordnete wurde und sogar als Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin antrat. Dass Hamm-Brücher überhaupt ein eigenes Konto besaß, war damals die große Ausnahme. In den Schulbüchern ihres Sohnes wurden die Frauen bloß kochend und putzend dargestellt.
"In den sechziger Jahren schien das Gleichberechtigungsgesetz überhaupt keine Konsequenzen zu haben", resümiert Hamm-Brücher. Sie kann sich heute noch erregen über den CDU-Familienminister Franz-Josef Wuermeling, von 1953 bis 1962 im Amt, der die natürliche Aufgabe der Frau in "Selbsthingabe und Selbstverleugnung" sah, selbstredend am Herd.
Wir sind wieder wer - an diesem Motto der Wirtschaftswunderjahre richteten sich vor allem die aus dem Krieg heimgekehrten Männer auf, die in der altbewährten Rolle des Familienernährers neue Selbstbestätigung fanden. Der Patriarch, der allein für seine Familie sorgen konnte ("meine Frau muss nicht arbeiten"), hatte es geschafft. Und seine Gattin, die zu Hause bleiben und ihre Petticoats stärken durfte, galt nicht als unterdrückt, sondern als privilegiert.
Erst ihre erste Bewerbung als Hochschuldozentin habe sie 1966 nachhaltig "wachgerüttelt", erinnert sich die CDU-Politikerin Rita Süssmuth, 71. "Meine Vorlesung, meine Prüfungen waren alle gut gelaufen. Dann kam das Nachgespräch, eine Berufungskommission aus sieben Herren. Die erste Frage: Wieso haben Sie sich hier beworben? Sie wissen doch, dass ein Familienvater mit acht Kindern ernsthaft in Rede steht." Die Frage habe sie "unzumutbar" gefunden, sagt Süssmuth, die von 1985 bis 1988 Bundesfamilienministerin war. "Nach dem Gespräch war ich völlig erschüttert. Das war mein Schlüsselerlebnis."
Ähnliches erlebte ein Jahr später Maria von Welser, 61, heute Direktorin des NDR-Landesfunkhauses. Bei ihrer Aufnahmeprüfung an der Deutschen Journalistenschule teilte sie sich 1967 den letzten Listenplatz mit einem männlichen Bewerber. Der wurde bevorzugt, weil er schließlich eine Familie würde ernähren müssen. "Ich war fassungslos", sagt die Journalistin heute. "Bis zu dieser Absage war mir nicht klar, dass mein Geschlecht auf meinem beruflichen Weg ein Hindernis sein könnte."
Ende der sechziger Jahre nahm die Frauenbewegung in Deutschland an Fahrt auf, und spätestens dann wurde auch den ersten Männern klar, dass sich die Geschlechterverhältnisse zu wandeln begannen. Er habe als junger Mann "eine starke Verunsicherung" gespürt, sagt der Berliner Schriftsteller Peter Schneider ("Rebellion und Wahn"), 68, der den Aufstand der Frauen - damals noch "Genossinnen" - hautnah im "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) miterlebte. Wie die Studentenbewegung überhaupt, so war auch der SDS damals ein Männerclub, in dem die wenigsten weiblichen Mitglieder sich trauten, den Mund aufzumachen - bis 1968 eine SDSlerin wutentbrannt eine Tomate auf die Vorstandsherren schleuderte.
In den Jahren danach schossen Frauencafés, Frauenbuchläden, Frauenkneipen und Frauengruppen aller Art aus dem patriarchalischen Boden. "Einmal habe ich aus Trotz versucht, auf eine Frauenparty zu gehen", sagt Schneider. "Sie haben mich aber sofort wieder rausgeworfen."
Der junge Linke Schneider fühlte sich unter "ständiger Beobachtung, auch im Bett. Alles, was man tat, konnte zum Beweismittel werden". Und sei es ein Blick auf die Beine einer schönen Frau.
1971 zettelte die Journalistin Alice Schwarzer die Kampagne "Frauen gegen den § 218" an, mit dem Ziel, den Abtreibungsparagrafen zu kippen. Als sich im "Stern" 374 Frauen öffentlich dazu bekannten, dass sie abgetrieben hatten, war die neue deutsche Frauenbewegung im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit angekommen - und mit der Zeitschrift "Emma", die Schwarzer sechs Jahre später gründete, hatte die Bewegung dann auch ein Zentralorgan, das bis heute die feministisch korrekte Linie zu allen Fragen der Zeit vorzugeben versucht.
Seit der §-218-Kampagne zählte zum Katalog der Gleichberechtigungsforderungen, dass Frauen über ihren eigenen Körper verfügen dürfen. Wie zäh der gesellschaftliche Widerstand dagegen war, auch wenn das Gesetz seit 1976 straffreie Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Umständen vorsah, zeigte sich noch Ende der achtziger Jahre an jenem Memminger Prozess gegen einen Frauenarzt, der Hunderte von Abtreibungen vorgenommen hatte. Das Verfahren artete zu einer Hexenjagd gegen die Patientinnen aus, von denen viele vor Gericht befragt und mit Strafbefehlen belegt wurden.
Inzwischen ist die Gleichberechtigung als Idee längst nicht mehr umstritten, und bewundernde männliche Blicke auf Frauenbeine werden auch nicht mehr unbedingt abgestraft. Im internationalen Vergleich steht Deutschland gar nicht so schlecht da, wie die Experten des Genfer Weltwirtschaftsforums im vergangenen Jahr befanden. Sie untersuchten den Stand der Emanzipation in 128 Ländern anhand der Fragen, welche Bildungschancen Frauen haben, welchen Anteil an der politischen Macht, welche Chancen in der Wirtschaft und welche Lebenserwartung. Deutschland landete auf Platz 7.
80 Prozent der Deutschen finden denn auch, dass sich das Land durch die Gleichberechtigung in den vergangenen Jahrzehnten zum Positiven verändert habe (siehe Grafik Seite 51). Die meisten Frauen und Männer wollen gleiche Chancen, Rechte und Pflichten für beide Geschlechter, im Beruf und zu Hause. Nur noch 13 Prozent der Deutschen halten es für das Beste, wenn allein der Mann erwerbstätig ist und die Frau gar nicht. Fast die Hälfte aber sagt, es sei das Beste, wenn beide in gleichem Maße berufstätig sind und sich Kindererziehung und Haushalt teilen.
Dass es an der Umsetzung der Chancengleichheit noch hapert, wissen sie allerdings auch. Knapp zwei Drittel der Männer und drei Viertel der Frauen glauben nicht, dass die Geschlechter heute in allen Lebensbereichen gleichberechtigt sind.
Widersprüchlichkeiten, die das Nebeneinander alter und neuer Geschlechtervorstellungen spiegeln, zeigen sich selbst in der Gesetzgebung - etwa zwischen dem Steuerrecht, das mit dem Ehegattensplitting die Alleinernährer-Ehe privilegiert, und dem gerade eingeführten Unterhaltsrecht, das vom Grundsatz der wirtschaftlichen Eigenverantwortung beider Ehepartner ausgeht. Am deutlichsten aber mangelt es an Gleichberechtigung in der Berufswelt, wo Frauen weiterhin deutlich weniger verdienen (76 Prozent des Männereinkommens) und Männer weiterhin die meisten Chefsessel besetzen. "Von wirklicher Chancengleichheit im Erwerbsleben können wir noch lange nicht sprechen", diese Zwischenbilanz zieht Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, des größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts in Europa.
Als "Peinlichkeit" geißelte unlängst vor dem Deutschen Bundestag der ehemalige norwegische Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen die Tatsache, dass in Deutschland die Führungsetagen immer noch eine Domäne der Männer sind - in Norwegen müssen Unternehmen ihre Aufsichtsräte seit Jahresanfang zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzen. Eine Quote, die weniger auf politische Korrektheit denn auf den betriebswirtschaftlichen Erkenntnisstand zurückgeht: Unternehmen mit gemischtgeschlechtlicher Führung erweisen sich in manchen Studien als erfolgreicher, sie erzielen höhere Profite.
Auch in der Politik rücken Frauen bisher in Deutschland seltener in die Spitze vor als in anderen europäischen Ländern. In Finnland und Norwegen sind mehr als die Hälfte aller Ministerposten mit Frauen besetzt, in Frankreich und Schweden sieht es ähnlich aus. Hierzulande ist dagegen nur ein Drittel des Kabinetts weiblich, es gibt fünf Ministerinnen und zehn Minister. Auch diese Verteilung allerdings hätte ihren Vorgänger Franz-Josef Wuermeling vermutlich schon ungeheuer gewurmt. Besonders engagiert handelte vor wenigen Monaten Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ("Ich bin Feminist"): Er besetzte das Verteidigungsressort mit der 37-jährigen katalanischen Juristin Carme Chacón, die kurz nach ihrem Amtsantritt auf einer Militärbasis in Afghanistan die Parade der internationalen Schutztruppe abnahm - hochschwanger, in weißer Umstandsbluse.
Von einer derartig unübersehbaren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind Frauen in Deutschland noch immer entfernt. Bis zur Geburt des ersten Kindes glauben heute zwar viele von ihnen, das Thema Gleichberechtigung sei abgehakt. "Ich habe auch so gedacht", sagt die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, 37. Sie erwartete, dass sie beruflich die gleichen Möglichkeiten haben würde wie die Männer, "wenn nicht sogar bessere". Und dass sie im Job auch als Mutter ganz normal behandelt werden würde. "Ich war dann bass erstaunt, wie sich das mit Eintritt der Schwangerschaft ändert", sagt Koch-Mehrin, heute Mutter von drei kleinen Töchtern. "Rein rechtlich dürfte es da ja keine Unterschiede geben. Aber als Mutter wurde mir bewusst, dass die Gleichberechtigung nicht da ist. Man gilt einfach nicht mehr als vollwertige Arbeitskraft."
Die praktischen Voraussetzungen dafür, dass auch mit Kindern eine Berufstätigkeit ohne Dauerstress und Schuldgefühle lebbar ist, werden von Frauen seit langem bei Staat und Unternehmen angemahnt: ausreichend Krippenplätze etwa, Ganztagsschulen, flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten. Inzwischen orientiert sich die Familienpolitik - Stichwort: Elternzeit - stärker an diesen Notwendigkeiten.
Eher selten kommt in diesem Zusammenhang zur Sprache, dass Vollzeittätigkeit und Karriere nicht das Lebensziel aller Menschen sind - und dass die fehlende "Ernährererwartung" es Frauen leichter macht, sich nicht ins berufliche Rattenrennen einspannen zu lassen, wenn sie das nicht wollen. "Frauen haben im besten Fall die Möglichkeit zu wählen, ihr Leben individuell zu gestalten", sagt die habilitierte Bonner Kinderärztin Bettina Gohlke, 44, die mit ihrem Mann Frank drei Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren hat. "Sie können Beruf und Familie aneinander anpassen, können aussetzen und wieder einsteigen, und es wird bei ihnen weniger in Frage gestellt als bei einem Mann."
Geschlechterrollen haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert - was als "männlich" und "weiblich" gilt, hat viel damit zu tun, was Gesellschaften brauchen, um reibungslos zu funktionieren. Doch gewöhnlich verliefen solche Veränderungsprozesse so unauffällig und langsam, dass den Betroffenen der Wandel gar nicht bewusst wurde. Dass in wenigen stürmischen Jahrzehnten ein Geschlecht, in diesem Fall das weibliche, programmatisch einen Wandel der Verhältnisse in Angriff genommen und weitgehend durchgesetzt hat, noch dazu auf rechtlicher Grundlage, ist in der Geschichte wohl einzigartig.
Dass Frauen ihre Rechte einfordern, hartnäckig und lautstark, ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Normalfall geworden. Sie haben sich von restriktiven Vorstellungen befreit und bewiesen, dass sie, im Guten wie im Schlechten, über traditionell als männlich geltende Attribute verfügen können - der Machtinstinkt von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 53, ist inzwischen legendär.
"Früher hat man Frauen kennengelernt, die konnten kochen wie ihre Mütter", so bekam der Frankfurter Musiker Shantel ("Disco Partizani"), 40, vor einiger Zeit von seinem Großvater zu hören, "heute hingegen trifft man Frauen, die saufen wie ihre Väter." Etwas diplomatischer drückt es der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter aus: Frauen hätten "zu ihren ursprünglichen Stärken neue hinzugewonnen und sich vervollkommnet". Die Männer dagegen seien "geblieben, was sie waren", und stellten sich nun, gemessen an den Frauen, als "unvollständige, sozusagen halbe Wesen" dar.
Mit ihrem Aufbruch haben die Frauen ohne Zweifel die Männer in die Defensive gedrängt. Das war durchaus feministisches Kalkül, denn jeder Mann galt schon qua Geschlecht als Patriarchatsgewinnler, ob mit oder ohne Pantoffeln. Gleichberechtigung bedeutete für viele Männer darum lange vor allem eines: Sie mussten sich beim Pinkeln hinsetzen, und sie machten auch sonst alles falsch.
"Meine Generation ist doch durch die Frauenbewegung komplett weichgespült worden", sagt der Berliner Kabarettist Horst Schroth (aktuelles Soloprogramm "Wenn Frauen fragen"), 59, der T-Shirts mit dem Slogan "Schlecht im Bett. Sonst ganz nett" verhökert. Die finden reißenden Absatz, gerade bei nachdenklichen, selbstkritischen Männern.
Doch egal, ob die Männer sich nun als sanfte Softies oder als aggressive Angstbeißer auf die Gleichberechtigung einstellten: Sie wurden zur Reaktion auf eine Entwicklung gezwungen, die sie nicht angestoßen hatten und nicht kontrollieren konnten. Die Folge war eine gewaltige Identitätskrise, jene "Verunsicherung", die Peter Schneider schon früh erlebte. "Wenn sich ein Geschlecht plötzlich massiv bewegt und verändert, das andere aber stehenbleibt, muss es logischerweise zu Problemen kommen", argumentiert der Männerforscher Walter Hollstein, der in seinem neuen Buch "Was vom Manne übrig blieb" kritisch das sich wandelnde Männlichkeitsbild betrachtet*. "Die Männer blieben im wörtlichen Sinne zurück. Um sie kümmerte sich niemand, und sie
selber waren zunächst so sehr verunsichert und zum Teil schockiert, dass ihre Selbsthilfe erst einmal gelähmt war."
Indem die Frauen so massiv angestrebt haben, was die Männer gepachtet zu haben schienen - Karriere, finanzielle Unabhängigkeit, politische Macht, Freiheit, Diskurshoheit im öffentlichen Raum -, kam außerdem lange gar nicht erst die Frage auf, ob das, was die Männer hatten, eigentlich in jeder Hinsicht erstrebenswert war. Oder jedenfalls nicht die Frage danach, welchen Preis Männer dafür zahlten - wenig Zeit mit ihren Kindern etwa, die Vaterschaft vor allem per Telefon, ein Verzicht darauf, sich in Rollen jenseits der Ernährerfunktion zu erleben. Auch die Männer fragten sich das nicht, denn es war ja in gewisser Weise schmeichelhaft, in ihrer Herrschaftsposition dadurch bestätigt zu werden, dass die Frauen ihnen den patriarchalen Vorsprung neideten.
Dazu kam und kommt, dass Frauen sich bei ihren Erwartungen an den Mann durchaus nicht konsequent verhalten: Sie fordern den Partner auf Augenhöhe, der den Abwasch macht, die Kinder wickelt und vielleicht auch noch die Kunst des Vorspiels beherrscht, folgen aber bei der Beziehungssuche häufig einem "archaischen Beuteschema", wie der Münchner Paartherapeut Stefan Woinoff es nennt: Gesucht wird weiterhin der Versorger, sprich: ein "statusüberlegener Mann", der beruflich erfolgreicher ist und mehr Geld nach Hause bringt als die Frau. "Natürlich müssen auch die Männer lernen, neue Rollen zu akzeptieren, ohne die Angst, dass ihre Männlichkeit darunter leidet", sagt Woinoff. "Aber die Sichtweise vieler Frauen schürt ja diese Angst." Sein Fazit: "Solange Frauen im Privaten eher einen im Status überlegenen Mann suchen, wird sich gesellschaftlich nicht viel ändern."
Diesen überlegenen Status erreichen viele Männer ohnehin nicht mehr. Auch bei ihnen wird die bruchlose Erwerbsbiografie immer seltener. "Da Männer immer noch fest in der traditionellen Ernährerrolle stecken", sagt der Männerforscher Hollstein, "kommen sie mit diesen Verwerfungen deutlich schlechter klar als Frauen." Eine Flucht in Alkoholismus und Drogenkonsum kann die Folge sein. Heute könne der Mann "nicht mehr auf die Gesellschaft zählen", sagt der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh. "Der Mann ist bedroht, weil er ständig in Frage gestellt wird. Ich sehe das in meiner Praxis, das Elend ist enorm. Der Mann ist als Täter akzeptiert, aber nicht als Opfer. Psychologisch gesehen ist der Mann das schwache Geschlecht."
Doch zurzeit deutet sich im deutschen Alltag an, dass eine jüngere Generation von Männern die Verunsicherung überwindet, sich bewusst und aus Überzeugung vom alten Männerbild abwendet. Besonders deutlich zeigt sich dies an einer neuen Väterlichkeit, die sich etwa in hip-urbanen Jungfamiliengegenden wie dem Prenzlauer Berg in Berlin oder dem Schanzenviertel in Hamburg beobachten lässt. Dort schieben haufenweise stolze junge Väter 500-Euro-Kinderwagen zu den Bioläden - es präsentiert sich eine neue Generation von Männern, die sich um Frau und Kind mindestens ebenso kümmert wie um ihre Karriere.
In Deutschland gibt es seit anderthalb Jahren ein politisches Instrument, das ausdrücklich die Väter zum gleichberechtigten Dienst am Wickeltisch animieren soll: 14 Monate Elterngeld bekommen nur jene Paare, bei denen auch der Mann mindestens zwei Monate zu Hause bleibt. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden 18,5 Prozent aller bewilligten Elterngeld-Anträge von Vätern gestellt - "eine leise Revolution", wie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen gerade zu Recht jubelte.
Auch Thorsten Eisbein, 31, Elektrotechnik-Ingenieur aus Langerwehe bei Aachen, will in die Elternzeit gehen, wenn er Mitte Juli zum ersten Mal Vater wird. Mit seiner Frau Sarah Schneider, 30, einer Büroleiterin, hat er vereinbart, dass sie den gesetzlich gewährten Zeitraum voll nutzen - erst wird sie zwölf Monate zu Hause bleiben, dann nimmt er sich eine zweimonatige Auszeit fürs Baby. "Ich kann mir auch vorstellen, vier Monate Elternzeit zu nehmen, wenn meine Frau früher wieder in ihren Beruf zurückmöchte", sagt Eisbein.
Diese immer noch ungleiche Verteilung wird Feministinnen nicht beglücken, doch Schneider und Eisbein haben sich genau überlegt, was sie für sinnvoll halten: "Als Mann bin ich in den ersten Monaten nach der Geburt komplett fehl am Platz, vor allem, weil meine Frau stillen möchte", sagt der werdende Vater. Diese Erfahrung hätten gleichaltrige männliche Freunde und Bekannte auch gemacht.
Die Revolution mag leise sein, doch der moderne Mann und Vater beweist unverkennbar Tugenden, die lange als "unmännlich" galten: Geduld, Einfühlungsvermögen, und sprechen kann er auch. Anders als früher umarmen Väter ihre Kinder öfter, helfen bei den Hausaufgaben oder trösten sie, wenn die Kleinen traurig sind.
Leuchtendes Leitbild der neuen Väterlichkeit ist zweifellos Hollywood-Star Brad Pitt, 44, dessen Image sich in den letzten Jahren rapide gewandelt hat: vom Sexsymbol zum Glamourdaddy für alle. Pitt teilt das Rampenlicht bereitwillig mit seiner Partnerin Angelina Jolie, 33, und einer ständig wachsenden Kinderschar. Momentan hat das Paar drei adoptierte Kinder und einen leiblichen Sprössling; Zwillinge sind unterwegs. Wenn Jolie nicht gerade gebärt, dreht sie einen Film nach dem anderen, wobei sie häufig Mutterrollen übernimmt.
Klagen über die Doppelbelastung - Kinder und Karriere - sind von Miss Jolie nicht überliefert, allerdings ist sie auch nicht auf die raren Kindertagesstättenplätze in deutschen Großstädten angewiesen. Außerdem verfolgt Pitt seine eigene Filmkarriere zurzeit nur mit gebremstem Ehrgeiz und verbringt mehr Zeit damit, die passenden Anwesen für die Großfamilie auszusuchen.
Dass ein Star so offensiv seine Vaterschaft inszeniert, ist durchaus repräsentativ für den Bewusstseinswandel in der westlichen Welt. "Männer kümmern sich heute mehr um ihre Familien als jemals zuvor im letzten Jahrhundert", sagt der US-Kulturwissenschaftler Michael Kimmel. Ende der siebziger Jahre verbrachte ein Vater nur ein Drittel so viel Zeit mit seinen Kindern wie die durchschnittliche Mutter, ergaben Untersuchungen von Soziologen der Universität Michigan. Bis zum Jahr 2000 sei dieser Anteil auf drei Viertel gestiegen.
Im deutschen Berufsalltag stoßen veränderungswillige Väter allerdings noch oft auf die Widerstände, die Frauen seit langem bekannt sind: nämlich Chefs und Unternehmensstrukturen, die hartnäckig auf den Erhalt des Status quo gepolt sind.
In einem kleinen Büro in einem Hamburger Hinterhof stapeln sich in mannshohen Regalen Akten mit Studien und Zeitungsartikeln zum Thema - Väter in Elternzeit, die neuen Väter, Väter zwischen Kind und Karriere. Es ist das Büro von Volker Baisch, 42, zwei Töchter. Vor sieben Jahren hat er den Verein Vaeter e. V. gegründet, eine Art Service- und Lobby-Agentur für den Mann mit Kind. Baisch will Männern den Weg ins Familienleben ebnen.
Rollenbilder zu verändern sei ein langwieriges Geschäft, das weiß Baisch mittlerweile. "Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird von den Betrieben nach wie vor als Thema wahrgenommen, welches ausschließlich Frauen nachfragen", sagt der Lobbyist, "Wickeltische im öffentlichen Raum gibt es nur auf Damentoiletten."
Bei Vaeter e. V. melden sich Männer, deren Chefs die Elternzeit verhindern oder wenigstens als Urlaub verkaufen wollen, damit nicht noch andere Männer auf dumme Gedanken kommen. Zwar geben in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach 61 Prozent der Unternehmens- und Personalleiter an, das Elterngeld sei eine gute Regelung.
Doch die Realität sieht häufig anders aus. In einem Forschungsprojekt hat die Gewerkschaft Ver.di den Umgang der Unternehmen mit der neuen Elternzeit untersucht. Schon bei der Auswahl der Betriebe stießen die Wissenschaftler auf Widerstand. Von rund hundert angesprochenen Firmen wollten nur vier an dem Projekt teilnehmen. Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd.
"Nicht einmal bei Betriebs- und Personalräten genießt das Thema Priorität", schreibt das Projektteam. Kompetente Ansprechpartner für das Elterngeld gebe es nur in seltenen Fällen. In den Betrieben herrsche eine männerbündische Anwesenheitskultur vor. Wer sich diesen Strukturen nicht anpasse, müsse mit Karriereeinbußen rechnen.
Klingt alles verdammt bekannt, nur mit geänderten Geschlechtsvorzeichen. Wer den Mut nicht aufgeben will, kann sich an ausdrucksstarken Gesten aufrichten, wie sie gerade bei der Fußball-Europameisterschaft zu beobachten waren: Nach dem Spiel der Niederlande gegen Frankreich trugen Hollands Torwart Edwin van der Sar und der Stürmer Dirk Kuyt ihre kleinen Kinder über den Platz.
Ob sich der Trend zur neuen Väterlichkeit verfestigen wird, wird sich wohl erst in der nächsten Generation zeigen. Da scheint eine Ungleichheit auf, die noch unvorhersehbare Folgen haben könnte.
Die Mädchen und jungen Frauen sind ihren männlichen Altersgenossen in Schule und Ausbildung deutlich voraus. Junge Frauen, sagt der deutsche Jugendforscher Klaus Hurrelmann, seien "auf der Überholspur". Sie sind "flexibler, fleißiger, erfolgreicher" als die Jungen. Mehr als die Hälfte der deutschen Abiturienten sind Mädchen, ihre Noten sind deutlich besser als die der männlichen Altersgenossen. Auch unter den Studierenden stellen junge Frauen inzwischen mehr als die Hälfte, und quer durch alle Fachrichtungen brauchen Studentinnen - bei gleich guten Abschlussnoten - weniger Semester, absolvieren außerdem mehr Auslandsaufenthalte und Praktika. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostiziert denn auch: "Junge Frauen dürften künftig weiter aufholen." Der männliche Nachwuchs stellt dagegen die Mehrheit bei den Hauptschülern und liegt auch bei den Sitzenbleibern und Schulabbrechern vorn, vor allem in Ostdeutschland.
Fassungslos sehen viele Jungen und junge Männer, so Hurrelmann, wie ihre Altersgenossinnen an ihnen vorbeiziehen. Wie verunsichert der männliche Nachwuchs ist, zeigt auch die neueste Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006. Im Gegensatz zu den selbstbewussten Mädchen fielen "viele Jungen auf, die noch unsicher dabei sind, ihre Rolle in der Gesellschaft zu suchen und sich neu zu definieren", schreiben die Autoren. "Jungen erfahren völlig neue Herausforderungen an ihre Geschlechtsrolle, denn die Erwartungen junger Frauen an das Zusammenleben und eine gemeinsame Erziehung der Kinder weichen von traditionellen Mustern radikal ab. Unverkennbar fühlen sich viele junge Männer hierdurch überfordert."
Andere aber auch nicht. Der 16-jährige Laszlo, in der Rollentausch-Familie Kreutz aufgewachsen, geht mit seiner Freundin Lisa in die zehnte Klasse des John-Lennon-Gymnasiums in Berlin. Wenn man das Teenager-Pärchen fragt, was sie männlich oder weiblich finden, jungenhaft oder mädchenhaft, dann überlegen sie lange, antworten zögerlich und kommen schließlich immer zu dem Schluss, dass es keine festen Rollen mehr gibt. "Das sind doch alles Klischees aus der Zeit zwei Generationen vor uns", sagt Laszlo.
"Mädchen spielen gerne Fußball, die coolsten können sich gut durchsetzen, und Jungs lästern auch", sagt Lisa.
Wenn alles unklar wird, wenn Rollen nicht mehr an einem bestimmten Verhalten festzumachen sind, dann ist Aussehen plötzlich alles. Laszlo trägt - wie die meisten Jungen in seinem Alter - ein T-Shirt und Basketballshorts: ganz klar Jungskleidung. Lisa dagegen trägt eine enge Jeans und ein geblümtes Top: eindeutig Mädchenkleidung.
Vielleicht seien ihre Rollenvorstellungen deshalb so verschwommen, überlegt Laszlo, weil sie beide nicht aus "klar strukturierten Elternhäusern" kämen. Bei ihnen kochen Vater und Mutter, beide kümmern sich um den Haushalt, beide verdienen Geld. "Ich möchte das eines Tages genauso machen", sagt Lisa und lächelt.
Klare traditionelle Rollen, im Konsens der Gesellschaft fast schon abgehakt, werden in Deutschland im Wesentlichen nur noch von einer Bevölkerungsgruppe gelebt: konservativen muslimischen Zuwanderern, die ihr Frauenbild meist nicht den Vorstellungen der westlichen Emanzipation angepasst haben. Ein Ehrenmord, wie an der 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi im Mai, wirft ein Schlaglicht auf patriarchale Strukturen, die in brutalem Widerspruch zu westlichem Recht und westlichen Normen stehen. Auch unter den Muslimen in Deutschland ist inzwischen eine Diskussion über die Rolle der Frau in Gang gekommen - doch traditionelle Milieus bleiben eine Problemzone im Reich der Gleichberechtigung.
Mit ihrem langen, schwierigen Kampf um die Emanzipation stehen die Deutschen nicht allein da. In den USA, wo noch in den siebziger Jahren der Versuch scheiterte, einen Gleichberechtigungszusatz in die Verfassung aufzunehmen, ist anlässlich
der Präsidentschaftsbewerbung Hillary
Clintons gerade eine erbitterte Debatte darüber entbrannt, ob sexistische Häme in der Berichterstattung an ihrem Scheitern bei den Vorwahlen schuld sei. Eine ganze Generation von Hillary-Feministinnen sieht sich um ihren Lebenstraum gebracht, eine Frau als Präsidentin ins Weiße Haus einziehen zu sehen.
Doch die klügeren Kommentatoren weisen darauf hin, dass Hillary zwar die Frau im demokratischen Präsidentschaftsrennen gewesen sei, die traditionell weiblichen Attribute jedoch erfolgreicher von ihrem Konkurrenten Barack Obama verkörpert werden. Obama stehe für Empathie und Einfühlung, soziale Intelligenz und Kommunikationsvermögen: "In vieler Hinsicht wird er der erste weibliche Präsident sein", sagt Megan Beyer, Angehörige einer "Frauen für Obama"-Gruppe.
Gleichberechtigung bedeutet insofern auch, dass sich die traditionellen Ideen von Weiblichkeit und Männlichkeit ein Stück weit von Frauen und Männern ablösen.
Die klassische Frauenbewegung, wie sie in Deutschland immer noch von der Leitwölfin Alice Schwarzer, 65, verkörpert wird, wird den neuen Realitäten mit ihrem ideologisch verstellten Blick auf die Welt heute vielfach nicht mehr gerecht. Die "Emma" ist außerdem gerade an der modernen feministischen Forderung, Beruf und Familie müssten vereinbar gestaltet werden, furios gescheitert. Als die neue "Emma"-Chefredakteurin Lisa Ortgies Ende Mai nach nur zwei Monaten entnervt ihren Posten aufgab, keilte das Blatt nach, Ortgies habe sich nicht "für die umfassende Verantwortung" geeignet - unter anderem, weil die Schwarzer-Nachfolgerin zu viel Zeit bei ihrer Familie verbracht habe.
Männer und Frauen stehen heute zwischen Tradition und Zukunft. Alte und neue Rollenbilder mischen sich zu einer Gemengelage, in der sich individuelle Lebens- und Beziehungsentwürfe zurechtschneidern lassen. In denen bildet die Gleichberechtigung nur noch das Fundament, auf dem die Geschlechter sich ihre Identitäten schaffen können - wenn alles gutgeht, gleichberechtigt, ohne gleich sein zu müssen. Politisch modern, ohne politisch korrekt sein zu müssen. "Ein moderner Mann fühlt mit dem Bauch und handelt mit dem Kopf und nicht mit seiner Hose", glaubt der Musiker Shantel. "Er hält die Tür auf und trägt die Einkaufstüten, ohne seinen Rücken zu krümmen."
Ein erstaunliches Beispiel für eine neue Geschlechtsidentität findet sich ausgerechnet in der deutschen Politik: Franz Müntefering, 68, gab im November vergangenen Jahres seinen Job als Vizekanzler auf, um sich um seine krebskranke Frau Ankepetra zu kümmern. Für seine Entscheidung gab es überraschend viel Anerkennung, durch alle politischen Lager hindurch. "Hat es das schon einmal gegeben, dass ein führender Politiker zurücktritt, weil er einen anderen Menschen pflegen will? Noch dazu ein Mann?", fragte ungläubig die Wochenzeitung "Die Zeit". Selbst die nicht für die Geschlechtsrevolution bekannte "Bild"-Zeitung entschied sich fürs Lob der neuen Männlichkeit. Sie rief Müntefering zu: "Vizekanzler mag eine wichtige Aufgabe sein. Die wichtigere Aufgabe ist für Sie, Ihre kranke Frau aufzurichten."
Wer hätte das vor 50 Jahren vorauszusagen gewagt?
ULRIKE DEMMER, ANGELA GATTERBURG,
DIETMAR HIPP, ULRIKE KNÖFEL, REINHARD MOHR, CAROLINE SCHMIDT, NICOLE SEROCKA, MERLIND THEILE, SUSANNE WEINGARTEN, MARTIN WOLF
* Walter Hollstein: "Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des ,starken' Geschlechts". Aufbau, Berlin; 304 Seiten; 19,95 Euro.
* Nach dem Sieg in der EM-Vorrunde gegen Frankreich am 13. Juni.
Von Ulrike Demmer, Angela Gatterburg, Dietmar Hipp, Ulrike Knöfel, Reinhard Mohr, Caroline Schmidt, Nicole Serocka, Merlind Theile, Susanne Weingarten und Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2008
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