23.06.2008

RÜSTUNGDer neue Kalte Krieg

Strategische Bomber vor Amerikas Küste, Kampfschiffe im Mittelmeer - Russlands Armee zeigt wieder Flagge, Milliarden werden in neue Waffen gesteckt. Wo aber sieht der Kreml heute den Feind, warum riskiert er einen neuen atomaren Rüstungswettlauf mit Washington?
Abends um elf, wenn sich der Mond in der träge fließenden Wolga spiegelt, wenn die Steppe die Wärme des Tages aushaucht, wenn die letzten Kneipen schließen in Jekaterinenstadt und Pokrowsk - den alten Provinzstädten am linken Ufer des Stroms, die heute Marx und Engels heißen -, dann macht sich Gennadij Stekatschow auf den Weg in die Weltpolitik. Und jeder kann es hören.
Es klappern die Fensterläden der alterskrummen Holzhäuschen, die deutsche Siedler vor 250 Jahren errichteten, es klirren die Scheiben in den Plattenbauten der Sowjetzeit. Es ist der Augenblick, da Stekatschow draußen vor der Stadt seinen 150 Tonnen schweren Langstreckenbomber über die Rollbahn treibt und mit sieben Kameraden in den Nachthimmel aufsteigt.
Gewöhnlich nimmt er den Weg nach Norden: zum Eismeer hinauf und zur Barentssee, dann scharf nach Westen ums Nordkap herum. Spätestens vor der norwegischen Küste tauchen die ersten alarmierten Nato-Jäger auf. Sie begleiten die Tu-95 an den Shetland- und den Färöer-Inseln vorbei bis vor Amerikas Küste: französische Mirage-Maschinen, britische "Tornados" oder norwegische F-16.
16 Stunden in der Luft, nur über dem Ozean und nicht mal eine Toilette an Bord. Dafür Nervenkitzel pur - wenn der Gegner unter Stekatschows Maschine kreuzt, die bis zu 16 Marschflugkörper in die entlegensten Winkel des Erdballs tragen kann.
Seit Russland seine strategische Luftwaffe erneut auf Patrouillenflüge hinaus in die Welt schickt - nach 15-jähriger Zwangspause, weil das Geld ausgegangen war -, sieht Stekatschow in seinem Beruf wieder einen Sinn: "In vier Monaten kam meine Besatzung gleich siebenmal bis kurz vor Amerika." 15 Jahre habe er darauf warten müssen. Er, der Oberstleutnant aus diesem Wolga-Kaff, das keiner kennt in der Welt.
Engels, eine Stadt mit 200 000 Einwohnern, 350 Kilometer entfernt vom früheren Stalingrad, war bislang bestenfalls als Regierungssitz der deutschen Wolgarepublik bekannt, die Stalin im August 1941 auflösen ließ und deren Einwohner er dann nach Sibirien und Kasachstan verbannte. Und weil am 12. April 1961 hier Jurij Gagarin an seinem Fallschirm herniederkam, der erste Kosmonaut der Welt.
Bereits 1930 aber hatte Moskau in Engels die erste Schule für Militärflieger gebaut. Auf deren Flughafen ist heute die 22. Garde-Bomberdivision der 37. strategischen Luftarmee stationiert - eine Einheit, die im Fall eines nuklearen Konflikts russische Atombomben ins gegnerische Zielgebiet tragen soll. 33 schwere Bomber stehen derzeit bereit: 18 viermotorige Propellermaschinen vom Typ Tu-95, im Nato-Jargon "Bear" genannt, Reichweite: 15 000 Kilometer, und 15 strahlgetriebene Tu-160, im russischen Selbstverständnis die mächtigsten fliegenden Festungen der Welt, über 2000 Stundenkilometer schnell und mit Platz für 40 Tonnen Bomben an Bord - "Blackjack" nennt sie der Westen.
Noch vor zehn Jahren stand hier so gut wie keine Maschine mehr, Putin-Vorgänger Jelzin hatte die meisten Bomber zerlegen lassen. Jetzt aber fordert ein Transparent an der Einfahrt zur Luftwaffenbasis, dass ihre Bewohner "den Ruhm der russischen Waffen" wieder mehren sollten.
Seit Russland seinen Fliegern im vorigen Jahr Startbefehl gab, seit die Maschinen wie zu Sowjetzeiten wieder auf den Radarschirmen der westlichen Hemisphäre auftauchen, seit sie sich ein paarmal haarscharf der britischen Grenze näherten, den amerikanischen Flugzeugträger "Nimitz" überflogen und sogar eine (unbewohnte) japanische Insel - woraufhin Tokio zwei Dutzend Kampfflugzeuge aufsteigen ließ, um die Eindringlinge zu vertreiben -, seitdem herrscht erneut ein Hauch Kalten Krieges zwischen Ost und West. "Unsere Aufgabe ist, zu zeigen: Wenn wir schon so weit fliegen können, dann sind wir auch in der Lage, Waffen bis dorthin zu bringen", sagt Generalmajor Pawel Androssow, der Kommandeur aller strategischen Flieger.
Russlands Armee, mit 1,1 Millionen Mann noch immer eine der größten der Welt, ist wieder da, und nicht nur in der Luft. Inzwischen manövriert die Flotte erneut im Atlantik und im Mittelmeer, und im Februar verließ mit der "Jurij Dolgoruki" das erste Unterseeboot einer neuen Generation das Dock - ein Koloss, der 16 Atomraketen abfeuern und hundert Tage getaucht bleiben kann. Für den Sommer ist ein Großmanöver der Nordmeer- und der Pazifikflotte in einem der Weltozeane geplant. Kommandierender der Übung: Präsident Dmitrij Medwedew.
Auf 822 Milliarden Rubel, umgerechnet 35,4 Milliarden Dollar, kletterte 2007 der russische Militäretat. Und weil das Öl immer mehr Bares in die Kassen spült, haben der Kreml und seine Generäle in letzter Zeit ein wahres Feuerwerk von Ankündigungen abgebrannt: 50 strategische Bomber will Moskau bis 2015 besitzen, ebenso viele Atomraketen "Topol-M" bauen und acht Atom-U-Boote der Klasse "Bora" (Sturmwind). Mit der "Bulawa" (Keule) kommt eine neue ballistische Waffe, und nächstes Jahr wird der T-95 in Dienst gestellt - der "Panzer des 21. Jahrhunderts".
"Die russische Militärmaschine ist zurück im Geschäft", konstatiert der britische "Daily Telegraph" und spricht von einem "dramatischen Anwachsen des Militärpotentials". Die Kampfbereitschaft in den Einheiten sei "auf dem höchsten Niveau der gesamten postsowjetischen Zeit", behauptet Generalleutnant Michael Maples, Chef des US-Militärgeheimdienstes DIA. Und US-Verteidigungsminister Robert Gates sieht in der Modernisierung der russischen Armee einen Grund, "warum die USA ihre eigenen Streitkräfte weiterentwickeln" und auch künftig eine "moderne nukleare Abschreckung" haben sollten, wie er vorvergangene Woche Offizieren der Luftwaffe erklärte.
So etwas hören die Moskauer Militärs gern, sie fühlen sich wieder ernst genommen. "Die Schwachen liebt man nicht, man hört nicht auf sie und beleidigt sie - wenn wir aber die Parität haben, wird man mit uns ganz anders reden", glaubt Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow.
Was aber bedeutet es, wenn Moskaus Generalstabschef angesichts der Pläne zur Stationierung einer amerikanischen Raketenabwehr in Polen und Tschechien wieder vom "präventiven Einsatz von Atomwaffen" spricht? Wenn er den früheren Sowjetrepubliken Georgien und Ukraine für den Fall eines Nato-Beitritts mit "militärischen und anderen Maßnahmen" droht? Oder wenn Moskau, wie im Dezember geschehen, seine Teilnahme am Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) aussetzt und weitere Abkommen wie das über die nuklearen Mittelstreckenraketen in Frage stellt?
Ist das eine Show für den Hausgebrauch, um die patriotischen Gefühle der eigenen Landsleute zu bedienen? Versucht Russland, mit dem Instrumentarium der siebziger Jahre auf die Weltbühne zurückzukommen? Oder glaubt sich der Kreml tatsächlich wieder vom Westen bedroht?
In einer kleinen Seitenstraße hinter dem Twer-Boulevard, gleich neben der neuerbauten Synagoge, liegt das Moskauer Restaurant Akademija. Es ist eines der schicken Etablissements, in denen sich die neue Elite trifft. Der untersetzte Herr mit Dreitagebart, Brille und fliehender Stirn, der hier sein Frühstück einzunehmen pflegt, heißt Stanislaw Belkowski und ist der Chef des privaten Moskauer Instituts für Nationale Strategie.
Die These von der Wiederherstellung der militärischen Macht Russlands bis fast zum Niveau der Sowjetzeit habe "nichts mit der Wirklichkeit zu tun", behauptet Belkowski: "Sie ist Teil jener Propaganda, mit der der Kreml die Öffentlichkeit zu veralbern versucht." Sein Institut hat ein fast 70 Seiten starkes Dossier "Die Krise und der Verfall der russischen Armee" vorgelegt, nach dessen Lektüre die Militärführung eigentlich komplett zurücktreten müsste: Es verweist ihre Bilanzen und Ankündigungen ins Reich der Phantasie.
Demnach habe die Armee in den vergangenen sieben Jahren gerade mal 90 veraltete Panzer erhalten, aus dem einzigen noch produzierenden Panzerwerk im Ural. Der versprochene T-95 ist seit 15 Jahren im Gespräch, Experten belächeln ihn als "Fiktion". Bei der Luftwaffe trafen in Putins Amtszeit nur zwei neue Su-34-Jagdbomber ein; der voriges Jahr als "Neuheit" vorgestellte Jäger Su-35 erhob sich in Wahrheit schon in Gorbatschows erstem Amtsjahr 1985 in die Luft. Der Rückstand russischer Konstrukteure "bei der Entwicklung von Jagdflugzeugen der fünften Generation im Vergleich zu den USA beträgt nicht weniger als 20 Jahre", heißt es im Bericht des Belkowski-Instituts. Landesweit sind nur 50 Prozent aller Flugzeuge und Hubschrauber einsatzbereit; wegen der Ausmusterung des Geräts werden Russland kommendes Jahr 4500 Maschinen fehlen.
Nicht weniger dramatisch ist die Lage bei den Nuklearwaffen. Unter Putin wurden 405 Raketen und 2498 Atomsprengköpfe außer Dienst gestellt, aber nur 27 neue Raketen produziert - dreimal weniger als unter dem als amerikahörig verpönten Jelzin-Regime. 80 Prozent der mobilen Interkontinentalraketen haben ihre Gebrauchsgrenzwerte längst überschritten.
Die neue "Topol-M"-Rakete aber gilt den Belkowski-Leuten als Waffe "mit einem Widerstandswert gleich null" - weil die Amerikaner deren Stationierungsorte kennen und das 100 Tonnen schwere Projektil samt Transporter schon bei der Ausfahrt "mit einer Genauigkeit von einem Zentimeter" treffen könnten. Und die "Keule", die neue "Bulawa"-Interkontinentalrakete, mit der die Militärführung die Atomflotte ausrüsten will? Fast jeder Probestart habe sich bislang als Fehlschlag erwiesen. Der bislang völlig geheimen SS-X-29, die gleich mehrere Sprengköpfe besitzt und nach russischen Angaben "unsichtbar" ist, weil sie angeblich alle Abwehrsysteme austricksen kann, scheint es bislang nicht anders zu ergehen. Bei der Flotte, dem Kern des russischen Nuklearschildes, sind derzeit nur zwölf Boote mit ballistischen Raketen in Betrieb.
"In den neunziger Jahren konnten wir das von der Sowjetunion geerbte strategische Potential einigermaßen auf demselben Niveau halten", sagt Belkowski mit bösem Lächeln, "seit 2000 aber geht dessen Reduzierung mit der Wucht einer Lawine voran: Wir werden unsere Fähigkeit, den Gegner atomar in Schach zu halten, verlieren." Sollte sich unter dem neuen Präsidenten nichts ändern, würden Russlands Streitkräfte auch im konventionellen Bereich "in acht bis zehn Jahren auf das Niveau der Armee eines mittleren europäischen Landes herabsinken und nicht mal mehr mit Staaten wie der Türkei oder Japan mithalten können".
Insider der Moskauer politischen Szene halten Belkowskis Thesen für allzu provokant; einige streuen, er trage gleich auf mehreren Schultern und sei mit westlichen Geheimdiensten liiert. Doch zahlreiche andere russische Militärexperten kommen zu einem ähnlichen Schluss.
Nicht von ungefähr habe Ex-Präsident Putin immer wieder behauptet, dass die Militärausgaben der USA 25-mal größer als die russischen seien, sagt Alexej Arbatow, Direktor des Moskauer Zentrums für Internationale Sicherheit. Deswegen hätten die Amerikaner auch 1,5 Millionen Mann unter Waffen und "eine Truppe von solcher Qualität, nach der wir streben müssen. Unser Geld reicht jedoch nur für eine Armee von maximal 600 000 Mann". Den Umbau zur kleinen, aber feinen Truppe verhindere Russlands Militärbürokratie. Deren Motto: lieber schlecht, aber groß.
Dass Putin über alle acht Amtsjahre nicht müde wurde, die Wiederauferstehung der russischen Armee zu feiern, hat dem Kreml zwar bei der eigenen Bevölkerung Renommee eingebracht (und der korrupten russischen Rüstungsindustrie neue Aufträge). Außenpolitisch aber wurde die Propaganda-Aktion zum Bumerang: Sie nutzte auch dem Rivalen USA.
Unter Hinweis auf Moskaus Modernisierungskurs hat George W. Bush für das nächste Steuerjahr 696 Milliarden Dollar an Militärausgaben beantragt, rund 445 Milliarden Euro. Nur: Die Drohung mit den Russen ist ein billiger Vorwand.
Die Navy ist schon seit Jahren dabei, die auf ihren U-Booten stationierten Trident-II-Interkontinentalraketen zu modernisieren. Amerikas Militärs wollen zudem bis 2012 sämtliche 5045 derzeit noch aktive Nuklearsprengköpfe durch neue ersetzen - eine unglaublich teure Aktion. Es wäre die erste dieser Art seit 20 Jahren, Kritiker bezweifeln schlichtweg die Notwendigkeit eines solchen Programms. Dass Washington im Februar zudem einen angeblich außer Kontrolle geratenen Spionagesatelliten per Raketenschuss vom Himmel holte, hat den nicht nur in Moskau schwelenden Verdacht genährt, die Amerikaner hätten ihre Programme für einen "Krieg der Sterne" nie wirklich eingestellt.
Wer sich inzwischen als einzig verbliebene Supermacht versteht, will Handlungsfreiheit: Die USA traten vom ABM-Vertrag zurück, der die Aufstellung von Raketenabwehrsystemen begrenzte. Kommendes Jahr läuft der Start-1-Vertrag aus, der die Zahl der nuklearen Langstreckenwaffen drosselt, 2012 ein weiteres russischamerikanisches Abkommen über den Abbau strategischer Offensivpotentiale. Moskaus Vorschlag, Start-1 durch einen neuen Vertrag zu ersetzen, blieb bisher ohne Reaktion. Es wird keine Kontrollmittel mehr geben, keine Inspektionsreisen ins Lager des Gegners, mit denen sich bislang Misstrauen wieder einfangen ließ.
Die Russen aber stecken in einem Teufelskreis: Um die Amerikaner zu neuen Abrüstungsschritten zu zwingen, müssten diese sie ernst nehmen. Aber Moskaus Abschreckungspotential beeindruckt Washington nicht mehr. 1700 bis 2200 Atomsprengköpfe dürfen beide Mächte Ende 2012 noch besitzen. Den Russen aber ist klar: Zu dieser Zeit werden in ihren Bunkern höchstens noch 1000 einsatzfähig sein.
Wer sich selbst für immer verwundbarer hält, versteht das Vorrücken des Rivalen natürlich als Provokation. Amerikas Pläne, nun auch in Polen und Tschechien Raketenabwehrsysteme aufzubauen, in Staaten nahe der russischen Westgrenze, lösten in Moskau helle Aufregung aus - genauso wie das Vorrücken des Nato-Bündnisses Richtung Russland. Ob am Schwarzen Meer oder an der Ostsee: Überall in Europa ist Moskau inzwischen strategisch abgeschnitten und marginalisiert.
Dass amerikanische Raketen in Polen keine startenden russischen Interkontinentalraketen abfangen können - weder von der Reichweite noch von der Flugbahn her -, ist Moskauer Militärexperten völlig klar; das System stelle "keinerlei direkte Gefahr" dar, sagt Arbatow - wenn der russische Generalstab das Gegenteil behaupte, so sei das plumpe Propaganda. Aber eben nicht nur: Der Zoff um den Raketenschild dient dem Kreml als willkommener Hebel, um für sich selbst aus künftigen Rüstungskontrollverhandlungen überhaupt noch etwas herauszuholen.
Warum aber steigt er aus einem Abkommen wie dem KSE-Vertrag aus, der mehr Vertrauen in Europa schaffen soll? Zumal, da Moskau schon jetzt "chronisch nicht in der Lage" ist, selbst jene Quoten für Panzer und Artillerie an seinen Grenzen auszuschöpfen, "die ihm laut diesem Vertrag zustehen", wie das Moskauer Institut für Nationale Strategie schreibt?
Weil die Russen sich düpiert fühlen. Weil die Nato nur wegen eines noch nicht geräumten Lagers schrottreifer Moskauer Waffen in der kleinen Republik Moldau die Ratifizierung des "angepassten" KSE-Abkommens verweigert. So fallen die Waffen der neuen Nato-Staaten fast 20 Jahre nach dem Mauersturz noch immer unter die Obergrenzen der längst verschwundenen "östlichen Staatengruppe" - während das westliche Bündnis inzwischen ein reelles Übergewicht bei den konventionellen Streitkräften besitzt.
"Absurd" sei die Lage, sagen die Russen, und selbst westliche Politologen fordern ein Einlenken der Nato. Statt eine Verhandlungslösung zu suchen, statt dem Kreml das Gefühl zu geben, dass es nicht um die Eindämmung oder Diskriminierung Russlands geht, habe die sich in eine Sackgasse manövriert: Seit Dezember lässt Moskau keine ausländischen Militärinspekteure mehr ins Land und informiert Rest-Europa nicht mehr über Truppenbewegungen und Militärübungen.
Nach Tschebarkul, in die Kleinstadt am Südrand des Ural, kam der Frühling dieses Jahr reichlich spät. Kaum war im Mai das Eis der vielen Seen getaut, steckten die Leute nach alter Sitte das Gras der Wiesen und Feldraine in Brand. Dicke Rauchschwaden legten sich über die noch grauen Birkenwälder, sie zogen bis in die 80 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Tscheljabinsk.
Auch Andrej Schabola hatte zündeln lassen, schon seiner Panzer wegen. Damit sie freies Schussfeld bekamen und der Boden nicht von allein entflammte.
Schabola ist 37, Oberst und schon stellvertretender Kommandeur der 34. russischen Mot.-Schützen-Division. Ein Russe wie aus dem Bilderbuch: groß gewachsen, mit wuchtigem, leicht wiegendem Gang und kräftiger Nase im rotbackigen Gesicht. Er steht im Ausguck des Kontrollturms auf dem Panzerübungsplatz - hinter sich die Garnison von Tschebarkul, vor sich die Rollbahn: Mehrere T-72 versuchen gerade, mit 45 Stundenkilometern über Gräben und Brücken zu setzen.
"Genosse Oberst, Panzerhindernis überwunden, keine Vorkommnisse, Öltemperatur normal", meldet, vor Aufregung stotternd, einer der Fahrer. "Prachtkerl", gibt der Kommandeur gnädig zurück: Das 295. Garde-Kosaken-Regiment trainiert.
Wer hier im Panzer sitzt, ist kein Wehrpflichtiger mehr - in Tschebarkul bilden sie bereits Berufssoldaten aus. 100 000 sollen es angeblich bislang landesweit sein. Diese Zahl ist das Ergebnis eines Kompromisses zwischen der Armeeführung und dem Kreml, dem es seit den bitteren Erfahrungen des Tschetschenien-Kriegs nach einer effektiveren Truppe verlangt.
Niemand an der Basis macht ein Hehl daraus, dass er den Beschluss der Obrigkeit für einen kapitalen Fehler hält. "Den Kontraktniki geht es nur ums Geld, nicht ums Vaterland", raunt ein Oberst, der nicht genannt sein will: "Der einzige Anstoß ist die Perspektivlosigkeit, sie kommen aus den schlimmsten Familien."
Laut aussprechen mag diese Kritik kaum einer, es stehen zwei Männer vom Divisionsstab aus Jekaterinburg dabei. Es gibt auch so genügend Zoff zwischen Armee und Politik. In Moskau ist Anfang Juni der Generalstabschef entlassen worden, weil er die Rotstiftpolitik des zivilen Verteidigungsministers, der früher Möbelhändler war, für verrückt und gefährlich hielt. Auch in Tscheljabinsk haben sie eine Panzerschule geschlossen, der Beruf des Offiziers "ist nichts mehr wert", sagt der Oberst. Dabei seien die Uraltprobleme dieser Armee noch immer nicht gelöst: 122 000 Offiziersfamilien hätten keine feste Wohnung, und mit den 12 000 Rubel, umgerechnet 322 Euro, die ein Leutnant erhält, gehe man "in Moskau vor die Hunde".
Wenn aber die Rede auf den Westen kommt und in der Offizierskantine der ölige ukrainische Wodka aus der Flasche läuft, sind sich auch die Tschebarkuler einig, dann sind ihre Stimmen laut und wie aus einem Guss. "Die Amerikaner rüsten auf, sie kreisen uns in Georgien und der Ukraine ein", bellt Schabola, der Vize-Divisionskommandeur: "Sie wollen uns kaputtmachen." Und klinge es nicht "wie eine Kriegserklärung", fragt ein anderer, wenn Madeleine Albright, die frühere Außenministerin der USA, öffentlich sage: "Dass Sibirien mit all seinen unermesslichen Reichtümern ausschließlich Russland gehört, ist eine der größten Ungerechtigkeiten auf der Welt"?
Das angebliche Zitat hat Albright zwar längst dementiert, die zutiefst gedemütigte russische Seele mag das aber nicht zur Kenntnis nehmen. Dabei wissen sie auch hier, dass die Welt 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges eine andere geworden ist. Dass die Zahl der Atomraketen nicht mehr die entscheidende Rolle spielt, dass ein Überraschungsangriff der Nato oder ein Staatenkrieg in Europa höchst unwahrscheinlich geworden ist und das Zählen von Panzern und Haubitzen deswegen kaum noch einen Sinn besitzt.
Aber welche Aufgabe hat ihre Armee, auf welche möglichen Konflikte muss Russland vorbereitet sein? Dass die Nato immer noch der potentielle Hauptgegner ist, daran glaubt selbst Oberst Schabola nicht mehr, er hat nach dem Mauerfall zwei Jahre im deutschen Neustrelitz gedient.
Aber dann eben auch in Blagoweschtschensk, was am fernöstlichen Amur und direkt an der chinesischen Grenze liegt. "Dort kaufen sich immer mehr Chinesen auf unserem Territorium ein", sagt er: "Sibirien ist groß, und nur noch wenige Leute leben dort." Exakt: 2 Russen pro Quadratkilometer - in den chinesischen Nachbarprovinzen sind es 103.
Voriges Jahr sind die Chinesen auch in Tschebarkul gewesen, zum Manöver "Friedensmission 2007". 1400 Soldaten und Offiziere der Volksarmee, dazu 300 Flieger hatten sich ins 10 000 Kilometer entfernte russische Ural-Städtchen aufgemacht, um neun Tage lang gemeinsam mit Schabolas Division die Einnahme einer von "Terroristen" besetzten Stadt zu üben. Das Unternehmen war eine gemeinsame Aktion der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, die 1996 zur Begrenzung des amerikanischen Einflusses in Asien gegründet worden war.
"Die Chinesen hatten ihre eigene Kampftechnik mitgebracht, ihre separate Zeltstadt aufgebaut und lichteten mit ihren Kameras nicht nur jeden russischen Panzer, sondern sogar noch die Suppenkessel in unserer Kantine ab", sagt der Oberst: "Wenn wir jedoch bei ihnen fotografieren wollten, schritten sofort ihre Sicherheitsleute ein."
Es klingt nicht gerade nach der früher so beteuerten sowjetisch-chinesischen Völkerfreundschaft; seit dem Bruderkrieg am Ussuri im März 1969 sitzt das Misstrauen gegenüber Peking tief. Schabolas Offiziere sagen ganz offen, wen Russland wirklich fürchten müsse: "die Chinesen". Peking habe bis 2015 auf Territorialforderungen verzichtet, will einer der Militärs irgendwo gelesen haben - "aber was wird danach?"
Was an der Basis ungeschlacht klingt, wird in den Papieren der Moskauer Politologen nur etwas vornehmer formuliert: dass der Kreml samt Armeeführung die Welt noch immer allein durch das Prisma der Beziehungen zu den USA sehe, dass er krankhaft nach Ebenbürtigkeit mit dem Erzrivalen strebe und keine realistische Vorstellung von den künftigen militärischen Gefahren besitze. "Die Annahme, dass die Nato unser hauptsächlichster potentieller Gegner ist, erscheint heute ziemlich zweifelhaft", schreiben die Experten des Instituts für Nationale Strategie.
Man müsse Peking im Blick behalten, sagt Stanislaw Belkowski im Restaurant Akademija und rührt versonnen in seinem Cappuccino: Die Expansion Chinas werde hauptsächlich in Richtung Russland erfolgen, darauf deuteten sowohl die Propaganda als auch die militärischen Entwicklungen beim großen Nachbarn hin.
"Uns verwundert", sagt Belkowski, der daheim so ungeliebte Stratege, "dass unsere Führung die chinesische Gefahr bislang einfach ignoriert." CHRISTIAN NEEF
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 26/2008
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