23.06.2008

POLEN„Walesa war Bolek“

Der Historiker Slawomir Cenckiewicz, 37, über seinen Vorwurf, der Friedensnobelpreisträger und einstige Solidarnosc-Führer sei ein Stasi-Spitzel gewesen
SPIEGEL: Diesen Montag erscheint Ihr Buch "Der Staatssicherheitsdienst und Lech Walesa". Schon im Vorfeld hat es heftige Debatten ausgelöst. Denn Sie und Ihr Co-Autor Piotr Gontarczyk behaupten darin, der Held der Wende in Polen sei in den siebziger Jahren informeller Mitarbeiter der Stasi gewesen. Haben Sie Beweise dafür?
Cenckiewicz: Wir legen in unserem Buch klare Belege vor, es sind Registrierungskarten, Kontrollvermerke, Notizen des Geheimdienstes und Berichte des sogenannten IM Bolek. Daraus geht eindeutig hervor, dass Lech Walesa von 1970 bis 1976 mit diesem Decknamen bei der Stasi registriert war.
SPIEGEL: Walesa streitet das energisch ab und sagt, die Bolek-Akte sei eine Fälschung. Wie können Sie ausschließen, dass die Stasi nicht tatsächlich Dokumente fabriziert hat, um den Gewerkschaftsführer in ein schlechtes Licht zu rücken?
Cenckiewicz: Wir kennen die Arbeitsweise der Stasi, die Grundsätze zur Führung der Archive und der Registratur - daher können wir das ausschließen. Wir haben Hinweise auf die Bolek-Akte auch in anderen Dokumenten gefunden.
SPIEGEL: Auch die konnte man fälschen.
Cenckiewicz: Diese Akten waren noch original versiegelt und nachweislich seit den siebziger Jahren nie geöffnet worden. Eine Manipulation ist ausgeschlossen.
SPIEGEL: Welchen Schaden hat Walesa - wenn er denn Bolek war - Ihrer Meinung nach angerichtet?
Cenckiewicz: Wir beschreiben das Schicksal von Leuten, über die Bolek der Stasi berichtet hat. Wir sind an sieben dieser Berichte herangekommen. Der Rest wurde zerstört oder aus der Akte gestohlen. Daraus geht klar hervor, dass Bolek der Stasi über mehr als 20 Leute Informationen geliefert hat. Diese wurden später schikaniert und unterdrückt.
SPIEGEL: Laut einer Umfrage glauben immerhin mehr als 40 Prozent der Polen, Walesa könne Stasi-Spitzel gewesen sein. Das jedoch - so die meisten der Befragten - mindere nicht seine Verdienste. Muss man das Urteil über den legendären Gewerkschaftsführer revidieren?
Cenckiewicz: Wir sind Historiker und wollen vor allem beschreiben, was war. Politische oder moralische Urteile fällen wir in unserem Buch nicht. Es war auch nicht unser Ziel, eine Legende zu zerstören. Wir halten Walesa für eine nationale Symbolfigur, er führte die Solidarnosc und bleibt ihre Ikone. Aber er hat auch als Bolek der Stasi zugearbeitet. Die Wirklichkeit ist nie einfach schwarz-weiß.
SPIEGEL: 1976 gab die Stasi ihren Spitzel Bolek auf, weil er ihr nicht bereitwillig genug zur Hand gegangen war. Walesa aber wurde in den Achtzigern zu einer erheblichen Gefahr für das ganze kommunistische System: Er führte die Gewerkschaft Solidarität und erhielt 1983 den Friedensnobelpreis. Wäre es für die Stasi damals nicht ein Leichtes gewesen, die Bolek-Akte in die Öffentlichkeit zu lancieren, um Walesa bei seinen Anhängern, aber auch im Ausland bloßzustellen?
Cenckiewicz: Das hat die Stasi ja in den achtziger Jahren versucht. Aber es hat nicht richtig funktioniert.
SPIEGEL: Warum denn nicht, wenn doch die Beweise, wie Sie sagen, so klar sind?
Cenckiewicz: Walesa war damals eine nationale Identifikationsfigur, eine echte Ikone. Die ganz große Mehrheit der Polen glaubte der Obrigkeit kein Wort. Sie hielt alles, was die Medien über Walesa verbreiteten, für eine Manipulation der kommunistischen Machthaber.
SPIEGEL: Der zweite große Vorwurf in Ihrem Buch lautet, Walesa habe Anfang der neunziger Jahre, als Präsident, seine Akte gesäubert.
Cenckiewicz: Das ist für mich das traurigste Kapitel. Er war immerhin das erste frei gewählte Staatsoberhaupt Polens nach dem Krieg. Aber er hat sein Amt dazu genutzt, um kompromittierende Stasi-Dokumente zu entfernen.
SPIEGEL: Walesa bestreitet auch dieses. Welche Beweise haben Sie dafür, dass er das doch getan oder zumindest angeordnet haben soll?
Cenckiewicz: Auf einem der Dokumente finden sich seine Unterschrift, das Datum und der Vermerk: "Ich habe die Akte ausgeliehen". Außerdem gibt es Notizen seiner engsten Mitarbeiter, beispielsweise von Innenminister Andrzej Milczanowski, die die Dokumente für den Präsidenten anforderten. Walesa quittierte den Empfang. Später zeigte sich, dass die Akten unvollständig zurückgegeben wurden. Das vermerkte damals auch der neue, postkommunistische Geheimdienst.
SPIEGEL: Polen diskutiert schon seit geraumer Weile darüber, wie die Wendezeit zu bewerten sei. Das politische Lager um die Kaczy'nski-Zwillinge meint, das Land habe die Gelegenheit verpasst, mit der Stasi-Vergangenheit abzurechnen - und dadurch hätten sich alte Seilschaften auch im neuen Polen formieren können. Fürchten Sie nicht, dass Ihr Buch in dieser Debatte instrumentalisiert werden wird?
Cenckiewicz: Wir nehmen nicht an solchen Diskussionen teil, lehnen Gespräche mit Politikern ab und tun alles, um uns aus dem politischen Streit herauszuhalten.
INTERVIEW: JAN PUHL

Streit um die
Vergangenheit
Cenckiewicz und sein Co-Autor Piotr Gontarczyk sind Mitarbeiter des Instituts für Nationales Gedenken in Danzig. Die polnische Version der Birthler-Behörde ist umstritten. Ihrem Leiter Janusz Kurtyka wird nachgesagt, den Kaczynski-Brüdern (Kaczyński-Brüdern) nahezustehen, die mit Walesa tief zerstritten sind. Seine Stellvertreterin, Maria Dmochowska, hatte sich vehement gegen die Veröffentlichung des Buches über den früheren Solidarnosc-Führer ausgesprochen.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 26/2008
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