23.06.2008

KUNSTBoom in der Schlinge

Der Malerstar Neo Rauch verhalf der jungen deutschen Leinwandkunst zu goldenen Zeiten. Sind die vorbei? Als Lehrmeister zieht sich der Leipziger weitgehend zurück.
Mit dieser Wendung der Geschichte war 1989 nicht zu rechnen: damit, dass von Leipzig eine künstlerische Revolution ausgehen würde, die weltweit Spuren hinterlassen sollte.
Sie ereignete sich nicht sofort nach dem Mauerfall, der Aufbruch begann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Damals setzte die Verehrung für den Leipziger Maler Neo Rauch ein.
Dass in seiner Kunst die Ästhetik des Ostblocks nachschimmerte, dass sich da jemand nicht scheute, den sozialistischen Realismus bunt und zugleich melancholisch umzudeuten, elektrisierte den Rest der Welt. Die "New York Times" nannte Rauch (nach einem Polit-Thriller von John le Carré) den "Maler, der aus der Kälte kam".
Es war Rauch, 48, der ein echtes Malereiwunder auslöste, und es ging weit über seine eigene Kunst hinaus. Die globale Sammlerschaft von Seoul bis Miami kaufte oft genug ungesehen alles, was eine junge deutsche Szene an Gemälden produzierte. Zehntausende, Hunderttausende Euro. Kein Problem.
Dieser fast schon surreale Aufwind erfasste zu Beginn des Jahrtausends auch Rauchs einstige Ausbildungsstätte, die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (kurz: HGB). Früher war hier im pathetischen Duktus der "Leipziger Schule" gemalt worden. Nach der Wende hatte lange Endzeitstimmung geherrscht. Und dann: Immer mehr Studenten kamen, wollten lernen, wie das Vorbild zu malen, ein wenig schwermütig, sehr verrätselt, auf jeden Fall figurativ und durchaus verkäuflich, eben in dem Stil, der als "Neue Leipziger Schule" gelabelt wurde. Die Semesterrundgänge ähneln Basaren, auf denen Galeristen um die Stars von morgen feilschen.
Die Warteliste der Studienbewerber war lang - und sie wurde noch länger, als Rauch im Wintersemester 2005 eine Professur übernahm.
Vor wenigen Wochen hat indes der vielbeschäftigte Held des Kunstmarkt-Booms bekanntgeben lassen, er werde kündigen, und zwar zum Frühjahr 2009.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Künstlerprofessoren das Weite suchen, weil Karriere doch schöner klingt als Lehre. Das galt zuletzt für den Fotokünstler Thomas Ruff in Düsseldorf, für den Maler Daniel Richter in Berlin.
Allerdings zeugt es von noch weniger Verantwortungsgefühl, am Professorenstatus festzuhalten, sich aber wegen der vielen eigenen Termine nur sporadisch an der Hochschule blicken zu lassen: eine verbreitete Untugend an deutschen Kunstakademien.
Rauch dagegen hat den Ruf, sich intensiv um seine Studenten zu kümmern. Verliert die Leipziger Institution nach wenigen Jahren also einen Maler, der nicht nur längst ein echter Mythos, sondern auch pflichtbewusst ist, der an der HGB aber auch alle anderen Disziplinen in den Schatten stellt?
Nicht ganz. HGB-Rektor Joachim Brohm hat sich jetzt mit erstaunlicher Verzögerung einen Ausweg einfallen lassen, den der Hochschulsenat noch billigen muss. Läuft alles nach Plan, wird der Künstler künftig statt ganzer Horden nur einer Elitetruppe von drei bis fünf Meisterschülern den Feinschliff geben, und das sogar ohne Honorar. Das soll der Öffentlichkeit bis Anfang Juli mitgeteilt werden. Spätestens dann will sich auch Rauch äußern.
Erleichterung in Leipzig? Geht so. Brohm, von Haus aus Fotograf, gibt sich betont gelassen, sagt, Rauch selbst habe die Verbindung nicht abreißen lassen wollen. Und übrigens habe die Schule längst auch in anderen Sparten ein beachtliches Renommee erworben.
Rauch sei auch kein PR-Träger, das zu behaupten "wäre Unsinn". Falls er doch einer ist, will man offenbar nicht mehr von ihm abhängig sein.
Hat es sich in Leipzig so gut wie ausgemalt? Rauchs vorerst halber Abschied passt gut ins Bild. Es sieht so aus, als leide das Phänomen "Neue Leipziger Schule" unter einem Burn-out-Syndrom, als müsse man erst neue Kraft sammeln.
Stephan Berg, der neue Direktor des Bonner Kunstmuseums, warf "dieser gesamten Leipziger Malerei" kürzlich "Unentschiedenheit" vor, "die aber routiniert und selbstzufrieden vorgeführt wird".
Alles Quatsch, sagt Rauchs Galerist Gerd Harry Lybke, der auch noch ein paar andere namhafte Leipziger im Programm hat, Matthias Weischer oder Tim Eitel etwa: "Die sind alle gefragt wie nie." Früher oder später, gibt er zu, "dürfte sich alles normalisieren, dann bleiben von 300 Malertalenten 5 oder 6 wirklich Große übrig".
Was wird aus der jungen Generation? Zu ihr gehört Kathrin Thiele, 27, sie ist noch Meisterschülerin bei Rauch und wird schon von einer Galerie vertreten. Dennoch sagt sie, es sei ein unsicherer Beruf, "aber das wusste ich, als ich anfing".
Thieles Frankfurter Galeristin Kirsten Leuenroth hat sich auf den Nachwuchs aus Leipzig geradezu spezialisiert, sie vertritt auch noch andere Rauch-Schüler. "Man sollte das mit der Neuen Leipziger Schule auch nicht überbewerten, das hält ja schon eine Weile. Jetzt kommt es auf die Stärke der Einzelpositionen an."
"Es wäre an der Zeit für einen Schlussstrich, sonst verwässert das alles", wettert der emeritierte HGB-Professor Arno Rink - für ihn ist die neue Leipziger Malerei ohnehin nur ein Ausläufer der alten, nur dass bei "Leipzig II", wie er sie nennt, der Markt das akkordhafte Tempo bestimmt.
Wie wahr, die erste, linientreue Leipziger Schule mit Malern wie Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig hatte im Westen Skepsis ausgelöst, die zweite dagegen weltweit einen Kaufzwang, die Gier nach mehr.
Rauch selbst hat in den Achtzigern bei Rink, dann auch bei Bernhard Heisig gelernt, beide eifrige Zulieferer zur DDR-Bildwelt, zum oft allegorisch überhöhten Ost-Realismus. "Der ganze Zirkus" sei doch im Grunde auf das zurückzuführen, was in Leipzig seit den sechziger Jahren entstanden sei, sagt Rink, "nur reicht es jetzt eben".
Sein weltberühmter Zögling habe sein Talent noch nicht einmal ausgereizt, "er kann mehr, als er zeigt, er kann auch ganz anders, aber alle wollen die großen, bühnenhaften Bilder". Diese Tableaus - gerade erst hat er eine Serie atelierfrischer Gemälde in der New Yorker Galerie David Zwirner ausgestellt - mit Figuren wie aus einem Revolutionsdrama und auf dem Bild "Parabel" mit einem Maler, der die Schlinge lockert, die um seinen Hals liegt. Das andere Ende des Stricks ist an einer Staffelei befestigt.
Könnte diese Metapher ein Hinweis darauf sein, dass sich da tatsächlich einer von den Zwängen der Verehrung befreien will? ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 26/2008
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