30.06.2008

TV-SENDER„Das schockt mich gar nicht“

Der russische Medienunternehmer Dmitrij Lesnewski über seine Übernahme von Das Vierte, seine Expansionspläne und die mangelnde Pressefreiheit in Russland
Lesnewski, 38, gründete den Kreml-kritischen Privatsender Ren TV und leitet jetzt die Ren Media Group, die das Oppositionsblatt "The New Times" betreibt.
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SPIEGEL: Sie haben am Freitag den Kaufvertrag für den Spielfilmsender Das Vierte unterschrieben. Was reizt Sie an einem deutschen Nischenkanal?
Lesnewski: Der Sender, den ich schon jetzt sehr liebgewonnen habe, ist der Anfang der weltweiten Expansion unserer Mediengruppe. Dafür scheint mir Deutschland als größter TV-Markt Europas gut geeignet. Das ist eine tolle Herausforderung.
SPIEGEL: Ihre amerikanischen Vorgänger von NBC Universal haben mit dem Kanal nie Geld verdient und nun den Rückzug angetreten. Es heißt, Sie hätten ihnen 13 Millionen Euro gezahlt. Wie viel müssen Sie denn noch investieren?
Lesnewski: Zum Kaufpreis sage ich nichts. Ich werde so viel investieren wie nötig, vielleicht 10 Millionen, vielleicht 40. Ich frage mich aber nicht: Was kostet das alles, sondern: Was muss ich tun? Wir wollen ein Vollprogramm machen, mit Eigenproduktionen und Nachrichten. Ein guter Kanal ohne Nachrichten ist nicht möglich.
SPIEGEL: Das Vierte liegt jetzt mit einem Prozent Marktanteil fast unter der Wahrnehmungsschwelle. Was ist realistisch?
Lesnewski: Ich habe da natürlich meine Vorstellung. Aber wir wollen ja nicht gleich ProSiebenSat.1 und RTL erschrecken (lacht). Außerdem schockt mich ein Prozent Marktanteil gar nicht: Als wir nach dem Ende der Sowjetunion Ren TV gegründet haben, fingen wir mit 17 Häusern und rund tausend Haushalten an. Ich war Journalistikstudent und habe meine Mutter überredet, ihren Job beim Staatsfernsehen aufzugeben. Wir haben unsere Wohnung verpfändet und mit 25 000 Dollar Kredit ein Büro gemietet, eine gebrauchte Betacam-Kamera gekauft und leidenschaftliche und talentierte Journalisten angeheuert. Ren TV heißt übrigens nach meiner Mutter Iren.
SPIEGEL: Ren TV war mit sechs Prozent Marktanteil ein sehr erfolgreicher Sender. Warum haben Sie nicht weitergemacht, sondern Ihren Anteil von 30 Prozent an die RTL Group verkauft?
Lesnewski: In der zweiten Amtszeit von Präsident Putin wurde die Pressefreiheit sehr eingeschränkt. Nur der Kreml oder zu hundert Prozent loyale Unternehmen dürfen große Medien besitzen. Wir hatten nur die Wahl aufzugeben oder das Schicksal von Leuten zu teilen, die der Macht im Wege standen.
SPIEGEL: Sie meinen den in Sibirien inhaftierten Ex-Ölmagnaten Michail Chodorkowski?
Lesnewski: Ja, oder den Medienunternehmer Wladimir Gussinski, den Gründer von NTW, der jetzt im Exil lebt.
SPIEGEL: Und RTL hat die fehlende Pressefreiheit nicht geschreckt?
Lesnewski: Nach Russland und China wollen doch jetzt alle Medien, weil sich dort gutes Geld verdienen lässt. Ich habe nicht den Eindruck, dass es etwa in China um die Pressefreiheit gut bestellt ist.
SPIEGEL: Ärgert es Sie, dass russische Investitionen in Medien oder Telekommunikation hier argwöhnisch betrachtet werden?
Lesnewski: Nein, ich verstehe das gut. Aber ich gebe der deutschen Volkswirtschaft ja jetzt einen Teil des Geldes zurück, das RTL nach Russland gebracht hat.
SPIEGEL: In Moskau betreibt Ihre Mediengruppe noch das Oppositionsblatt "The New Times". Warum machen Sie das? Sie verlieren doch Geld damit, oder?
Lesnewski: Keiner will bei uns Anzeigen schalten, weil es Ärger bringt. Noch schlimmer finde ich, dass viele Angst haben, uns ein Interview zu geben. "The New Times" ist für uns so etwas wie ein Fenster der Freiheit: Das ist eine Mission. Wir machen das nicht, um Geld zu verdienen.
INTERVIEW: ISABELL HÜLSEN, MATTHIAS SCHEPP
Von Isabell Hülsen und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 27/2008
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