07.07.2008

UNTERHALTUNGApoll und Tinnitus

Ein Vierteljahrhundert nach ihrem Ende macht die Popgruppe Abba lieber Geld als Musik. Jetzt kommt die Verfilmung des Abba-Musicals „Mamma Mia!“ ins Kino. Muss das sein?
Madonna und John McCain haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemeinsam. Eines aber doch: Beide, die Popdiva und der Präsidentschaftskandidat, mögen die Songs von Abba.
Umgekehrt ist die Lage komplizierter: Die schwedischen Musiker mögen Madonna, vor allem, weil sie die Erlöse aus ihrer Abba-Hommage "Hung up" fair mit ihnen teilte. Fair heißt: 50 Prozent für Abba.
John McCain dagegen mögen sie nicht bei Abba. Vor allem, weil er es gewagt hatte, seine Wahlkampfauftritte mit dem Abba-Klassiker "Take a Chance on Me" zu untermalen, ohne um Erlaubnis zu fragen.
"Unglücklicherweise", murmelt Björn Ulvaeus, das eine B von Abba, und starrt düster vor sich hin. "Da mussten wir leider unsere Anwälte anrufen", ergänzt Benny Andersson, das andere B, und zuckt mit den Schultern. "Die Anwälte haben dann mit irgendwelchen von McCains Leuten gesprochen und ihnen gesagt: Das dürft ihr nicht, basta."
McCain, der sonst gern den harten Hund gibt und einst jahrelang nordvietnamesischen Folterknechten widerstand, knickte prompt ein.
Mit Abba ist nämlich nicht zu spaßen. Das heißt: Wenn irgendjemand mit Abba spaßt, dann Abba selbst. Schon wegen der Tantiemen.
Und deshalb sitzen die Abba-Gründer Benny Andersson, 61, und Björn Ulvaeus, 63, an einem Samstag Ende Juni in kurzen Hosen auf einer Terrasse des Grand Resort Lagonissi bei Athen, eines Hotels mit geölten Parkettfußböden, gelackten Kellnern, Privatstrand und eigenem Hubschrauberlandeplatz.
Trotz des gehobenen Ambientes kein wirkliches Vergnügen, sondern harte Arbeit für die öffentlichkeitsscheuen Popstars: Interviews mit handverlesenen Journalisten aus Japan, Brasilien, Israel, Spanien, Schweden oder Deutschland über "Mamma Mia!", den Film, der in Griechenland spielt und in diesen Wochen weltweit in die Kinos kommt (Deutschland-Start: 17. Juli). Ein Erfolg, schon jetzt, zumindest für Andersson und Ulvaeus, die Co-Produzenten.
Denn "Mamma Mia!", der Film, beruht auf "Mamma Mia!", dem Bühnen-Musical, das wiederum auf den mittlerweile bis zu 34 Jahre alten Songs der beiden Abba-B basiert. Darunter, klar, "Mamma Mia" und rund 20 weitere Hits wie "Dancing Queen", "The Winner Takes It All" oder "Super Trouper". Titel also, die auch damals schon fast jeder hörte, aber meist nur heimlich, jedenfalls wenn man jung war und cool sein wollte.
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen seit der Auflösung des Familienunternehmens Abba: Einst waren die beiden B mit den beiden A der Gruppe verheiratet, Björn Ulvaeus mit der blonden Sängerin Agnetha Fältskog, Benny Andersson mit ihrer brünetten Kollegin Anni-Frid Lyngstad. Und noch immer gilt ihre Musik als perfekter Konsens-Pop, der zuverlässig Menschen aller Altersgruppen und sexuellen Präferenzen auf die Tanzfläche lockt. Auch Abba-CDs verkaufen sich immer noch prächtig, rund 3000 Stück pro Tag.
Wie viele Platten waren es denn nun bisher insgesamt, meine Herren? 350 Millionen? Oder doch 370?
"Ich weiß es nicht", sagt Andersson stolz, "und ich weiß auch nicht, wer es weiß." Die Verkäufe seit 1972 genau zu bestimmen sei "absolut unmöglich", glaubt Ulvaeus.
Er prüfe eigentlich nur ab und zu seinen Kontostand, sagt Andersson: "Alle sechs Monate kommt eine Überweisung von der Plattenfirma und alle sechs Monate eine von den Verwertungsgesellschaften."
Ob sie dann jedes Mal eine Flasche Champagner aufmachen?
Andersson guckt erstaunt. "Warum sollte ich? Man gewöhnt sich daran."
An dieser Stelle gesteht der Interviewer, einmal in China eine Raubkopie der Bestof-CD "Abba Gold" auf dem Schwarzmarkt gekauft zu haben, für einen Euro.
Ulvaeus schweigt und blickt aufs Meer. Vielleicht denkt er gerade an seine Anwälte. "Macht nichts", beruhigt Andersson, "gegen Raubkopien können wir ohnehin nichts tun. Wenn ich etwas nicht ändern kann, rege ich mich auch nicht darüber auf."
Als zuverlässigste Gelddruckmaschine erwies sich für Abba in den vergangenen Jahren sowieso das Musical "Mamma Mia!", eine alberne Bühnen-Soap um eine alleinerziehende Mutter und ihre 20-jährige Tochter, die vor ihrer Hochzeit auf einer griechischen Insel ihren Vater kennenlernen will. Die schlichte Handlung liefert den Rahmen zum fröhlichen Absingen diverser Abba-Hits.
"Mamma Mia!" hatte 1999 in London Premiere und läuft noch immer in zwölf Städten in aller Welt, darunter Berlin und Essen. Auf deutschen Bühnen werden die Abba-Lieder mit deutschen Texten gesungen. Aus "Take a Chance on Me" wurde so "Komm und wag's mit mir".
Rund 30 Millionen Zuschauer haben das Musical bislang weltweit gesehen; laut Hochrechnungen kommen pro Woche rund acht Millionen Dollar durch den Kartenverkauf herein; Gesamtumsatz: mehr als zwei Milliarden Dollar. "Mamma Mia!", schätzte Ulvaeus schon im Jahr 2004, "wird uns reicher machen als Abba."
Ob "Mamma Mia!" auch verfilmt wird, war deshalb keine künstlerische Entscheidung, sondern ein Fall für die Marketing-Spezialisten, Fachrichtung Marken-Diversifizierung und Franchise. Soll heißen: "Niemand weiß, ob der Film Besucher von den Musical-Theatern abzieht", sagt Andersson. Oder ob neue - im besten Fall: jüngere - Zielgruppen durch den Film neugierig werden auf das Bühnenwerk. Einige sexuelle Anspielungen wurden vorsichtshalber aus dem Drehbuch gestrichen, damit der Film auch für Kinder freigegeben werden kann.
Von vornherein war klar, wer auch beim "Mamma Mia!"-Film das letzte Wort hat: natürlich die beiden Abba-B, die gar nicht daran dachten, die Kontrolle aus der Hand zu geben. So setzten Björn und Benny beim Studio Universal durch, dass das Erfolgsteam der Bühnenfassung - Produzentin Judy Cramer und Regisseurin Phyllida Lloyd - auch für den Film verpflichtet wurde, trotz null Kinoerfahrung und eines 60-Millionen-Dollar-Etats.
Und die Schauspieler?
"Sie mussten singen können", sagt Ulvaeus stoisch, "ein sehr wichtiger Faktor."
Meryl Streep, Hollywoods sangeserprobte Grande Dame, als Hauptdarstellerin zu engagieren lag also nahe. "Ich bin alle Songs vor Drehbeginn mit ihr durchgegangen", erzählt Andersson. "Es war für sie ein Klacks." Streeps Kollegen Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgård, die im Film ihre Ex-Lover geben, erwiesen sich dagegen als weniger talentiert.
Skarsgård musste bei Regisseurin Lloyd vorsingen. "Sie hat nichts dazu gesagt", erinnert er sich, "aber ihre Körpersprache verriet Schmerz." Colin Firth juxt, seine Singstimme klinge "wie eine Mischung aus der Entschuldigung eines Betrunkenen und einer Abflussverstopfung".
Und Pierce Brosnan - seit seiner Zwangspensionierung als James-Bond-Darsteller auf, um das Wort Gage zu vermeiden, Sinnsuche?
Ohne ihn beleidigen zu wollen: Brosnan ist der grauenhafteste Ex-Bond, der je auf der Leinwand im Glitteranzug einen Abba-Song gesungen hat. Er ist bislang allerdings auch der einzige.
Trotzdem hätte ihn vielleicht jemand darauf aufmerksam machen sollen, dass alle seine Kollegen in "Mamma Mia!" quasi mit Augenzwinkern spielen. Brosnan dagegen nimmt seine Rolle offenbar ernst, was insbesondere seinem Duett mit Meryl Streep ("SOS") eine tragische Note verleiht.
Die Frage aller Fragen ist damit noch nicht beantwortet: Warum dürfen auf einmal Amateure den perfekten Abba-Sound ruinieren? Weshalb haben Andersson und Ulvaeus früher mitunter wochenlang im Tonstudio an einem Song getüftelt, wenn sie ihr Lebenswerk nun auf der Leinwand der Lächerlichkeit preisgeben?
Andersson guckt jetzt leicht gereizt. "Wenn Sie Abba hören wollen, kaufen Sie sich eine CD", empfiehlt er. Doch auch der Soundtrack des Films sei erstklassig, "so nahe am Original wie nur möglich. Sie hören, was wir wollen".
Mit dem letzten Satz hat Andersson das Prinzip Abba auf den Punkt gebracht: Kontrolle über alle Produkte aus dem Abba-Sortiment, und wenn schon Persiflage, dann exakt zu ihren Bedingungen.
Man muss gestehen, die beiden B haben in diesem Fall den Erfolg verdient, denn "Mamma Mia!" ist, trotz mancher Tinnitus-verdächtiger Gesangsnummern, bunt, nett und ein bisschen vulgär, also große Unterhaltung für alle, denen "Sex and the City" dann doch zu lebensnah ist.
Wer genau hinguckt, kann Benny Andersson und Björn Ulvaeus für Sekundenbruchteile auf der Leinwand entdecken. Andersson sitzt, verkleidet als griechischer Fischer, in einer Szene am Klavier. Und Ulvaeus spielt in einer Traumsequenz am Ende den Gott Apoll, in der griechischen Mythologie der Beschützer der Künste.
Also eine Art Tantiemen-Eintreiber auf Altgriechisch. MARTIN WOLF
* Mit Produzentin Judy Cramer in London.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 28/2008
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