14.07.2008

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wenn nicht wir, wer dann?“

Der ehemalige Chef des Uno-Umweltprogramms Klaus Töpfer über einen neuen Atomkonsens, den globalen Energiehunger und Deutschland als Vorreiter-Nation für eine Welt ohne Kernkraft
Töpfer, 69, war elf Jahre Bundesminister in der Regierung Kohl, bis der CDU-Mann 1998 als Direktor des Uno-Umweltprogramms nach Nairobi ging und die internationale Zusammenarbeit beim Klimaschutz forcierte. 2006 kehrte der Ökonom nach Deutschland zurück. Derzeit berät er unter anderem die chinesische Regierung in Fragen der Klimapolitik und hat einen Lehrstuhl für Nachhaltige Entwicklung an der Elite-Universität Tongji in Shanghai.
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SPIEGEL: Herr Töpfer, kurz vor Ihrem Amtsantritt als Bundesumweltminister sagten Sie: "Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden." Jetzt, 21 Jahre später, bahnt sich in Deutschland ein Comeback der Atomkraft an. Enttäuscht?
Töpfer: Die Debatte kommt ja nur deswegen auf, weil der dramatisch steigende weltweite Energiehunger vor allem in Ländern wie China oder Indien die Preise auch bei uns explodieren lässt. Die Schwellenländer wollen am wirtschaftlichen Wachstum teilhaben. Das führt dazu, dass in großen Industrienationen wie Deutschland viele Menschen Angst haben, sie könnten nicht mehr Auto fahren, den Strom bezahlen und die Wohnung heizen. Ich bleibe dabei: Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden, und wir sind endlich auf einem guten Weg zu diesem Ziel.
SPIEGEL: Aber fast alle führenden Industrienationen setzen auf Atomstrom, wie vorige Woche auf dem G-8-Gipfel zu hören war, auch deswegen, weil er so billig ist. Warum sollen deutsche Verbraucher mehr bezahlen?
Töpfer: Atomenergie ist ja nicht an sich billig. In der Herstellung ist ein Atomkraft-
werk zum Beispiel unvergleichlich teuer. Zu einem Goldesel wird die Anlage, wenn sie abgeschrieben ist. Ob der Atomstrom billig wird, hängt dann davon ab, ob der Betreiber diesen Vorteil an die Verbraucher weitergibt oder nur seine Gewinne steigern will, was gegenwärtig wohl eher der Fall ist.
SPIEGEL: RWE-Chef Jürgen Großmann denkt darüber nach, den Kunden einen günstigen Atomstromtarif anzubieten. Eine seriöse Offerte?
Töpfer: Wenn wir Gewinne aus abgeschriebenen Kernkraftwerken anders nutzen können als bisher, dann ist das ein sehr ernst zu nehmendes Argument für eine gewisse Verlängerung der Laufzeiten einiger zweifellos sicher betriebenen Kernkraftwerke. Es geht darum, der Bevölkerung die Anpassung an steigende Energiekosten - es wird nie mehr so günstig, wie es mal war - zu erleichtern und zugleich den Ausstieg aus der Kernenergie zu beschleunigen.
SPIEGEL: Ihre Partei, die CDU, will das Gegenteil, Generalsekretär Pofalla glaubt an eine große Zukunft der "Ökoenergie" Atomkraft.
Töpfer: Daran glaube ich nicht. Selbst wenn es mehrere tausend Kernkraftwerke weltweit gäbe, würden sie kaum mehr als zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken. Die übergroße Menge Energie muss anders hergestellt werden. Die erforderlichen Technologien zu entwickeln, das ist hier das rationale, industriepolitische Argument.
SPIEGEL: Es ist aber doch unstrittig, dass Atomstrom weit weniger klimaschädliches CO2 produziert als Gas oder Kohle. Warum wollen ausgerechnet Sie, der ehemals oberste Uno-Umweltschützer, darauf verzichten?
Töpfer: Ich bin sehr der Überzeugung, dass die Klimaschutzziele auch mit dem Atomausstieg zu erreichen sind. Wissen Sie, die Bedeutung der Kernenergie für den Klimaschutz wird gern überschätzt. Und das Risiko, dass nukleares Material in falsche Hände geraten könnte, wird ebenso oft unterschätzt. Das ist mein Hauptargument gegen die Kernenergie: die Proliferation, die Verbreitung von waffenfähigem Nuklearmaterial.
SPIEGEL: Auch wenn noch so viele Länder neue Atomkraftwerke bauen - gegen die Bedrohung durch nuklearen Terror sollte der Atomwaffensperrvertrag schützen.
Töpfer: Richtig, aber denken Sie daran, dass wir in eine globalisierte Welt hineingehen, in der das staatliche Machtmonopol immer dünner und die Sicherheit von anderen Faktoren abhängig wird.
SPIEGEL: Das heißt?
Töpfer: Dass wir uns verdammt beeilen müssen mit den Alternativen zur Kernenergie. US-Präsident George W. Bush hat vor einem dritten Weltkrieg gewarnt, weil der Iran nach Atomwaffen strebe, Nordkorea hat intensiv mit nuklearer Bedrohung gepokert. Und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy bietet Ländern Nordafrikas, die eher instabil
sind, Kernkraftwerke an. Die Zeit läuft uns davon.
SPIEGEL: Bleibt das Problem, dass es bisher keine saubere Alternative gibt. Wie sollen die erneuerbaren Energien die Grundversorgung garantieren?
Töpfer: Es stimmt, gegenwärtig bekommt man das allein mit den erneuerbaren Energien nicht hin. Gerade deshalb benötigen wir dringend mehr Geld für die Verbesserung der Energieeffizienz, den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Erforschung sauberer Technologien.
SPIEGEL: Das predigen Sie seit Jahrzehnten. Warum sind die Fortschritte so bescheiden?
Töpfer: So bescheiden sind sie gar nicht. Es gibt bereits die Möglichkeit, in kleinem Maßstab, verschiedene erneuerbare Energien intelligent zu koppeln, so, dass sie die Grundlast übernehmen können. Auch die dezentrale Erzeugung nimmt zu. Entsprechend steigt weltweit die Nachfrage nach unseren Technologien, aber auch nach den administrativen Förderinstrumenten. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist ein Exportschlager.
SPIEGEL: Prima, aber die großen Offshore-Windparks und CO2-freie Kohlekraftwerke sind bisher nicht viel mehr als ein Versprechen.
Töpfer: Das ist nicht ganz falsch, leider. Deswegen drücke ich ja so aufs Tempo! Aber es wird schnell heute noch nicht vorstellbare technische Lösungen geben, sobald wir einen funktionsfähigen Markt für CO2 haben. In den Instituten und Unternehmen laufen kluge Leute herum, wenn die, sagen wir, 35 Euro bekommen für die Übernahme einer Tonne CO2, können Sie sicher sein, dass die darüber nachdenken, wie der Stoff sich geschickt umsetzen lässt, ob er sich in neue Kreisläufe einspeisen lässt, sich neue Verwendungen finden lassen.
SPIEGEL: Die Deutsche Energieagentur, je zur Hälfte von der Bundesregierung und einigen Banken finanziert, warnt vor einer Stromlücke durch den Atomausstieg. Das Umweltbundesamt dagegen behauptet, Deutschland könne selbst bei einer ehrgeizigen Klimapolitik weiterhin Strom exportieren. Was stimmt?
Töpfer: Es wird keine Engpässe geben, glauben Sie mir. Wir werden immer genügend Strom haben. Im vorigen Jahr, als sechs Kernkraftwerke kurzzeitig abgeschaltet waren, gab es auch keine Schwierigkeiten. Aber: Die CO2-Emissionen steigen an!
SPIEGEL: Die AKW-Betreiber würden die Laufzeiten wohl am liebsten um 30 Jahre auf die international übliche Betriebsdauer von bis zu 60 Jahren verlängern. Wie viel würden Sie gestatten?
Töpfer: Nur weil Amerika und Frankreich Deutschland zur Abkehr vom eingeschlagenen Weg drängen, sollten wir darauf nicht eingehen. Ich kenne die Sorge, dass eine Verlängerung der Laufzeiten nur genutzt werde, um die Anstrengungen für die Entwicklung der erneuerbaren Energien zurückzufahren. Das darf auf keinen Fall passieren.
SPIEGEL: Wie lässt es sich verhindern?
Töpfer: Die Politik muss klare Bedingungen setzen. Schließlich haben wir einen Atomkonsens - auch wenn die Unternehmen, die diesen mit unterschrieben haben, den jetzt gern geändert sähen.
SPIEGEL: Noch mal, um wie viele Jahre geht es?
Töpfer: Wir müssen so schnell wie möglich die Struktur unserer Energieversorgung umstellen. Wie lange das exakt dauern wird, kann ich nicht sagen. Gewiss braucht man mehr als die derzeitige jährliche Steigerung bei der effizienten Nutzung von Energie um mindestens drei Prozent, man braucht saubere Kohle, erneuerbare Energien und ergänzend, für eine gewisse Zeit, die Kernenergie. Ohne mehr Investitionen in die Energieforschung geht das nicht.
SPIEGEL: Wie viel müssten von den zusätzlichen Milliardengewinnen der Stromkonzerne abgeschöpft werden?
Töpfer: Wenigstens 60 bis 70 Prozent müssten in einen Fonds gehen, der die sozialen Härten der hohen Energiepreise abmildert und die Forschung vorantreiben kann. Die bei den Unternehmen verbleibenden 30 bis 40 Prozent wären Anreiz genug. Davon kann man den Nachwuchs ernähren, hätte meine Großmutter gesagt.
SPIEGEL: Also ein neuer Atomkonsens?
Töpfer: Wenn Sie so wollen.
SPIEGEL: SPD-Politiker wollen darüber hinaus ein Neubau-Verbot im Grundgesetz verankern. Eine sinnvolle Idee?
Töpfer: Ich fürchte, dann haben wir bald eine Ansammlung von Technologien im Grundgesetz, die man nach der aktuellen Meinung nicht mehr weiterdenken darf. Davon halte ich sehr wenig. Wir dürfen beispielsweise nicht die Forschung zur Sicherheit der Atomenergie abbrechen lassen - die Fragen sind ja nicht gelöst.
SPIEGEL: Erst vorige Woche gelangten aus der südfranzösischen Atomanlage Tricastin 18 000 Liter Uranlösung in benachbarte Flüsse. Halten Sie die Gefahr eines katastrophalen Unfalls wie 1986 in Tschernobyl für gebannt?
Töpfer: Als Minister war ich in Deutschland siebeneinhalb Jahre verantwortlich
für die Kernkraftwerke, ich rede also nicht
wie ein Blinder von der Farbe. Niemand ist
so gewissenlos, ein Kernkraftwerk zu betreiben oder dessen Laufzeit zu verlängern, wenn er weiß, dass es nicht sicher ist. Natürlich bleibt bei jedem Meiler stets ein Restrisiko. Auch ist die Entsorgung des Atommülls nicht geklärt. Deswegen beobachte ich mit Sorge, dass sich so wenige junge Leute für diese Technologien interessieren.
SPIEGEL: Eben wirkten Sie noch besorgt, weil sich alle Welt so sehr für die Nukleartechnik interessiert.
Töpfer: Natürlich, die Ankündigung, dass einige hundert Atomkraftwerke gebaut werden sollen, ist ein Alarmzeichen. Aber dass jeder energieabhängige Staat sich heute die Option Kernenergie sichern will, ist verständlich, solange nicht umsetzbare Alternativen angeboten werden. Nur: Nach neun Jahren im Ausland ist es für mich kaum vorstellbar, dass etwa der afrikanische Kontinent oder Länder wie China und Indien ihre Energieversorgung zentral auf Kernenergie aufbauen. Derzeit bin ich viel in Asien und den Arabischen Emiraten unterwegs. Auch das ölreiche Abu Dhabi schaut auf die Atomenergie und plant doch zugleich das Projekt einer komplett CO2-freien Stadt - die Welt denkt in Alternativen.
SPIEGEL: Führen wir in Deutschland eine Scheindebatte?
Töpfer: Innenpolitisch ist es sehr bedeutsam, ob die Kernkraftwerke zwei, drei oder fünf Jahre länger laufen als bisher vorgesehen. Daran haben Parteien ihr Profil und politisches Gesicht gebunden. Aber global ist es nicht mehr als ein Wimpernschlag.
SPIEGEL: Mit dem womöglich der Bundestagswahlkampf geführt werden soll.
Töpfer: Das sehe ich noch nicht. Es wäre fatal, wenn wir wegen einer möglichen Laufzeitverlängerung von wenigen Jahren wieder eine Zukunft mit Kernenergie denken. Deutschland ist in der Entwicklung und Förderung der erneuerbaren Energien beispielhaft vorangekommen. Jetzt gilt es zu beweisen, dass eine prosperierende Volkswirtschaft eine Energieversorgung ohne Kernenergie aufbauen kann. Wenn nicht wir, wer dann?
SPIEGEL: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?
Töpfer: So würde ich das nie sagen. Kein anderes Land ist in der Entwicklung erneuerbarer Energien so weit wie wir. Wenn wir jetzt aus einigen laufenden Kernkraftwerken finanzielle Unterstützung ziehen können für eine Zukunft ohne Kernenergie, dann sollten wir nicht zögern.
SPIEGEL: Herr Töpfer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteurinnen Petra Bornhöft und Rafaela von Bredow.
* Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad (2. v. l.) beim Besuch der Atomanlage Natans am 8. April.
* Forschungsbohrung in der Schorfheide.
Von Petra Bornhöft und Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 29/2008
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