14.07.2008

TitelManhattan an der Moskwa

Kommunistisches Aschenputtel, grimmig graues Häusermeer, Servicewüste - das war gestern. Moskau heute: Das ist eine Weltstadt, in der mehr Dollarmilliardäre als in New York leben, in der die Wolkenkratzer höher als in Frankfurt sind, die Bars hipper als in London. Wer zahlt den Preis für den rasanten Fortschritt - und ist er zu hoch? Von Erich Follath und Matthias Schepp
Es gibt Nächte, sternenklar und champagnertrunken, in denen ist Russlands Hauptstadt schon angekommen. Dort angekommen, wo sie immer hin wollte: an der Spitze der Welt. Vier zu eins steht es in dieser Nacht im Konkurrenzkampf gegen London, eine der wenigen Metropolen, mit denen man sich im Manhattan an der Moskwa überhaupt noch messen mag. Ein Ergebnis, das keinen überrascht hier im prunkvoll wiedererrichteten Lustschloss Zaryzino.
Eine Wohltätigkeitsveranstaltung, genannt "Ball der Liebe", dient als neuester Schauplatz des westöstlichen Wettbewerbs. Eingeladen ist, wer zählt und zahlt in Russlands Kapitale. 400 Gäste dinieren und spenden, die Crème de la Crème. Dekolleté mit Diamanten ist angesagt bei den Damen, Smoking und Chopard-Armbanduhren bei den Herren. Kaum ein lupenreiner Demokrat in der Nähe, auf jeden Fall aber viel lupenreines Karat.
Der Finanzmagnat Alexander Lebedew gönnt sich bei der Luxusversteigerung eine Marokko-VIP-Reise für 220 000 Euro, der Wodka-König und Banker Rustam Tariko darf eine neue Orchideenzüchtung nach seiner charmanten Begleitung benennen, für 320 000 Euro. Mario Testino, Fotograf der Reichen und Schönen, treibt ein Gebot für ein gemeinsames Shooting mit Top-Models auf 450 000 Euro - und staunt: "So verdammt arm kann diese Stadt ja nicht sein." Am Schluss kommen vier Millionen Euro für notleidende Kinder zusammen; eine Million war es nur bei der Parallelveranstaltung in der britischen Hauptstadt: ein strahlender Sieg gegen die Stagnierenden im westlichen Europa.
Aljona Dolezkaja, 52, hat allen Grund, zufrieden zu sein. Die Grande Dame der Society führt souverän durch den glanzvollen Abend. Wäre der Film "Der Teufel trägt Prada" in Moskau gedreht worden, hätte er von ihr handeln müssen, der machtbewussten Chefredakteurin der russischen "Vogue".
Auch jetzt hat sie immer ein Auge auf die "Movers und Shakers", wie sie sagt, die Oligarchen, die Politikprominenz, die Werbekunden. 568 Seiten dick ist ihre Modezeitschrift in diesem Monat, anzeigenhaltiger als das Original, und die deutsche "Vogue"-Ausgabe wirkt dagegen wie ein dünnes Heftchen.
War's gestern erst, dass Aljona in einem winzigen Zimmerchen am Arbat Fremden verbotene Solschenizyn-Texte vortrug, war's in einem anderen Leben, dass sich Kommilitoninnen durchs Semester hungerten, und zwar nicht wegen Figurproblemen? Dass sie Gorbatschow, den doch alle heute als Verlierer sehen, für seine Reformen bewunderte? Gerade zurück aus Mailand, verscheucht die Chefredakteurin melancholische Gedanken. "Wo liegt noch mal dieses London", fragt sie ironisch in die Runde. "Wir kennen Moskau. Und zumindest in Europa gibt es keine Stadt mit vergleichbarer Energie und vergleichbarem Ehrgeiz."
Natalja Wodjanowa, 26, genannt "Supernova", verschenkt an die Geladenen ein Parfum namens Euphoria. Das glamouröse Starmannequin ist Veranstalterin der Charity. Einst als Obstverkäuferin auf Straßenmärkten tätig, gehört sie heute zu den Top Ten der Branche, sie hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt, von ganz unten bis in den Olymp. Das einstige Aschenputtel sei zur "Schönsten der Welt" geworden, urteilt der amerikanische Designer-Zar Tom Ford.
Das Model wirkt in dieser Nacht wie ein Modell, wie ein Symbol für eine andere dramatische Transformation: Lässt sich nicht Ähnliches wie über die Supernova auch über Moskau sagen, über diese erstaunliche Stadt, die sich vom hässlichen, grimmig grauen kommunistischen Entlein zur kapitalistischen Glitzermetropole wandelt? Und was, bitte, ist - da doch alles in Moskau einen Preis hat - der Preis für diese Metamorphose?
Selbstbewusst sind die neuen Russen, süchtig nach Superlativen die knapp elf Millionen Moskowiter. Sie haben es nicht mehr nötig, Statistiken zu fälschen, um die Welt zu beeindrucken. Und die negativen Auswüchse ihrer Stadt, die lassen sie bei ihrer Rekordjagd einfach weg.
Der "Triumph Palast", das höchste Wohnhaus Europas im Nordwesten der Hauptstadt, kratzt heute schon mit seinen 264 Metern die Wolken. Mit "Moskwa City", einer neu entstehenden Stadt innerhalb der Stadt für eine halbe Million Menschen, hat Russlands Kapitale die derzeitig aufwendigste Großbaustelle der Erde - und ihr neues Zentrum. Viereinhalb Kilometer vom Kreml entfernt wachsen am Moskwa-Fluss ein Dutzend Wolkenkratzer in den Himmel; der "Rossija"-Turm wird mit 612 Metern alles andere in Europa überragen, sechs der sieben höchsten Gebäude des Kontinents sollen bis zum Jahr 2010 in Moskau stehen.
Begonnen haben auch die Arbeiten am "Crystal Island", das - nach Quadratmeterzahl gerechnet - das größte Gebäude der Erde wird, entworfen wurde es vom britischen Architekten Norman Foster. Kein Wunder, dass bei dieser Nachfrage an Zement die Preise für das Baumaterial durch die Decke gehen und in Moskau etwa doppelt so hoch sind wie in Deutschland. Die Investitionen und Steuereinnahmen, von den gigantischen russischen Erdöl- und Erdgas-Einkünften beflügelt, füllen die Kassen. 27 Milliarden Euro scheffelt die Stadt allein in diesem Jahr, 2001 war es gerade mal ein Viertel dieser Summe.
Moskau als Nummer eins: So sieht man es hier gern, so hält man es inzwischen voller Stolz fast schon für selbstverständlich. Die Arbeitslosenquote - offiziell unter einem Prozent - ist niedriger als in jeder anderen europäischen Hauptstadt, und bald winken schon neue Rekorde: Vermutlich 2010 wird New York als die Stadt mit dem höchsten Budget überholt, die Ladenmieten an der Prachtstraße Twerskaja überflügeln gerade die der Pariser Champs-Elysées.
Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat in seiner Märzausgabe 2008 konstatiert, dass unter den 20 reichsten Menschen der Welt 4 Russen sind - und in keiner Stadt mehr Dollarmilliardäre als in Moskau leben: 74 gegenüber 71 in New York und 36 in London. Unerreicht auch die Preise in Moskaus Luxushotels - die Suite im Ritz-Carlton, dort erbaut, wo einst das schäbige Intourist stand, kostet übers Wochenende 6400 Euro, die Executive Suite im New Yorker Four Seasons gibt's schon für weniger als die Hälfte; und fürs Luxusfrühstück mit Kaviar und einem Schuss Edelwodka mit Blick über den Roten Platz kommen 900 Euro dazu, Trinkgeld nicht inbegriffen.
Leibwächter allerdings sind, dank des reichhaltigen Angebots ehemaliger KGB-Kräfte, in der russischen Hauptstadt preiswerter als in den teuersten westlichen Metropolen. Und mit Sicherheit die Auftragskiller, deren Tarife freilich niemand offiziell erfasst. Noch immer ist Moskau ein gefährliches Pflaster: Die Zahl der Morde ist so hoch wie in den wilden neunziger Jahren, rund tausend waren es 2007. In der Stadt vagabundieren 500 000 Schusswaffen. Polizeioberst Wladimir Jermotschenko klagt: "Jedes Jahr werden es um die 25 000 mehr. Pistolen und Revolver gehören für manche schon so selbstverständlich zum Alltag, dass sie bei Streitigkeiten im Verkehr oder im Restaurant einfach drauflosballern." In der Hauptstadt, meint er, herrschen eher amerikanische denn europäische Verhältnisse.
Es gibt auch sonst nichts, was im korruptionsgeplagten Moskau nicht käuflich wäre, vor allem wenn es Weiterkommen, wenn es Prestige verspricht. Gerade wurde bekannt, dass eine Agentur mit besonderen Beziehungen zum Kreml gegen sehr gutes Geld Polizei-Eskorten anbietet, einschließlich der Straßensperren für den restlichen Verkehr. "Machen Sie's wie Putin oder Oberbürgermeister Luschkow", warben die Blaulichtvermittler im Internet. Gegen die Geschäftstüchtigen wird jetzt ermittelt, und doch werden sie mit Sicherheit nach einigen Monaten unter einem anderen Firmennamen weitermachen. Finanzieller Erfolg ist das alleinige Maß aller Dinge; Verlierer werden verachtet, Sieger bejubelt - gleichgültig, mit welch unlauteren Mitteln sie zu ihren Triumphen gekommen sind.
Moskau: Das ist Sozialdarwinismus pur. Homo homini lupus - der Mensch seinen Mitmenschen ein reißender Wolf. Am helllichten Tag sprang vor einem Monat der 20-jährige Fahrer eines schwarzen Mercedes-Sportcoupés, Sohn schwerreicher Eltern, aus seinem Wagen und prügelte wie von Sinnen auf den 17-jährigen Studenten Alexander Lawruschin ein. Der junge Mann hatte noch zehn Meter des Zebrastreifens zu überqueren, als die Ampel für die Autofahrer auf Grün schaltete und er den Möchtegern-Raser behinderte. Alexander starb unter den Schlägen auf der Stelle.
Die Moskowiter mögen manchmal keinen festen moralischen Kompass kennen, aber sie haben immer ein Ziel. So lange waren sie zu Utopien zwangsverpflichtet, jetzt genießen sie nach Möglichkeit die Gegenwart mit einer Mischung aus Größenwahn und Gier. Und leben, als sei Sparen eine Schande, als gelte es, möglichst in dieser Stunde alles Versäumte nachzuholen. Begeisterte Skifahrer beispielsweise müssen nicht mehr auf den reichlichen Winterschnee warten - sie können auch im heißen Sommer auf die Piste. "365 Tage Skiparadies" verspricht die Werbung für eine gigantische Eishalle am Stadtrand.
Moskaus Geldelite macht die Veranstalter von Millionärsmessen und die Besitzer von Nobelboutiquen glücklich: Die Luxusbranche meldet ein jährliches Umsatzplus von bis zu 25 Prozent. Und manchmal treibt die Lust nach dem neuesten Kick - oder die Sehnsucht nach abhandengekommenen Werten - auch seltsame Blüten.
Die Firma Producers Center des Psychologen Sergej Knjasew etwa verkleidet die Gutbetuchten als Obdachlose und setzt sie nachts an Bahnhöfen aus - als müssten in Moskau Verlierer künstlich geschaffen werden. Als seien die Bettler und Rauschgiftsüchtigen nicht bloß an die Peripherie der Metropole vertrieben worden, um im Sinne der Stadtverwaltung den Touristen und wohlhabenden Einheimischen den Anblick zu ersparen. Der Realitäts-Check für Reiche ist für 650 Euro zu haben, eine ganze "Armutswoche" mit Betreuung kommt auf 3200 Euro.
Es sind nicht nur die Bonzen, die im Konsumrausch schwelgen. Auch die Durchschnittsverdiener haben Einkaufen als Leidenschaft und Hobby entdeckt. Dabei kommt ihnen zugute, dass sich in Moskau im Lauf der Geschichte immer neue Gürtel um den Stadtkern gelegt haben, wie die Jahresringe von Bäumen: nach der Kreml-Mauer erst der Boulevard-, dann der Garten- und jetzt der Autobahn-Einkaufsring. War an der Peripherie früher Einöde angesagt, so sind dort jetzt neue, im Vergleich zur Innenstadt relativ preisgünstige Shopping Malls entstanden. Bestückt von Ikea bis Media Markt, und nie ist ein McDonald's weit.
Die Einkaufszentren sind Wochenend-Ausflugsorte der neuen Mittelschicht geworden. Es sind Menschen wie die Serebrekows, er Fahrer, sie Bankangestellte. Das junge, lebenslustige Ehepaar will noch ein paar Jahre auf Kinder verzichten, um seinen wirtschaftlichen Aufstieg zu genießen. Rund 1800 Euro verdienen sie gemeinsam, können sich eine Einbauküche und einen Ford Focus leisten, im Sommer geht's zum Urlaub nach Antalya in der Türkei - kein Millionärsleben, aber ein großer Fortschritt, verglichen mit dem Lebensstandard ihrer Eltern.
Wladimir Serebrekow hasst die Tristesse des Moskauer Außenbezirks, in dem er wohnt: diese deprimierend einförmige Ansammlung von grauen Hochhäusern, diese aneinandergereihte Lieblosigkeit. Seine Frau Natascha aber hat ihre Wohnung, Block 7, Stockwerk 11, zweite Tür links, mit wenigen Griffen - und vielen bunten Ikea-Teilen - so freundlich und licht wie möglich gemacht. Dass ihr Treppenhaus schmutzig, die Lampe unten im Eingang zerschlagen ist, führen sie auf die Nachbarssöhne zurück. Die gehören zu den Betrunkenen, die an der Metro-Station Textilschtschiki herumlungern, wenn die Serebrekows am späten Abend von der Arbeit nach Hause kommen, zu den Junkies und Stadtstreichern.
Manchmal verhaftet die Polizei die jugendlichen Hooligans, gegen Bestechungsgelder kommen sie aber immer wieder frei. Obdachlose Kinder und Jugendliche werden brutaler angefasst; denen zeichnen die Milizionäre noch im Jahr 2006 mit einem schwer abwaschbaren Desinfektionsmittel ein Kreuz auf die Stirn. Auch heute werden sie oft verprügelt. Geraten sie ein zweites Mal in die Fänge der Polizei, werden sie zwangsdeportiert. Viele sind HIVinfiziert. Westliche Anti-Aids-Programme aber hat das Moskauer Stadtparlament beschuldigt, "Pädophilie, Prostitution und Drogenkonsum" zu fördern, und den Aktivisten die Aufklärungsarbeit verboten.
Moskaus innenstadtnahe Bezirke erinnern mit ihren großflächigen Leuchttafeln und den Drive-in-Restaurants inzwischen eher an Saint Petersburg in Florida, USA, als an Sankt Petersburg am Finnischen Meerbusen, der jahrhundertelangen Konkurrenz um die Vorherrschaft im Land. Im Stadtkern allerdings sind neben den breiten, von den Kommunisten angelegten Boulevards die engen, verwinkelten Gässchen geblieben, die gebogenen Plätze, die das Zufällige seiner Vergangenheit verraten. Wie eine wuchernde Pflanze wuchs dieses Moskau. Während die Stadt Peters des Großen mit ihrer klaren Planung und dem im wahrsten Sinn des Wortes festgemauerten Gründungsdatum 1703 aufwartet, verliert sich Moskaus Vergangenheit im Dunkel der Geschichte. Für Moskau ist kein Gründer verbürgt.
Wenn auch manche Petersburger über die "Ansammlung von Dörfern" spotten, die ihrer Meinung nach die Hauptstadt ausmachen, so ist und bleibt doch Moskau der Stolz aller Russen, der Brennpunkt ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hier entstand mit dem Kreml die eindrucksvollste Wehranlage, die im 16. Jahrhundert den Sturm der Tataren überstand. Hier musste Napoleons Armee 1812 den Rückzug antreten; und vor den Toren der Stadt, 129 Jahre später, auch Hitlers Wehrmacht. Hier wurde 1922 die Sowjetunion gegründet und 1991 zu Grabe getragen.
Viel mehr noch als die UdSSR ist damals gestorben: auch die kommunistische Ideologie des bedürfnislosen Menschen, dem "alle Produktionsmittel gehören", das Alternativmodell zum Kapitalismus. Es war zur Hohlformel erstarrt und durch die Praxis der Kader-Privilegien längst als Lüge entlarvt.
Über alle Ideologien hinweg wies und weist die Hauptstadt den Weg. "Nach Moskau! Nach Moskau!", ruft Irina in Anton Tschechows berühmtem Theaterstück "Drei Schwestern". Moskau ist für alle Russen der Sehnsuchtsort, nach dem sie streben, weil die Zentrale traditionell das meiste Geld des Landes auf sich zieht, oft Ort der Avantgarde und des besseren Lebens zugleich. Selbst für den Revolutions-Feuilletonisten Michail Kolzow war sie um 1935 noch das liebevolle "Mütterchen Moskau".
In den letzten Jahren hat die Metropole ihr Erscheinungsbild dramatisch verändert. Sie hat weit mehr als ihr äußeres altmodisches Kleid abgelegt, meint der Schriftsteller Wiktor Jerofejew. "Von wegen Mütterchen", deklamiert er in seiner chaotischen Wohnküche; seine Heimatstadt sei eine "Hure Babylon", die "Welthauptstadt der Sünde". Aber trotz der Vulgarität liebe er sein Moskau, wegen der "ungeheuren Energie dieser Metropole, die zerstörerisch sein kann und aufbauend zugleich".
Hat Moskau wirklich seine Seele veräußert und dafür Zukunftstauglichkeit gewonnen? Oder schlägt unter dem attraktiv gelifteten Körper nicht doch noch das rückständige altersschwache Herz? Warum erregt die fehlende Rechtsstaatlichkeit die meisten Moskauer kaum mehr, warum akzeptieren sie lethargisch, dass das Parlament und die Stadtregierung so offensichtlich manipuliert werden, warum stehen so wenige auf, wenn investigative Journalisten nur mehr unter Lebensgefahr recherchieren können?
Sollte der Westen die Wiedergeburt der russischen Großmacht, die Wladimir Putins autoritäre Handschrift trägt und sich nirgendwo so wie in der Vorzeige-Hauptstadt manifestiert, fürchten, sie bekämpfen - oder sie zähneknirschend begrüßen?
Nur wer einige der wichtigsten Protagonisten von heute kennt, wird sich ein eigenes Urteil über Moskau bilden können: seinen bevorzugten Architekten, den geheimnisvollen Beichtvater des Ministerpräsidenten, die ehrgeizige Jungpolitikerin, den staatstragenden Oligarchen, den aufsässigen Kunstsammler und den Malocher, der das Wunder erst möglich macht.
Der Baumeister der neuen Moskauer Zeit sieht aus wie eine Mischung aus Karl Marx und Groucho Marx.
Wirr fällt seine Löwenmähne ins Gesicht, immer wieder muss er sie mit den Händen bändigen, weil er sonst nichts mehr sieht. Andererseits braucht er seine Finger zum Gestikulieren, zum Untermalen seiner Gedanken, die ohne Unterlass aus seinem Mund sprudeln. Das ist der Künstler in Michail Below, 51, dem Kreativität über alles geht. Und dann ist da noch der andere Below, symbolisiert durch die kreisrunde Intellektuellenbrille mit schwarzem Rand. Der denkt pragmatisch und paktiert mit der Macht.
So kommt es, dass Moskaus russischer Stararchitekt im gleichen Atemzug Sätze sagt wie: "Ich darf meine Träume nicht vergessen und muss meine eigene Verbürgerlichung bremsen." Oder: "Man muss sich nach der Decke strecken. In Moskau werden Architekten zu Millionären, weil sie für Milliardäre arbeiten." Und dann: "Stalin war ein schrecklicher Politiker - aber als Baumeister, da hatte er einen ausgesprochen guten Geschmack."
Er klettert in seiner gerade hochgezogenen Wohnsiedlung "Monolith" auf die neuerbaute Kirche mit Zwiebeltürmen und blickt hinunter auf den künstlichen See. Bald werden die 157 Villen, 40 Kilometer vom Roten Platz am nordwestlichen Rand der Hauptstadt gelegen, bezugsfertig sein. Zwischen ein und fünf Millionen Euro kosten sie, alle waren schon vor Baubeginn verkauft.
Allein an der Neu-Riga-Chaussee, einer von zwei Dutzend großen Ausfallstraßen, entstehen gegenwärtig 350 Siedlungen im Stil von "Monolith"; manche mit billigeren Häusern, manche noch exklusiver, alle umgeben von meterhohen Mauern und geschützt von Wachmannschaften. Wer Satellitenaufnahmen aus den letzten Jahren vergleicht, sieht auf den ersten Blick, wie das Waldgebiet im Moskauer Umland schwindet und Siedlungen wie Einzelhäusern weicht. Der Bedarf ist riesig, das Geld ist da. Von den knapp vier Millionen Haushalten der Hauptstadt verfügen 87 Prozent über eigenen Wohnraum, sie bekamen ihn größtenteils vom Staat zu einem Spottpreis überschrieben. Dieser Besitz lässt sich heute bei den explodierenden Quadratmeterpreisen gut verkaufen oder von Banken beleihen. In Hamburg liegt die Eigentumsquote bei vergleichsweise bescheidenen 22 Prozent.
Belows Inspiration ist nicht das nahe Dorf Woronino mit seinen traditionellen Holzhäusern und filigran geschnitzten Fensterläden. Seine Villensiedlung hier draußen wirkt wie vom Himmel gefallen. Mit ihren Fassaden aus gelbem Sandstein, den Erkern und den neoklassizistischen Säulen könnte sie in Italien stehen. Ohne Groß-Moskau verlassen zu müssen, haben die Interessenten die Wahl, auch in ein Neu-Barcelona oder in ein nachempfundenes Nizza zu ziehen. Patrioten haben die Wahl zwischen Kiewer Rus oder Fürstensee, zahlungskräftige Naturanbeter locken Siedlungen mit Namen wie Wiesengrund und Edelweiß. Below schuf zudem ein kleines neues Pompeji. "Beati possidentes" steht da auf Lateinisch über dem Eingang - "Glücklich sind die Besitzenden".
Früher habe er zu den "Papierarchitekten" gehört, erzählt Below. Sie hießen so, weil sie fleißig futuristische Entwürfe zeichneten, die aber niemals realisiert wurden. Heute geht alles - alles, was der Macht gefällt. Und die verkörpert in Moskau ein Dreigestirn: Premier Putin, Präsident Medwedew, Oberbürgermeister Luschkow.
Zwischen dem Kreml und dem OB hat es gelegentlich Spannungen gegeben, aber der Stadtherr hat Putin & Co. immer den Rücken freigehalten, die Straßen von lästigen Demonstranten gesäubert, für hohe Wahlergebnisse bei Präsidenten- und Parlamentswahlen gesorgt. Jurij Luschkow, 71, seit 16 Jahren Chef der Stadtverwaltung und für seine Hemdsärmligkeit wie für sein brachiales Durchsetzungsvermögen bekannt, hat sich so Freiräume geschaffen - im Moskauer Alltag gilt, von der Innenstadt bis zur Autobahn-Peripherie, was "der Herr der Ringe" verfügt. Und das muss immer grandios sein.
Wenn Luschkow sich und Moskau ein monumentales Denkmal nach dem anderen setzt, dann profitiert dabei häufig auch seine Frau, die unter anderem eine Baufirma besitzt und deren Unternehmen an vielen Stadtprojekten beteiligt sind. Jelena Baturina, Ex-Sekretärin des OB und Mutter von zwei gemeinsamen Töchtern, zerrt jeden vor Gericht, der ihr und ihrem Gatten Vetternwirtschaft unterstellt. Auf der Liste von "Forbes" wird die Clevere mit 4,2 Milliarden Dollar Besitz geführt, als reichste Frau Russlands.
Luschkow hat den Entwurf der Below-Konkurrenten für einen besonders prestigeträchtigen Neubau in der Innenstadt verworfen. Ein verspieltes Haus der "Russischen Avantgarde" wollten die in Sichtweite des Kreml an der Moskwa bauen, die einzelnen Flügel sollten nach Motiven der modernen Maler Kandinsky und Malewitsch gestaltet werden. Doch Avantgarde war gestern, heute muss alles die Supermacht-Symbolik untermauern. 17 Stockwerke klotzt Below jetzt hin, mit Anklängen an Stalins Gewaltarchitektur. Bezeichnend der neue Name des Gebäudes: "Haus des Imperiums".
Der Ästhet steht zu seinem Koloss. Das Denkmal gegenüber seinem Projekt allerdings, das kann und will auch Below nicht schönreden. Von einer künstlichen Insel grüßt o-beinig Peter der Große und dreht am Steuer eines Schiffs. Ein "besonders schönes" Werk nannte der OB die Arbeit seines Hofkünstlers Surab Zereteli; eine "mutwillige Verschandelung der Stadt", meinen Kritiker. In seinem Privatmuseum zeigt Zereteli seine Bewunderung für den Politiker-Freund mit einer Luschkow-Statue. Der Oberbürgermeister ist als Aufräumer dargestellt, die Schürze umgebunden. Er fegt Flaschen, Pistolen und Spielkarten weg, auch den Kopf eines Verbrechers. Die Füße hat der Künstler nackt gelassen und fordert Besucher auf, den großen Zeh zu berühren. Das wirke Wunder. Daraus hat sich fast ein Kult entwickelt: Wenn abergläubische Moskauer sich etwas wünschen, rubbeln sie ihren Bronze-Bürgermeister.
Ganz so weit wird Baumeister Below in seiner Selbstverleugnung nicht gehen. "Immerhin interessiert sich Luschkow für Architektur", meint der Anpassungsfähige entschuldigend. Er wird weiter seine mediterranen Phantasie-Säulen für Privatleute bauen und bei seinen Monumentalwerken wie gewünscht bei Stalin Anleihen nehmen. "Für den ideologischen Überbau sind die da drüben zuständig", sagt er achselzuckend und zeigt auf die nächstgelegene orthodoxe Kirche.
Sie nennen ihn "Putins Beichtvater", und das ist wörtlich gemeint. Archimandrit Tichon, 50, Erzabt des Moskauer Sretenski-Klosters, hat einen spirituellen Draht zu Russlands starkem Mann. Mehrfach schon soll Putin ihm sein Herz ausgeschüttet und ihn um Rat gebeten haben. Der heilige Mann darf nicht lügen. Also sagt er nur: "Kein Kommentar. Nächste Frage bitte."
Lässt sich Putin bei seinen Entscheidungen von christlichen Werten leiten, ist er gläubig? "Aber ja", sagt der Geistliche. "Davon bin ich fest überzeugt. Seine Kirchenbesuche sind keine Show. Er ist ein rechtgläubiger, zutiefst überzeugter Christ und ein guter Mann, er hat Russland aus einer tödlichen Krise geführt."
Abt Tichon steht einem sehr schmucken Kloster vor, Zwiebeltürme und blütenweiße Fassaden leuchten, kostbare Ikonen zieren das Kircheninnere. Einige Mönche harken gerade den kleinen Garten, beseitigen selbst das kleinste Papierschnitzelchen, bis der Rasen manikürefein ist. Draußen sei genug Unrat, meint Tichon. Er denkt dabei nicht nur an die schmutzige Straße hinter den Klostermauern, sondern auch an ihre sündigen Einrichtungen.
Keinen Steinwurf vom Sretenski entfernt wirbt das "Oh la la" um Kunden, eine der berüchtigten Striptease-Bars der Stadt mit angeschlossenen "Verwöhn-Räumen". "Ich würde so etwas verbieten", sagt der Klostervorsteher und atmet tief durch in seinem heiligen Zorn. Zensur, hat er einmal gesagt, sei für ihn "ein normales Instrument einer normalen Gesellschaft".
Weit weniger als der Sex-Tempel erregt ihn die andere Nachbarschaft. Sein Kloster liegt an der Bolschaja Lubjanka, die ehemalige KGB-Zentrale mit ihren Folterkellern liegt nur 800 Meter entfernt. Aber ist nicht auch KGB-Oberst a. D. Putin seinen Weg gegangen, haben etwa dem Oberhaupt der orthodoxen Kirche, dem Patriarchen Alexij II. (Deckname "Amsel"), die Geheimdienstkontakte geschadet? In der Kneipe "Schwert und Schild", Hausnummer 20, hängen die Alt-KGB- oder Neu-FSB-verbandelten Geheimen herum, was immer sie auf dem Kerbholz haben mögen oder heute aushecken: Viele fühlen sich als gute Christen.
"Unser Kloster gibt es seit 600 Jahren, und es ist damit weit älter als der Geheimdienst", sagt der Kirchenmann. Ansonsten sieht er überall "poschlost" drohen, Trivialität und Vulgarität. Die Zauberauftritte des David Copperfield hat er gegeißelt, sie machten "abhängig von dunklen Kräften". Den Erreger allen Übels hat Abt Tichon im "ultraliberalen" Westen ausgemacht, den die Russen auf gefährliche und groteske Weise nachäfften. Die Rettung kann nach seiner Überzeugung nur in der Rückbesinnung auf die ewigen Werte der orthodoxen Kirche bestehen, die mit einem starken russischen Staat gemeinsame Sache machen müsse.
Und so hat sich der Archimandrit entschlossen, der "gelenkten" Demokratie einen spirituellen Überbau zu geben, eine kirchlich sanktionierte Staatsideologie. Er hat - höchstwahrscheinlich mit dem Kreml abgesprochen - einen Film gedreht. "Untergang eines Imperiums - Die Lehren von Byzanz" lief Anfang 2008 zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen und beschäftigt seitdem das intellektuelle Moskau. Tichon, der für das Werk bis nach Istanbul und Venedig reiste und ständig selbst mit erklärenden Worten im Bild ist, macht der Streifen zum Star. Die einen hassen ihn, die anderen beten ihn an.
Das oströmische Reich dient dem Abt als Vexierbild des heutigen Russland - vom Westen bedroht, von inneren Schwächen wie Egoismus und Korruption, Genusssucht und Kinderlosigkeit gezeichnet. Sein Held ist Kaiser Basileios II., der um die erste Jahrtausendwende die Zentralgewalt stärkte, staatsschädigende "Oligarchen" entmachtete und seinen Nachfolgern laut Tichon die größte Zivilisation der Erde und einen bestens ausgestatteten "Stabilitätsfonds" hinterließ. Doch die Nachfolger verspielten die Gelder und trugen durch ihre Vernachlässigung alles Christlichen wesentlich zum Untergang bei - eine unmissverständliche Warnung an den heutigen "Jung-Zaren" Dmitrij Medwedew, die Zügel nicht locker zu lassen und sich dem Schoß der Kirche anzuvertrauen.
Gott ein Byzantiner, Italien eine Schlangengrube, Moskau nach dem Kollaps Konstantinopels im Jahr 1453 als Sitz des Patriarchen das neue, das wahre "Dritte Rom" - Politologen wie Mark Urnow haben den Tichon-Film als historische "Märchenstunde" verrissen, als "Schaustück der Kreml-Propaganda".
Aber anderen gefällt die neubyzantinische Idee. Endlich einmal versuche einer nicht, "uns weiszumachen, die Sonne gehe im Westen auf". Sondern zeige die Kraft des Ostens, meint Wselowod Tschaplin, Vizechef des Gremiums, das die Verbindungen zwischen Kirche und Staat koordiniert.
Dem feurigen Abt Tichon steht das schwarze Priestergewand, eindrucksvoll baumelt das Kreuz um den Hals. Seine härtesten Gegner schimpfen ihn einen modernen Rasputin, einen Verführer. Er sieht sich eher als Retter. Russland, donnert er, müsse seinen eigenen Weg finden - jenseits von Europa und dessen Verlockungen. Formale Anleihen nehmen, aber um Gottes willen nichts Inhaltliches inhalieren. Er persönlich wisse durchaus manche Vorzüge des Westens zu schätzen, sagt der Gottesmann, er fahre einen Audi. Und die Broschüren, von denen er manche in Millionenauflage verbreitet, lasse er aus Kostengründen in Österreich drucken.
Wer bezahlt das: den aufwendigen Film, die teuren christlichen Druckwerke? "Alles Spenden", meint Tichon. Spenden von Politikern, Industriellen, ganz normalen Kirchgängern?
"Schon im Neuen Testament steht geschrieben, dass man den Wohltäter nicht preisgeben soll", sagt er. "Oma oder Oligarch, Gott sei's gedankt."
Versöhnlich will er klingen und wird doch immer wieder von seinem Feindbild überwältigt. Alles könnte so gut sein, Moskau auf dem rechten Weg, wenn nur die antichristlichen Künstler nicht wären. Über die kann sich der Erzabt Tichon nicht genug erregen. Diese Volksverderber! Nihilisten! Anarchisten! Nichtsnutze, die das heilige Russland in den Schmutz ziehen! Und tatsächlich: Der Himmel über dem Sretenski-Kloster verdunkelt sich, er hängt voller Blitze, voller Ausrufungszeichen der Empörung.
Markin? Igor Markin? Diesen Namen würde der Kirchenfürst nicht einmal in den Mund nehmen, so sehr verachtet er alles, wofür Markin, 40, steht. Der Millionär möchte gegen den Strom schwimmen, ungewöhnliche Maler und Bildhauer fördern, er lässt sich treiben von der Lust an der Provokation. Sein Museum "art4.ru" zieht Kunstliebhaber an, Neugierige, Sensationslustige. Auch Staatsschützer in Zivil, die einen Skandal wittern und womöglich bald einschreiten wollen.
Einen Kollegen hat es schon erwischt. Die Moskauer Staatsanwaltschaft hat - nach Anzeigen orthodoxer Christen - Jurij Samodurow vorgeladen; dem Direktor des Sacharow-Museums droht wegen "Zurschaustellung pornografischer und blasphemischer Werke" eine Haftstrafe. Zu einer Geldbuße von rund 3000 Euro wegen ähnlicher Vergehen ist Samodurow schon 2005 verurteilt worden, die damalige Ausstellung hieß "Vorsicht, Religion!". Die sechs Messdiener, die das Museum stürmten und 45 Bilder zerstörten, blieben straffrei.
Der blonde Markin, schlaksig und wie fast immer leger gekleidet in Jeans und Turnschuhen, hat sein Privatmuseum für zeitgenössische Kunst vor zwei Jahren aufgemacht. Finanzieren kann das der studierte Ingenieur, weil er mit seiner Firma für Baumaterialien "40 Millionen Euro oder so" gemacht hat und ihn inzwischen die reine Profitvermehrung ziemlich langweilt. Markin hat sich immer schon für Bilder und Skulpturen interessiert, "mit Gesprächen über Kunst kommt man auch besser an gute Frauen ran", sagt der Mann, der jenseits solch lockerer Sprüche an seiner kulturellen Fortbildung arbeitet. Er meint, man müsse "sich ständig ändern und dazulernen", sonst überfalle einen "die Panik vor dem Tod". Markin ist eine Art russischer Gunter Sachs, Playboy und ernsthafter Mäzen zugleich.
In seinem 600-Quadratmeter-Museum hängen bekannte Maler wie Ilja Kabakow und Dmitrij Krasnopewzew, aber Markin ist auch stolz darauf, neue Talente entdeckt und ausgestellt zu haben. Der leidenschaftliche Sammler will sich auf keinen Trend festlegen lassen. "Ich kaufe, was mir gefällt, was mich anregt - und was mich aufregt", sagt er. 1500 Gemälde, Skulpturen und Installationen sind es bisher.
Gleich hinter dem Eingang zum Museum steht mannshoch das Fotokunstwerk "Marxismus de Sade". Zu sehen sind zwei nackte junge Männer, die als angekettete Sklaven vor einem Herrn knien: Ideologie, reduziert auf sexuelle Sado-Maso-Praktiken. Daneben lässt sich Lenin von Micky Maus anbeten. Nicht alles in den lichten Ausstellungsräumen ist originell, aber wenig ist langweilig. Schließlich die Provokation schlechthin: ein Bild der Künstlergruppe "Blaue Nasen" - zwei Polizisten beim Zungenkuss im Birkenwäldchen. Ex-Kultusminister Alexander Sokolow nannte das Werk "eine Schande für Russland" und verhinderte seine Ausstellung im Ausland.
Anstelle eines Gästebuchs liegen im Markin-Museum für die Besucher Filzstifte bereit, mit denen sie ihre Meinung an die Kacheln der Toilette schreiben können. Empörung und Begeisterung über die Bilder halten sich die Waage. Ebenso wie über den Katalog, in dem sich Markin für seine Aktivitäten von einem Freund preisen lässt. "Anstatt sich nach der Art normaler Neokommis auf Kokain und Nutten zu stürzen, hat er etwas Ungewöhnliches, Kreatives getan: Er hat angefangen, als Autodidakt Kunst zu sammeln und dabei Hervorragendes geleistet."
Markin mag der Antipode sein zu Moskaus neuem architektonischem Monumentalismus, zu seinem heißen Flirt mit dem Autoritären und der Rückwendung zu christlich-nationalistischen Werten. Aber
als antirussisch sieht er sich ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Dadurch, dass er nur das Beste der russischen Gegenwartskunst sammelt, will er den Ruhm seiner Heimat mehren. In seiner Negierung des Gängigen, des Mainstream, ist er - ein Patriot.
Er reist nicht besonders gern und vermisst im Ausland schnell die Heimat. Er liebt die russische Küche und mag Menschen, die aus dem Durchschnitt herausragen, die etwas Neues, Besonderes versuchen. So wie Meisterkoch Anatolij Komm, 41, der in seinem Restaurant mit dem selbstironischen Namen "Barbaren" nur mit heimischen Ingredienzen arbeitet. Russland über alles, von einem raffiniert verwandelten Borschtsch bis zu einem ganz besonderen "Hering im Pelzmantel". Um die 200 Euro kostet das kreative Menü im Gourmet-Tempel pro Person und wird in den Variationen "Russische Tradition" und "Russische Renaissance" gereicht. "Ich will meine Landsleute dazu bekehren, an sich und die Stärke Russlands zu glauben", sagt Komm.
Hier bei seinem Mit-"Barbaren" kann Markin entspannen, und es hilft auch, dass Komms Restaurant so zentral liegt: zwischen der Kirche "Geburt der Gottesmutter" und dem "Europa"-Casino, das mit einem steil von einem Betonpodest ragenden Rolls-Royce wirbt. Es lässt sich zu Fuß erreichen, wenn sich abends mal wieder, wie so häufig, der Verkehr stundenlang nur zentimeterweise bewegt.
Igor Markin hat einen Traum. Er will ein neues, größeres Museum bauen. "Eindrucksvoller als das Guggenheim in New York" soll es werden, Weltklasse, auch vom Westen unerreicht. "Ich kann das schaffen", sagt der Mann. Für Moskaus Zukunft setzt er große Hoffnung auf Russlands Jugend - "jedenfalls auf all diejenigen, die bei ihrer Karriereplanung noch nicht das Denken aufgegeben haben".
Wenn Marija Drokowa, 19, in Moskaus Zukunft blickt, dann erscheint vor ihren Augen eine Welthauptstadt, die Europas und Asiens Erdölzufuhr nach Gutdünken kontrolliert, militärisch mächtig und außenpolitisch souverän; eine imperiale Präsidentschaft, in der Zucht und Ordnung gelten, Loyalität mehr zählt als Legalität. Für sich selbst sieht die Politikstudentin, aus der Provinz stammend und an der Moskauer Lomonossow-Universität eingeschrieben: eine politische Führungsposition. Im Kreml.
Die dynamische junge Frau, in ihre Lieblingsfarbe Rot gehüllt, kalkuliert kühl und keinesfalls irrational. Sie ist heute schon eine Top-Funktionärin. Sie diskutiert im Fernsehen mit Duma-Abgeordneten, trifft bei Tagungen im Kreml Wirtschaftsführer, sitzt mit Spitzenvertretern der Kirche an einem Tisch. "Kommissarin" Drokowa ist eines der Aushängeschilder der Jugendorganisation "Naschi" ("Die Unsrigen"), die vor drei Jahren von der Kreml-Partei ins Leben gerufen wurde und die besondere Unterstützung des Führungsduos Putin & Medwedew genießt.
"Hier sehen Sie uns im Sommerlager, und hier empfangen wir gerade den Präsidenten", sagt Drokowa im Naschi-Hauptquartier, einer früheren Schule, und weist stolz auf die Fotos an der Wand. Andere Bilder zeigen die Jugendlichen bei Waffenübungen im Wald, lachende Gesichter beim Grillen am Lagerfeuer. Die Naschisten: Das ist ein bisschen jugendliches Paramilitär, ein bisschen patriotisches Pfadfindertum, ein bisschen Neo-Komsomol - und viel politische Indoktrination. Es könnte schon sein, dass die Jugendbewegung ursprünglich als Wahl- und Unterstützungspartei für die Kreml-Partei gegründet worden sei, räumt Drokowa ein. Inzwischen sei sie aber viel mehr: Kristallisationspunkt der jugendlichen Elite.
Und was ist dran an den Gerüchten, Naschi könnte aufgelöst werden, nun, da es doch für eine Weile nichts mehr Entscheidendes zu wählen und bewerben gebe? Da kann die Kommissarin nur lachen. "Vielleicht gibt es eine Umstrukturierung, aber in unserer Existenz sind wir nicht gefährdet. Wir sind doch das Rückgrat der Macht - und die Führung von morgen. Wir können von einem Tag auf den anderen 50 000 Demonstranten auf die Straße bringen."
Drokowa hält eine kritische Presse in Moskau für überflüssig. "Es gibt nur Winzigkeiten zu beanstanden, und das erledigen wir in den Diskussionen untereinander", meint sie. Die Greueltaten in Tschetschenien, die Morde an Journalisten wie Anna Politkowskaja, die Schikanen gegen die Nichtregierungsorganisationen, die Korruption - alles nicht berichtenswert? Die letzten Bastionen der Pressefreiheit wie die Zeitung "Nowaja gaseta" und Radio Moskwy - sollte man freigeben zum Schleifen? Sie will sich da nicht festlegen. Aber ihr gilt als Nestbeschmutzer, wer nichts "Aufbauendes" schreibt, sondern auf die "Verlierer" setzt. Das Naschi-Hauptquartier wirkt auf den ersten Blick wie ein unstrukturiertes Durcheinander, lautstark werden Telefonate geführt, Flugblätter wandern in Kartons, dazwischen knutschen junge Paare. Auf den zweiten Blick erst erkennt man die ordnende Hand der Blockwarte, die den Eingang kontrollieren, der Computer-Profis.
Marijas Freundin Antonina Schapowalowa, 21, sucht im Naschi-Shop fieberhaft nach T-Shirts für einen großen Auftritt. Einige Tage später ist es so weit: Im vornehmen Gum-Kaufhaus am Roten Platz steigt die Naschi-Modenschau, der Eigentümer hat den Kreml-Nahen praktischerweise die Mietkosten erlassen. Alles ist in Weiß, Blau und Rot getaucht. "Unsere Nationalfarben symbolisieren die heldenhafte Vergangenheit Russlands und seine leuchtende Zukunft", sagt die Designerin, die der Putin-Jugend ein schneidiges Outfit verpasst.
Dann läuft ein Programm ab, das zeigt, warum Naschi so viele junge Leute anzieht, Karrieristen, Anschluss- und Sinnsuchende: Man schafft Gemeinschaftsgefühl und gibt sich weder prüde noch spießig. Das Volkslied "Kalinka" ertönt in einer Hardrock-Version. Ein Model führt sexy Unterwäsche vor, auf einem knappen Slip steht "Wowa, ich bin bei dir" - "Wowa" ist der Kosename Putins. "Das Ministerium für Gesundheit empfiehlt: Vermehren ist angenehm und gesund", steht auf einem T-Shirt, das die Geburtenrate fördern soll.
Marija Drokowa, die kommende Führungskraft, hat sich schon längst für etwas Schlichteres, Unangreifbares entschieden, einen Pullover mit dem Slogan: "Lasst uns alles Russische lieben". Das kann nicht falsch sein auf dem Weg nach oben. Und sollte der sie nicht in die Politik führen, dann weiß sie auch schon eine Alternative: Sie würde gern einen Wirtschaftskonzern leiten - als Oligarchin.
Wenn sich Wladimir Jewtuschenkow, 59, von seiner Villa ins Büro chauffieren lässt, durchquert er die schönste der Moskauer Welten. Der Oligarch, laut "Forbes" gut zehn Milliarden Dollar schwer, lebt wie viele Superreiche und die Politikprominenz an der Rubljowka-Chaussee. Hier draußen, 25 Kilometer vom Kreml und Lichtjahre vom realsozialistischen Plattenbau entfernt, ist das Refugium derer, die es geschafft haben. Versteckt hinter Kiefern, geschützt von hohen Mauern liegen die prächtigen "Märchenschlösser
im Rubel-Wald", wie sie die Lifestyle-Autorin Oxana Robski bezeichnet.
Auf dem Weg zur Innenstadt lockt ein exklusives Einkaufsparadies, das "Luxury Village". So geballt wie hier findet man selten auf der Welt die prestigeträchtigsten Marken. Hinter kostbaren Zedern-Fassaden sind aneinandergereiht: Yves Saint Laurent und Gucci, Van Cleef & Arpels und Bulgari; und neben den Boutiquen die Showrooms von Lamborghini, Maserati und Bentley. "Swetskije ljudi" nennen Normalsterbliche die Privilegierten, die es sich leisten können, hier einzukaufen: "Leute von Welt".
Es gibt noch die Protzigen an der Rubljowka, die zu Austern schweren Bordeaux bestellen, die Wert auf goldüberzogene Wasserhähne legen, Kristall-Lüster in Garagen hängen. Die maurische Bögen, Chinoiserien und Louis-seize mischen, Neogotik hier, Neobarock da - warum sich für einen Stil entscheiden, wenn man sich alle leisten kann. Aber der Rausch der frühen Milliardärsjahre, der dekadenten Extravaganz ist bei Moskaus Oligarchen weitgehend vorbei. Geblieben ist das Streben nach Statussymbolen, nach Prestige.
Einige wie der Rubljowka-Villenbesitzer Roman Abramowitsch kaufen sich Yachten und einen Fußballclub. Andere lassen in Südfrankreich bei Geschäftsausflügen die Puppen tanzen oder sammeln Privatflugzeuge. Nicht so Jewtuschenkow. In seine Privaträume ist noch nie ein Journalist vorgedrungen, auch Familienbilder sind tabu. Moskau-Kenner nennen den Mann deshalb den "stillen Oligarchen", skandalfrei sei er, geheimnisvoll und sehr, sehr mächtig. Vielleicht auch, weil er als einer der ganz wenigen russischen Milliardäre sein Geld nicht mit Erdöl, Erdgas oder anderen Bodenschätzen gemacht hat, sondern in der Telekommunikation.
"Ich bin jedenfalls nicht der böse Iwan", sagt der Unscheinbare und deutet dabei, untypisch für ihn, ein kleines Lächeln an. Diesen Eindruck muss Jewtuschenkow vermeiden, wenn ihm sein neuester Coup gelingen soll: Insider sind überzeugt davon, dass der Großindustrielle die Mehrheit des deutschen Dax-Konzerns Infineon übernehmen will. Bei seinem ersten Versuch, in Deutschland einzusteigen, ist der Russe 2006 am Misstrauen der Berliner Politik gescheitert - den von ihm begehrten Telekom-Anteil wollten weder die Kanzlerin noch ihr Finanzminister in Oligarchen-Händen sehen und veranlassten ein Ende der Verhandlungen. Ist auch Infineon ein Fall von "strategischer" Bedeutung?
Äußerlich ist an Jewtuschenkow alles Durchschnitt, er kommt daher wie der Handlungsreisende im Arthur-Miller-Drama, Allerweltsanzüge, unauffällige Krawatten. Ein Hauch von sowjetischer Nomenklatura umweht ihn auch, wenn er spricht: steif, bedächtig, abwartend. "Der Staat sitzt immer am längeren Hebel", findet der Milliardär. "Nie würde ich gegen die Wünsche der deutschen Politik investieren - das käme umgekehrt für Ausländer in Russland ja auch nicht in Frage. Und trotzdem: Von uns muss sich doch niemand bedroht fühlen."
Kann er denn das deutsche Misstrauen gar nicht nachvollziehen - bei der Kreml-Hörigkeit vieler großer Firmen, dem zwielichtigen Auftreten mancher Moskauer Unternehmer? "Auch amerikanische Firmen wie die Rockefellers und die Vanderbilts haben nicht nur mit weißen Handschuhen operiert, wenn es darum ging, gigantische Vermögen zu schaffen", entgegnet Jewtuschenkow. "Erst mit der Zeit wurde das Bild dieser Unternehmungen so geglättet, dass sie heute aussehen wie unschuldige Ostereier. Das Kapital in Russland ist jung, viele Verhaltensweisen sind, zugegebenermaßen, noch ungeschliffen."
Er hat schnell hinzugelernt auf dem internationalen Parkett - nicht selbstverständlich bei seiner Lebensgeschichte. Jewtuschenkow ist ein Kind des Sowjetsystems, Chemiestudent, Manager einer staatlichen Kunststofffabrik, Träger des Komsomol-Preises. 1987 trat der Ehrgeizige ("Wer nicht General werden möchte, ist ein schlechter Soldat") in die Stadtregierung ein und saß als Chef des Ressorts Wissenschaft und Technik bald an einer Schaltstelle: Seine Behörde war mit der Umwandlung der Moskauer Staatsbetriebe in marktwirtschaftlich arbeitende Dienstleistungsfirmen betraut. 1993 gründete Jewtuschenkow seine eigene Firma namens Sistema, wobei ihm die enge Freundschaft zu Oberbürgermeister Luschkow nicht geschadet haben dürfte.
Als das Moskauer Telefonsystem teilprivatisiert wurde, übernahm Jewtuschenkow nach und nach die daraus hervorgehende Festnetzgesellschaft. Und auch beim Mobilfunk war er vorneweg, erwarb die Mehrheit am größten osteuropäischen Branchenkonzern MTS. Dabei achtete der Konzernherr, der 62 Prozent der Aktien seiner Holding Sistema besitzt, auf Diversifizierung der Geschäftsbereiche: Auch Banken, Bauunternehmen, Kinderkaufhäuser, Medien- und Touristikfirmen gehören zu der Gruppe. Sistema ist laut der Ratingagentur Standard & Poor's eines der transparentesten Unternehmen in Russland.
Am nordwestlichen Stadtrand hat Moskaus stiller Oligarch sein kleines Silicon Valley verwirklicht. In blitzsauberen Hallen werkeln Facharbeiter an einer aktuellen Generation von Mikrochips. Putin hat dem Musterwerk einen Besuch abgestattet, sich mit Jewtuschenkow fotografieren lassen und begeistert ausgerufen: "Weltniveau! So was kenne ich sonst nur aus dem Ausland, gehen Sie weiter voran, und erobern Sie neue Märkte!"
Da hat er auf den Richtigen gesetzt. Am indischen Mobilfunkanbieter Shyam Telelink besitzt der umtriebige Unternehmer nach Putins wohlwollender Fürsprache bei der Regierung in Neu-Delhi inzwischen 51 Prozent, will fünf Milliarden Dollar am Ganges investieren. Vom Shareholder-Value hält Jewtuschenkow mindestens so viel wie Vorstandsvorsitzende deutscher Konzerne; von familiärer Erbfolge eher weniger. Tochter Tatjana musste sich ebenso in der Firma hochdienen wie Sohn Felix. "Denken Sie an Onassis, vererbtes Vermögen ist noch niemandem gut bekommen", sagt der moderne Oligarch, der sein Vermögen lieber in eine Stiftung überführen will.
Und was sind Herrn Jewtuschenkows Träume für Moskau?
Er weiß, wie viel Wirtschaftskraft sich auf die Hauptstadt konzentriert - 33 Prozent des russischen Steueraufkommens stammen aus dem Ballungsraum. Er weiß auch, dass der Lohnkostenvorteil, den Moskau noch gegenüber den westlichen Großstädten hat, schnell abnimmt: SAP beispielsweise zahlt in der Moskauer Dependance seinen Softwarespezialisten die gleichen Anfangsgehälter wie in Deutschland. Dennoch ist er ungebrochen optimistisch, was die Zukunft der russischen Kapitale betrifft: "Hier entsteht eine Weltstadt. Schon heute ist Moskau auf einem Niveau mit London und New York."
Wer das Wunder in den Boden stampft, wer die Zeche für den atemraubenden Aufstieg bezahlt - um die Details kann sich ein Wirtschaftsstratege wie Jewtuschenkow nicht auch noch kümmern. Die Baustelle: Das ist nicht seine Welt. Das ist die Welt der Gastarbeiter, der Malocher aus Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien, den Armenhäusern unter den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Der Männer, die Moskaus Wunder erst möglich machen.
Hamdam Kamalow, 26, hat die Muskeln eines Preisboxers und auf dem Gesicht ein breites Grinsen. Er stammt aus der Nähe von Taschkent in Usbekistan, hat dort acht Kinder und eine Frau zu versorgen und reißt hier in "Moskwa City" so viele Überstunden ab wie nur irgend möglich. Im Monatsdurchschnitt kommt der Ungelernte auf gut 400 Euro - "so viel verdiene ich zu Hause sonst im halben Jahr". Mit 17 anderen Bauarbeitern teilt er sich einen engen Container mit aneinandergedrängten Schlafplätzen in "Moskwa City". Spätabends, wenn die Betonmischmaschinen schweigen, grillen sie an dem Platz vor den Wolkenkratzern, wo sich bald die Hochfinanz zu Powerlunches treffen wird.
Sonntags gibt es Lamm, wochentags Knoblauchwürstchen. Der Job ist hart, das Leben entbehrungsreich. Aber alles wäre erträglich - wenn die Arbeiter sich nicht immer mit Moskaus korrupten und rassistischen Polizisten herumschlagen müssten. Jeden Tag kassieren die Ordnungshüter unter irgendeinem Vorwand ab, drohen die Aufenthaltsgenehmigung zu zerreißen, wenn nicht gezahlt wird. Gastarbeiter sind in der ehemaligen Hochburg der Völkerfreundschaft Menschen dritter Klasse. Auch unter den gebildeten Hauptstädtern sprechen viele von den Südländern abschätzig als "Schwarzärschen", was sie nicht daran hindert, sich von ihnen ihre Datschen bauen zu lassen.
Einmal war ein Freund Kamalows drei Tage verschwunden. Der Usbeke fürchtete, dass Skinheads den Kameraden verschleppt hätten. Dann fand sich der Vermisste, gepriesen sei Allah, wieder zur Morgenschicht ein und erzählte: Zwei Polizisten hatten ihn in ihren Streifenwagen gezerrt und gezwungen, ihre Privatwohnungen zu streichen.
Auf zwei Millionen hat kürzlich der Vorsitzende des Stadtparlaments die Zahl der Gastarbeiter geschätzt, die im Großraum Moskau malochen. Die anspruchsvolleren Handwerksarbeiten in "Moskwa City" besorgen Türken. Bayram Agdam, 41, stammt aus Ankara und ist Chef der Schweißer am Bau. Sein Vater hat sich noch in Deutschland verdingt, er hätte auch die Chance gehabt - und ist doch lieber nach Moskau gegangen. "Des Verdienstes wegen", sagt er. "Hier mache ich mit Zulagen an die 3000 Euro im Monat, das schaffe ich in Westeuropa nicht." Auch er schickt fast das ganze Geld nach Hause - Moskaus aufregende Bars, die Boulevards der Innenstadt mögen sich nur einige Kilometer südlich von hier befinden, sie liegen für ihn auf einem anderen Stern.
Moskau leuchtet. Tausende Scheinwerfer erhellen die alten Fassaden im Zentrum, Tausende Lampen die Läden, die rund um die Uhr geöffnet sind. Moskau strahlt. Aber da ist immer die Sehnsucht nach dem, was gerade nicht ist - auch bei denen, die "in" sind oder fast dazugehören zur Glamour-Gesellschaft.
Im Winter träumen Swetlana und ihre schönen Freundinnen, wenn sie sich fröstelnd in ihren kurzen Kleidchen vor den Nobeldiscos wie dem "Most" anstellen und den Türstehern schöne Augen machen, von heißen Sommernächten, in denen sie mit ihren angelachten reichen Lovern bis zum Morgengrauen tanzen. Jetzt, in der Hitze des Sommers, träumen sie vom knietiefen Schnee, der die Gegensätze weicher macht, der selbst die Mächtigen zwingt, mit ihren Limousinen hinter den Schneepflügen herzukriechen.
Nur die Sehnsucht nach dem Gestern, die kennen sie nicht; die hat fast keiner in Moskau. Nicht einmal die einst Privilegierten im "Haus an der Moskwa", das in Wahrheit eher ein Haus des Terrors war.
In dem riesigen Wohnkomplex sind Utopie und Schrecken des realexistierenden Kommunismus sich so nahe wie sonst nirgendwo. Das 1931 fertiggestellte Gebäude galt Parteichef Josef Stalin als Versuchslabor einer Sozialgemeinschaft. Die Führungsriege der Partei, des Militärs und der Regierung zog damals in das Bonzenbollwerk ein, alle Wohnungen gleich geschnitten, die einheitlichen Möbel durchnummeriert. Kein Individualismus. Aber Luxus - das schon.
Rada Chruschtschowa, 79, Tochter des Stalin-Nachfolgers und einst wohnhaft im Ufer-Komplex, erinnert sich an die Kantine, in die man sie schickte, wo es immer Fleisch und Milch gab, während das Volk "draußen" hungerte; auch an das hauseigene Kino "Udarnik" ("Stoßarbeiter"). Die Kinder spürten allerdings, dass Schreckliches vor sich ging, als ihre Eltern ihnen strikt das Sprechen mit den Nachbarn verboten. Die Zeit der großen Säuberungen entlarvte das Haus dann Mitte der dreißiger Jahre endgültig als Menschenfalle. Jeder wurde abgehört und bespitzelt, viele verschwanden; von 2745 Bewohnern wurden 887 verhaftet, mindestens die Hälfte davon erschossen. Verantwortlich für die erste Welle des Terrors war Nikita Chruschtschow, der sich zunächst bei Stalin mit seinem Übereifer an "Planerfüllung" bei der Bekämpfung von "Volksschädlingen" anbiederte, bevor er sich dann später von dessen Exzessen distanzierte.
Von alldem will seine Tochter Rada heute nichts mehr wissen. Sie hat das Horrorhaus längst verlassen und lebt an der schicken Twer-Straße in der letzten Stadtwohnung ihres Vaters. Nur manchmal spaziert die alte Frau am alten Gebäudekomplex an der Moskwa vorbei. Viele Wohnungen werden gerade renoviert. "Prime location", sagt ein weltläufiger Makler. "Wir kaufen die Leute raus, bringen die Apartments auf Vordermann und verkaufen sie dann für ein paar Millionen."
Wenn man doch auch diesen Lenin so leicht und gewinnbringend abstoßen könnte. Die Leiche der Sowjetunion. Die ungeliebte Mumie im Herzen der Stadt.
An dem Morgen im April, da sich der Geburtstag des Revolutionärs zum 138. Mal jährt, fällt die öffentliche Resonanz niederschmetternd aus. Um zehn Uhr öffnet das Mausoleum an der Kremlmauer, in dem der Gründer der Sowjetunion aufgebahrt ist; die Einbalsamierer haben sich des Körpers gerade wieder einmal angenommen, den Anblick "aufgefrischt", wie es in der Sprache der Profis heißt. Beim Herrichten von Leichen kann den Russen keiner etwas vormachen, da waren sie immer schon Weltspitze. Sie haben diese herausragende Stellung ausgebaut. Die Shootouts der rivalisierenden Mafiosi, die entsprechenden Wünsche der Familienclans haben sie in Übung gehalten.
Die Schlange auf dem Roten Platz ist enden wollend. 80 Interessierte, darunter eine 45-köpfige Reisegruppe aus Shanghai, zwölf amerikanische Touristen, sechs deutsche Studenten, eine Handvoll Italiener. Dem Revolutionär, der zu Sowjetzeiten noch von Zigtausenden Zwangsverpflichteten besucht wurde, wollen jetzt gerade einmal drei Russinnen freiwillig die Ehre erweisen. Nadeschda, eine Babuschka mit schlohweißen Haaren, ist dabei, mit speckigem Mantel und rotem Kopftuch. Sie stammt aus Balabanowo, das ist etwa 90 Kilometer entfernt von der Innenstadt, ein düsteres Kaff, in dem es kein Sushi gibt und keine SUVs, sondern nur Schaschlik und Schlammstraßen. Sie lebt dort, wo Moskau aufhört und Russland anfängt.
"Eine Schande ist es, wie sie unseren großen Führer vernachlässigen", sagt die alte Dame und legt am Mausoleumstor die rote Nelke ab, die sie nicht ins grabesdunkle Innere mitnehmen darf. Dorthin, wo er liegt: wächsern und so taub für Veränderungen wie seine letzten überzeugten Getreuen.
Lenins Leben nach dem Tode geht zu Ende. Die Moskauer nehmen ihre alte Pilgerstätte einfach nicht mehr wahr - so, als wäre der Bau aus rotem Granit und schwarzem Labrador schon vom mächtigen Kreml verschluckt. Oder vom Kaufhaus Gum eingemeindet, wo gerade wieder einmal, keine hundert Meter von der kommunistischen Ikone entfernt, eine neue Luxusboutique eingeweiht wird, neben all den Diors und Guccis, die schon um die Reichen konkurrieren. Und wo sie gerade die Stühle nach draußen stellen, zu sündhaft unsozialen Preisen Coke und Espresso anbieten. Die Moskauer haben sich entschieden. Nicht für Ost oder West, sondern für den Konsumismus - und eine Vormachtstellung in der globalisierten Welt.
Die Babuschka würde sich nach dem Geburtstagsbesuch bei ihrem Vorbild gern noch ein gemeinsames Foto mit einem Lenin-Doppelgänger gönnen, der auf dem Roten Platz nach Kunden Ausschau hält. Aber 120 Rubel (3,30 Euro) - das ist ihr dann doch zu viel. Dabei ist Lenin, wegen mangelnder Nachfrage, im Sonderangebot. Ein anderes Double verlangt wesentlich mehr. Putin, der Held des neuen Russland, ist nicht unter 1000 Rubel zu haben.
* Aufschrift: "Wowa, ich bin bei dir".
* Italienischer Geschäftsmann Antinori im Januar 2006.
Von Erich Follath und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 29/2008
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Manhattan an der Moskwa

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