14.07.2008

FLUCHTVermisste Läuferin

Mahbooba Ahadgar, 19, war so etwas wie ein Aushängeschild der olympischen Bewegung, ihre Geschichte zierte die Homepage des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Als einzige Athletin Afghanistans sollte die 1500-Meter-Läuferin bei den Spielen in Peking starten, stolz auf ihre Sportlichkeit wie auf ihre muslimische Religion, mit Kopftuch und Trainingsanzug auf der Tartanbahn. Eine Minute langsamer als die Weltspitze, aber ein Beispiel für die erdumspannende Kraft der olympischen Idee. Vor vier Jahren in Athen nahmen erstmals überhaupt zwei afghanische Frauen bei Olympia teil. Über Ahadgar wurde bekannt, dass sie Morddrohungen von muslimischen Extremisten erhalten habe, sie sah sich als Vorreiterin für selbstbewusste Sportlerinnen in ihrer Heimat. Das Haus ihrer Eltern wurde mit Steinen beworfen. Als sie Besuch von westlichen Medien bekommen hatte, erschien die Polizei und verhaftete vorübergehend den Vater, einen Zimmermann, - Nachbarn hatten angeblich behauptet, Ahadgar arbeite für Fremde als Prostituierte. Vom IOC bekam sie ein Stipendium des Solidaritätsprogramms für Sportler aus unterentwickelten Ländern, sie durfte ins Trainingslager nach Kuala Lumpur und ins italienische Formia. Dort wurde sie Freitag vor einer Woche als vermisst gemeldet. Verschwunden waren auch ihr Koffer und ihr Pass. Flucht oder Entführung - die Carabinieri standen vor einem Rätsel. Sie sei zu einem Wettkampf gefahren, hieß es. Sie sei verletzt, bei Verwandten, verbreiteten afghanische Behörden. Dann bekam die Mutter einen Anruf von Mahbooba: Sie sei in Europa und kehre nicht zurück, sie habe Angst vor Repressalien daheim wegen ihrer Sportkarriere. Die Eltern werden seither vom afghanischen Olympia-Komitee bedrängt. Ein Funktionär sagte, sie würden zur Verantwortung gezogen, komme die Tochter nicht zurück.

DER SPIEGEL 29/2008
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