21.07.2008

RUSSLAND„Opfer vorsätzlichen Mordes“

Chefermittler Wladimir Solowjow, 58, über seine Erkenntnisse zum Mord an der Zarenfamilie
SPIEGEL: Vor 90 Jahren wurde die Zarenfamilie von den Kommunisten liquidiert, seit 1993 ermitteln Sie. Wann schließen Sie die Akte Romanow?
Solowjow: Bald. Alle Mitglieder meiner Untersuchungskommission sind sicher, die Überreste der Zarenfamilie eindeutig identifiziert zu haben - auch die zuletzt entdeckten Knochen von Zarewitsch Alexej und Zarentochter Maria.
SPIEGEL: Wann findet die Beerdigung statt, und wer wird daran teilnehmen?
Solowjow: Ich denke, in diesem Herbst. Ich hoffe, dass Präsident Medwedew dabei sein wird, so wie 1998 der damalige Präsident Jelzin bei der Bestattung von Skelettteilen des Zaren, seiner Frau und der Töchter Olga, Tatjana und Anastassija.
SPIEGEL: Warum zweifelt die russisch-orthodoxe Kirche Ihre Untersuchungen eigentlich an?
Solowjow: Die Heilige Synode, das Leitungsgremium der orthodoxen Bischöfe, hat einen Rückzieher gemacht. Die Knochen, die schon im Juli 1919 bei Ausgrabungen nahe Jekaterinburg gefunden worden waren, gelten der orthodoxen Kirche als Reliquien. Wir haben angeboten, sie genetisch zu untersuchen. Wir denken sogar, dass es sich um Tierknochen gehandelt haben mag.
SPIEGEL: Warum sind Sie so sicher, dass Sie Gebeinsreste der Zarenfamilie untersucht haben?
Solowjow: Wegen unserer genetischen Tests, auch mit DNA der Verwandten der Zarenfamilie, wie etwa Prinz Philip von Großbritannien. Zudem stammen die Plomben der Zarenkinder vom selben Zahnarzt. Die Kugeln in den Körpern von Alexej und Maria wurden aus derselben Pistole abgefeuert. Dazu kommen die geheimen Aufzeichnungen der Bolschewisten, die wir ausgewertet haben.
SPIEGEL: Soll die Zarenfamilie rehabilitiert werden?
Solowjow: Gegen den Zaren hat kein Prozess stattgefunden, es gab nur einen Beschluss des Ural-Gebietssowjet. Die Familie wurde Opfer eines vorsätzlichen Mordes, da ist keine Rehabilitierung nötig. Was eigentlich soll man dem 13-jährigen Zarensohn, seinen Schwestern und der Zarengattin zur Last legen? Oder der Gouvernante und dem Koch?
SPIEGEL: Warum wurde die ganze Familie getötet?
Solowjow: Den Kommunisten ging es darum, die Romanow-Dynastie auszulöschen und sich selbst an der Macht zu halten. Wenn unsere Untersuchung abgeschlossen ist, muss das die Politik bewerten.

DER SPIEGEL 30/2008
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