28.07.2008

PRESSEFREIHEITPeking-Enten

China will aus Olympia vor allem ein Propaganda-Fest machen. Doch die über 20 000 anreisenden Journalisten und Techniker sind vom Regime schwer in Schach zu halten. So führt die Parteispitze einen Stellungskampf zwischen Zensur-Hysterie und Angst ums Image der Volksrepublik.
Schwarze Limousinen gleiten heran, die Damen der Nachbarschaftskomitees mit ihren roten Armbinden spitzen die Ohren. Polizisten nahen, zwielichtige Männer zücken ihre Kameras. Wer als Chinese bei einem Interview mit einem ausländischen TV-Team so aufmerksam beobachtet wird, dem muss schon mulmig werden. Journalisten von ARD und ZDF erlebten in den vergangenen Wochen immer wieder, dass ihre Gesprächspartner in solcher Atmosphäre lieber verstummten.
"Dabei waren das ganz banale Geschichten, nichts Politisches, nichts Kritisches", erzählt der Pekinger ARD-Studioleiter Jochen Graebert. "Sogar ein Fahrradmechaniker auf der Straße kriegte plötzlich seinen Mund nicht mehr auf, als er den Aufmarsch um uns bemerkte."
Eine freie Presse macht Ärger, und den mögen Chinas Politiker nicht. Am liebsten würden sie solche Berichte wohl ganz verhindern. Und wenn das nicht geht, gibt es später Krach.
Jüngster Höhepunkt der Auseinandersetzungen: eine ARD-Dokumentation zum Thema Doping in der Volksrepublik, die vergangene Woche ausgestrahlt wurde. Von manchen heimste sie Lob ein, die "FAZ" bescheinigte ihr, "über Indizien, Mutmaßungen, Einzelfälle" selten hinauszukommen. Egal, das Stück sorgte flugs für bilateralen Krach. "Rassistische Tendenz" warf die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua den Deutschen vor. Die Parteizeitung "Global Times" wehrte sich gegen Gerüchtemacherei. Die "unverantwortliche ARD" solle "verklagt werden", forderten Blogger, der Sender sei "antichinesisch".
NDR-Fernsehchef Volker Herres weist die Vorwürfe zurück. Es gebe keinerlei Anlass, an der Richtigkeit der präsentierten Fakten zu zweifeln. "Dass man mit solchen Dokumentationen aneckt, überrascht wenig."
Die Stimmung jedenfalls ist gereizt. Erst am Mittwoch hatte Staatspräsident Hu Jintao die Sportstätten besucht und zu "absolut sauberen Spielen" aufgerufen. Die Nomenklatura hat Angst um das Image der Volksrepublik. Das ist mit kritischen China-Berichten genauso zu beschädigen wie mit allzu scharfen Machtdemonstrationen der Zensoren.
Und auch die deutschen Fernsehmacher sind angespannt. "Einfach waren die Arbeitsbedingungen für Journalisten in China noch nie", sagt Herres. "Es kann auch niemand vorhersagen, wie sich die Lage während der Spiele entwickelt."
Was passieren kann, hat ZDF-Korrespondent Johannes Hano Anfang Juli vor einem Live-Interview fürs "Morgenmagazin" seines Senders auf der Großen Mauer erlebt. Uniformierte und Geheimdienstler bezogen plötzlich in und auf den Wachtürmen Posten. Kaum begann Hano, einen US-Experten über die Mauer zu befragen, sprangen Wachleute hinzu und brachen die Sendung ab. "Die offizielle Begründung lautete: 'Es gibt keine amerikanischen Mauer-Fachleute, weil es in den USA keine Große Mauer gibt'", erinnert sich Hano.
Dabei soll Olympia doch nicht nur ein Fest der Weltjugend werden, sondern auch eine Augenweide positiver China-Propaganda - das Medienereignis dieses Jahrzehnts, wenn nicht sogar einer ganzen Generation, wie der Nachrichtenchef des US-Senders NBC, Steve Capus, sagt. Die Olympischen Spiele in China faszinieren die Welt viel mehr als andere, weil sich die neue Großmacht ab 8. August als perfekter Gastgeber und als starke Sportnation präsentieren will.
Deshalb haben sich in Peking so viele Journalisten zu den Spielen angesagt. Über 20 000 Reporter, Fotografen, Tontechniker und Ingenieure aus aller Welt reisen an - mit wenig Lust auf die Peking-Enten durchschaubarer Regierungs-PR. Allein ARD und ZDF schicken 500 Mitarbeiter.
"Spiele erster Klasse mit chinesischen Kennzeichen" sollen es werden, versichern die KP-Funktionäre. Dafür zahlten die Sender im Vorfeld Rekordsummen für TV-Rechte an das Internationale Olympische Komitee (IOC). Das amerikanische Network NBC überwies allein knapp 900 Millionen Dollar.
Doch obwohl der Generalsekretär des chinesischen Bewerbungskomitees, Wang Wei, dem IOC bereits 2001 versprochen hatte, "den Medien völlige Freiheit" zu geben, sah die Realität zumindest bis Ende vergangener Woche anders aus.
In Peking und anderen Orten werden Drehgenehmigungen plötzlich zurückgezogen. Schlimmer: Polizisten oder angeheuerte Rowdys bedrohen Interview-Partner oder verprügeln sie sogar. Auch der Korrespondent der britischen Nachrichtenagentur Reuters, Chris Buckley, bekam während einer Recherche Schläge.
In einigen Fällen zwangen Polizisten Reporter, ihre Aufzeichnungen und Videobänder herauszugeben. "Es herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung", sagt ARD-Mann Graebert. "Die Nervosität der chinesischen Regierung ist gigantisch." Die Politik wird von der Angst beherrscht, etwas könnte vor und während der Spiele aus dem Ruder laufen und die verordnete Harmonie stören. Journalisten sind in den Augen der Funktionäre grundsätzlich potentielle Störenfriede, aber auch Anlaufpunkt unzufriedener chinesischer Bürger.
"Sie fürchten, dass uns Kritiker vor die Kamera springen könnten", sagt ARD-Mann Graebert, der zunächst auf Besserung gehofft hatte. Ab 1. Januar 2007 erleichterten die Behörden die Arbeitsbedingungen für Korrespondenten. Seither dürfen sie frei im Land reisen und jeden Chinesen ansprechen, ohne ihre Recherchen vorher bei örtlichen Behörden genehmigen zu lassen. Ausgenommen bleibt Tibet.
Allerdings setzen sich Lokalfunktionäre und Provinzpolizisten über die neuen Freiheiten hinweg - aus Angst vor Berichten über Dissidenten, Umweltskandale oder Demonstrationen unzufriedener Bauern. "Wir sind das Gesetz", heißt es dann, wenn die Ausländer auf die neuen Vorschriften verweisen.
Das Pekinger Außenministerium versucht zuweilen, bedrängten Journalisten zu helfen. Aber nach den Unruhen in Tibet Mitte März wurden die Regeln wieder verschärft: Alle Regionen, in denen Tibeter siedeln, sind nun de facto Sperrgebiet für Journalisten.
"Die chinesische Regierung hat bislang ihr olympisches Versprechen völliger Freiheit der Berichterstattung nicht eingelöst", sagt Jonathan Watts, Korrespondent der britischen Tageszeitung "Guardian" und Präsident des Klubs Ausländischer Korrespondenten in China, der über 400 Mitglieder vertritt und auf seiner Web-Seite in einer Rubrik "Festnahmen und Schikanen" anprangert.
"Alles, was nicht Hochglanz ist, darf man nicht drehen", klagt Graebert. Das Verbot für die ARD, von Pekinger Hochhäusern herab zu filmen, wirkt dabei noch harmlos. Ärgerlicher ist es, dass chinesische Sportler und ihre Trainer seit Monaten nicht mehr mit der Presse sprechen. Geradezu grotesk mutet es an, wenn sich ein Funktionär des chinesischen Behindertenverbandes zwar zum Gespräch mit ARD-Reportern bereit erklärt, aber dann Auskünfte über die Paralympischen Spiele verweigert.
Das IOC scheint die Probleme übersehen zu wollen. Man könnte es sich ja mit dem mächtigen Gastgeberland verderben. Dabei verpflichtet die IOC-Charta das Komitee, "ausführlichste Berichterstattung zu ermöglichen". Stattdessen preist IOC-Chef Jacques Rogge die neuen Presseregeln zwar "als bemerkenswerten Schritt vorwärts", ignoriert aber die Praxis.
Der Schein bestimmt das Bewusstsein. Verantwortlich für das opulente olympische Medienzentrum ist Xu Jicheng, ein hochgewachsener Journalist, der selbst als Basketball-Reporter an fünf Olympischen Spielen teilnahm. Jetzt versteht er sich als Dompteur einer globalen News-Meute: "Das ist ja nicht nur eine Sport-Gala", sagt er, "das ist auch ein Kampf der Medien."
Wird es zum Beispiel gelingen, Bilder von Menschenrechtsaktivisten live aus China zu senden, ohne dass ein Zensor die Übertragung unterbricht? "Kein Problem", sagt Fernando Pardo, Sportkoordinator der Europäischen Rundfunkunion (EBU). "Die Kontrolle über die Kameras im Nationalstadion hat ein internationales Team mit einem Finnen an der Spitze. Es kann kein Signal manipuliert werden. Es sei denn, die Armee greift ein."
Auch außerhalb der Stadien sollen ausländische Übertragungswagen live und ohne Zensur senden dürfen. Eine "kleine Revolution", wie der deutsche Gernot Kuntze sagt. Dem Chef der Firma China Television Service, die unter anderem für ARD und ZDF arbeitet, war es als Erstem gelungen, ein Sendefahrzeug nach China zu schaffen und etwas zu erhalten, was er im Technikerjargon "generelle Frequenzklärung" nennt.
Das heißt: Er darf ohne die sonst übliche Genehmigung von fast überall Berichte absetzen. Allerdings, so gibt Kuntze zu: "Noch ist alles Theorie." Polizisten oder Nachbarschaftskomitees können trotz aller Lizenzen Übertragungen verhindern. Sie müssen einfach Parkverbote aussprechen.
Auch der spanische EBU-Vertreter Pardo ist nicht ganz zufrieden. Offenbar aus Furcht vor spontanen Demonstrationen wehrten sich Funktionäre der Kommunistischen Partei bis vor kurzem vehement, den Tiananmen-Platz für Live-Berichte freizugeben.
Schließlich lenkten sie ein und versprachen, den heiklen Ort, an dem am 4. Juni 1989 Panzer die Demokratiebewegung niederwalzten, zumindest für einige Stunden pro Tag zu öffnen.
Allerdings: Allein Korrespondenten und Moderatoren dürfen vor die Kamera. Interviews mit Gästen - egal, ob Chinesen oder Ausländer - bleiben verboten.
ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 31/2008
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