28.07.2008

SERBIENDie Sucht des Dr. Dabic

Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic ist gefasst. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat er hoch gepokert: Statt in den Untergrund zu gehen, suchte er die Öffentlichkeit. Der Regierungswechsel in Belgrad setzte seinem Spiel ein Ende, die neue Führung bahnt sich den Weg in die EU.
Ist es möglich, für nahezu zwölf Jahre in die Anonymität zu entschwinden und doch im Grunde zu Hause zu sein? Kann man sich auf dem überschaubaren Balkan unsichtbar machen, obwohl die halbe Welt nach einem sucht? Und ist unter jenen, die man als Helfer braucht für ein Leben mit anderer Identität, denn wirklich keiner, den eine Fünf-Millionen-Dollar-Kopfprämie lockt?
Goran Kojic erinnert sich noch gut an das erste Treffen mit Dr. Dragan David Dabic, er scheint einer der wenigen gewesen zu sein, dem bei der Begegnung mit diesem Experten für Kräuter und fernöstliche Heilverfahren gewisse Zweifel kamen.
Kojic ist Herausgeber des Belgrader Magazins "Zdrav Zivot" (Gesundes Leben). Der Mann mit dem Haarknoten und dem weißen Rauschebart, so sagt er, habe auf ihn wie die Zweitausgabe von Sigmund Freud gewirkt und zugleich wie ein Bohemien: "Er kam mit schwarzem Hut in meine Redaktion und bot mir Artikel über Energie-Therapien und Strahlenschutz an, später auch über Meditation." Allerdings: Es habe drei Eigentümlichkeiten gegeben, die seien ihm aufgefallen.
Da war das Problem mit seinem ärztlichen Diplom. Dessen Vorlage habe Dabic mit der Begründung abgelehnt, es befinde sich bei seiner früheren Frau im fernen Amerika - seine Geschiedene hätte es als Rache dafür, dass er sie verlassen habe, behalten und rücke es nicht mehr heraus.
Aber da war auch sein Dialekt, der kein Belgrader Dialekt gewesen sei, erinnert sich Kojic. Dabic hatte auch dafür eine Erklärung parat: Er stamme aus der kroatischen Krajina, die bis 1995 überwiegend von serbischen Minderheiten besiedelt war. "Aber so richtig stutzig bin ich geworden, als der Besucher keine Auskunft darüber geben wollte, in welchen Kliniken er arbeite", fügt der Herausgeber hinzu.
Nachgegangen ist er all diesen Zweifeln offenbar nicht.
Auch wenn die Verwandlung im Nachhinein fast perfekt aussehen mag: Er hat gepokert, dieser Dr. Dabic, der in seinem ersten Leben Radovan Karadzic hieß und im Hauptberuf tatsächlich Psychiater war. Der dann aber in die Politik einstieg, 1992 Führer der Serben im Bosnien-Krieg wurde und damit verantwortlich für ethnische Säuberungen, grausame Konzentrationslager und den Tod Zehntausender Zivilisten.
Karadzic alias Dabic war nie wirklich abgetaucht. Er hat zwölf Jahre lang unter seinen Landsleuten gelebt, er hat als Neuropsychiater Patienten behandelt, er hat Artikel für Fachzeitschriften geschrieben, unter seinem richtigen Namen Bücher veröffentlicht und in ganz Serbien Vorträge gehalten vor erlesenem Publikum.
Nun aber, seit der mutmaßliche Kriegsverbrecher hinter Gittern sitzt, seit die Jagd nach dem einstigen Präsidenten der bosnischen Serben vorüber ist, wundert sich die Welt, wie solch ein Versteckspiel über mehr als ein Jahrzehnt gelingen kann.
Wenn der Wunder-Guru bei seiner Vorsprache in der Redaktion des "Gesunden Lebens" schon kein Diplom vorweisen konnte, vielleicht hätte damals ein Anruf bei der Ärztekammer genügt? Dort sei nie ein Dr. Dabic registriert gewesen, bekannte Serbiens Gesundheitsminister Tomica Milosavljevic vorige Woche.
Auch ein Blick ins Internet hätte den Stein vielleicht ins Rollen gebracht. Auf einer, allerdings weniger bekannten, Website hatte Dabic seinen vermeintlichen Lebenslauf eingefügt. Demnach sei er "im kleinen serbischen Dorf Kovaci, in der Nähe von Kraljevo" geboren, bevor er später nach Belgrad ging und dann zum Medizinstudium an die Moskauer Lomonossow-Universität. Kovaci liegt in Südserbien, nicht in der kroatischen Krajina.
Aber auch in den mindestens drei Belgrader Arztpraxen, in denen Dabic gewirkt hatte, fiel anscheinend niemandem etwas auf. Eine von ihnen war die Privatklinik "Nova Vita" im Vorort Rakovica, wo Direktor Milomir Kandic dem Mitarbeiter, der vergangenes Jahr fast einmal pro Woche praktizierte, einen kompetenten Eindruck bestätigte. In einer anderen Privatklinik in Belgrads Zentrum Slavija zählten zu Dabics Patienten berühmte Persönlichkeiten aus Sport und Showgeschäft. Der "Doktor" habe sogar die Rückenschmerzen eines bekannten Politikers geheilt.
Keiner dort hat etwas bemerkt; selbst seine früher so dominante und tiefe Stimme habe der Serbenführer verändert gehabt, sagen die Leute, die ihm begegneten: Sie habe brüchig geklungen, wie bei einem alten Mann.
So haben ihn auch die Gäste auf den Veranstaltungen des Magazins "Zdrav Zivot" in Erinnerung. In Smederevo, 60 Kilometer vor Belgrad, sprach Dabic vor Hunderten Zuhörern, am 28. Januar 2008 in Kikinda vor laufenden TV-Kameras, am 23. Mai wies der Bioenergetiker in Belgrad seine Zuhörer in die Kunst der "Nutzbarkeit eigener Energiereserven" ein.
Karadzic ist sich treu geblieben, er hat sich nicht versteckt. Er habe gar nicht anders gekonnt, sagt der Psychologe Leposav Kron, Direktor des Belgrader Instituts für Kriminologie: Der extrem extrovertierte Serbe habe - wie seinerzeit in seiner Hochburg in Pale - das Publikum wie Sauerstoff zum Atmen gebraucht. Er sei ein Narziss geblieben, süchtig nach Wahrnehmung, Anerkennung und Applaus. "Dieser mächtige Wunsch nach öffentlichen Auftritten, obwohl sie seiner Existenz gefährlich werden konnten, ist surreal", so Krons Kollegin Tamara Stajner-Popovic.
Deswegen auch hat er Abende wie die in seiner Lieblingsbar "Lude Kuce" (Irrenhaus) in Neu-Belgrad nicht gescheut, wo er zum Sliwowitz griff und zur Gusla, einem alten Streichinstrument, um serbische Volksweisen zu spielen. Wer konnte sich dort noch daran erinnern, dass es Karadzic gewesen war, der die Gusla einst zu einem Symbol seines Pseudo-Staates gemacht hatte, dass er sie den Politikern zu überreichen pflegte, die ihn in seiner Residenz oberhalb von Sarajevo besuchten?
Mina Minic allerdings sagt, er habe einst einen ganz anderen Dabic kennengelernt. Minic ist 78, ebenfalls Bioenergetiker und Mitglied der Russischen Akademie für Traditionelle Medizin. Er sitzt in einem zwölf Quadratmeter engen, mit Magneten und sonstigem Wundergerät vollgestopften Büro. Karadzic alias Dabic sei als Patient zu ihm gekommen, "Ende 2005", sagt Minic, er habe ihn an einen verwilderten Landstreicher erinnert. Aber er habe sofort gemerkt, dass der Mann schwer selbstmordgefährdet sei, was Dabic auch bestätigte.
Der Gefährdete verwandelte sich schnell in einen gelehrigen Schüler: "Er absolvierte in fünf Tagen die Ausbildung und erwies sich bei der Prüfung als Genie." Minic habe ihn zu seinem Assistenten gemacht und als Vertretung durchs Land geschickt, einige Monate habe der Bärtige bei ihm gewohnt. "Dann vermutete ich in ihm einen amerikanischen oder kroatischen Spion und riet ihm, sich nicht so häufig auf öffentlichen Plätzen zu zeigen."
Später wohnte Karadzic in der Belgrader Juri-Gagarin-Straße 267, Wohnung Nr. 19, Türschild: "Maksimovic" - für 350 Euro monatlich. Witterte der von aller Welt Gesuchte doch einmal Gefahr, siedelte er in eines seiner Ausweichdomizile um. Allein im vergangenen Monat soll er viermal die Wohnung gewechselt haben.
Finanziert habe er diese Unterkünfte durch den Verkauf von patentierten Magneten zur Schmerzbekämpfung und durch den Online-Shop auf seiner offiziellen Website, behauptet Karadzic-Anwalt Svetozar Vujacic. Dort bot Dr. Dabic nicht nur Amulette und Kreuze an, sondern auch Rat für alle Lebenslagen, von der Sexualstörung bis zur Depression. Sein Motto: Es gibt immer einen Ausweg.
Der Verkauf bioenergetischen Trödels dürfte kaum ausgereicht haben, das neue Leben zu bestreiten. Ihm noch immer loyale Firmen, die orthodoxe Kirche, Geheimdienstleute oder Mitglieder der Partei von Ex-Premier Vojislav Kostunica müssen behilflich gewesen sein. Womöglich hat er sich aber auch rechtzeitig selbst geholfen: Karadzic habe 1997 Banknoten im Wert von 36 Millionen D-Mark in Taschen aus der Nationalbank in Banja Luka getragen, berichtete Milorad Dodik, der heutige Regierungschef der bosnischen Serbenrepublik.
Jene, die Karadzic suchten, hätten ihn längst verhaften können, davon ist die Mehrheit der Serben überzeugt. Mindestens einige Wochen soll der Geheimdienst seinen letzten Aufenthaltsort gekannt haben. Sozialistenchef Ivica Dacic, seit kurzem Koalitionspartner und Innenminister der Regierung in Belgrad, ist sich sicher: Karadzic wurde über Monate observiert.
Dass Serbiens Präsident Boris Tadic allerdings die Amtseinführung des neuen, ihm loyalen Geheimdienstchefs Sasa Vukadinovic abwarten wollte, liegt nahe. Die geschah vier Tage vor der Verhaftung von Karadzic. Der Gesuchte soll Donnerstagabend vorvergangener Woche von Geheimdienstbeamten darüber informiert worden sein, dass er nun keinen Schutz des Staatssicherheitsdienstes mehr genieße. Danach habe sich der Psychiater sofort eine Autobuskarte nach Split reserviert, um nach Kroatien zu fahren und sich dem Zugriff der serbischen Behörden zu entziehen. Doch es war bereits zu spät.
Wo und wann der 63-Jährige festgenommen wurde, dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Anwalt Svetozar Vujacic behauptet, sein Mandant sei bereits am 18. Juli gegen 21.30 Uhr im Autobus Nr. 73 zwischen Belgrad und Batajinica verhaftet worden, nicht wie offiziell angegeben drei Tage später. Im Gepäck habe er 600 Euro gehabt - für einen Kurzaufenthalt im Badeort Vrdnik in der Vojvodina. Mittlerweile meldeten sich Zeugen, die beobachtet haben wollen, wie sechs Männer den Bus betreten und Karadzic herausgezerrt hätten - mit den Worten "Sei ruhig, alter Mann. Wir beobachten dich seit 15 Tagen schon".
Nur ein halbes Jahr hätte er noch durchhalten müssen, soll Karadzic seinem Anwalt anvertraut haben: Im Januar 2009 habe er sich ohnehin den serbischen Behörden stellen wollen. Dann nämlich - so glaubte er jedenfalls - wären nicht mehr die Juristen des Haager KriegsverbrecherTribunals, sondern serbische Gerichte für seinen Fall zuständig gewesen.
Wie aber wurde Dr. Karadzic zu Dr. Dabic? Er habe die neue Identität mit Hilfe des serbischen Geheimdienstes erhalten, bestätigte das Innenministerium. Sein Ausweis wurde am 20. April 1999 in Ruma, in der Vojvodina, ausgestellt, wo tatsächlich ein Dragan Dabic lebt - ein Bauarbeiter, der verheiratet ist, 1942 geboren wurde und zwei Kinder hat.
In Belgrad gelebt haben soll der bosnische Serbenführer nur die letzten zwei Jahre. Davor muss er ungehindert zwischen seiner wahren Heimat Montenegro, Bosnien und Serbien gependelt sein. Die Zeitung "Nedeljni Telegraf" glaubt fest daran, die CIA habe zusammen mit dem serbischen Geheimdienst für die wechselnden Aufenthaltsorte wie auch die Verhaftung gesorgt. Was besagen soll: Die ausländischen Dienste seien an der Erfassung von Karadzic lange Zeit nicht sonderlich interessiert gewesen.
Wenn er nach Den Haag gehen müsse, werde Washington erzittern, hatte Karadzic vor seinem Rückzug aus dem politischen Leben 1996 gewarnt und damit möglicherweise auf das Massaker von Srebrenica angespielt. Dort wurden im Juli 1995 von den Serben 8000 muslimische Männer umgebracht - bosnische Medien spekulieren seit langem darüber, ob es beim Angriff auf Srebrenica geheime Absprachen gegeben, die westliche Schutzmacht also bewusst nicht eingegriffen habe.
Bosniens ehemaliger Außenminister Mohammed Sacirbey behauptet, US-Vermittler Richard Holbrooke habe die bosnische Führung in Sarajevo im Frühjahr 1995 immer wieder gedrängt, die Uno-Schutzzonen Srebrenica, Zepa und Gorazde freiwillig aufzugeben - sie hätten bei einer Neuaufteilung der Republik dem serbischen Teilstaat zugesprochen werden sollen. Bosniens Präsident Alija Izetbegovic habe dies aber abgelehnt. Dass Holbrooke Karadzic für dessen späteren Rückzug aus der Politik irgendwelche Zusagen gemacht haben könnte, weist der indessen entrüstet zurück (siehe Interview).
Fest steht allerdings: Die internationale Gemeinschaft in Bosnien hat wenig Eifer bei der Suche nach Karadzic gezeigt. US-Admiral Leighton Smith, der 1995 bis 1996 die Friedenstruppe Ifor führte, war nicht der einzige Kommandeur, der einräumte, die vom Haager Tribunal Gesuchten nicht verfolgt zu haben, darunter Karadzic und seinen bis heute flüchtigen Armeechef Ratko Mladic - um die Lage in Bosnien nicht noch weiter zu destabilisieren.
Diese Gefahr scheint jetzt gebannt, auch in Serbien hielt sich der Protest gegen die Verhaftung von Karadzic vorige Woche in Grenzen. Die Auslieferung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers ans Tribunal in Den Haag werde sich für Belgrad langfristig auszahlen, glaubt der Direktor des Balkan-Fonds für Demokratie, Ivan Vejvoda. Zwar lehnte die EU vergangene Woche Handelserleichterungen für Serbien ab - wegen des Einspruchs der Niederländer und Belgier. Tritt aber Serbiens Assoziierungsabkommen mit Brüssel in Kraft, sind kräftige Finanzhilfen zu erwarten.
Karadzic will sich wie Slobodan Milosevic selbst verteidigen vor jenem Tribunal, das er einst dem SPIEGEL gegenüber als "Schande für die internationale Staatengemeinschaft" bezeichnete. Sein Bart sei bereits ab, berichtete Anwalt Vujacic, den Wunderheiler Dabic gebe es nicht mehr.
Vielleicht taucht bis Prozessbeginn ja ebenfalls Karadzics Militärchef Mladic im Gefängnis von Scheveningen auf. Nach dem Erfolg der vorigen Woche wird sich Serbiens Präsident Boris Tadic womöglich auch noch des letzten Stolpersteins auf dem Weg in die EU entledigen wollen.
RENATE FLOTTAU, CHRISTIAN NEEF
Von Renate Flottau und Christian Neef

DER SPIEGEL 31/2008
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