28.07.2008

SCHRIFTKUNDESesam im Sandmeer

Das sagenhafte Timbuktu, einst Standort der südlichsten islamischen Universität, birgt Abertausende vergessene Handschriften aus dem Mittelalter. Jetzt werden die Wüsten-Manuskripte ausgewertet - ein Vorstoß ins literarische Herz Afrikas.
Verschnürte Papierstapel liegen auf Tischen und staubige Lederkassiber, bedeckt mit altarabischen Buchstaben. Bei 41 Grad Hitze blättert ein Farbiger in blauer Muslimtracht in einem abgewetzten Folianten, andere reparieren emsig mürbe Seiten.
Timbuktu, Mali: In einem der ärmsten Staaten der Welt wird ein verblüffendes Projekt durchgeführt. Fachleute öffnen am Südrand der Sahara einen verwunschenen Sesam, gefüllt mit Hunderttausenden uralten Dokumenten.
Mehr als 20 000 Handschriften lagern allein in der Ahmed-Baba-Bibliothek: Werke über Pflanzenmedizin und Mathematik, vergilbte Bände über Poesie, Musik und islamisches Recht. Auf einigen prangen goldene Lettern, andere sind in der Sprache der Tuareg verfasst. Keiner kennt den Inhalt.
Auch im Umland von Timbuktu sind Handschriften-Häscher unterwegs. Sie steigen in dunkle Lehmkeller und auf Dachböden. 24 Sammlungen in Familienbesitz wurden bislang in der Region entdeckt. Die Schwarten stammen zumeist aus dem Spätmittelalter. Damals war Timbuktu Knotenpunkt der Karawanen. Goldhändler und Gelehrte lebten dort. Es gab eine Uni mit 20 000 Studenten. "Die Schätze der Weisheit sind nur in Timbuktu zu finden", lautet ein Sprichwort.
Doch das Vermächtnis der Oase, geschrieben mit Tinte aus Galläpfeln, beginnt zu verblassen.
Rund ein Dutzend wissenschaftliche Institutionen sind derzeit mit der Rettung und Auswertung der Dokumente beschäftigt. Franzosen bauen eine Datenbank auf, die USA stifteten ein Gerät zur Digitalisierung der schadhaften Zettel. Oslo und Bergen bilden Einheimische zu Konservatoren aus.
In einem Buch hat der federführende Kapstadter Historiker Shamil Jeppie nun einen Zwischenstand vorgelegt*. Die Kolonialisten Europas hätten die "geistige Geschichte Westafrikas" verdrängt, schreibt er, nun gehe es um die Wiederentdeckung jener Stätte, die manchen bereits als "schwarzes Oxford" gilt.
Das verblüfft. Bislang stand Timbuktu schlicht fürs Nirgendwo. 1825 gelang einem Europäer der beschwerliche Weg hinab zum Nigerbogen, südlich der Sahara. Halbtot, mit leerem Wasserschlauch erreichte er die Oase. Kurz danach lebte er überhaupt nicht mehr - ermordet. Timbuktu war tabu. Kein Christ durfte es betreten.
Bis heute gestaltet sich die Anreise schwierig. Von August bis Februar schaukeln Pinassen den Niger-Fluss empor und landen im zehn Kilometer entfernten Hafen Kabara. Sanddünen ragen fast bis in die Vororte. Der Wüstenwind Harmattan ist erholsam wie Drachenatem.
Und doch liegt auf der Altstadt ein merkwürdiger, schwerer Zauber. Moscheen mit wulstigen Minaretten ragen dort empor, auch prächtige Bürgerhäuser. Sie haben Würfelform und fast meterdicke Wände. Geformt ist alles aus Lehm - wie Adam und der Golem.
Nach 1880 sei Mali von der französischen Kolonialarmee überrollt worden, erklärt ein Mitarbeiter der Ahmed-Baba-Bibliothek: "Sie gönnte uns die Manuskripte nicht und wollte sie stehlen." Also habe man sie versteckt.
Nun sind die Häscher unterwegs. Auch bei Ismael Haidara, einem Historiker, der von westgotischen Vorfahren und Urwald-Königen aus Südmali abstammt, wurden sie fündig. Der Privatmann hortet über 2000 Papierbündel, durchgereicht durch elf Generationen. "Hier ist unsere Familiengeschichte", sagt er und zeigt auf einen Lederschuber von 1519.
Der Osloer Arabist Albrecht Hofheinz vermutet, dass sich in Mali bis zu 300 000 verschollene Manuskripte befinden. Insektenstiche verfärben die Seiten. "Das Papier zerfällt, verschimmelt oder wird von Termiten gefressen", klagt er. Eile ist geboten. Mit dem digitalen Fotostudio, das die Universität von Chicago geliefert hat, werden einige der Bände abgelichtet. Bis zum Jahresende sollen die ersten Texte im Netz verfügbar sein (www.aluka.org).
Die astronomischen Schriften werden bereits inhaltlich ausgewertet. "112 Texte zur Sternenkunde wurden bislang entdeckt", erklärt die Wissenschaftshistorikerin Petra Schmidl aus Frankfurt am Main. Kalenderrechnungen sind darunter, Astrologisches und eine Darstellung des ptolemäischen Weltsystems.
Gespannt sind die Forscher nun auf jene zerfledderten Archivalien, die Berichte über die alten Oasen- und Nomadengesellschaften enthalten. Zudem liegen Warenlisten der Karawanen vor. Fällt endlich Licht auf den geheimnisvollen Karawanenhandel?
Fragen zum Transfer im Treibsand gäbe es genug. 2000 Kilometer weit erstreckt sich die größte Wüste der Erde von Nord nach Süd. Wie gelang der Durchmarsch? Die Zielorte in Ghana und an der Elfenbeinküste sind archäologisch überhaupt noch nicht erschlossen.
Dafür liegen neue Befunde aus der Sahara vor. Eine uralte Infrastruktur tut sich dort auf. Mitten im Sandmeer wurden Kruglager aufgespürt und Orte, gespeist von unterirdischen Wasserschächten. In der Oase Essouk in Nordmali kamen Wüstenpaläste der Tuareg zutage.
Die Eroberung der lebensfeindlichen Trockenzone, so viel ist klar, gelang erst den Arabern. Roms Legionen hatten sich nur bis an die Ränder der Wüste vorgewagt. Die Söhne Mohammeds drangen weit tiefer vor.
Bereits um das Jahr 800 lässt sich maurischer Einfluss in Ghana nachweisen. Dort im Urwald fanden sich die unermesslichen Goldlagerstätten. Ihre Eigner, die Soninke-Könige, standen einem Reich vor, das bis zum Senegal reichte.
Aus arabischen Berichten ist bekannt, dass die schwarzen Herrscher in Zelten
thronten, bewacht von großen Hunden, die Halsbänder und Schellen aus Gold und Silber trugen. Der arabische Geograf al-Bakri erzählt, dass einer der Könige 200 000 Soldaten unter Waffen hielt.
Kolanüsse, Elfenbein, Baumwolle und Halbedelsteine hatte das Land zu bieten. Heimische Händler luden die Ware auf Frachtschiffe und brachten sie zunächst auf dem Niger nach Timbuktu. Dies war die Startrampe in die Wüste.
Kamele standen an den Tränken der Stadt. Araber lebten dort, helle Berber und Dunkelhäutige vom Stamm der Malinke. Die Oase roch nach Hammeldung und frischen Gewürzen, von den Minaretten riefen Muezzins. Und überall blitzte das Handelsgut Gold - als Staub, Nuggets und faustgroße Klumpen.
Malis Großkönig Kankan Mussa, der 1324 mit einem prunkvollen Gefolge über Kairo nach Mekka wallfahrtete, warf so freigebig mit dem Edelmetall um sich - er hatte zwei Tonnen dabei -, dass am Nil die Preise einbrachen. Bis nach Europa gelang die Kunde vom reichen "Negerfürsten". Eine katalanische Weltkarte zeigt ihn mit Wulstlippen und Zepter.
Begeistert von den Palästen des Orients, nahm Kankan auf der Rückreise einen Architekten mit. Der ahmte für ihn in der Heimat die arabischen Moscheen in Lehm nach. Es entstanden Gebilde wie aus Knetgummi. Das Gotteshaus Djingerber von Timbuktu mit seinen zuckerhutförmigen Türmen steht bis heute.
Größer noch ist die Moschee im nahe gelegenen Djenné - eine Mischung aus Zauberschloss und Termitenhügel. Wenn die Außenfassade nach der Regenzeit rissig ist, treten Hunderte Helfer alljährlich zu einer Art Volkssport an, der zugleich Gottesdienst ist: Behende klettern die Männer an den Holzstacheln empor und verschmieren den Bau mit frischem Schlamm.
Von derlei Brauchtum (das im vergangenen Jahr erstmals von der US-Ethnologin Susan Vogel gefilmt wurde) wusste in Europa lange niemand. Wer nach Timbuktu wollte, musste bei Temperaturen von bis zu 55 Grad Celsius schier endlose vulkanische Schotterfelder und Geröll-Plateaus durchwandern. Südlich von Mursuk, der berüchtigten Sklaven-Oase, gähnt eine einzige flimmernde Sandmulde, rund 90 000 Quadratkilometer groß.
Wer sich dort verirrte, wurde zerkocht.
Gelingen konnte der Trip durch die Einöden nur, weil den Arabern das Kamel zur Verfügung stand. Das Tier kann 200 Liter Wasser auf einmal saufen, seine Nieren entziehen noch dem Harn viel Wasser. Hinzu kam die Hilfe der Tuareg, die auf den Höhenrücken der Zentralsahara lebten.
Selbst dort, umgeben von hyperariden Sandpfannen, Basaltschloten und Felsnadeln, war Leben möglich. Die Tuareg bohrten tiefe Brunnen. Zudem ließen sie - von schwarzen Sklaven - lange unterirdische Kanäle mit schwacher Neigung ausheben. Diese führten Grundwasser heran.
Im Wadi al-Hayat in Libyen haben die Archäologen ein unglaubliches Schachtsystem von bis zu 20 000 Kilometer Länge nachgewiesen.
Derlei hydraulische Wunderwerke ließen die Wüste ergrünen. Früchte sprossen auf den Feldern der Tuareg. In Essouk speisten sie Gazellen und getrockneten Flussbarsch, herangeschafft vom 240 Kilometer entfernten Niger. Mursuk mit seiner großen Sklavenbörse besaß eine wuchtige Stadtmauer mit sieben Toren - mitten in der Sahara.
Ohne die Tuareg mit ihren blaugefärbten Tüchern lief allerdings nichts. Es war dieses Volk, das die Trecks ausrüstete und zu den Wasserstellen führte. Zuweilen ging die Hilfe allerdings in Erpressung und Plünderung über. Auch Timbuktu wurde mehrmals überfallen.
Nur zu gern würden die Forscher mehr darüber wissen, wie das Geschacher ablief und wie die Gewinne zwischen den Völkerschaften aufgeteilt wurden. Kairo schickte im Spätmittelalter pro Jahr 12 000 Kamele nach Mali. Zu verdienen gab es genug.
Vor allem an den Sklaven. Angetrieben von Peitschenhieben wurden sie durch die Hitze getrieben. "Nur die Jüngsten und Kräftigsten überlebten den zweimonatigen Wüstenmarsch und erreichten als wandelnde Skelette den Fezzan, wo sie aufgefüttert wurden", schreibt der Grazer Geograf Hans Weis.
Auf diesen qualvollen Wegen drang auch der Koran nach Schwarzafrika vor. In seiner Blütezeit hatte Timbuktu 180 Koranschulen. "Es entstand eine große Bibliothek, in der man die fundamentalen theologischen und philosophischen Werke kopierte", erklärt der Afrikakenner Thomas Krings aus Freiburg.
Damals entstanden jene Dokumente, die nun als brüchige Kladden in Mali zum Vorschein kommen. "Viele Leute halten Timbuktu für das Ende der Welt", meint Mahamoudou Baba Hasseye, Besitzer einer kostbaren Privatbücherei, "aber es war ein wichtiges Zentrum islamischer Gelehrsamkeit."
Schönschreiber waren einst in der Wüste am Werk. In Timbuktu liegen Papiere mit Goldlettern, aber auch seltsame Schriften, die in den Eingeborenen-Sprachen Songhai und Fulfulbe verfasst sind.
Gerettet sind die Schätze noch lange nicht. In den Buchstuben liegen Fetzen und Schnipsel herum, die Urkunden zerbröseln. Die Regierung von Südafrika hatte Timbuktu schon vor Jahren eine Bibliothek versprochen. Geschehen ist nichts.
Immerhin sind genug Retter vor Ort. Die Aktion am "äußersten Rand der islamischen Wissensgemeinde" (Schmidl) läuft - und erfüllt die Afrikaner mit Stolz.
"Immer wieder ist der schwarze Kontinent als kulturell minderwertig eingestuft worden", meint Essop Pahad, Minister im Präsidialamt aus Pretoria. "In Timbuktu beweisen wir das Gegenteil."
MATTHIAS SCHULZ, ANWEN ROBERTS
* Shamil Jeppie, Souleymane Bachir Diagne (Hg.): "The Meanings of Timbuktu". HSRC Press, Kapstadt; 376 Seiten; etwa 50 Euro.
Von Matthias Schulz und Anwen Roberts

DER SPIEGEL 31/2008
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