11.08.2008

GEORGIENAngriff in den Bergen

Bestürzt schaut die Welt in den Kaukasus: Präsident Saakaschwili lässt seine Armee in die abtrünnige Republik Südossetien einmarschieren, und deren Schutzmacht Russland schlägt mit Panzern und Flugzeugen zurück. Droht ein heißer Krieg um eine Region, in der gerade 75 000 Einwohner leben?
Die Flagge Südossetiens zeigt Berge wie eine uneinnehmbare Festung und einen Schneeleoparden, der wehrhaft seine Tatze hebt. Als berühmtester Sohn des kriegerischen Volkes galt jener Mann, dessen Name allein schon Angst verbreitete: Stalin.
Das schreckte den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili nicht ab, als er in der Nacht auf Freitag vergangener Woche seine Armee zum Sturm auf Zchinwali antreten ließ, die Hauptstadt der nach Unabhängigkeit strebenden Südosseten - mitten auf georgischem Gebiet. Wochenlang hatte es schon Scharmützel untereinander gegeben, und am Abend hatte Saakaschwili noch eine Feuerpause verkündet. Gegen Mitternacht aber schlug er los - "um die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen", wie ein hoher General verkündete.
Binnen Stunden sollen georgische Einheiten mit Raketen und Kampfflugzeugen ganze Straßenzüge von Zchinwali in Schutt und Asche gelegt haben. Der "Präsident" von Südossetien, Eduard Kokoiti, ein ehemaliger Freistilringer, bezifferte die Zahl der Toten Freitagabend auf 1400 und beklagte ethnische Säuberungen. Saakaschwili aber kündigte die Generalmobilmachung von 100 000 Reservisten an.
Es dauerte nicht lange, da schlug die Schutzmacht der Osseten mit der ganzen Wucht ihrer Militärmaschine zurück: Russland schickte zwei Panzerkolonnen seiner 58. Armee nach Zchinwali, um Saakaschwilis Verbände abzudrängen, Suchoi-Jäger bombardierten georgische Stützpunkte in der Nähe von Tiflis und den Schwarzmeerhafen Poti - weitab des eigentlichen Konfliktgebiets; Georgien wiederum meldete den Abschuss von vier Kampfflugzeugen über eigenem Gebiet.
In der südossetischen Hauptstadt gelang nur wenigen der etwa 25 000 Einwohner die Flucht, die meisten verbargen sich in den Kellern ihrer ärmlichen Häuser. Im Zentralkrankenhaus operierten die Ärzte auf den Gängen, der an der Wolga urlaubende russische Präsident Dmitrij Medwedew flog zur Krisensitzung des Nationalen Sicherheitsrats nach Moskau zurück.
Von einem "hinterlistigen Angriff" sprachen die Russen, von einem "Krieg auf unserem eigenen Territorium" die Georgier. Als im fernen Peking die Olympiagäste George W. Bush und Wladimir Putin aufeinandertrafen, bestätigte der russische Premier, am Kaukasus habe der Krieg "faktisch eben begonnen" - und kündigte in gewohnt markiger Manier "Vergeltung" an. In New York beriet der Uno-Sicherheitsrat, aus Brüssel teilte die Nato "ernstliche Besorgnis" mit.
Tritt tatsächlich ein, was Putin auf chinesischem Boden orakelte, hätte es die Welt mit dem ersten heißen Krieg zwischen Russland und einem sowjetischen Nachfolgestaat zu tun, und das nur 3000 Kilometer von Europas Hauptstadt Brüssel entfernt.
Aber selbst wenn sich die Lage vorübergehend wieder beruhigen sollte: Ausgerechnet am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele drängte jäh ein Konflikt auf die Tagesordnung der Weltpolitik, der von Amerikanern und Russen zwar lange geschürt worden ist, an dessen Ausbruch aber weder Washington noch Moskau Interesse haben konnten. Und alles dreht sich um ein Gebiet, das nur anderthalbmal so groß wie das Saarland und bar jeder Reichtümer ist.
Nur geht es in Wirklichkeit weniger um Zchinwali, es geht um die einstigen Kontrahenten des Kalten Krieges - seit Ende der Sowjetunion standen sie sich nirgendwo mehr so feindlich gegenüber wie jetzt im Kaukasus. Die von Moskau umsorgten Südosseten und die von US-Beratern auf Zack gebrachten Georgier sehen sich als erbitterte Feinde. Für die Russen ist Ossetien seit der Zarenzeit ein wichtiger strategischer Stützpunkt kurz vor der türkischen und der iranischen Grenze. Die Amerikaner aber hofieren Georgien, weil es aus ihrer Sicht ein Sperrriegel gegen den Einfluss Moskaus im Südkaukasus ist, zudem ein wichtiges Transitland für jenes Öl, das vom Kaspischen Meer ins türkische Ceyhan gepumpt wird - und ein möglicher Stützpunkt bei der Einkreisung Teherans.
Dass sie einst Schlagzeilen machen würden, hätten die Osseten vor 20 Jahren nicht gedacht. Sie gehörten zu den Verlierern, als beim Zusammenbruch der Sowjetunion vormals unterdrückte Völker ihre Freiheit zurückerhielten. Die Osseten wurden geteilt, der Norden blieb bei Russland, der Süden zählt seit 1992 völkerrechtlich zum unabhängig gewordenen Georgien. Doch die international nicht anerkannte "Republik Südossetien" sagte sich von Tiflis los. Als der georgische Autokrat Zwiad Gamsachurdia Anfang der neunziger Jahre versuchte, jegliche Eigenständigkeit der Südosseten zu unterdrücken und Freischärler nach Zchinwali schickte, flohen Zehntausende der zuvor 160 000 Osseten zu ihren Verwandten in den russischen Nordteil.
In dem zweieinhalb Jahre währenden Krieg starben auf beiden Seiten etwa tausend Menschen, Zehntausende Georgier wurden vertrieben. Dann aber schlossen Kreml-Chef Boris Jelzin und Gamsachurdias Nachfolger, der frühere Sowjet-Außenminister Eduard Schewardnadse, einen Waffenstillstand. Der wurde zwar gelegentlich gebrochen, hielt aber im Wesentlichen bis vergangene Woche.
Bei einem Referendum im November 2006 hatten allerdings 99 Prozent der Südosseten bereits für die Unabhängigkeit von Georgien gestimmt, die meisten besaßen zu dieser Zeit längst einen russischen Pass. So konnte Präsident Medwedew vergangenen Freitag den unverhüllten Einmarsch seiner Armee ins Nachbarland damit rechtfertigen, es gehe darum, "Leben und Würde der russischen Bürger zu schützen, wo auch immer sie leben".
Der Neue im Moskauer Kreml befindet sich seit Freitag in einer heiklen Situation. Gerade mal drei Monate im Amt, ist er daheim in Russland als "Weichei" verschrien; 36 Prozent der Russen halten noch immer Putin für den eigentlichen starken Mann. Putin auch war es - obwohl inzwischen nur noch Premier -, der in diesen drei Monaten immer wieder außenpolitisch zu punkten verstand, nicht etwa Medwedew. Ein jubelnder Saakaschwili in Zchinwali, das wäre Medwedews vorzeitiger politischer Tod.
So wird er weiterführen, was Putin einst begann. Da sei ein "Präzedenzfall" geschaffen worden, hatte der frühere Kreml-Chef immer wieder betont, als die USA, Großbritannien und andere Nato-Staaten im Februar die frühere serbische Provinz Kosovo als unabhängig anerkannten. Das gleiche Recht könnte sich nun Moskau gegenüber Südosseten und den Abchasen herausnehmen, die ebenfalls auf Unabhängigkeit drängen. Demonstrativ bauten die Russen ihre Unterstützung für die beiden abtrünnigen Provinzen aus. Die schnelle Eroberung Zchinwalis schien für Saakaschwili in jenem Moment in weite Ferne zu rücken.
Der Westen wusste mit diesem Spiel des Kreml nie richtig umzugehen, auch von der Eskalation am vorigen Freitag wurde er überrascht. Tage zuvor erst hatte Washington zeitgleich mit Moskau verkündet, einen Krieg in der Region auf jeden Fall verhindern zu wollen. Andererseits: Sowohl die Amerikaner wie auch die Nato hatten gegenüber den Russen immer wieder auf die "Bewahrung der territorialen Integrität Georgiens" gepocht - was eben hieß, Südossetien wie auch Abchasien gehörten nun einmal zum Saakaschwili-Staat. Nur hatten sie wohlweislich nie gesagt, wie die Rückholung der abgesonderten Gebiete zu bewerkstelligen sei. So hatte das Thema Kaukasus in Nato und Europäischer Union zuletzt wie ein Spaltpilz gewirkt.
Während die osteuropäischen EU-Mitglieder immer wieder Solidarität mit Tiflis einforderten, der estnische Außenminister zum Entsetzen seiner westeuropäischen Kollegen sogar von einer EU-Truppe für den Kaukasus sprach, sperrten sich die Franzosen gegen jegliches Engagement zugunsten der Georgier. Die Deutschen wählten den Mittelweg: Sie versuchten, in der umkämpften Region zu vermitteln, klammerten die Statusfrage der umstrittenen Gebiete vorerst aber aus.
Unübersehbar wurde der Streit Anfang April. Als Präsident George W. Bush Georgien auf dem Nato-Gipfel in Bukarest in den "Action Plan for Membership" des westlichen Verteidigungsbündnisses aufnehmen wollte, eine Vorstufe zur Nato-Mitgliedschaft, verweigerten ihm zehn Mitgliedsländer die Gefolgschaft - darunter Deutschland, Frankreich und Italien. Die Aufnahme der Georgier sei wegen der Konflikte in Abchasien und Südossetien problematisch, argumentierten sie. Was besagen sollte: Wir sind nicht bereit, für Georgien einzustehen, wenn laut Artikel 5 des Nato-Vertrags einmal der gemeinsame Verteidigungsfall eintreten sollte.
Es war vielleicht das falsche Signal für den Kaukasus, denn von diesem Moment an nahmen die Spannungen weiter zu. Moskau fühlte sich in seiner Position ermutigt und nahm nun sogar quasi-offizielle Beziehungen zu den abtrünnigen Provinzen auf - für die Georgier eine De-facto-Annexion.
Die Nato-Entscheidung sei ein Fehler, beschwerte sich der damalige Außenminister David Bakradze, tief verärgert zog Tiflis seine Truppen aus dem Kosovo ab. Europa müsse endlich beweisen, "ob es für seine Werte steht", forderte Saakaschwili bei einem Besuch in Berlin, am Kaukasus stehe die gesamte Sicherheitsordnung Europas auf dem Spiel. Denn: Russland betreibe eine Politik der Umverteilung, und Georgien sei nur der Anfang. "Morgen ist es die Ukraine, dann die baltischen Staaten, Polen", prophezeite Georgiens Präsident - und wandte sich einmal mehr den Amerikanern zu.
Die sind dem 40-jährigen Heißsporn seit dessen Studienzeit an der Columbia University in New York eng verbunden und erst recht seit seiner Machtübernahme nach der "Rosenrevolution" 2003. Der heutige Präsidentschaftsbewerber John McCain (der Russland gern aus der G-8-Gruppe entfernen würde) hatte Saakaschwili damals eigens eine kugelsichere Weste nach Tiflis gebracht, und der bezeichnet den Republikaner seither als "persönlichen Freund".
Die Amerikaner haben in den vergangenen Jahren die georgische Armee aufmunitioniert und mit über 30 Millionen Dollar jährlich unterstützt, dazu auch einen großen Teil der Soldaten trainiert. Gut 30 000 Mann zählt die Saakaschwili-Truppe jetzt, das Militärbudget ist 30-mal so groß wie zur Amtszeit von Präsident Schewardnadse. Erst im Juli trafen sich 1000 US-Soldaten und 600 georgische Infanteristen zum Manöver "Immediate Response" (direkte Antwort). Offizielles Ziel: die Vorbereitung eines Afghanistan-Einsatzes; in Wirklichkeit sah das Szenario die Bekämpfung russischer Freiwilliger vor, die im Ernstfall den Separatistenregimen in Abchasien oder Südossetien zu Hilfe kommen würden.
Genau das könnte nun passieren: Meldungen, die ersten russischen Patrioten seien Richtung Südossetien unterwegs, machten Freitagabend die Runde - zu einer Zeit, als die Welt noch darüber rätselte, was den georgischen Präsidenten zu seinem Militärschlag bewogen haben könnte.
Hat er seine Truppen in der Hoffnung losgeschickt, noch vor Ende der Amtszeit von George W. Bush amerikanische Rückendeckung für die Heimholung der verlorenen Provinzen zu erhalten? Und hat er sich möglicherweise verrechnet - weil er darauf baute, der Nachbar im Norden hole nicht gleich den großen Knüppel aus dem Sack?
Fest steht: Die Wiedereingliederung Südossetiens und Abchasiens war Saakaschwilis wichtigstes Wahlversprechen an die Georgier. Und die Befriedung dieser Provinzen ist, auch das weiß er, eine Voraussetzung für sein Land, um international zu reüssieren.
"Es geht nicht mehr nur um Georgien, es geht um Amerika und seine Werte", appellierte der Staatschef am Freitag in einer Live-Zuschaltung auf dem US-Sender CNN: "Wir sind ein freiheitsliebendes Land, das derzeit angegriffen wird."
Ganz unschuldig schien er aber nicht daran. CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP
Von Christian Neef und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 33/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEORGIEN:
Angriff in den Bergen

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • SPIEGEL TV heute: Wahlkampf bizarr - Unterwegs mit der AfD
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie