11.08.2008

AuslandBarfuß an der Bar

Global Village: Der neue Airbus startet zum Jungfernflug über den Atlantik - er schafft Globalisierer aus Asien und Afrika von Dubai nach New York.
Nach zwölfeinhalb Stunden Flugzeit schmeckt der eine Bordeaux genau wie der andere. Alle Sitzpositionen sind durchprobiert, keine ist wirklich bequem. Und selbst der spannendste Film verliert seinen Reiz, wenn man nur den Arm ausstrecken muss, um auf den Bildschirm zu tippen, und 190 andere zur Auswahl hat. Luxus und Überdruss sind nahe Verwandte. Im neuen Airbus A380 werden sie oft zusammen unterwegs sein.
Wie schön, dass Emirates, die erste Airline, die den A380 über den Atlantik fliegt, an der altmodischen Idee mit der Bar festgehalten hat. Eine halbe Stunde nach dem Abflug in Dubai, die Maschine hat gerade iranischen Luftraum erreicht, tritt Barkeeper Tobias Sears, 23, an die Theke und beginnt mit dem Ausschank. Als er kurz vor dem Anflug auf New York seine Bar wieder schließt, muss er die Leute aus ihren Unterhaltungen reißen und sie auf ihre Sitze in der Business- Class zurückschicken - Sitze, in denen man wahlweise fernsehen, schlafen oder sich massieren lassen kann.
"Ich ziehe die Süße des Gesprächs vor", sagen Araber, gibt man ihnen zu viel Zucker in den Tee. Nicht der Schnickschnack ist der wahre Genuss des Reisenden - die interessanten Mitreisenden sind es.
Tobias, der australische Barkeeper und Cocktail-Spezialist, mixt Wodka-Orange und stellt Nüsse auf den Tresen. Fast 10 000 Stewards und Stewardessen hätten sich für den ersten regulären A380-Flug nach New York beworben, erzählt er, 24 Plätze waren zu vergeben. "Es hat sich ausgezahlt, dass ich in zwei Jahren keinen einzigen Tag gefehlt habe."
Sein Programm diese Woche: drei Tage New York, zwei Tage San Francisco, zwei Tage Los Angeles und dann zurück nach Dubai. Emirates, eine arabische Airline, stellt sich an ihren neuen Zielorten in Amerika vor. Ein Vorgang, in dem viel Politik und Symbolik stecken.
Der doppelstöckige Superjumbo, der die US-Werbetour macht, kommt aus Europa, aber keine europäische oder amerikanische Airline hat bislang so ein Flugzeug.
Nach Houston fliegt Emirates schon länger - dort hatte bis vor kurzem der Ölmulti Halliburton seinen Hauptsitz; inzwischen hat er ihn in Dubai. Auch nach São Paulo fliegt die Airline schon seit einem halben Jahr. Im Schatten von China und Indien ist Brasilien der dritte Globalisierungsgewinner.
Nun geht es bald auch an die amerikanische Westküste, nach San Francisco und Los Angeles. Die Nonstop-Flüge aus Dubai werden fast 17 Stunden dauern, noch mal vier Stunden länger als nach New York. Der A380 mag dafür gebaut sein. Aber der Mensch? Wer braucht solche Flüge, die nie zu enden scheinen, über zehn Zeitzonen hinweg?
Chris Iheanacho, 51, aus Nigeria steht barfuß an der Bar. Seine Hosenbeine sind zu kurz, sein Hemd verschwitzt, die Visitenkarten zerknittert. Er sieht nicht aus wie die Männer aus der Vielflieger-Werbung, aber er hat mehr Meilen auf dem Buckel als die meisten hier: Er arbeitet für einen Ausstatter von Erdölanlagen in Lagos, einmal jeden Monat fliegt er nach China, einmal nach Indien, einmal in die USA. "Dubai liegt genau im Schnittpunkt meiner Routen", sagt er. "Europa wäre nur ein Umweg."
Leo Ohanian, 38, gebürtiger New Yorker, ist Pharma-Unternehmer, hat sich in Dubai niedergelassen und muss oft nach Indien. "Wir haben ein Insulinspray erfunden", sagt er. "In Indien leben 40 Millionen Diabetiker. Das sind mehr, als andere Länder Einwohner haben." Ohanian wollte unbedingt auf diesem Jungfernflug dabei sein, er hat mehr als 4000 Euro dafür bezahlt.
Mona al-Aidarus, 23, eine Studentin aus Abu Dhabi, liegt zusammengerollt auf ihrem Economy-Sitz, der Trubel ist ihr peinlich. Sie hat erst beim Boarding bemerkt, dass dieses Flugzeug anders ist als sonst immer. Mit ihrem Mann lebt sie in Pittsburgh, Pennsylvania, aber ihre Familie erwartet, dass sie so oft wie möglich nach Hause kommt.
Tim Clark, 58, Brite mit Wohnsitz in Dubai, hat den Sitzplatz 6A, das ist im Oberdeck, First Class. Als er an der Bar erscheint, versammeln sich gleich ein paar Leute um ihn. Mr. Clark ist ein besonders interessanter Mitreisender. Er ist der Vorstandschef von Emirates.
Okay, Airbus habe sich mit dem A380 um fast zwei Jahre verspätet, sagt er, aber was solle er den Europäern deswegen heute noch böse sein. Inzwischen habe die Luftfahrt viel ernstere Probleme: den Ölpreis zum Beispiel. "Ich hoffe, nächstes Jahr sind wir wieder zwischen 60 und 80 Dollar pro Fass", meint er und sieht sich in der Lounge nach einem Stück Holz um, auf das er klopfen könnte. Vergebens. "Alles Imitat, könnt ihr mir glauben."
Vieles habe seine Airline in 23 Jahren überstanden - den Irak-Iran-Krieg, Saddams Invasion in Kuweit, den 11. September, Bushs Einmarsch im Irak. Eine ganz andere Dimension aber hätte es, wenn es jetzt zu einem Krieg mit Iran käme.
"Mancher im Westen redet sich ein, das ließe sich als lokal begrenzter Konflikt abwickeln", sagt Clark. "Aber das ist ein Irrtum. Wenn die Straße von Hormus erst einmal dicht ist, wird der Ölpreis über Nacht bei 400 Dollar stehen." Ein Hauch von Apokalypse weht durch die Business- Class. Empfindliche Region, diese Gegend um Dubai.
Als die Maschine - nur zwei Minuten später als angekündigt - auf dem John-F.- Kennedy-Flughafen landet, stehen Hunderte Schaulustiger an der Rollbahn.
"Die Feuerwehr von New York wird uns gleich mit einem Wasserstrahl taufen", lautet die letzte Durchsage des Ersten Offiziers: "Seien Sie unbesorgt. Das wird ein Zeichen der Gastfreundschaft sein."
Lange her, dass Araber in New York so herzlich begrüßt wurden. BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 33/2008
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