11.08.2008

SPIEGEL-GESPRÄCHDer Dealer Olympias

Angel Heredia, einstiger Drogenbeschaffer und nun Kronzeuge der US-Justiz, über die Machtlosigkeit der Fahnder, die Motive betrügender Sportler und die Mittel der Zukunft
Zwei Jahre lang hatte er sich unter falschem Namen in einem Hotel in Laredo, Texas, versteckt, dann fand ihn die amerikanische Bundespolizei FBI doch. Ob er einen Trainer namens Trevor Graham kenne, ob er den Spitznamen "Memo" trage, was er über Doping wisse, das wollten die Agenten von Angel Heredia wissen. "Nein", "nein", "nichts", das waren seine Antworten, aber dann legten die Agenten die Abschriften der 160 abgehörten Telefongespräche auf den Tisch, die E-Mails auch und die Kontoauszüge, und Angel "Memo" Heredia wusste, dass er verloren hatte. Er entschied sich zur Mitarbeit, und er wusste auch, er würde nur eine Chance haben, wenn er nicht lügen würde, kein einziges Mal. "Er sagt die Wahrheit", das sagt heute einer der Ermittler über Heredia.
Angel Heredia, 33, geboren in Mexiko City, war Diskuswerfer, er ist der Sohn eines Chemieprofessors. Neun Jahre lang versorgte er die Weltelite der Leichtathletik, jedenfalls die aus den USA, Jamaika, den Bahamas und Mexiko, mit Drogen aller Art. Die Aussagen des Kronzeugen Heredia überführten unter anderen Marion Jones, die 100-Meter-Olympiasiegerin von Sydney.
SPIEGEL: Mr. Heredia, werden Sie sich das 100-Meter-Finale von Peking ansehen?
Heredia: Natürlich. Aber einen sauberen Olympiasieger werden wir nicht erleben. Nicht mal einen sauberen Teilnehmer.
SPIEGEL: Von acht Läufern ...
Heredia: ... werden acht gedopt sein.
SPIEGEL: Beweisen kann man das nicht.
Heredia: Es ist ohne jeden Zweifel so. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden sind die Drogen.
SPIEGEL: Können Drogen aus jedem Menschen einen Weltrekordler machen?
Heredia: Nein, das ist der Irrglaube: "Du wirfst heute etwas ein und morgen fliegst du." Im wahren Leben musst du unfassbar hart trainieren und sehr begabt sein und ein perfektes Team aus Trainern und Betreuern haben. Und dann machen die besten Drogen den Unterschied aus. Es ist alles eine große Komposition, eine Symphonie. Alles ist mit allem verbunden, verstehen Sie, und Drogen wirken dabei auf lange Sicht: Sie sorgen dafür, dass du dich erholen kannst, dass du die katabolischen Phasen vermeiden kannst. Volleyball am Strand mag gesund sein - Spitzensport ist nicht gesund. Du zerstörst deinen Körper. Marion Jones zum Beispiel ...
SPIEGEL: ... fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000 ...
Heredia: ... hat mit einer Härte trainiert, die ohnegleichen war. Drogen schützten sie vor Verletzungen. Und dann hat sie triumphiert und die Medaillen abgeräumt.
SPIEGEL: Stolz?
Heredia: Ja, klar, immer noch. Es bleibt eine große Leistung, und glauben Sie bitte nicht, dass Marions Rivalinnen arme Betrogene waren.
SPIEGEL: Wir reden hier nicht über ein amerikanisches Problem?
Heredia: Bitte? Nein. Alle Länder, alle Verbände, alle Spitzensportler sind betroffen, und zu den Verantwortlichen zählen auch die großen Schuhfirmen, Nike und Adidas. Ich kenne Athleten, die Rekorde gelaufen sind und ein Jahr später verletzt waren, und dann kam der Anruf: "Wir stufen dich um 50 Prozent herunter." Was, glauben Sie, tun solche Sportler?
SPIEGEL: Erklären Sie uns, was Sie für Ihre Klienten getan haben.
Heredia: Sportler hören Gerüchte und sind in Sorge. Dass die Konkurrenz andere Tricks habe, dass sie erwischt werden könnten, wenn sie auf Reisen gehen. Es gibt keinen Spielraum für Fehler, ein Fehler macht Karrieren kaputt.
SPIEGEL: Also wurden Sie Therapeut der Sportler in Drogendingen?
Heredia: Eher ein Coach. Wir fanden gemeinsam heraus, was für welchen Körper gut war und welche Abbauzeiten galten. Ich machte Pläne für Cocktails und Kuren, je nach dem Geld, das der Athlet mir anbot. Straßendrogen für wenig Geld, Designerzeug für ein paar zehntausend. Meistens habe ich die Sachen verschickt, manchmal kamen die Sportler zu mir.
SPIEGEL: Bei Marion Jones ...
Heredia: ... ging es um die Erholungsphasen. Sie bestritt 2000 Wettkampf auf Wettkampf, sie brauchte Entspannung. Sie bekam Epo, Wachstumshormon, Adrenalin-Injektionen, Insulin. Insulin hilft nach dem Training, zusammen mit Proteindrinks: Insulin transportiert Protein und Mineralien schneller durch die Zellmembran.
SPIEGEL: Jones hatte Angst vor Spritzen.
Heredia: Ja, darum mischten ihr damaliger Ehemann C. J. Hunter und der Trainer Trevor Graham ihr drei Substanzen in eine Spritze. Ich riet ab, ich fand es riskant.
SPIEGEL: Was für eine Beziehung hatten Sie zu Ihren Athleten?
Heredia: Eine geschäftliche. Es ging um Werte und Dosierungen, mit Marion sprach ich selten. Das lief über die Trainer.
SPIEGEL: Gab es einen Doping-Rhythmus?
Heredia: Ja, wenn die Saison endete, im Oktober, warteten wir ein paar Wochen, damit der Körper sich reinigte. Dann, im November, luden wir Wachstumshormon und Epo, und zweimal pro Woche untersuchten wir den Körper, damit wir sicher waren, dass sich keine Klumpen im Blut bildeten. Die Testosteron-Shots kamen dazu. Dieses erste Programm dauerte acht bis zehn Wochen, dann kam eine Pause.
SPIEGEL: Und dann wurden die Saisonziele festgesetzt?
Heredia: Ja, das hing vom Athleten ab. Einige wollten im April eine gute Zeit laufen, um Verträge für die Sportfeste zu bekommen, einige hatten nichts als die Trials im Kopf, die amerikanische Qualifikation für internationale Meisterschaften, andere nur Olympia. Dann haben wir den Countdown auf das Ziel ausgerichtet, und der nächste Zyklus begann. Ich musste meine Athleten gut kennen und wissen, wo welcher Verband mit welchen Methoden testete.
SPIEGEL: Woher weiß man so etwas?
Heredia: Wachsamkeit. Informanten.
SPIEGEL: Sie waren selbst einst ein guter Diskuswerfer.
Heredia: Sehr gut in Mexiko, sehr durchschnittlich im Weltmaßstab. Ich hatte Fußball gespielt, geboxt, Karate gemacht und war dann zur Leichtathletik gekommen. Mit 13, 14 Jahren glaubte ich an sauberen Sport, Doping war ein Verbrechen für mich; ich habe meinen Vater damals gefragt, ob ich Aspirin nehmen dürfte.
SPIEGEL: Warum fingen Sie an zu dopen?
Heredia: Wie alle Sportler: weil andere dopen. Plötzlich warfen Jungs, die ich gerade noch geschlagen hatte, zehn Meter weiter. Dann verletzte ich mich und wollte mich trotzdem fürs Olympiateam qualifizieren. Doping wurde für mich, was es für die meisten Athleten ist: Teil des Sports. Wenn du heute zwölf Stunden trainierst und dein Trainer morgen wieder zwölf Stunden von dir erwartet, dopst du, sonst geht es nicht.
SPIEGEL: Was nahmen Sie?
Heredia: Wachstumshormon. Testosteron.
SPIEGEL: Und dann verpassten Sie die Olympischen Spiele doch.
Heredia: Ja, aber ich las alles, was ich über Medizin finden konnte, sprach mit anderen Sportlern, und bald hieß es: Angel kennt sich aus, Angel weiß, wie man Tests umgeht. Die Ersten fragten um Rat. So begann es, und irgendwann fragte der Trainer Trevor Graham, ob ich ihm helfen könne. Ich erklärte ihm Epo und war im Geschäft.
SPIEGEL: Was qualifizierte Sie für die Rolle des Dealers der weltbesten Sportler?
Heredia: Mein Vater ist Chemieprofessor, ich liebe Chemie. Und ich war Sportler. Meine Rolle wurde eine Obsession, ich lernte zum Beispiel alles über Testosteron: dass es eine Sorte Testosteron mit hoher Halbwertszeit gibt und eine andere, die schnell wirkt, dass man es einreiben, schlucken, spritzen kann. Das wurde ein Kitzel: Ich durfte mit den Besten der Besten arbeiten und machte sie noch besser.
SPIEGEL: Und wie wurden Sie der Beste in Ihrer Welt?
Heredia: Mit Genauigkeit. Ein Beispiel? Alle reden über Epo. Epo ist schick. Aber Epo funktioniert ohne die Zufuhr von Eisen nur halb so gut, so etwas muss man wissen. Es gibt Sauerstoffträger, die machen Epo rasant, die sind in Wahrheit besser als Epo allein. Ich nenne mein Mittel "Epo Boost", Epo-Vervielfacher, ich spritze es, und es setzt damit viele kleine Sauerstoffmoleküle im gesamten Körper frei. So verzehnfachst du die Wirkung von Epo.
SPIEGEL: Haben Sie weitere Geheimnisse?
Heredia: O ja, klar. Es gibt Tabletten für die Nieren, die die Metaboliten von Steroiden abblocken: Wenn Athleten dann ihre Urinprobe abgeben, scheiden sie die Metaboliten nicht mit aus und sind negativ. Oder es gibt ein Enzym, welches langsam Proteine frisst - Epo hat Proteinstrukturen, und so sorgt das Enzym dafür, dass die B-Probe der Doping-Probe ganz andere Werte hat als die A-Probe. Dann sind da noch Chemikalien, die du ein paar Stunden vor dem Rennen zu dir nimmst, und die verhindern die Übersäuerung der Muskeln. Zusammen mit Epo? Ein reines Wunder! Ich habe 20 Drogen, die noch immer unauffindbar sind für die Fahnder.
SPIEGEL: Mit welchen Trainern haben Sie zusammengearbeitet?
Heredia: Mit Trevor Graham vor allem.
SPIEGEL: Graham ist lebenslang gesperrt, er soll Marion Jones, Tim Montgomery, Justin Gatlin und vielen mehr beim Betrug geholfen haben. Mit wem noch?
Heredia: Mit Winthrop Graham, seinem Cousin. Mit John Smith, dem Trainer von Maurice Greene. Mit Raymond Stewart, dem Jamaikaner. Mit Dennis Mitchell ...
SPIEGEL: ... der 1992 Gold über 4 mal 100 Meter gewann und heute Trainer ist. Wie funktionierte die Zusammenarbeit?
Heredia: Das ist ja eine kleine Welt. Es spricht sich herum, wer was wie schnell und zu welchem Preis besorgen kann, wer diskret ist. Die Trainer sprachen mich an und fragten, ob ich helfen könne, und ich sagte Ja. Dann bekam ich Geld, 15 000 Dollar oder so, es gab eine erste Lieferung, und so kamen wir ins Geschäft. Irgendwann führte es zu einer One-on-one-Zusammenarbeit mit den Athleten.
SPIEGEL: Gab es so etwas wie ein Schema?
Heredia: Ja. Ich habe immer mehrere Dinge kombiniert. Ich hatte zum Beispiel ein Mittel namens Actovison, das die Durchblutung steigerte - nicht nachweisbar. Das war vom Gesundheitsaspekt her gut und vom Wettkampfaspekt her noch viel besser. Dazu kamen die Wachstumsfaktoren IGF-1 und IGF-2. Und Epo. Epo erhöht die Zahl roter Blutkörperchen und damit den Sauerstofftransport, das ist der Schlüssel für jeden Sportler: Der Athlet will schnell regenerieren, die Belastung hochhalten, er will konstant Leistungen bringen.
SPIEGEL: Noch mal: Konstante Leistung auf Weltniveau ist ohne Doping undenkbar?
Heredia: Ja. 44 Sekunden über 400 Meter? Undenkbar. 71 Meter mit dem Diskus? No way. Es kann vorkommen, dass einer mit Rückenwind einmal 100 Meter in 9,8 Sekunden läuft. Aber zehnmal im Jahr unter 10, bei Regen oder Hitze? Nur mit Doping.
SPIEGEL: Testosteron, Wachstumshormon, Epo, das war Ihre Kombination?
Heredia: Ja, mit individuellen Variationen. Und dann sind wunderbare Dinge möglich. Jerome Young war 2002 auf Platz 38 der 400-Meter-Weltbestenliste, dann haben wir begonnen zusammenzuarbeiten, und 2003 gewann er fast alle großen Rennen.
SPIEGEL: Wie wurden Sie bezahlt?
Heredia: Per Jahreshonorar. Bei großen Erfolgen gab's 40 000 Dollar Bonus.
SPIEGEL: Ihre Athleten haben 26 olympische Medaillen gewonnen. Wie viel Geld haben Sie verdient?
Heredia: Das kann ich nicht verraten wegen der Ermittlungen. Sagen wir so: 16 bis 18 erfolgreiche Sporter pro Jahr und 15 000 bis 20 000 Dollar pro Sportler. Ich hatte einen guten Lauf, ich hatte ein gutes Leben.
SPIEGEL: Lebten Sie nicht im Schattenreich des Sports, wo niemand Sie sehen durfte?
Heredia: Nein, ich bin zwar selten zu den großen Veranstaltungen gefahren, das hatte aber mit Eifersucht zu tun: Die Amerikaner wollten nicht, dass ich mit den Jamaikanern arbeitete und umgekehrt. Aber Schatten? Nein. Das war ja alles eine Kette, von Sportlern über Agenten zu Sponsoren, und ich war ein Teil davon, aber es wussten alle, wie das Spiel lief. Alle wollten es so, weil alle damit reich wurden.
SPIEGEL: Welche Agenten meinen Sie?
Heredia: Die großen Vermarkter, Robert Wagner zum Beispiel, die Athleten betreuen und in Hochform bringen wollen, weil sie sie zu den Meetings vermitteln.
Der Österreicher Wagner, Gründer der Firma World Athletics Management, schrieb am vergangenen Donnerstag in einer E-Mail an den SPIEGEL, dass er "niemals Athleten gedopt" oder beim Dopen "unterstützt und gefördert" habe.
Und Angel Heredia, der Kronzeuge, saß in einem Büro in New York, ein sportlicher Mann im schwarzen Hemd, immer noch durchtrainiert, und schrieb Namen auf einen Zettel. 41 Leichtathleten, sagte er, seien seine Kunden gewesen, dazu seien Boxer, Fußballer und Skilangläufer gekommen. Seine Jamaikaner: Raymond Stewart, Beverly McDonald, Brandon Simpson. Von den Bahamas: Chandra Sturrup. Ein paar seiner Amerikaner: Jerome Young, Antonio Pettigrew, Tim Montgomery, Duane Ross, Michelle Collins, Marion Jones, C. J. Hunter, Ramon Clay, Dennis Mitchell, Joshua J. Johnson, Randall Evans, Justin Gatlin, Maurice Greene. Einige der von Heredia Genannten sind überführt, manche haben Doping gestanden, andere streiten es ab.
SPIEGEL: Maurice Greene? Der 100-MeterSuperstar Greene ist einer der Vorzeige-Athleten der olympischen Bewegung; er schwört, sauber zu sein.
Heredia: Da läuft eine Ermittlung, aber wenn er behauptet, er sei clean gewesen, kann ich nur antworten: Das ist eine Lüge.
SPIEGEL: Geht es konkreter?
Heredia: Ich habe ihm geholfen. Ich habe einen Plan für ihn gemacht. Ich habe ihn ausgestattet.
SPIEGEL: Ausgestattet?
Heredia: Ja, 2003 und 2004 haben wir zusammengearbeitet.
SPIEGEL: Sie haben Belege?
Heredia: Ja, zum Beispiel eine Überweisung über 10 000 Dollar.
SPIEGEL: Greene sagt, er habe das Geld für Freunde ausgegeben.
Heredia: Das weiß ich besser.
SPIEGEL: Was soll Greene, der Doping bestreitet, von Ihnen bekommen haben?
Heredia: IGF-1 und IGF-2, Epo und ATP, das steht für Adenosintriphosphat, es verstärkt die Muskelkontraktion.
SPIEGEL: Unauffindbar für Kontrolleure?
Heredia: Unauffindbar. Wir haben auch Cremes verwendet, die keine Spuren hinterlassen und dem Sportler einen beständig höheren Testosteronspiegel verschaffen.
SPIEGEL: Gedopt wird auf jedem sportlichen Niveau?
Heredia: Ja, da unterscheidet sich dann nur die Qualität des Dopings. Die Armen nehmen die simplen Steroide und hoffen, dass sie nicht kontrolliert werden. Wenn du zu den Stars gehörst, verdienst du 50 000 Dollar im Monat, dazu kommen Antrittsgelder und Schuhverträge. Bist du oben, investierst du 100 000 Dollar, und ich baue dir eine unauffindbare Designerdroge.
SPIEGEL: Erklären Sie uns das.
Heredia: Designerdrogen setzen sich aus mehreren Chemikalien zusammen, die die gewünschte Reaktion herbeiführen, und dann verändere ich am Ende der Kette ein, zwei Moleküle so, dass die ganze Struktur den Rastern der Fahnder entgleitet.
SPIEGEL: Die Jagd der Fahnder auf Sportler ...
Heredia: ... ist schon wieder Sport. Ein Wettlauf. Reines Adrenalin. Wir müssen ein, zwei Jahre voraus sein. Wir müssen wissen, welches Medikament wo in die Forschung kommt oder bei Tieren eingesetzt wird, wie wir es besorgen können. Und wir müssen die Methoden der Tester kennen.
SPIEGEL: Können die Tester dieses Rennen noch gewinnen?
Heredia: Theoretisch ja. Wenn sich alle Verbände und Sponsoren und Manager und Sportler und Trainer einig sind und alles Geld, das der Sport einbringt, einsetzen und wenn jeder Sportler zweimal pro Woche kontrolliert wird - nur dann. Was jetzt passiert, ist lächerlich. Alibi. Das Geld sollte man sparen - gebt es mir, und ich verteile es
unter den Waisenkindern Mexikos! Solange es kommerziellen Sport gibt, die Schuhverträge, die an Leistung gekoppelt sind, und die Fernsehverträge, so lange wird gedopt.
SPIEGEL: Die Idee, dass Sport der faire Wettkampf innerhalb festgelegter Regeln sei, ist in Wahrheit längst tot?
Heredia: Ja, klar. Es sei denn, wir kehren zum antiken Sport ohne Geld zurück. Ohne Fernsehen, ohne Adidas und Nike. Es ist doch klar: Wer Achter wird, bekommt bei den großen Sportfesten 5000 Dollar, und wer Erster wird, kriegt 100 000. Darüber denkt der Sportler nach, und dann denkt er, dass alle anderen sowieso dopen, und damit hat er recht. Und Sie träumen davon, dass ein Sportler an Moral und Ideen glaubt? Saubere Höchstleistungen sind ein Märchen, mein Freund.
SPIEGEL: Wollen Sie eigentlich für die Freigabe des Dopings plädieren?
Heredia: Nein, aber ich glaube, wir sollten Epo, die IGF und Testosteron freigeben, außerdem Adrenalin und Epitestosteron, jene Stoffe also, die der Körper auch selbst produziert - schon aus pragmatischen Gründen, weil nämlich die Verfolgung unmöglich ist, aber auch wegen der Fairness.
SPIEGEL: Das ist Ihr Ernst: Fairness?
Heredia: Ja, nehmen wir die populärste Droge: Epo. Epo verändert den Hämoglobinwert, und die Menschen haben nun einmal unterschiedliche Hämoglobinspiegel. Die Freigabe würde also jene Gerechtigkeit und Gleichheit ermöglichen, die angeblich alle wollen. Es gibt nun mal genetische Unterschiede zwischen Athleten.
SPIEGEL: Dass Lebewesen sich unterscheiden, nennt man Natur. Sie wollen durch Doping alle Athleten gleichmachen?
Heredia: Normale Athleten haben einen Level von 3 Nanogramm Testosteron pro Milliliter Blut; der Sprinter Tim Montgomery hat 3 Nanogramm, Maurice Greene aber hat 9 Nanogramm. Was kann Tim tun? Nicht Doping mit körpereigenen Stoffen ist ungerecht, die Natur ist ungerecht.
SPIEGEL: Und verbieten würden Sie was?
Heredia: Alles andere, alles, was gefährlich sein kann. Amphetamine? Verbieten. Steroide? Verbieten.
SPIEGEL: Gibt es noch saubere Sportarten?
Heredia: Leichtathletik, Schwimmen, Skilanglauf, Radsport sind nicht zu retten. Golf? Auch nicht sauber. Fußball? Fußballer kommen zu mir und sagen, sie müssen die Linie rauf- und runterrennen, ohne zu ermüden, und alle drei Tage spielen. Basketballer nehmen Fettverbrenner, Amphetamine, Ephedrin. Baseball? Haha. Steroide in der Vorbereitung, Amphetamine im Spiel. Selbst Bogenschützen nehmen sogenannte Downer, damit ihr Arm ruhig wird. Alle dopen.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich selbst Mittel hergestellt, oder haben Sie sie nur besorgt?
Heredia: Ich hatte kein eigenes Labor, aber ich hatte, na ja, Zugriff auf Labors in Mexiko City. Ich habe das Rohmaterial eingekauft und liefern lassen ...
SPIEGEL: ... von wo?
Heredia: Überall. Australien, Südafrika, Österreich, Bulgarien, China. Wachstumshormon kam von der Schweizer Firma Serono. Die Einfuhr nach Mexiko war nie schwierig, die Gesetze sind da nicht so streng. Man kann ganz gut in Apotheken einkaufen bei uns. Wenn irgendwo ein neues Medikament in die Testphase kam, wussten wir davon und bestellten es. Dann habe ich Stoffe kombiniert. Und hin und wieder habe ich eine Creme hergestellt.
SPIEGEL: Haben Sie die Kontrolleure eigentlich jemals ernst genommen?
Heredia: Nein, wir haben sie ausgelacht. Heute lachen natürlich die Fahnder.
Der Trainer Graham verriet seinen Rivalen Victor Conte, so begann der Fall, der weltberühmt wurde unter dem Namen von Contes Labor "Balco" (Bay Area Laboratory Co-Operative). Die Fahnder Jeff Novitzky und Erwin Rogers rollten die Geschichte auf, sie profitierten vom Misstrauen der Sportwelt: Alle schwärzten alle an, keiner traute keinem. Victor Conte wurde verurteilt zu vier Monaten Gefängnis. Marion Jones kam nicht wegen Dopings ins Gefängnis, sondern weil sie die Ermittler belogen hatte. Zuletzt musste die amerikanische 4x400-Meter-Staffel, die in Sydney Gold gewonnen hatte, ihre Medaillen zurückgeben. Trevor Graham stand in San Francisco vor Gericht, die Anklage beruhte auf Angel Heredias Aussagen. Graham wurde wegen Meineids für schuldig befunden. Das Urteil steht aus.
SPIEGEL: Wovon leben Sie heute?
Heredia: Ein bisschen Geld ist noch da. Ich studiere wieder, ich möchte Apotheker werden. Das ist mein Traum. Aber ich weiß ja nicht, ob ich Arbeit finde, ob ich angeklagt werde, ob ich ausgewiesen werde, wohin ich gehe. Ich habe kein Leben mehr. Ich laufe durch die Gegend und achte darauf, dass mir niemand folgt. Aber verglichen mit Jerome Young geht es mir gut.
SPIEGEL: Was macht der Weltmeister von 2003 heute?
Heredia: Er ist 31 Jahre alt und sitzt in einem Lastwagen und fährt Brot aus. Es heißt, er habe die Gesetze des Sports gebrochen, aber das stimmt ja nicht: Jerome hat genau diese Gesetze befolgt.
SPIEGEL: Mr. Heredia, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteur Klaus Brinkbäumer in New York.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 33/2008
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