18.08.2008

ZEITGESCHICHTEAhnungslose Spione

Vor 40 Jahren schlug die Sowjetunion den Prager Frühling nieder. Bislang unbekannte Akten belegen: Die größte Militäroperation in Europa nach 1945 traf den Westen völlig unvorbereitet.
Als alles vorbei war, zeigten sich die westlichen Offiziere unangenehm überrascht. Widerwillig mussten sie die Tarnung des Aufmarschs der Warschauer-Pakt-Staaten als "gut" anerkennen, das Tempo der Divisionen fanden sie "beeindruckend". Ebenso die Art und Weise, wie der Kreml Einheiten aus dem Westen der Sowjetunion "unentdeckt" herangeführt hatte. Kurzum: Dem Gegner sei ein "taktischer Erfolg" gelungen.
Das kann man so sagen. Denn das Urteil aus dem Nato-Hauptquartier in Brüssel vom 27. August 1968 galt der "Operation Donau", der Niederschlagung des legendären Prager Frühlings. Mit 27 Divisionen - ungefähr 300 000 Mann - und rund 2000 Geschützen waren Sowjets, Polen, Ungarn und Bulgaren eine Woche zuvor in die kleine Tschechoslowakei eingefallen, um das Experiment eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu beenden. Es war die größte Militäroperation nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa - und der Westen wurde völlig überrumpelt.
Dabei waren seit Monaten die Augen der Weltöffentlichkeit auf Prag gerichtet, wo eine Gruppe um KP-Chef Alexander Dubcek die Sowjets herausforderte, mit Meinungspluralismus und Pressefreiheit, mit Bürgerrechten und Privatisierungsplänen. Drohend hatte der Kreml-Apparatschik Leonid Breschnew ab Mai 1968 gleich mehrere Manöver in und um die CSSR durchführen lassen.
Doch als aus den Übungen Ernst wurde, als es drauf ankam, galt für Amerikaner, Briten, Deutsche: nichts sehen, nichts hören, nichts wissen; das belegen Dokumente im Nato-Archiv in Brüssel und Geheimdienstpapiere, die dem SPIEGEL vorliegen. "Nicht eine einzige Einschätzung" habe es gegeben, die den Einmarsch unter sowjetischer Führung voraussagte, stellte der Militärausschuss der Nato fest, die oberste militärische Instanz der Allianz.
7500 Panzer dröhnten los, mehr als 1000 Flugzeuge wurden startklar gemacht, darunter zahllose Transportflugzeuge, die Luftlandetruppen nach Brünn und anderswo brachten, Tausende Offiziere erhielten überall im Ostblock ihre Einsatzbefehle - all dies bemerkte niemand, jedenfalls kein westlicher Agent. So erweist sich die sowjetisch geführte Invasion heute als eine der größten Pleiten der westlichen Spionage.
Die amerikanische CIA hatte bereits vor dem Einmarsch kapituliert: Man besitze "keine Möglichkeit", die "genauen Umstände vorherzusagen, die der sowjetischen Führung Anlass gäben, gewaltsam einzugreifen", hieß es Mitte Juli. Dem Bundesnachrichtendienst (BND) erging es nicht besser; er notierte hinterher, die sogenannte X-Zeit, also der Beginn der Invasion, sei "weder vom BND noch von einem anderen westlichen Nachrichtendienst erfasst" worden.
Trotz solcher Einsichten prahlte der kurz vor dem sowjetisch geführten Einmarsch pensionierte BND-Gründer Reinhard Gehlen öffentlich, seine ehemaligen Untergebenen hätten alles genau vorausgesagt: "präzise und vor allem rechtzeitig", weshalb Prag bis heute fälschlicherweise als Sternstunde in der Geschichte des BND gilt.
Besonders peinlich: Die Beamten in Pullach rühmten sich nach dem Einmarsch, "ein genaues Bild der Dislozierung der an den Operationen beteiligten Streitkräfte" ermittelt zu haben. Doch der BND glaubte 1968, die ostdeutsche Nationale Volksarmee (NVA) habe sich an der brutalen Okkupation beteiligt - dabei hatte Breschnew dem nach Aufwertung drängenden DDR-Chef Walter Ulbricht den Wunsch nach Beteiligung abgeschlagen (SPIEGEL 27/2008). Die vom BND im Raum Budweis angeblich gesichtete 11. motorisierte Schützendivision der NVA hockte in Wirklichkeit die ganze Zeit brav in der DDR.
Bei solchen Aufklärungsergebnissen wundert nicht, dass das Nato-Hauptquartier vom Militärschlag der Sowjets durch die Presse erfuhr: Die betreffende Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press wurde am 21. August um 2.09 Uhr abgesetzt - vier Stunden nach Beginn des Überfalls. Und es musste noch eine weitere Stunde verstreichen, ehe in Brüssel endlich die Alarmglocken läuteten: In jener Nacht fiel nämlich im Nato-Lagezentrum der Fernschreiber für die Nachrichtenagenturen aus, was niemand bemerkte, weil der diensthabende Offizier (vorschriftskonform) schlafen gegangen war.
Pannen über Pannen: Aus den Geheimdokumenten ergibt sich, dass die sowjetischen Botschafter in London und Paris die jeweiligen Regierungen in der Nacht der Invasion benachrichtigten. Sowjetbotschafter Anatolij Dobrynin informierte den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson sogar persönlich - Breschnew wollte beim Westen den Eindruck vermeiden, der Einmarsch diene der Vorbereitung eines Angriffs auf die Nato.
Die drei Großmächte behielten ihr Wissen für sich. So mussten die Nato-Militärs in den kritischen ersten zwölf Stunden auf Presseberichte zurückgreifen, wie sie erbost beklagten. Ein berechtigtes Lamento, denn an der westdeutsch-tschechoslowakischen Grenze hätte es leicht zu Zwischenfällen kommen können. Die Invasionstruppen sicherten nämlich sofort die Westgrenze der CSSR ab, sowjetische Panzer brausten in einigen Orten bis an die Demarkationslinie vor. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte ein Bundeswehr-Kommandeur auf der anderen Seite die Nerven verloren.
Kleinlaut entschuldigte sich der britische Nato-Botschafter; eine solche Informationspolitik werde sein Land nicht wiederholen.
Später stellte sich heraus, dass immerhin die 4. Alliierte Taktische Luftflotte der Nato das Einfliegen der sowjetischen Luftlandetruppen in die CSSR mitbekommen hatte. Doch da die zuständigen Militärs darin keine Bedrohung der Allianz sahen, gaben sie ihre Erkenntnis nicht weiter.
Diese Pannen muten umso erstaunlicher an, als vor allem der BND zunächst durchaus erfolgreich aufklärte. Der Dienst setzte im Sommer 1968 zahlreiche V-Leute und "Gelegenheitsinformanten" (BND-Jargon) Richtung Prag in Marsch. An die Außenstellen des BND erging zudem Order, "alle Hinweise zu militärischen Bewegungen auf Schiene und Straße" unter dem Stichwort "Nepomuk" zu melden; der heilige Johannes von Nepomuk ist der Schutzpatron von Böhmen - und des Beichtgeheimnisses.
Auch vermochten deutsche Agenten in Prag "Zugang zu wichtigen politischen Persönlichkeiten bis in die engere Umgebung Dubceks" zu gewinnen, so BND-interne Unterlagen. Und vieles, was diese und andere vor der Intervention berichteten, erweist sich im Rückblick durchaus als richtig, etwa die Erkenntnisse vom Gipfeltreffen in Dresden im März 1968.
Da hatte Dubcek gerade die Zensur abgeschafft und musste sich von den Parteichefs sozialistischer Bruderländer vorwerfen lassen, er ebne der Konterrevolution den Weg. Wie der BND ermittelte, drohte Breschnew sinngemäß, "einem Zusammenbruch des kommunistischen Systems nicht tatenlos (zu)zusehen"; sollte der tschechoslowakischen KP "die Kontrolle entgleiten, werde interveniert".
Einige Wochen später - im Mai 1968 - kam der BND zu dem Schluss, "die von den Sowjets ins Auge gefasste Toleranzschwelle (ist) fast erreicht"; die Beziehungen zwischen den
sogenannten Bruderparteien in Moskau und Prag müssten "als eisig bezeichnet werden".
Diese Erkenntnis ließ sich freilich auch aus der "Prawda" gewinnen.
Später behauptete der BND, man habe "mit einem militärischen Eingreifen Moskaus im Verein mit seinen Verbündeten ab Mitte August 1968 gerechnet". Belege dafür stehen allerdings bislang aus, und auch wenn es sie gäbe, würde sich nichts an der Tatsache ändern, dass Mit-etwas-Rechnen deutlich weniger ist als Wissen - wofür die Dienste zuständig sind.
Immerhin lag der BND nicht so falsch wie die CIA. "Leitende CIA-Angehörige" hatten nämlich laut BND-Erkenntnissen geglaubt, "die 'Rücksichtnahme' auf die Weltöffentlichkeit zwinge die Sowjetunion, auf ein militärisches Eingreifen zu verzichten". Voll daneben.
Es erforderte Spione in Moskau, um mitzubekommen, dass Mitte Juli Breschnew und Genossen die Grundsatzentscheidung trafen, den Prager Frühling niederzuschlagen, wenn sich die Situation dort nicht entscheidend änderte. Am 18. August wurde das Datum der "Operation Donau" endgültig festgesetzt.
Aber einen 007 im Kreml gab es nicht.
Daher konnte im Westen niemand die entscheidende Frage beantworten, was der Zweck der ungewöhnlichen Sommermanöver der Warschauer-Pakt-Staaten war, die vor aller Augen abliefen. Dienten sie zur Einschüchterung der Prager Reformer, oder bereiteten die Sowjets damit eine Intervention vor? Und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt?
Bei Geheimdiensten sei das doch meistens so, räumte der BND freimütig in einer post factum gefertigten Analyse ein: "Nur in seltensten Fällen (Zufällen?)" gelinge es, "in die wichtigsten Entscheidungsgremien potentieller Gegner einzudringen".
Dass man mit diesem Satz während des Kalten Kriegs die eigene Existenz in Frage stellte, ist den Autoren des Papiers nicht aufgefallen. KLAUS WIEGREFE
* Oben: mit US-Sicherheitsberater Walt Rostow am 20. August 1968 im Weißen Haus; unten: 1972.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 34/2008
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