18.08.2008

Titel„Wir kapitulieren nie“

Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili, 40, über die russische Militärintervention und die Hilfe der USA und Israels
SPIEGEL: Herr Präsident, Ihr Land hat innerhalb weniger Tage einen Krieg verloren. Warum nur haben Sie die Militäroperation gegen die abtrünnige Provinz Südossetien begonnen?
Saakaschwili: Halb Südossetien war immer schon unter georgischer Kontrolle. Russland geht es auch gar nicht um Südossetien, Moskau will ganz Georgien übernehmen. Die Russen haben im Frühsommer eine Bahnlinie in der abtrünnigen Provinz Abchasien erneuert und dorthin riesige Mengen Treibstoff gebracht. Jetzt wissen wir, dass sie ihn für ihre Interventionstruppen brauchten.
SPIEGEL: Gab es denn weitere Anzeichen für eine bevorstehende größere russische Militäraktion?
Saakaschwili: Wir hatten zu Beginn des Sommers Informationen, dass die Russen 200 Panzer nach Abchasien bringen wollten und dass sie im Nordkaukasus alle Georgier unter Beobachtung nehmen. Danach begannen in den ersten Augusttagen südossetische Separatisten, unsere Friedenstruppen zu beschießen, zwei Mann wurden getötet, sechs verletzt. Dennoch habe ich den Befehl gegeben, das Feuer nicht zu erwidern. Dann erfuhren wir am 7. August, dass 150 russische Panzer aus Nordossetien über die Grenze nach Südossetien rollten. Sie fuhren auf von uns kontrollierte georgische Dörfer zu. Direkt hinter diesen Orten liegt die südossetische Hauptstadt Zchinwali. Von dort aus hätten sie in jede beliebige Richtung weiter nach Georgien hineinfahren können.
SPIEGEL: Ihre Darstellung der Abläufe ist sehr umstritten, die Russen behaupten, sie hätten ihre Landsleute vor georgischen Truppen schützen müssen. Fest steht: Sie haben mit schwerer Artillerie schießen lassen und damit die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen.
Saakaschwili: Wir wollten die russischen Truppen vor den georgischen Dörfern stoppen. Als unsere Panzer nach Zchinwali einrückten, haben die Russen die Stadt bombardiert. Sie - und nicht wir - haben Zchinwali in Trümmer gelegt. Wir haben nur drei Gebäude im Stadtzentrum zerstört: das Parlament, von wo aus sie geschossen hatten, das Verteidigungsministerium und das Regierungsgebäude der sogenannten Republik Südossetien.
SPIEGEL: Moskau will auch das erst einmal klären lassen, vor internationalen Gerichten. Die Russen hatten im April und Mai über Abchasien unbemannte georgische Aufklärungsflugzeuge abgeschossen. War das bereits das erste Gefecht des jetzigen Krieges?
Saakaschwili: Natürlich. Die Russen wollten nicht, dass wir sehen, dass sie dort Panzerbasen vorbereiten. Dann haben sie den Beginn des Krieges gezielt auf den Start der Olympischen Spiele gelegt, in der Hoffnung, die Welt werde sich im Sommer nicht für irgendeinen Konflikt im Kaukasus interessieren.
SPIEGEL: Das unterstellen Ihre Gegner auch Ihnen. Glauben Sie wirklich, dass die Südosseten und die Abchasen nach diesem Krieg mit Georgien überhaupt noch etwas zu tun haben wollen?
Saakaschwili: Es geht nicht darum, ob sie zu uns zurückkommen, sondern darum, dass wir zu ihnen kommen; diese Gebiete gehören alle zu Georgien. Was ist mit den Hunderttausenden von Flüchtlingen von dort? Die Russen betreiben ethnische Säuberungen, wie sie es nach dem Zweiten Weltkrieg im jetzigen Kaliningrad, dem früheren Königsberg, und in Schlesien gemacht haben. Außerdem ist Zchinwali nach den Kämpfen zerstört. Denken Sie, die Südosseten werden zurückkehren, um dort zu leben?
SPIEGEL: Putin will die Stadt mit russischen Mitteln wiederaufbauen lassen.
Saakaschwili: Das ist zynisch. Ich frage mich, warum sie dann vorher so viele Waffen dorthin gebracht haben. US-Präsidentschaftsbewerber John McCain hat Zchinwali bei seinem Georgien-Besuch vor zwei Jahren überflogen: Die prorussischen Separatisten haben einen seiner Begleithubschrauber mit einer Rakete beschossen.
SPIEGEL: Es gibt Plünderungen in den von russischen Truppen besetzten Gebieten. Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Saakaschwili: Diese Dinge überlassen die Russen meist Südosseten oder Kosaken, mitunter nehmen sie aber auch selbst daran teil. Aus den Verwaltungsgebäuden in Westgeorgien haben sie nicht nur Computer mitgehen lassen, sie haben dort sogar die Toiletten abgeschraubt. Es ist wie ein Mongolensturm im 21. Jahrhundert. In meinem Bett in meiner Residenz in Sugdidi in Westgeorgien schlafen jetzt russische Soldaten.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Putin Georgiens Präsidenten stürzen will?
Saakaschwili: Ja. Die russischen Führer haben sowohl gegenüber dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als auch gegenüber US-Außenministerin Condoleezza Rice geäußert, ohne meinen Rücktritt werde es keine Vereinbarung zur Lösung des Konflikts geben. Dann hieß es, wenn Saakaschwili seinen Kopf retten will, müsse er auf Abchasien und Südossetien verzichten. Aber ich werde nicht auf georgische Gebiete verzichten, um im Amt zu bleiben. Was Russland mit uns machen will, ist so etwas wie die Münchner Konferenz von 1938, als Hitler die Tschechoslowakei aufteilen ließ.
SPIEGEL: US-Präsident George W. Bush hat Ihrem Land Unterstützung zugesichert. Wird Ihnen das helfen, dem Moskauer Druck zu widerstehen?
Saakaschwili: Bushs Stellungnahme war sehr stark und ist in vieler Hinsicht beispiellos. Aber auch die Situation ist ohne Beispiel. Ich hatte nie gedacht, dass die Russen in diesem Umfang mit Bodentruppen nach Georgien eindringen würden.
SPIEGEL: Welche weitere Hilfe erwarten Sie von den Amerikanern?
Saakaschwili: Das wichtigste Signal ist, dass die Amerikaner uns helfen, unsere Häfen und Flughäfen offen zu halten. Denn die Russen haben versucht, durch das Versenken von Booten im Hafen von Poti unseren Zugang zum Meer zu blockieren.
SPIEGEL: Wie würden Sie reagieren, wenn die russischen Militärs versuchten, die amerikanischen Transporte zu stoppen?
Saakaschwili: Das ist vor allem eine Frage an die Amerikaner. Nach der Rede von Bush sahen wir russische MiG-Jagdflugzeuge über dem Flughafen von Tiflis. Aber die Russen haben die Landung der amerikanischen Militärmaschinen bisher nicht verhindert.
SPIEGEL: Waffen und Berater haben Sie in den vergangenen Jahren außer von den USA auch aus Israel erhalten, das langjährige Erfahrung im Kampf gegen zahlenmäßig überlegene Gegner hat. Wie wichtig ist Ihnen diese Unterstützung?
Saakaschwili: In meiner Regierung sind zwei israelische Juden: der Verteidigungsminister und der Minister für Reintegration. Außerdem haben wir die meisten unserer modernen Waffen aus Israel bekommen.
SPIEGEL: Was will die russische Führung mit der Invasion erreichen?
Saakaschwili: Den wirtschaftlichen Kollaps des Landes. Sie wollen eine Panik auslösen und schließlich politische Elemente im Spektrum des Landes finden, die sagen: Der Präsident soll gehen, warum sollen wir wegen dieses einen Mannes leiden. Russland ist wieder stark geworden und will sich holen, was ihm, nach seiner Meinung, zusteht. Aber wir kämpfen bis zum Ende, bis der letzte russische Soldat georgischen Boden verlassen hat. Wir kapitulieren nie.
SPIEGEL: Viele im Westen glauben, dass es für Georgien schwer wird, nach diesem Waffengang irgendwann Mitglied der Nato zu werden. Sehen Sie noch eine Chance?
Saakaschwili: Ich habe im Moment anderes zu tun, als darüber nachzudenken. Ich konzentriere mich darauf, mein Land zu retten. INTERVIEW: UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 34/2008
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