18.08.2008

Titel„Wie gut ihr hier lebt“

Die Hafenstadt Poti sollte zum Dubai Vorderasiens werden, die alte Garnisonsstadt Senaki zum ersten Nato-Stützpunkt, die Stalin-Stadt Gori zahlt den Preis für den Sonderweg des Landes. Was aber wird nun aus den schönen Ideen - was wird aus Georgien? Von Walter Mayr
Sie rollen durchs fremde Land, als wäre es ihres: zielgerichtet, lässig, selbstgewiss. Sie haben zumeist sonnenverbrannte Gesichter, scharf geschorene Schädel und kaum einen Blick für das Leben abseits der Straße. Ihre Panzerketten fräsen Zackenmuster in den Asphalt.
Tausende russischer Soldaten, aus den Weiten ihres Riesenreichs hierherbefohlen zur Niederschlagung eines - aus Moskauer Sicht - Zwergenaufstands, patrouillieren Ende vergangener Woche in der ehemaligen sowjetischen Bruder-Republik Georgien. Vorbei an stummen Einheimischen, die den Wegesrand säumen, an zerbombten Häusern und verwaisten Plätzen.
Das düstere Szenario im Schatten des Großen Kaukasus-Hauptgebirgskamms beschwört Bilder herauf aus überwunden geglaubten Zeiten des Kalten Kriegs. Aus Zeiten, als unbotmäßige Vasallen noch beinahe zwangsläufig Besuch aus Moskau bekamen. In Budapest 1956. In Prag 1968. Oder in Vilnius 1991.
Seit dem Einmarsch in Afghanistan 1979 aber hat die Moskauer Militärführung ihre Bodentruppen nicht mehr völkerrechtswidrig auf fremdes Terrain befohlen. Das galt zumindest bis zum vorvergangenen Sonntag, gegen Mittag.
Da setzen sich plötzlich über den Fluss Inguri, der die Separatisten-Republik Abchasien von Rest-Georgien trennt, russische Truppen südwärts in Bewegung - ein kleiner Schritt nur für die Soldaten, ein gewaltiger für ihre politischen und militärischen Führer. Denn Moskau steuert seine Männer in der Folge, ohne internationales Mandat oder vorausgegangene Kriegserklärung, in Richtung Tiflis - die Hauptstadt des seit fast 17 Jahren unabhängigen Georgien. Auch vor den neuen Öl-Terminals im Schwarzmeerhafen Poti machen sie nicht halt. Das Gelände des hochgerüsteten Militärstützpunkts Senaki erobern sie kampflos.
Nach Poti kommen Moskaus Truppen direkt über die Platanenallee ans Schwarze Meer, zwei- bis dreimal am Tag. Sie fahren im Konvoi, sechs Schützenpanzer in Formation, und keiner hält sie auf. Vorbei am nachts hellerleuchteten Christuskreuz, das Besucher der Hafenstadt grüßt, steuern die Russen durchs Zentrum in Richtung der Verladekräne unten am Hafen.
Die Tore öffnen sich, Wachen treten beiseite, die Panzer nähern sich dem Hafenbecken. Georgiens Küstenwache, die hier ihr Hauptquartier unterhält und mit amerikanischer Finanzhilfe aufgerüstet ist, hat bereits in der vergangenen Nacht drei versenkte Schiffe beklagt. Nun sind zwei weitere an der Reihe. Sprengstoff wird plaziert, Panzergrenadiere feuern, eine gewaltige Explosion zerreißt die Stille. Dann steigt eine Rauchsäule auf über der Stadt.
Kaum sind die Russen abgezogen, sagt unten am Kai, ohne eine Miene zu verziehen, der Hafendirektor von Poti: "Auf absehbare Zeit sehe ich Probleme für uns."
Das ist vollendetes britisches Understatement und passt zu Alan Middleton, der aus Bristol stammt und nach Georgien gekommen ist, um aus dem Hafen hier eine Art Dubai Vorderasiens zu machen. Die Pläne für einen Freihafen gleich nebenan sind fertig. Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen eine Milliarde Dollar allein fürs Grundstück ausgegeben haben. 20 000 neue Arbeitsplätze haben sie versprochen.
Die Bilder von russischen Panzern auf Spritztour am Hafenbecken allerdings und von Granaten, die direkt neben bauchigen Riesenfässern mit aserbaidschanischem Öl einschlagen, das hier auf 20 000-Tonnen-Tanker verladen und Richtung Europa verschifft wird, sind nicht gut für Alan Middleton, für Poti und für ganz Georgien. Denn sie verleiten zum Blick auf die Landkarte: 30 Kilometer Luftlinie entfernt beginnt bereits der Herrschaftsbereich der Moskau-treuen abchasischen Rebellen.
In der alten Handelsstadt Poti, wo der Fluss Rioni ins Schwarze Meer mündet und die Griechen vor mehr als 2500 Jahren eine Kolonie gründeten, in Poti also, wo Jason der Sage nach das Goldene Vlies suchte und schon Trojaner wie Griechen Schwerter schmieden ließen, dort haben sie spätestens in den vergangenen Tagen erkannt, dass es ein neues Goldenes Zeitalter für die Hafenstadt gegen den Willen der Russen nicht geben wird. Oder, wie der Hafendirektor sich höflich ausdrückt: "Gute Beziehungen zu allen unseren Nachbarn wären von Vorteil."
Eduard Schewardnadse, letzter Außenminister der Sowjetunion und Georgiens Präsident bis 2003, hat die Sonderstellung seines Landes als Brückenkopf und Schnittstelle zwischen Europa und Asien, als Puffer auch zwischen dem Nato-Staat Türkei und der Militärmacht Russland, früh begriffen. Sein Nachfolger Micheil Saakaschwili hingegen ließ von Amtsantritt an keinen Zweifel daran aufkommen, dass er den "Balkon Europas", wie die Georgier ihr Land nennen, kompromisslos zur Aussichtsplattform nach Westen ausbauen will.
Für den nötigen Schutz während der Umbauphase sollte schnellstmöglich die Nato sorgen. So wollte es Saakaschwili, dafür arbeiteten amerikanische Militärberater im Land, dafür flossen Hilfsgelder, vor allem aus Fonds der US-Regierung. Georgien eignet sich zum Luftkorridor für amerikanische Truppen auf dem Weg nach Afghanistan und als Durchgangsschleuse für Öl und Gas aus dem Kaspischen Meer.
Ein Vorzeigeprojekt für den erhofften Aufstieg ins westliche Militärbündnis war rasch gefunden: Senaki, die alte Garnisonsstadt im mingrelischen West-Georgien, wurde zum Standort für den ersten Natotauglichen Stützpunkt erkoren. Und 2006 im Beisein säbelschwingender Tänzer des georgischen Nationalballetts eingeweiht.
Nur: Dass Georgier seit Menschengedenken besser tanzen als kämpfen, wissen sie zuallererst in Moskau, nach 70 gemeinsamen Sowjetjahren mit ihren südlichen Nachbarn. Und so haben denn die russischen Truppen, gleich nach ihrem Einmarsch aus Abchasien, als Erstes den Stützpunkt Senaki ins Visier ihrer Zielfernrohre genommen.
Am vorvergangenen Sonntag gegen vier Uhr nachmittags waren sie da. Die komplette Belegschaft des georgischen Nato-Leuchtturmprojekts Senaki, an die 4000 Mann stark, stolzer Stützpunkt der 2. Infanteriedivision, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Flucht angetreten - "um unbeteiligte Zivilisten nicht in Gefahr zu bringen" durch Kampfhandlungen, wie Oberstleutnant Jamal Kankija sagt. Jetzt steht er in Zivil draußen, vor dem Kasernentor, und beobachtet, wie die russischen Truppen drinnen ihre Transportfahrzeuge mit Kriegsbeute beladen.
Die Garnison Senaki ergab sich ihren russischen Eroberern wie die Magd dem Dienstherrn. Seither ist das Wehklagen groß. "Russische Schweine", wettert auf Deutsch Oberstleutnant Kankija vor dem Kasernentor: "Schon Hitler hat sie so genannt."
Ein russischer Scharfschütze beobachtet derweil aus dem Gebüsch heraus die Eckensteher vor der Kaserne. Drei Georgier machen sich schließlich entschlossenen Schritts auf den Weg zum Postenhäuschen - um dort, erfolglos, darum zu betteln, ihre auf dem Kasernengelände bei der Flucht zurückgelassenen Privatautos abholen zu dürfen: Mercedes vor allem und Wagen der gehobenen Mittelklasse, die weiter herrenlos und unbeschädigt vor den neuen Offizierswohnungen stehen.
"Wie gut ihr Georgier als Soldaten hier lebt", hätten die Russen in ihren zerschlissenen Stiefeln gemurmelt, sagt Oberstleutnant Kankija verächtlich - "bevor sie dann unsere alte Bettwäsche auf ihre Lastwagen verladen haben". Kühlschränke, Satellitenantennen, Kopfkissen, einfach alles könnten Russen brauchen, bekräftigen die Umstehenden, in deren Kommentare sich der Gleichmut williger Opfer mit dem Hochmut der Erben einer jahrtausendealten Kultur mischt: "Russen", sagen sie, "sind kein Volk, das sind Barbaren."
Doch am vergangenen Mittwoch um kurz vor drei Uhr nachmittags schließlich, die russischen Truppentransporter, vollbeladen mit Hausrat und Munition, haben die Garnison Senaki noch nicht verlassen, packt auch die wartenden georgischen Offiziere und Rekruten wieder der nackte Überlebensinstinkt. In sportlichem Zivil sprinten sie aufs Kasernengelände, vorbei am zur Latrine umfunktionierten Postenhäuschen und weiter in die verlassenen Dienstwohnungen. Federkernmatratzen, Kleider, Elektronik - was sie nur irgendwie tragen können, schleppen sie heimwärts. Aus, Schluss, vorbei, sagen sie, das Nato-Leuchtturmprojekt Senaki ist tot.
Als die mit Stirnbändern, verspiegelten Sonnenbrillen und Piratentüchern kriegerisch maskierten Russen ihre Beute endlich die holprige Straße Richtung Schwarzmeerküste hinabtransportieren, steht 20 Meter rechts vom Straßengraben, in einem bescheidenen, blaugestrichenen Haus, noch immer die alte Frau neben einem Sarg mit Glasdeckel, die sich hier seit fünf Tagen, begleitet von auf- und abschwellenden Klagegesängen wie Weinkrämpfen, über den Leichnam ihres Sohns beugt.
"Keine Beine mehr, er hat keine Beine mehr", schluchzt sie, das Gesicht im Schmerz blutig zerkratzt, öffnet dann den Glasdeckel des Sargs, zieht das Leinentuch vom Gesicht des Bärtigen, der dort zwischen Eisblöcken gebettet liegt, Joni Kardawa hieß er, 29 Jahre alt wurde er, geflohen mit ihr aus Abchasien vor 15 Jahren, gestorben durch die Bomben russischer Kampfflieger in einem Flüchtlingsheim in Senaki.
Die Mutter zeigt ein Bild ihres Sohns aus glücklicheren Tagen: Stolz steht er da noch, vor einem Panzer der jungen georgischen Armee. Er hat gedient in Senaki, an Georgien geglaubt, und ist gestorben in Senaki, während der ersten Stunden dieses Kriegs. Ohne noch miterleben zu müssen, wie von seinem Militärstützpunkt aus, in der Nacht zum vergangenen Freitag, drei Tage nach der von Präsident Medwedew unterzeichneten Waffenruhe, Dutzende russischer Panzerfahrzeuge nach Osten aufbrechen.
Sie nehmen den Weg in Richtung Kutaissi, der zweitgrößten Stadt Georgiens, von wo aus die "Trasse" genannte Straße S1 weiter über Stalins Geburtsort Gori nach Tiflis führt - die Hauptverkehrsader des Landes. Diese Verbindung zu kappen, den Westen vom Osten Georgiens zu spalten, zählt neben Schlägen gegen Militäreinrichtungen und die Öl-Verladestation zu den wesentlichen Zielen russischer Kriegsstrategen.
Von der Schwarzmeerküste noch in die Hauptstadt Georgiens durchzukommen erfordert Ende vergangener Woche bereits erhebliches Geschick. Mal ist die Schnellstraße schon in Kutaissi gesperrt, mal später in Chaschuri, mal kurz vor Gori. Russische Panzer und Russland-treue Separatisten bestimmen den Rhythmus, in dem Georgier sich noch durch ihr eigenes Land bewegen dürfen. Auf den Ausweichstrecken durchs Bergland machen Benzinhändler, die Kraftstoff aus ihren Autos absaugen, blendende Geschäfte.
Durch gottverlassene Dörfer, über Buckelpisten und Sandwege, führt der Weg schließlich nach Gori, in die Stadt, in der Stalins ärmliches Geburtshaus überbaut von einem kleinen Palast im Geschmack des sowjetischen Klassizismus als Teil eines Museums erhalten ist. Das Geburtshaus jenes Georgiers Stalin, bürgerlich Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der durch willkürliche Grenzziehung im entstehenden sowjetischen Machtbereich selbst die Weichen gestellt hat für die Nationalitätenkonflikte von heute.
Das Stalin-Museum ist unversehrt von Bombenangriffen, Artilleriebeschuss und Plünderungen geblieben, nur die Fenster neben der Eingangstür sind zersplittert. Die bronzene Stalin-Statue auf ihrem fünf Meter hohen Podest am Platz vor dem Rathaus hat, Ironie des Schicksals, nicht einmal Schrammen abbekommen. Nur an der Stalin-Allee, die vom Flussufer ins Zentrum führt, ist nun nichts mehr, wie es war.
Den Zugang zur Innenstadt versperren inzwischen, wie alle anderen strategischen Einfallstore auch, russische Panzer mit hochgereckten Geschützrohren. Darüber, wer noch vorgelassen wird ins Herz der Stadt, befinden ausgemergelte Soldaten von der berüchtigten 42. Motschützendivision aus Chankala, östlich von Grosny, Tschetschenien.
An der zentralen Flussbrücke zahlen die Einwohner Goris nun den Preis für Georgiens Sonderweg Richtung Westen. Zerlumpt kehren sie unter dem prüfenden Blick der Russen mit Plastiktüten samt ihrem Hab und Gut zurück in ihre verlassene Stadt. Alte Frauen kramen ihr Schul-Russisch hervor und rufen den diensttuenden Soldaten zu: "Kak dela?" - "Wie geht es?" Nur jene, die wirklich noch ans neue Georgien glauben, riskieren jetzt ihr Leben.
Drei Einheimische in einem japanischen Geländewagen, amtliches Kennzeichen ABP-144, versuchen sich an den Posten vorbeizumogeln und werden gestellt. "Saderschite maschinu", schreien die russischen Soldaten an der Brücke, "Stoppt den Wagen!" Neun Kameraden mit schussbereiter Kalaschnikow springen bei, zerren die Verdächtigen aus dem Auto und bellen Kommandos in der nur älteren Georgiern noch geläufigen Sprache und Tonart: "Na semlju" - "Auf den Boden"; "ruki nasad" - "Hände auf den Rücken"; dann setzt es Stiefeltritte und Flüche: Im Wagen finden sich eine zerlegte Kalaschnikow und ein biederer Holzknüppel.
Die georgischen Widerständler werden abgeführt. Die russischen Ordnungshüter ziehen sich auf ihre Positionen zurück. Lässig und selbstgewiss.
Als wären sie hier zu Hause.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 34/2008
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