18.08.2008

KulturGieriger Bastard

Nahaufnahme: Monty Pythons Bibel-Filmsatire „Das Leben des Brian“ erobert in Hollywood die Bühne - als Oratorium.
Die Besetzungsliste verspricht ein Kunstereignis, das Klassikfans und Tierfreunde gleichermaßen in Unruhe versetzen dürfte: ein Symphonieorchester von Weltruf in weißen Dinnerjackets, ein 40-köpfiger Chor, vier Opernsänger sowie eine Dudelsackkapelle in Schottenröcken und - Schafe.
"Keinem Tier wurde während der Produktion ein Leid zugefügt", heißt es im Programmheft, "nur ein oder zwei Schafe wurden zum Abendessen ausgeführt." Außerdem treten an diesem Abend in Aktion: ein Laubstaubsauger und ein Erzähler, der sich diese verwegene Kombination ausgedacht hat.
Um mit dem Erzähler anzufangen: Der Mann heißt Eric Idle, ein Brite, an dem sich die Geister scheiden. Manche halten Idle für einen gefährlichen Gotteslästerer, weil er 1979 im Spielfilm "Das Leben des Brian" in Messias-Pose an einem Kreuz hängend "Always Look on the Bright Side of Life" gesungen hat.
Andere halten Idle dagegen für einen der größten Komiker aller Zeiten, unter anderem, gerade weil er in "Das Leben des Brian" am Kreuz "Always Look on the Bright Side of Life" gesungen hat, übrigens mit sehr hartem Cockney-Akzent.
Außerdem war Idle Mitglied von Monty Python, jenem legendären Spaßkollektiv aus fünf Oxford- und Cambridge-Absolventen und einem amerikanischen Cartoonisten, das ab Ende der sechziger Jahre den britischen Humor revolutioniert hatte, mit einer Kombination aus schwer intellektuellen Gags und komplettem Irrsinn.
In ihrer Fernsehshow "Monty Python's Flying Circus" und später auf der Kinoleinwand brachten Idle und seine Kollegen Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Terry Jones und Michael Palin absurde Sketche über die spanische Inquisition, altgriechische Philosophen beim Fußballspiel oder tote Papageien. Wer darüber nicht lachen konnte, hatte vielleicht keinen Humor, bestimmt aber kein Abitur.
1980, kurz nach dem großen Erfolg mit dem "Leben des Brian", traten die Pythons an vier Abenden in der Hollywood Bowl auf, dem berühmten Freilichttheater von Los Angeles. Die Zuschauer gerieten damals in Ekstase, was allerdings nicht nur an der Show lag. "Der schwere Geruch von Hasch lag in der Luft", erinnert sich Idle.
An diesem Abend im August 2008 steht Eric Idle, 65, wieder auf der Bühne der Hollywood Bowl. Fast 18 000 Zuschauer, nahezu ausverkauft. Ein Heimspiel, denn Idle lebt seit rund 30 Jahren in Kalifornien. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet und besitzt eine Villa in Beverly Hills.
Viele der Zuschauer könnten seine Nachbarn sein: Damen, die aussehen wie pensionierte Filmstars; Herren, die abwechselnd über Idles Witze lachen und auf ihre Blackberrys starren. Python-Fans unter vierzig sind in der Minderheit. Auf den besseren Plätzen (Tickets bis 114 Dollar) packt man Picknickkörbe aus, mit Sandwiches vom Feinkosthändler, Sushi und kalifornischem Chardonnay. Gekifft wird nicht.
Idles Show heißt "Nicht der Messias" (Untertitel: "Er ist ein sehr unanständiger Junge"), angeblich ein Oratorium, frei nach Monty Pythons "Leben des Brian" und Georg Friedrich Händels "Messias", wobei das Mischungsverhältnis lange unklar bleibt. "Kürzer als Händel, lustiger als Händel, aber vermutlich theologisch weniger ergiebig", erklärt Idle.
Tatsächlich ist "Nicht der Messias" eine Nummernrevue mit Kabaretteinlagen, eine Art Oberammergau mit britischem Humor, Hollywood-Glamour und ein bisschen Nostalgie. Wie in "Das Leben des Brian" wird der Titelheld im römisch besetzten Judäa irrtümlich für den Erlöser gehalten und von Fans und Römern verfolgt. "Die alten Römer", sagt Idle, "waren machtgierige, verzweifelte Leute ohne Zukunft - so wie heute die Republikaner." Die Zuschauer jubeln.
Musikalisch bietet Idles "Messias"-Show einen wüsten Stilmix von Oper bis Jazz, von Broadway-Pomp bis Pop. Einer der Höhepunkte: die Hymne "We Love Sheep", bei der zur Erleichterung aller Tierfreunde lebensgroße Schaf-Attrappen scheinbar lippensynchron mitsingen.
Die Rolle des Brian gibt ein amerikanischer Tenor; die Musik spielen - wenn nicht gerade die Scots Pipe Band aus Pasadena ihre Dudelsäcke traktiert oder Idle einen Laubstaubsauger lärmen lässt - die Los Angeles Philharmoniker. Dabei "schmerzen gerade Symphonieorchester finanziell enorm", juxt Idle.
Mit Musikergagen kennt er sich aus. Anders als seine ehemaligen Komikerkollegen, die nach der Auflösung der Gruppe mit unterschiedlichem Erfolg neue Herausforderungen suchten, verwertet Idle das künstlerische Erbe von Monty Python sehr effizient.
"Eric Idle beutet Monty Python aus", nannte er entsprechend sein Programm, mit dem er im Jahr 2000 durch Nordamerika tourte, begleitet von einem 22-Mann-Team. Für die nächste Konzertreise "kürzten wir rücksichtslos auf vier Leute", sagt Idle. Konsequenter Titel: "Die Gieriger-Bastard-Tour". Im Jahr 2005 schließlich verwandelte Idle den Monty-Python-Film "Die Ritter der Kokosnuss" in ein Broadway-Musical ("Spamalot"), das erfolgreich in New York und London läuft und im Januar in Köln seine Deutschland-Premiere feiert.
Ein Oratorium aus dem "Leben des Brian" zu wringen war also konsequent, obwohl dem Stück der anarchische Charme des Films fehlt. Ein halbnackter Mann am Kreuz, der "Always Look on the Bright Side of Life" singt, ist ein Skandal; derselbe Mann im Anzug, der das Lied auf der Bühne vorträgt, ein harmloser Entertainer.
Doch der Erfolg gibt Idle recht. Nachahmer hat seine Methode auch gefunden: Monty-Python-Kollege John Cleese arbeitet an einer Musical-Fassung seines Films "Ein Fisch namens Wanda". MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 34/2008
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