01.09.2008

BUNDESWEHRTod in Afghanistan

Es war die dramatischste Woche seit langem für die Bundeswehr am Hindukusch: Afghanische Zivilisten und ein deutscher Fallschirmjäger kamen bei Zwischenfällen ums Leben, die auch zeigen, wie groß die Nervosität unter Soldaten und Einheimischen mittlerweile ist. Der 29-jährige Hauptfeldwebel Michael M. aus Zweibrücken starb vergangenen Mittwoch auf einer Patrouillenfahrt, als ein Konvoi aus acht leichtgepanzerten Fahrzeugen von Kunduz in Richtung Südwesten fuhr. Nachdem die Deutschen in der Ortschaft Omarkhel einen Fluss durchquert hatten, machte der Weg eine scharfe Biegung, der Konvoi bremste - da zündete ein Attentäter, der in der Nähe hinter Bäumen stand, über Draht eine selbstgebastelte Bombe. Hauptfeldwebel M., der als Truppführer im ersten Wagen rechts neben dem Fahrer saß, wurde schwer verletzt, und obwohl er mit den drei weiteren Verwundeten sofort versorgt und ins Feldlager Camp Marmal geflogen wurde, starb er dort eineinhalb Stunden später.
Das war bereits der zweite schwere Anschlag auf einen Konvoi der Bundeswehr innerhalb eines Monats. Am 6. August hatte sich ein Selbstmordattentäter auf der berüchtigten Strecke von Kunduz nach Pul-i-Khumri in die Luft gesprengt, nachdem ein Fahrzeug der Deutschen mit einem Schaden liegengeblieben war. Die Soldaten versuchten, ihn zu beheben, während sie den Verkehr weiterfließen ließen. "Wie bei einer Panne auf einer deutschen Autobahn" seien die Soldaten vorgegangen, kritisiert ein Isaf-Offizier in Masar-i-Scharif: "Sie hätten die Straße sperren müssen." Nach 70 Minuten kam ein Motorrad angerast, der Fahrer zündete die Bombe aus nächster Nähe: Zwei Sicherungssoldaten erlitten Verbrennungen am Oberkörper und wurden mit Splittern verletzt, sie mussten ins Koma versetzt werden. Ein dritter Soldat wurde am Bein verletzt. Auftraggeber des Attentats war vermutlich ein Terrorist, den die Isaf dringend sucht. Alle deutschen Opfer der vergangenen Wochen stammen aus der Luftlandebrigade 26, einer Kampftruppe, deren Einsätze oft auf gefährlichem Territorium stattfinden. Die Soldaten sind angesichts der Anschläge fatalistisch: "Auf einen Hinterhalt bin ich vorbereitet", sagt ein Truppführer, "wenn ich aber auf eine Druckplatte mit Sprengsatz fahre, dann war's das."
Nur zwei Prozent aller Anschläge auf die internationalen Truppen finden im Norden statt, wo die Deutschen stationiert sind, doch die Nervosität in der Truppe nimmt zu. Das mag ein Grund für den Zwischenfall sein, bei dem deutsche Soldaten am vergangenen Donnerstag gegen 21.50 Uhr an einem Checkpoint südöstlich von Kunduz auf ein Auto schossen - sie töteten eine Zivilistin und zwei Kinder, zwei weitere Kinder wurden verletzt. In der Dunkelheit waren zwei Fahrzeuge auf die Straßensperre zugefahren, die Deutsche und Afghanen gemeinsam kontrollieren. Zwar stoppten die Autos laut einem Bericht des Bundesverteidigungsministeriums zunächst, doch dann habe sich der vordere Wagen "abrupt in Bewegung" gesetzt. Die Soldaten gaben Warnschüsse ab, dann feuerten sie von einem gepanzerten Fahrzeug von rund hundert Metern Entfernung auf das Auto. Es gebe "zurzeit keinen Grund, den deutschen Soldaten einen Vorwurf zu machen", so der Bericht. Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitete routinemäßig ein Verfahren ein.
Ende vorvergangener Woche hatte ein anderer Zwischenfall für noch größeres Aufsehen gesorgt: Laut US-Truppen starben 30 Menschen, darunter 5 Zivilis-ten, bei amerikanischen Luftangriffen in Westafghanistan - bei einer Operation von US-Spezialkräften und afghanischer Armee gegen zwei Top-Taliban-Kommandeure bei Shindand. Präsident Karzai und das afghanische Innenministerium äußerten sofort scharfe Kritik an den Amerikanern und der eigenen Armee, plötzlich war von 90 getöteten Zivilisten die Rede. Der Grund für die widerstreitenden Versionen liegt wohl in der afghanischen Innenpolitik: Es gibt einen schweren Konflikt zwischen Verteidigungs- und Innenministerium - und Hamid Karzai, dem der Ruf anhängt, ein Präsident von Gnaden der USA zu sein, will Stärke zeigen gegen die internationalen Truppen im Land, die zunehmend als Bedrohung wahrgenommen werden. Außenminister Rangin Dadfar Spanta sagte dem SPIEGEL: "Wir wollen mehr Mitspracherecht. So ist die Lage nicht zu akzeptieren. Wir wollen selbst handeln können, wir brauchen eine eigene Luftwaffe. Ich bin überzeugt, dass es dann weniger zivile Opfer gäbe. Wir würden die Luftwaffe nicht so schnell einsetzen."

DER SPIEGEL 36/2008
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